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Sonntag, 26. Januar 2014

Steve Toltz - Vatermord und andere Familienvergnügen

Also bislang hatte ich noch nichts von australischen Autoren gelesen. Die Gründe dafür...? Naja, mir scheint einfach noch nicht allzu viel Australisches in die Hände gefallen zu sein. Ich werde mich auch davor hüten, meine Erfahrungen mit dem australischen Autor Steve Toltz jetzt unzulässigerweise zu verallgemeinern und daraus ein allgemeines Bild über die australische Literatur abzuleiten. Tatsächlich würde ich ihr gerne "trotz" Steve Toltz noch einmal eine Chance geben wollen. Aber ich möchte mein Urteil über sein Buch "Vatermord und andere Familienvergnügen" nicht schon vorweg nehmen. Tatsächlich war ich bei der Lektüre über lange Strecken recht zwiegespalten, ob es mich amüsieren sollte oder ob es mir einfach nur auf die Nerven geht...

Aber alles der Reihe nach. Das Buch erzählt eine ungewöhnliche Familiengeschichte: die Geschichte von Jasper Dean, seinem Vater Martin und dessen Bruder Terry. Martin ist ein seltsamer Typ, ein depressiver Philosoph, ein Misanthrop, der geborene Verlierer, dem nichts so recht in seinem Leben gelingen will. Die ersten Jahre seines Lebens verbringt er erst einmal im Koma. Sein erster großer Versuch die Welt und damit das Leben seiner Mitbewohner in der kleinen australischen Stadt zu verbessern, ist zum Scheitern verurteilt. Heimlich installiert er am Rathaus eine anonyme "Vorschlagsbox", aber die braven Bürger nutzen diese nicht nur um gute Ideen unterzubringen, die anschließend zur Abstimmung in einer öffentlichen Versammlung verlesen werden, sondern sie denunzieren und hetzen gegen ihre lieben Mitmenschen. Martins Vorschlagbox wächst sich letztendlich zur Wurzel allen Übels heraus, die am Ende sogar für den Untergang des Städtchens in einem Buschfeuer verantwortlich zeichnet.

Im Gegensatz zu Martin ist sein jüngerer Bruder Terry zunächst einmal die Sportskanone in der Familie. Allerdings führt eine Verletzung - ein Messerstich ins Bein - dazu, dass er auf die schiefe Bahn gerät, zum Berufsverbrecher wird und letztendlich zum meistgesuchten Mann Australiens. Seiner Popularität tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, er wird zu einem Volkshelden, da er Attentate auf Spitzensportler verübt, die gedopt haben oder sich haben kaufen lassen, da dies seinem Verständnis von sportlicher Fairness und Fair Play widerspricht. Ironie des Schicksals: Terrys Vater hatte sich in der kleinen Stadt einst für den Bau eines neuen Gefängnisses engagiert, in das Terry am Ende eingeliefert wird, so dass der Vater seinen Sohn von der Terrasse aus mit dem Fernglas beim täglichen Freigang beobachten kann.

Zwischen diesen beiden Charakteren steht jetzt Jasper Dean. Sein Vater Martin taugt nicht recht zum Vorbild, aber sein Onkel Terry als Krimineller erst recht nicht. Und wenn man glaubt, die Story wäre jetzt schon ein wenig abstrus, so geht es nun erst richtig zur Sache in immer haarsträubenderen Unfällen, Verbrechen und anderen Katastrophen. Und dabei kommt wirklich alles zusammen. Aber ich werde diesen folgenden Teil der Familiengeschichte nicht vorwegnehmen, falls sich der ein oder andere Leser jetzt zur Lektüre ermuntert fühlen sollte.

Steve Toltz versucht sich an einer humoristischen Erzählung, die bisweilen aber hart an der Kalauergrenze des "guten Geschmacks" rangiert. Der Leser staunt über die unglaublich konstruierten Zusammenhänge. Zwar werden die großen - und mitunter unaussprechbar schrecklichen - Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Toltz's Plauderton gestreift, aber stets müssen diese im Nachsatz zur Pointe geraten. Ich stimme der FAZ in ihrer Rezension zu, dass dies manchmal kaum zu ertragen ist. Wie so oft frage ich mich einmal wieder, was den Verlag wohl zur Wahl des Titels bewogen haben mag. Im Original heißt Toltz' Werk "A Fraction of the Whole" ("Ein Teil des Ganzen"). Aber, und das muss man diesmal zugestehen, wird der deutsche Titel dem Inhalt tatsächlich gerecht - auch wenn dies gewiss kein Lob sein soll. Hätte sich Toltz auf gut die Hälfte der in Anspruch genommenen 800 Seiten beschränkt, würde mein Urteil sicherlich milder ausfallen. So aber hege ich eine gewisse Angst, was uns der Autor wohl in Zukunft noch zumuten möchte.

Fazit: Kurios schräge australische Familiensaga. Grenzwertig, nur für den ausdauernden Leser, der hart im Nehmen ist. Weniger ist manchmal mehr...


Dienstag, 6. April 2010

Was ist dran an so einem Bestseller? - Stieg Larsson "Verdammnis"

Eigentlich wollte ich schon vor gut 2 Wochen über den 2. Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie schreiben, aber ich bin einfach nicht dazu gekommen. Daher hatte der sehr schnell gelesene Band, der seinem Ruf als "Pageturner" tatsächlich auch gerecht wird, diesmal einige Zeit, sich zu setzen und umso prägnanter kann meine Rezension jetzt werden: ja, ich werde auch noch den dritten Teil lesen. Warum ? Das werde ich gleich begründen....

"Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte", so lautet der Originaltitel des zweiten Bandes der Millennium-Trilogie des jung verstorbenen schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson ("Die Welt" bezeichnet ihn daher auch als den 'Heath Ledger' der Krimi-Autoren), der im Deutschen unter dem Titel "Verdammnis" erschienen ist. Warum, so frage ich mich, wurde der Titel abgesehen von der Alliteration mit den Titeln des Vorgängerbandes ("Verblendung", hier bereits im biblionomicon besprochen) bzw. des Nachfolgerbandes ("Vergebung") so genannt? In letzter Zeit denke ich öfter über die Übersetzungskünste deutscher Verlage nach (wie man aus den letzten Blogposts leicht ersehen kann) und muss mich stets wundern, da ich anscheinend einer der wenigen Leser zu sein scheine, der doch tatsächlich Zusammenhänge zwischen dem Titel und dem Inhalt des Buches sucht. Aber ich will nicht wieder gleich mit dem Gelästere anfangen, sondern erst einmal erzählen, worum es diesmal überhaupt geht.

Der Handlung des Bandes setzt ein gutes Jahr nach dem ersten Band ein. Wieder sind es der Journalist Mikael Blomqvist und die "quasi-autistische Punk-Hackerin" Lisbeth Salander, die im Mittelpunkt der Ereignisse stehen. Und zwar ist es diesmal Lisbeth, die ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät, da ihre Fingerabdrücke auf einer Mordwaffe gefunden werden und sie entsprechend ihrem "schrägen" Lebenswandel leicht auch für eine psychopathische Mörderin durchgehen könnte. Aber irgendwie passt alles nicht zusammen. Da gibt es zunächst einmal keine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern und Lisbeth, aber schnell taucht noch ein drittes Mordopfer auf, Lisbeths von Gerichtswegen zugeteilter "Betreuer" (wir erinnern uns ja, dass Lisbeth als psychisch gestört gilt).

"Eine geraume Weile blieb sie sitzen und starrte vor sich hin. Es gibt keine Unschuldigen. Es gibt nur verschiedene Abstufungen von Verantwortung."(Seite 606)
"Lisbeth Salander war eine Frau, die Männer hasst, die Frauen hassen." (Seite 692)
Aber zunächst einmal steht die Polizei vor einem Rätsel, was das Motiv angeht. Das hindert die Behörden aber nicht, zur Großjagd auf Lisbeth Salander zu blasen. Mikael Blomqvist will der Version der Polizei keinen Glauben schenken. Er kennt Lisbeth Salander gut. Zwar hält er sie für durchaus fähig, einen Mord zu begehen, aber nur wenn sie dafür auch einen guten Grund dazu hätte. Blomqvist ermittelt auf eigene Faust, um die Wahrheit herauszufinden und um seiner untergetauchten Freundin aus der Patsche zu helfen. Dabei stößt er auf ein Netz von Prostitution und baltischen Mädchenhändlern, in das auch der lokale Polizeiapparat bis in die höchsten Kreise hinein verwickelt zu sein scheint.

Stop, das ist ja wieder ein Kriminalroman. Daher kann ich eigentlich auch nicht mehr zur Handlung erzählen, ohne einen Großteil der Spannung vorwegzunehmen. Und spannend, das ist der gut 750 Seiten starke Roman, auch wenn er zwischendurch einige kleinere Längen aufweist. Wir lernen wieder eine ganze Menge über den schwedischen Alltag, über IKEA, Ess- und Lebensgewohnheiten, und das macht auch einiges vom Charme dieser Romane aus. Auch diesmal wird wieder nicht von sexueller (und anderer) Gewalt zurückgeschreckt, nur dass es im Gegenteil zum ersten Band "Verblendung" diesmal nicht "in der Familie" bleibt. Wir lernen neue Seiten (geahnt oder auch ungeahnt) an Larssons Protagonistin Lisbeth Salander kennen und entgegen aller Erwartungen gelingt es, alle losen Enden der vielschichtigen Erzählung am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen. Aber eigentlich - und ich lehne mich jetzt hier nicht zu weit zum Fenster hinaus und verrate etwa zu viel - eigentlich ist der Roman am Ende ja noch gar nicht zu Ende, sondern der Autor hinterlässt dem verblüfften Leser einen echten Cliffhanger. Das ist zwar nicht tragisch, d.h. ich hatte nicht sofort das unstillbare Bedürfnisse übergangslos den dritten Teil zu lesen (dazu war das Ganze doch nicht spannend genug), aber lesen werde ich den letzten Band noch auf alle Fälle.

Fazit: Band zwei ist fast noch besser als der erste - auch wenn es einige kleinere Längen gibt. 750 Seiten, die sich gut und gerne in wenigen Tagen in einem Rutsch durchlesen lassen und den Appetit nach mehr anregen.

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Samstag, 13. Februar 2010

Sexuelle Gewalt, Kaffee und belegte Brote - Stieg Larsson 'Verblendung'


Wenn ich ein allererstes Fazit zum gerade gelesenen ersten Band von Stieg Larssons Millenium-Trilogie ziehen soll - im Sinne von 'was habe ich Neues an Erkenntnissen gewonnen?' - dann ist es anscheinend die Tatsache, dass Schweden gerne zu jeder Tages- und Nachzeit frisch gebrühten Kaffee und belegte Brote genießen. Zumindest scheinen letztere eines der Hauptnahrungsmittel des Journalisten und Romanhelden Mikael Blomqvist zu sein, der in Stieg Larssons Kriminalromanen die männliche Identifikationsfigur liefert. Aber das alleine ist ja noch kein Grund, sich in die ersten knapp 700 Seiten der Trilogie von Bestsellern zu vertiefen.

Normalerweise zählen Kriminalromane - einmal abgesehen von den klassischen Vertretern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - nicht gerade zu meiner bevorzugten Lektüre. Daher habe ich es auch guten Freunden zu verdanken, die uns alle drei Bände von Stieg Larssons Millenium-Trilogie geliehen und wärmstens ans Herz gelegt haben, dass sich dieses Buch überhaupt in meine Hände verirrt hat. Der erste Band ist in Deutschland unter dem Titel 'Verblendung' erschienen, wahrscheinlich weil der Verlag dachte, dass sich ein Roman mit dem (Original)Titel 'Männer, die Frauen hassen' nicht so gut verkaufen würde. Interessanterweise fiel mir gestern am Flughafen die englische Übersetzung in die Hände, die wiederum mit einem anderen Titel aufwarten konnte: 'The Girl with the Dragon Tattoo'. Ich glaube, wir dürfen froh sein, dass Klassiker wie 'Krieg und Frieden' oder 'Vom Winde verweht' (übrigens hier im biblionomicon besprochen) nicht heutzutage geschrieben wurden. Wer weiß, welche Titelverunglimpfungen uns dabei ins Haus stehen würden...

Was macht nun einen Roman wie 'Verblendung' so erfolgreich? Ist es die geschilderte Art von sexueller Gewalt, die uns hier gegenübertritt? Insgesamt ist das Genre der skandinavischen Krimis in Deutschland ja sowieso ein besonders erfolgreicher Dauerbrenner. Da diese aber bislang nicht zu meiner Lektüre zählen, kann ich leider nicht mit einem Vergleich aufwarten. Aber am besten erzähle ich erst einmal, worum es im Roman geht, natürlich ohne dabei die für Kriminalromane notwendige Auflösung zu verraten. Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomqvist wird zu einer Geldstrafe und 3 Monaten Gefängnis wegen Verleumdung des Großindustriellen Wennerström verurteilt, weil er mit falschen Informationen hereingelegt wurde. Um seine Zeitschrift 'Millenium' zu schützen, zieht sich Blomqvist aus der Redaktion zurück und nimmt einen Auftrag des ehemaligen Unternehmers Henrik Vanger weit ab von Stockholm an. Alljährlich zu seinem Geburtstag erhält Henrik Vanger seit fast 40 Jahren anonym eine gepresste Blume geschickt. Das mysteriöse Geschenk steht im Zusammenhang mit seiner 1966 plötzlich verschwundenen Nichte Harriet. In all den Jahren seiner an eine Manie grenzenden Nachforschungen blieb ihm einzig der Schluss übrig, dass sie ermordet worden sein muss. Mikael Blomqvist bleibt laut Vertrag ein Jahr, um die Untersuchungen erneut aufzunehmen und eventuell neues Licht in das geheimnisumwitterte Familienleben der Vangers zu bringen, zu denen manch skurile und nicht gerade liebenswürdige Gestalten zählen.

Bevor Vanger Blomqvist den Auftrag anbietet, beauftragt er eine Agentur, die ihm umfassende Informationen über Blomqvist besorgen soll. Hier betritt Lisbeth Salander die Szene, ihres Zeichens eine genialisch begnadete Hackerin mit photografischem Gedächtnis, Tattoos und Piercings, auffallendem Sozialverhalten (Asperger-Syndrom?), 1.50 groß und 40 Kilo leicht. Sie erarbeitet (freiberuflich) ein Dossier über Mikael Blomqvist und gerät so langsam aber unaufhaltsam hinein in die spätere Aufklärungsarbeit um das Verschwinden von Harriet Vanger. Auf diesem Weg begegnen uns immer wieder (sexuell) gewalttätige Männer, seien es Salanders gerichtlich bestimmter, sadistischer Betreuer oder ein nach Bibelzitaten mordender Psychopath. Der ganze Roman gerät zu einer atemlosen Schnitzeljagd in der einzelne Puzzlestücke zu immer neuen Fährten führen, die den Leser in permanenter Spannung halten und nach Aufklärung verlangen. Dass neben der Gewalt hier auch wieder die Religion ins Spiel kommt, gepaart mit Alt-Nazis, Folter, Sexualität und Perversen, erinnert an das Erfolgsrezept Dan Browns, auch wenn Larsson bislang weniger mystisch daherkommt.

Das Interessanteste für mich am Roman ist das ungleiche Gespann Blomqvist und Salander, die gleich ihren klassischen Vorbildern Holmes und Watson den Fall zu lösen versuchen. Ganz klar kommt hier Lisbeth Salander die Rolle des Sherlock Holmes zu, zeigen doch beide soziale Auffälligkeiten und Skurilitäten bei gleichzeitiger Genialität. Blomqvist dagegen spiegelt weniger einen typischen Watson. Vielmehr verwundert seine 'unkompliziert freie' Einstellung gegenüber Partnerschaft und Sexualität, die übrigens auch bei Salander betont wird. Aber gerade auch diese Brüche in den handelnden Charakteren geben den Hauptfiguren eine interessante Note, so dass es dem geneigten Leser niemals langweilig wird. Dennoch hätte ich mir zumindest bei den Bösewichten der Geschichte etwas mehr Tiefgang gewünscht. So abnormal uns das Böse auch gegenübertreten mag, ist es doch auch das Wiedererkennen einzelner charakterlicher Merkmale in uns selbst, die uns erschauern lassen, wenn wir detaillierter in die abstruse Geisteswelt des Verbrechers eingeführt werden.
"Natürlich sind meine Taten sozial nicht akzeptabel, aber mein Verbrechen ist in erster Linie ein Verbrechen gegen die Konventionen der Gesellschaft. Der Tod kommt immer erst am Ende des Aufenthalts meiner Gäste, wenn ich ihrer überdrüssig geworden bin. Es ist immer wieder faszinierend ihre Enttäuschung zu sehen...Sie glauben, wenn sie mir zu Willen sind, dann werden sie überleben. Sie unterwerfen sich meinen Regeln. Sie fangen an, mir zu vertrauen, beginnen einen Kameraden in mir zu sehen, und bis zum Schluss hoffen sie, dass diese Kameradschaft etwas bedeutet. Die Enttäuschung kommt dann, wenn sie merken, dass ich sie an der Nase herumgeführt habe." (Seite 529)
Etwas seltsam auch das Zitieren von detaillierten Angaben zur verwendeten Computerhardware (iBook 400 MHz, etc.). Zwar zeigt dies, dass der Autor zum Zeitpunkt des Erscheinens (2005) auf der Höhe der Zeit war, lässt das Ganze aber heute in unserer besonders schnellebigen Zeit schon wieder etwas antiquiert wirken. Ich würde das ja gar nicht hier bemerkt haben, wenn es sich nicht durch das gesamte Werk gleich dem zuvor bemerkten 'Kaffee mit belegten Broten' hindurchziehen würde. Ich hatte sogar die Vermutung, dass es sich schlicht um Product Placement handeln könnte - werden doch Apple, Dell und IKEA prominent und immer wieder genannt -, das der aktuelle Rechteinhaber des millionenfach verkauften Romans teuer vermarktet. Dennoch bin ich gespannt, was die beiden Folgebände bringen werden, auch wenn ich mich jetzt erst einmal anderer Lektüre zuwenden werde.

Fazit: Ein flott zu lesender schwedischer Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Detektivgespann, einer ganzen Menge Gewalt und Sexualität, der aber durch seine spannende Konstruktion für äußerst kurzweilige Lektürestunden sorgen wird. Lesen!


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Montag, 28. Dezember 2009

Kartenwahrheiten und wahre Wahrheiten - Reif Larsen: Die Karte meiner Träume


Natürlich waren es die Illustrationen, Karten und Zeichnungen, die dieses Buch auf den ersten Blick so ungewöhnlich wie auch interessant erscheinen ließen, auch wenn man erst ein wenig Zeit braucht, um sich an den holprigen Stil zu gewöhnen, da man immer wieder durch bildunterstützte Einschübe im Lesefluss unterbrochen wird, erweist sich Reif Larsons Roman am Ende doch als echter "Pageturner".

Obwohl ein Romandebut, brachte es Reif Larsens "The Selected Works of T.S. Spivet", wie "Die Karte meiner Träume" mit Originaltitel heißt, schon bereits vor seinem Erscheinen im Frühjahr 2009 in die Schlagzeilen, da Penguin Press Reif Larsen einen Vorschuss von fasst einer Million US-Dollar gezahlt haben soll, bevor zehn weitere Verlagshäuser in die entstandene Bieterschlacht um die künftigen Publikationsrechte eingestiegen sind...

Tecumseh "Sparrow" Spivet (kurz T.S.) ist 12 Jahre alt und ein begnadeter Kartograph. Er lebt zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Girlie-Pop und Pink-umrandetes iBook), seinem wortkargen Rancher-Vater (Western-Videos und Billy-the-Kid Schrein im Wohnzimmer) und seiner akademischen Mutter Dr. Clair (verhinderte Käfer-Wissenschaftlerin, seit 20 Jahren auf der Suche nach einem "Phantom"-Käfer) auf einer kleinen Farm in Montana, also weitab der pulsierenden modernen Metropolen dieser Welt. Alles, was T.S. umgibt, angefangen von Alltagskleinigkeiten bis hin zu zu kartografisch-statistischen Großprojekten, alles verwandelt er dank seiner grafisch-wissenschaftlichen Begabung in Landkarten, die er in Bergen von Notizbüchern festhält und in diversen Bücherregalen geordnet archiviert. Dr. Yorn, ein Freund und Bekannter seiner Mutter unterstützt ihn bei seinen Projekten, die ihm - ohne das Wissen seiner Familie - bereits Veröffentlichungen in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften eingebracht haben. Zudem reicht er die Zeichnungen ohne T.S. Wissen bei einem Wettbewerb des berühmten Smithsonian Instituts ein, den er prompt gewinnt. Bei einem Anruf des Smithsonian gibt sich T.S. als Erwachsener aus und wird zur Gala-Veranstaltung nach Washington und als Gastwissenschaftler für ein Jahr an das Smithsonian Institut eingeladen.
"Wenn du nicht tust, was du tun kannst, dann tötest du einen Teil deiner selbst, und dieser Teil wird nicht wieder nachwachsen." (Seite 273)
Aber T.S. ist eben nur ein 12-jähriger kleiner Junge, zudem mit einem traumatischen Erlebnis belastet, das die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen hat. Sein jüngerer Bruder Layton ist in Folge eines gemeinsamen Experiments beim Überprüfen eines Gewehrs mit Ladehemmung ums Leben gekommen und T.S. fühlt sich dafür verantwortlich. Insbesondere scheint niemand in der ganzen Familie dem anderen tatsächlich zuzuhören oder mit dem anderen zu reden. So packt T.S. seinen Koffer mit den wichtigsten Kartographen-Utensilien und verlässt die elterliche Farm im Morgengrauen, um mit einem nahe an der Farm vorüberfahrenden Güterzug gleich einem Hobo die verwegene und abenteuerliche Reise quer durch die USA nach Washington anzutreten.
"Ich gehörte hier nicht hin. Ich wusste das schon lange...Ich passte nicht in dieses Land der Berge. Ich würde nach Washington gehen. Ich war Wissenschaftler, Kartograph, ich wurde dort gebraucht." (Seite 74)

In einem Notizbuch, das er seiner Mutter beim Abschied entwendet hat, findet er anstelle taxonomischer Untersuchungen über Käfer die Geschichte seiner Ur-Urgroßmutter Emma Englethorpe Spivet, promovierte Kartografin und eine der ersten Professorinnen der USA, die auf einer kartografischen Expedition in den Westen des Landes seinen Ur-Urgroßvater Tearho Spivet, einen finnischen Einwanderer kennen und lieben gelernt hatte. Auf seiner Reise lernt T.S. viel über sich und seine Familie, er passiert unbeschadet ein Wurmloch (vielleicht hat er das aber auch nur geträumt), erreicht trotz aller Hindernisse, Gefahren und Abenteuer Washington und wird tatsächlich Mitglied des sagenumwobenen Megatherium-Clubs des Smithsonian. Auch wenn ich das Ende der Geschichte hier noch nicht verraten möchte, sollte ich erwähnen, dass einige der oft überschwenglich positiven Kritiken auf dieses Erstlingswerk vor allen Dingen das Ende und die Auflösung des Romans kritisieren. Ein abschließendes Urteil darüber sollte man sich aber am besten doch selbst bilden.
"Eine Karte ist mehr als das (Punkte und Striche), sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen, die wir nie zuvor im Zusammenhang gesehen haben." (Seite 163)
Dieses Buch kommt daher wie ein sorgsam illustriertes Roadmovie, das uns das Innenleben eines Wunderkinds vor Augen führt, dessen Familienleben etwas aus den Fugen geraten zu sein scheint. T.S. analytisch nüchterne Weltsicht erinnert mich stark an den autistischen Titelhelden Christopher Boone, der in Mark Haddons Roman "The Curious Incident of the Dog in the Night-time" die Aufklärung des Mords am Nachbarshund in Sherlock-Holmes-Manier aufnimmt und sich dabei ebenfalls auf eine für seine Verhältnisse mehr als große Reise begibt (die Rezension der Geschichte findet sich auch hier im Biblionomicon). Aber im Gegensatz zu Christopher Boone ist T.S. natürlich kein Autist. Seine wenigen, aber doch vorhandenen sozialen Kontakte beschränken sich aufgrund seiner beeindruckenden Fähigkeiten auf seinen wissenschaftlichen Ziehvater Dr. Yorn und in der Hauptsache auf seine Familienmitglieder. Selbst in Washington angekommen, wird er als 12-jähriges Wunderkind in den Medien herumgereicht und jeder möchte seine Popularität für eigene Zwecke nutzen. Einen wahren Freund zu finden ist schwerer als man denkt.


Was mich selbst etwas verwirrt hat, ist der seltsam anmutende und kaum vorhandene Umgang mit den neuen Medien, die zumindest im (natur- und ingenieurs-)wissenschaftlichen Leben seit Jahren schon präsent sind. Der Roman spielt in der Jetztzeit - auch wenn einigen kritischen Anmerkungen zum US-amerikanischen Staatsoberhaupt ("Der Präsident ist ein Scheißer", Seite 397) anzumerken ist, dass wir uns im Roman wohl eher unter der Bush-Administration befinden. Aber der Repräsentant des angesehenen Smithsonian Instituts hat anscheinend keinerlei Versuche gemacht, den Preisträger, den er für einen Lehrstuhlinhaber hält, im Internet zu recherchieren. Colleges und Universitäten besitzen Homepages, auf denen Informationen zum Lehr- und Forschungspersonal zu finden sind - und das schon seit Jahren. Auch scheint T.S. selbst keinerlei Neigung bzw. Zugang zum Internet zu besitzen, da es doch auch speziell für ihn eine ungeheuere Bereicherung seines wissenschaftlichen Horizonts mit einer Unmenge von Daten- und Kartenmaterial darstellen würde, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, seine eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass eine Farmerfamilie im mittleren Westen ohne Kabelfernsehanschluss auch nicht über einen Breitbandinternetanschluss zu Hause verfügt (so spielen T.S. und sein Bruder noch auf einem alten Apple IIGS Computerspiele...). Aber zumindest die wissenschaftlich arbeitende Mutter, die Schule oder aber Dr. Yorn als T.S. wissenschaftlicher Ziehvater sollten das Internet nutzen. Wahrscheinlicher ist es aber eher, dass der Autor selbst keine große Internet-Affinität besitzt. T.S. selbst mag das Arbeiten mit dem Computer nicht und zieht das Schöpferische und Gestaltende seiner zeichnerischen Begabung dem Programmieren vor, "...am Computer fühlte ich mich nur wie ein Handlanger", Seite 164. Aber abgesehen von dieser - in meinen Augen - kleinen Ungereimtheit, habe ich die Lektüre dieses ungewöhnlichen und abenteuerlich spannenden Romans sehr genossen!
"Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes...(Dr. Clair)" (Seite 354)
Fazit: Ein ungewöhnlich ausgestatteter Roman, der uns mitnimmt auf eine wunderbare Reise und uns unsere Welt aus einer altklug kindlichen Perspektive zeigt, in der eine nie versiegende Neugier steckt, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber trotzdem LESEN!

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Sonntag, 15. November 2009

Und nun einmal etwas ganz anderes... Katharina Hagena 'Der Geschmack von Apfelkernen'

Gab es hier im Blog zuletzt noch Science Fiction Klassiker, Literaturnobelpreisträger und ähnliches, kommt heute einmal etwas ganz anders daher, das sich in meine Leseliste geschlichen hat. Eine Familiengeheimnis-, Lebenskrisen- und Vergangenheitsbewältigungskiste, die aber überrascht und die es verstand, selbst einen Lesesnob wie mich in ihren Bann zu schlagen...und das nicht nur wegen des wunderschönen Einbands.

Die Geschichte an sich ist auf den ersten Blick sogar etwas dünn. Bertha stirbt, und ihre Enkelin Iris erbt das Haus der einst großen Familie irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt, in dem Iris und ihre Cousine Rosemarie ihre Kindertage verbrachten. Das Haus steht inzwischen leer, der Garten ist verwildert, und Iris entschließt sich, für einige Zeit nach der Beerdigung ihrer Großmutter in dem Haus zu bleiben, um zu entscheiden, was sie mit ihrem Erbe anfangen soll. So startet ein Trip in die Vergangenheit der Familie und der Leser wird Zeuge, wie sich Iris' Erinnerungen Bruchstück für Bruchstück mit der noch im dunklen liegenden Geschichte ihrer Großmutter Bertha, ihres Großvaters, ihrer drei Tanten und ihrer Cousine zu einem allmählich sich herausbildenden Ganzen zusammensetzen.

Dabei herrscht eine Art magischer Aura über dem Haus, so dass einschneidende Ereignisse und Gefühlsausbrüche stets mit "kleinen Wundern" einhergehen, bei dem die Apfelblüte zweimal im Jahr kommt, Äpfel über Nacht reif werden oder aus roten Johannisbeeren mit einem Mal Weiße werden, aus denen eine Marmelade mit dem wunderbaren Namen "konservierte Tränen" eingekocht wird. Mehr und mehr Unerwartetes kommt im Laufe der Zeit ans Licht, die Iris in dem alten Haus am Ort ihrer Kindheit verbringt. Genau wie die Großmutter Bertha nach einem Sturz mehr und mehr ihr Gedächtnis verloren hat, kommen Iris die Erinnerungen an ihre Kindheit und an den Unfall ihrer Cousine Rosemarie zurück, hinter dem ein trauriges Geheimnis steckt.
"Schon immer begannen die Bewegungen des Schicksals - auch in unserer Familie - mit einem Sturz. Und mit einem Apfel..."
Bittersüß ist diese nur knapp 250 Seiten kurze Geschichte und Katharina Hagena bietet in ihrem Roman "Der Geschmack von Apfelkernen" ein wahres Feuerwerk an Geruchs-, Geschmacks und anderen Sinneseindrücken, die der geneigte Leser nachempfinden darf. Erinnern und Vergessen sind ein weiteres wichtiges Thema, das sich durch die Geschichte dreier Generationen von Frauen hindurchzieht. Erinnerungen sind immer auch an Sinneseindrücke gebunden. Wir fühlen, hören, sehen, schmecken und riechen die Welt unserer Wahrnehmung und können diese Sinneseindrücke in unserer Erinnerung abrufen. So sind wir in der Lage, uns wieder und wieder in eine längst vergangene Situation hineinzuversetzen. So ist auch dieses Erstlingswerk der Autorin nichts anderes als eine große "Nostalgie", eine manchmal "wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals idealisiert und verklärt" werden kann.

Fazit: Eine generationenübergreifende, abwechslungsreiche Familiengeschichte, spannend, eindrücklich und bittersüß erzählt. LESEN!

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Sonntag, 4. Oktober 2009

So fremd und doch vertraut - Mark Haddon "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time"

Es gibt einige Bücher, mit denen hat es ein Übersetzer besonders schwer. Insbesondere, wenn es darum geht, sprachliche Besonderheiten und Feinheiten zum Ausdruck zu bringen. Manchmal gelingt dies ganz gut, das eine oder andere mal geht es auch total daneben. Das Buch, das ich heute kurz vorstellen möchte, sollte der geneigte Leser daher unbedingt im englischen Original lesen. Ich habe durch die deutsche Übersetzung geblättert und quergelesen und musste leider feststellen, dass nichts mehr vom eigentümlichen Zauber des Originals übrig geblieben ist. Zudem ist das Buch, von dem ich berichten werde, aus der Perspektive eines 15-jährigen geschrieben und daher sprachlich nicht sehr kompliziert und einfach zu lesen.

Mark Haddon beschreibt in seinem Roman 'The Curious Incident of the Dog in the Night-Time' das Leben aus der Perspektive des 15-jährigen Jungens Christopher John Francis Boone, der am Asperger-Syndrom - einer Autismus-Störung - leidet. Christopher kann zu allen Ländern der Erde die zugehörigen Hauptstädte aufzählen, kennt jede einzelne Primzahl bis 7057 und hat eine ausgesprochene Schwäche für Mathematik und Logik (übrigens sind die einzelnen Kapitel mit Primzahlen durchnummeriert). Er mag Tiere sehr gerne, kann aber mit Menschen recht wenig anfangen, da ihm das Verständnis für jede Art menschlicher Emotion und deren Deutung fehlt. Er mag es nicht, berührt zu werden und hat eine starke Abneigung gegenüber der Farbe gelb.

Die Welt funktioniert für Christopher nur als eine Sammlung von logisch aufeinander aufbauenden, strikten Regeln und sich wiederholenden Mustern. So hat er stets einen kleinen Satz Karten in der Tasche, in dem der zu einer bestimmten Emotion passende Gesichtsausdruck in Form eines Smileys zusammen mit der zugehörigen Benennung ("sad", "happy", etc.) notiert ist, damit er im Bedarfsfall darauf nachschauen kann.
"I find people confusing. This is for two main reasons. The first main reason is that people do a lot of talking without using any words."
Eines Tages aber entdeckt er, dass der Nachbarshund, der Pudel 'Wellington', tot im Garten liegt, aufgespießt mit eine Gartenharke.
"Then the police arrived. I like the police. They have uniforms and numbers and you know what they are meant to be doing"
Auf den Spuren seines Lieblingsdetektivs Sherlock Holmes beschließt Christopher den Mord an 'Wellington' aufzuklären, und es beginnt ein großartiges Abenteuer, das uns unsere alltägliche Welt aus einem völlig fremden Blickwinkel vorführt. Der Blickwinkel eines Menschens, der jede Kommunikation wortwörtlich nimmt, da er Metaphern, Ironie, Anspielungen und Zwischentöne nicht verstehen kann. Da es für Christopher völlig unergründlich ist, wie andere Menschen auf die Idee kommen, erfundene Geschichten zu schreiben (da es sich dabei ja eigentlich um 'Lügen handelt'...), beginnt er jetzt darüber zu schreiben, wie er den Mordfall lösen will.

Davon einmal abgesehen, dass es sich wirklich um eine ganz besonders schöne Geschichte handelt, ist es vor allen Dingen der Perspektivwechsel, der diesen Roman so ungewöhnlich und reizvoll macht. Da ich mich beruflich mit dem Thema 'Semantik' (Bedeutung) und dem maschinellen 'Verstehen' von Semantik (wie z.B. im computerbasierten Vorstehen natürlicher Sprache) beschäftige, weiss ich, wie schwierig dieses Thema tatsächlich ist. Innerhalb unserer tagtäglichen Kommunikation liegen vielfältige Bedeutungsebenen, situationsabhängige Kontextbezüge und differenzierte Absichten der Kommunikationspartner. Ein 'normaler' (d.h. gesunder) Mensch handhabt unsere Fähigkeit zu kommunizieren quasi wie selbstverständlich. Wenn man aber nicht 'zwischen den Zeilen' lesen kann, wenn man sich nicht in den Standpunkt eines anderen versetzen kann, ihn also nicht verstehen kann und seine Emotionen nicht deuten kann, dann wird Kommunikation fast unmöglich. Und in dieser Situation ist Christopher Boone - und wir werden Zeuge in seinem täglichen Kampf um das Verstehen seiner Welt.

Fazit: Ich liebe dieses Buch! (Das sage ich wirklich nicht allzu oft...) Dieses Buch sollte man unbedingt gelesen haben. Mehr gibts nicht dazu zu sagen :) LESEN!

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