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Sonntag, 9. November 2014

Schräge Geschichten - Nathaniel Hawthorne "Das große Steingesicht"

Der nächste Band der von Jorge Luis Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel ist dem großen amerikanischen Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und seinen Kurzgeschichten gewidmet. Hawthorne entstammte einer alteingesessenen Puritanerfamilie aus Salem, Massachussets, und am bekanntesten dürfte wohl sein Werk "Der scharlachrote Buchstabe" (The Scarlett Letter) sein, in dem er sich einem Thema aus seiner lokalen puritanischen Vergangenheit annimmt. Ich hatte dieses Buch vor etwa 15 Jahren mit nur mäßiger Begeisterung gelesen, aber beurteile es heute etwas differenzierter. Es spielt zur Zeit gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Neuengland und erzählt die Geschichte der Ehebrecherin Hester Prynne, die trotz öffentlicher Anprangerung den Vater ihres illegitimen Kindes nicht nennen will, und die zur Strafe den scharlachroten Buchstaben "A" auf der Brust tragen muss. Aber um dieses Buch soll es heute gar nicht gehen.

Nathaniel Hawthorne ist auch durch seine Kurzgeschichten bekannt, von denen der vorliegende Band eine kleine Auswahl zusammenstellt. Wie in der Bibliothek von Babel üblich, erwartet der Leser phantastische Geschichten. Allerdings sind Hawthornes Geschichten nur im weitesten Sinne phantastisch, d,h, sie erzählen von bizarren Vorgängen oder sind als bloße Allegorien zu verstehen.
"Es ist ein großer Fehler, versucht man, unsere besten Gedanken in menschliche Sprache zu bringen. Wenn wir in die höheren Regionen des Gefühlsmäßigen und des geistigen Genusses steigen, sind sie nur durch so erhabene Hieroglyphen wie diese hier rings um uns auszudrücken." (Nathaniel Hawthorne, aus Der Marmorfaun")
Da ist die Geschichte von "Wakefield", einem in jeder Hinsicht ziemlich "durchschnittlichen" Zeitgenossen. Aus einer eigenen Laune heraus beschließt er vorgeblich nur für kurze Zeit das Haus zu verlassen, kehrt aber erst nach 20 Jahren wieder zurück. Das Absurde daran ist, Wakefield bezieht für die Zeit ein Haus in der Nachbarschaft, in dem er unerkannt lebt. Leider erschließt sich die Absicht Wakefields nicht wirklich und lässt den geneigten Leser mehr oder weniger verstört zurück.

Die märchenhafte Erzählung "Das Steingesicht", die dem Band seinen Namen gibt, führt uns in ein amerikanisches Tal mit einem besonderen Naturphänomen. Im nahen Gebirge erscheint eine Felswand wie das Abbild eines ehrwürdigen und weisen Mannes. Der Legende zur Folge wird einst ein Mann in das Tal kommen, der das Ebenbild des Steingesichts ist und mit sich die Erlösung bringen wird.

Wirklich phantastisch dagegen erscheint "Das Brandopfer der Erde", in der die Bürger beschließen, alle Müllberge irgendwo in einer der weiten amerikanischen Ebenen einfach zu verbrennen. Erst einmal angefacht, ereifern sich Reformer, doch allen weiteren "unnützen" Unrat den Flammen zu übergeben, um reinen Tisch zu machen.

Meine Lieblingsgeschichte ist "Mr. Higginbothams Katastrophe", in der ein fahrender Tabakhändler zufällig von einer finsteren Gestalt unterwegs die unerhörte Neuigkeit vom schändlichen Mord an Mr. Higginbotham erfährt. Natürlich erzählt so ein fahrender Händler eine solch großartige Geschichte gerne weiter und schmückt sie dabei gerne noch mit fehlenden Details aus, die das Ganze noch "interessanter" machen. Schade nur, dass ihm einer seiner Zuhörer frei heraus entgegnet, dass er Mr. Higginbotham gerade eben noch quicklebendig gesehen hätte. Kann das sein? Irgendetwas stimmt offensichtlich nicht an dieser seltsamen Geschichte.

Abgeschlossen wird der Band mit der Geschichte "Des Pfarrers schwarzer Schleier", in der von einem Pfarrer erzählt wird, der plötzlich einen Schleier trägt und diesen tatsächlich bis zu seinem Tode nicht wieder abnehmen wird. Insgesamt verläuft erzählt Hawthornes Erzählfluss geruhsam und ohne signifikante Höhepunkte. Die Geschichten spiegeln bizarre Ereignisse wieder, ohne diesen tatsächlich auf den Grund zu gehen oder immer eine befriedigende Lösung anzubieten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Hawthorne sehr von seinem dunkleren, romantischen Zeitgenossen Edgar Allan Poe.

Fazit: Merkwürdige Geschichten, die vom Leser ein aktives Nachdenken erwarten und sich nicht so leicht erschließen. Nur für Liebhaber!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':

Sonntag, 6. November 2011

...und die Moral von der Geschicht' - William Beckford 'Vathek'

Dass diese Geschichte nicht wirklich gut ausgehen kann, das weiss der geneigte Leser schon nach einigen wenigen Seiten bzw. insofern er sich die Mühe macht und das geistreiche Vorwort des genialen und phantastischen Erzählers Jorge Luis Borges gelesen hat, das der in der Bibliothek von Babel erschienenen Ausgabe des 'Vathek' vorangestellt ist. So bleibt dem Leser nurmehr übrig zu lesen und zu staunen, was sich William Beckford als nächste Steigerung der für den nimmersatten Kalifen einfallen ließ...

Der 1760 geborene englische Autor William Beckford, der sich neben seinem literarischen Schaffen auch als Politiker, Kritiker und Kunstsammler einen Namen machte, galt als ausgesprochener Exzentriker. Als Erbe eines Millionenvermögens konnte er sich Zeit seines Lebens ausschließlich seinen persönlichen Vorlieben, der Kunst und der Architektur, sowie dem Schreiben widmen.
"Ich fürchte, ich werde nie halb so weise noch tauglich sein, zu irgend etwas als dem Komponieren von Melodien, Erbauen von Türmen, Anlegen von Gärten, Sammeln alten japanischen Porzellans und dem Verfassen einer Reise nach China oder zum Mond."
So schrieb er 1781 an seine Cousine Lady Hamilton. Seiner Vorliebe für phantastische Illusionen und Kunst-Installationen folgend, inspiriert durch ausgedehnte Reisen in fremde und exotische Kulturen, entsprang auch die Idee zu dem seinen Ruhm begründenden Roman 'Vathek', den er in einem einzigen Zug in nur drei Tagen und zwei Nächten niederschrieb.

Vathek ist der 9. Kalif des Abassidenreiches. Er lebt in größtem Luxus und ist ein Freund aller nur erdenklicher Sinnesfreuden. Gleichzeitig gilt er aber auch bei seinen Untertanen als ausgesprochen gerechter und guter Herrscher. In seiner Selbstüberschätzung lässt Vathek einen Turm von babylonischer Höhe errichten, um den Gestirnen so nahe wie möglich zu sein, damit er die Geschicke des Planeten zu enträtseln vermag und auf alle übrigen Länder des Globus herabblicken kann. Eines Tages erhält Vathek von einem fremden Händler einen edlen Krummsäbel mit einer nicht zu entziffernden Inschrift. Ein weiterer Fremder, der sich ebenfalls wie der Händler buchstäblich wieder in Luft auflöst, ist in der Lage, den sich jeden Tag ändernden Text zu lesen. War der Text am ersten Tage noch ganz nach dem Geschmack des Kalifen und versprach große Reichtümer und Macht, so birgt er kurz darauf eine Warnung:
"Weh dem Sterblichen, der zu wissen trachtet, was ihm die Vorsehung verschweigt, weh dem, der wagt, was seine Macht übersteigt."
Doch Vathek lässt sich ein auf die Magie und folgt der Stimme aus der Finsterniss, die von ihm verlangt,  dem rechten Glauben abzuschwören und die Mächte des Dunkelns anzubeten. Denn dann, so die unheimliche Prophezeiung,
"..wird sich ihm das Alcazar des unterirdischen Feuers erschließen. Unter seinen Kuppeln wird er die Schätze schauen können, die ihm die Gestirne verheißen haben, die Talismane, welche die Welt unterwerfen, die Kronreifen der präadamitischen Sultane und des Suleiman Bendaud."
Zudem soll er 50 unschuldige Knaben opfern und seinen gesamten Hofstaat der Residenz des Bösen überlassen. In seiner unersättlichen Gier willigt Vathek schließlich ein und bricht auf zu einer Reise, die ihn ins Verderben führen wird...

Beckfords Werk gilt als Wegbereiter der phantastischen Literatur. Er beeinflusste unter anderem literarische Größen wie Lord Byron, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und H.P. Lovecraft. Trotz der Kürze lässt sich das Werk aber nicht ganz so einfach lesen. Zwar mutet es wie eine der zahlreichen Geschichten aus Tausend und Einer Nacht an, aber sicher nicht jeder wird auch einen Zugang zur artifiziell anmutenden exotischen Geisteswelt William Beckfords finden. Irgendwie kann man sich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass Beckford in die Fußstapfen seines Protagonisten Vateks trat, als er sich seinen Landsitz 'Fonthill Abbey' mit einem gigantischen, mehr als 130 Meter hohen Turm errichten ließ und sich mit seiner Bibliothek, seinen Dienern, Musikern, Zwergen und Pferden als dekadenter Einsiedler aufs Land zurückzog. Allerdings stürzte der Turm von Fonthill Abbey aufgrund bautechnischer Mängel mehrmals ein und gilt heute noch als Abbild baulichen Größenwahns aufgrund technischer Unkenntniss.

Fazit: Ein schillerndes und phantastisches Märchen, das aufgrund seiner Exzentrik und seiner Bedeutung für die nachfolgende Generation der phantastischen Literatur besticht. 


William Beckford
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 1999
339 Seiten
4,99 Euro

Sonntag, 31. Januar 2010

Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans - Wilkie Collins 'Der Monddiamant'


Glaubt man doch im Allgemeinen, Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes stehe am Anfang der Gattung des englischen Kriminalromans, sollte man noch gut 20 Jahre weiter zurück in die Vergangenheit zurückgreifen und Wilkie Collins lange Zeit vergessenen und aus ungewohnter Perspektive geschriebenen Klassiker lesen, der bereits alle Elemente enthält, die den englischen Kriminalroman überhaupt ausmachen. Ein fulminanter Start für ein ganzes Literaturgenre also, das aber ebenso auf noch berühmtere Vorbilder zurückgreift...

Das 19. Jahrhundert, der 'Aufbruch der Moderne', erscheint uns aus unserer heutigen postmodernen Sichtweise oft als 'gute alte' und vor allen Dingen 'geruhsame' Zeit. Der Erdball aber begann bereits zu schrumpfen, die industrielle Revolution erreichte ihre ersten Höhepunkte, Telegrafie und Eisenbahn versetzten das damalige Leben in einen Zustand ungeahnter Beschleunigung. An der Grenze zu dieser Epoche liegt auch die Entstehung des literarischen Genres des Kriminalromans. Einer seiner ersten und heute leider zumindest im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannten Vertreter ist Wilkie Collins, der mit seinen Romanen 'Die Frau in Weiß' (1860, steht bereits auf meiner Leseliste) und 'Der Monddiamant' (1868) das Genre entscheidend prägen sollte.

Der Monddiamant, das ist ein außergewöhnlicher Diamant, der seinen Namen seiner Herkunft verdankt, da er ursprünglich an der Stirn einer indischen Mondgottheit angebracht seine wechselvolle und fluchbeladene Geschichte begann, ganz ähnlich dem Kohinoor der englischen Kronjuwelen. 1799 belagern englische Truppen das indische Seringapatham und der draufgängerische John Herncastle bringt den Stein in seinen Besitz und anschließend nach England.
"In puncto Tapferkeit - das muss man sagen - war er eine Mischung von Bulldogge und Kampfhahn mit einem Schuss von 'Wildem' dazwischen." (Seite 27)
50 Jahre später soll seine noch nicht mündige Nichte Rachel Verinder den Diamanten erben. Ihr Cousin Franklin Blake überbringt ihr den Stein aus dem sicheren Safe der Bank in London nach Yorkshire zum Landsitz der Familie Verinder. Doch seit der Stein aus Indien nach England verbracht wurde, suchen dessen ursprüngliche Besitzer ihn zurückzugewinnen. Überall durchzieht der Schatten der drei geheimnisvollen Inder den Roman, die dem Stein auf der Spur sind. Auf der Geburtstagsfeier der jungen Miss Verinder kommt es schließlich, wie es kommen muss. Am folgenden Tag ist der Diamant verschwunden und die Aufklärung des Verbrechens beginnt.

Collins lässt diesen Roman aus der ungewohnten Perspektive verschiedener Personen erzählen, deren Aufzeichnungen quasi wie in einer Art Briefroman den Ablauf der Handlung zusammenfügen. Als erstes tritt uns Gabriel Betteredge gegenüber, der fast 70 Jahre alte und etwas schrullige Haushofmeister der Familie Verinder, der die Geschehnisse bis zum ersten Abbruch der Ermittlungen schildert. Betteredges universeller Ratgeber dabei ist Daniel Defoes 'Robinson Crusoe', den er als Zitat in allen Lebenslagen versucht an den Mann zu bringen.
"Ich teile durchaus die Ansicht...wie man seine Frau aussuchen sollte...Sie müsste ihr Essen gut kauen und ihre Füße fest aufsetzen; dann wäre alles in Ordnung." (Seite 12)

Franklin Blake, Überbringer des Diamanten und Rachels Cousin, hat sich in seine Cousine verliebt und versucht sich ebenso wie Betteredge als Laiendetektiv an der Aufklärung des Falls. Dabei unterstützen die beiden den berühmten, extra aus London herbeigerufenen Sergeant Cuff, der seinen stümperhaften lokalen Vorgänger Inspector Seagrave ablösen soll. Auch hier wieder die Charakterisierung von Typen, wie sie später zum Standardinventar des englischen Detektivromans zählen werden: der tumbe lokale Polizeiinspektor wird vom genialen Profidetektiv abgelöst, Laien versuchen sich zusätzlich an der Aufklärung des Falls, darunter auch Franklin Blake als 'Gentleman Detective'. Zudem dient als Ort des Verbrechens ein englischer Landsitz. Godfrey Ablewhite, noch ein Cousin Rachel Verinders, hat ebenfalls ein Auge auf Rachel geworfen, wird jedoch bei seinem Antrag abgewiesen. Die Ermittlungen gehen voran, falsche Fährten werden gelegt, verfolgt und wieder verworfen, Rachel Verinder erweist sich als völlig unzugänglich und verweigert komplett ihre Mithilfe, wodurch sie ebenfalls in Verdacht gerät. Betteredges Aufzeichnungen enden mit dem Aufbruch Lady Verinders und ihrer Tochter nach London und dem damit vorläufigen Ende der Ermittlungen.
"Solange ich nun schon meine Erfahrungen auf den schmutzigen Wegen dieser schmutzigen kleinen Welt gesammelt habe, ist mir so etwas wie eine 'lächerliche Kleinigkeit' noch nie begegnet." (Seite 75)
Der Faden des Geschehens wird nun von Drusilla Clack aufgenommen, ihres Zeichens eine verarmten (unverheirateten) Cousine Rachels und eine Art religiöser Fanatikerin, die ständig versucht, ihre Verwandschaft 'auf den rechten Pfad der Tugend' zu führen und damit meist in mehr oder weniger lächerlichen Szenen endet. Erneut wagt Godfrey Ablewhite einen Antrag, stößt zunächst auf Zustimmung, wird dann aber schließlich doch wieder abgewießen. Was ist nur los mit dieser Rachel? Weitere Ermittlungen werden von Matthew Bruff, dem Anwalt der Familie Verinder und von Franklin Blake selbst geschildert, der schließlich dem Verbrechen auf die Spur kommen soll. Um die Exotik der Ausgangssituation aufzugreifen und weiter auszureizen, kommen jetzt auch noch Drogen und Drogenerfahrungen mit ins Spiel, was dem Roman schließlich auch einen modernen Charakter schenkt und gewiss zu seiner ursprünglichen Popularität beigetragen hat.

Natürlich klärt sich am Ende alles auf. Wie, das wird hier nicht verraten, um dem zukünftigen Leser die Spannung nicht zu nehmen. Ich hatte das Glück, eine sehr schöne Halblederausgabe des Romans von 1949 aus dem Hera Verlag zu ergattern (siehe Foto). Die alte Übersetzung von Sigfried H. Engel trägt einiges dazu bei, dass dem heutigen Leser die Handlung an manchen Stellen allzu beschaulich und langsam erscheinen mag. Andererseits wird den handelnden Figuren viel Spielraum zubemessen, um ihren Charakter zu entfalten. Schließlich konnte Collins noch nicht auf die Stereotypen zurückgreifen, die es heute in der Kriminalliteratur zu finden gibt, und die sich heute mit nur wenigen Worten charakterisieren lassen. Sehr schön gelungen sind vorallem die verschiedenen Erzählperspektiven. Sie halten die Spannung aufrecht und sorgen dafür, dass der Leser stets nicht mehr weiß oder erahnt, als die gerade erzählende Person. Neben den ernsteren Charakteren treten auch die beiden skurilen Typen Betteredge und Drusilla Clack auf, die zur Handlung einen humoristischen Einschlag beisteuern.

Der wohl berühmteste Vorgänger von Collins ist Edgar A. Poe, der mit seinem Meisterdetektiv Auguste Dupin das Genre schlichtweg begründete, das Collins gut 20 Jahre später in England erneut aufgriff und zu weiterer Vervollkommnung führte. Collins Romane besitzen wirklich bereits alle Eigenschaften und Charaktere, die ein moderner Kriminalroman heute in der ein oder anderen Abwandlung variiert. Schade nur, dass dieser Autor so lange in Vergessenheit geraten ist und erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (wenn auch zaghaft) auftauchte.

Fazit: Eine mit allen Wassern gewaschene, ungewöhnliche Kriminalgeschichte und vor allen Dingen ein Genreklassiker. Lesen!

Links:

Sonntag, 18. Oktober 2009

Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane

Über die wunderschönen Taschenbändchen der Sammlung Dieterich hatte ich hier im Biblionomicon ja bereits schon einmal geschrieben, als ich einen Band englischer Kurzgeschichten besprochen hatte. Ein glücklicher Zufall (genauer genommen eine Ebay-Auktion) hatte mir nun den vorliegenden Band US-amerikanischer Kurzgeschichten in die Hände gespielt, die ich in den vergangenen Wochen teils mit großer Freude gelesen habe.

Erschienen in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig ist dieses Bändchen mit dem Titel "Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane" im Jahr 1957, also vor über 50 Jahren. Auch wenn das Papier schon ein wenig vergilbt ist, war dieser schön ausgestattete Leinenband mit Goldschnitt auf dem Buchdeckel, Lesebändchen und Farbkopfschnitt doch hervorragend erhalten - sieht man einmal von dem fehlenden Schutzumschlag ab. Er umfasst 23 Kurzgeschichten, angefangen von Washington Irving (1783-1859), also den Anfängen der amerikanischen Literatur bis hin zu Stephen Crane (1871-1900), dem Wegbereiter Hemingways und der modernen Short Story.

Die 23 Kurzgeschichten stehen natürlich nicht ohne Einleitung, in der Martin Schulze die Geschichte der amerikanischen Literatur im Allgemeinen und der Kurzgeschichte als spezieller US-amerikanischer Erzählform im Besonderen abhandelt. Interessante Beobachtung am Rande für mich war, dass es einige Zeit dauerte - defacto bis in die 1820er Jahre, fast 50 Jahre nach der US-amerikanischen Revolution und den Freiheitskriegen - bis mit Vertretern wie Washington Irving überhaupt von einer amerikanischen Literatur die Rede sein konnte. Die Ursache hierfür liegt nicht nur in den wilden Pionierjahren der Republik begründet. VIelmehr setzten US-amerikanische Verleger zunächst auf die Publikation bereits etablierter englischer Literatur. Waren doch damals Urheberrecht und Tantiemen für die Autoren eher noch Fremdworte. Verkaufte sich ein Werk im alten Europa gut, dann lag der Schluss nahe, dass dies auch in den USA gelingen würde. Also wurde es schlichtweg in entsprechender Auflage kopiert. Das verlegerische Risiko war wesentlich geringer, als einen unbekannten US-amerikanischen Autor zu publizieren, bei dem nicht klar war, ob er gekauft werden würde.
"Nach der Vorstellung vieler Europäer hätten die Amerikaner, deren Leben unter der Devise "Zeit ist Geld" steht, keine Zeit, "dicke Bücher" zu lesen. Ja, es gibt sogar in Amerika Stimmen, die diese Ansicht teilen..."
Die Kurzgeschichte hat ihren Ursprung im Publikationsmedium der Zeitung. Die dort abgedruckte Literatur bedeutete geringes verlegerisches Risiko und der Autor musste schnell "zur Sache kommen", da ihm ja nur wenig Platz blieb. So starteten die meisten amerikanischen Autoren ihren Werdegang über die Kurzgeschichte. Natürlich legt die Kurzform auch den novellenartigen Charakter der Erzählungen rund um ein "unerhörtes Ereignis" nahe. Stark von der Romantik beeinflusst waren denn auch die ersten großen Erzähler, wie z.B. Washington Irving -- dessen Rip van Winkle Erzählung um den holländischen Einwanderer, der eine ganze Generation verschläft, den Auftakt macht.

Aber auch Edgar Allan Poe, der erste Höhepunkt amerikanischer Erzählkunst, mit seinen stark psychologisierenden Schauergeschichten. Das 'verräterische Herz', das bereits schon einmal hier im Biblionomicon besprochen wurde, ist wirklich ein Meisterwerk, das in diersem Band nicht fehlen darf. Daneben fallen in diese Kategorie auch die Kurzgeschichten von William Austin, Nathaniel Hawthorne, Herman Melville, Fitz-James O'Brien, aber auch Edward Everett Hale, dessen "Mann ohne Vaterland" von einem verurteilten Soldaten berichtet, der aufgrund einer unachtsamen Äußerung vor Gericht ("Er habe kein Vaterland") zu einem permanenten Leben auf hoher See verurteilt wird.

Danach ändert sich der Tonus der Kurzgeschichten. Sie emanzipieren sich vom europäischen Vorbild und eine Menge Lokalkolorit, nicht zuletzt in der Sprache kommt zum Tragen. Stehen am Anfang noch skurile und humoristische Skizzen im Vordergrund, werden die Erzählungen zusehends erwachsen. Angefangen mit John S. Robbs "lebend verschluckter Auster" und Artemus Wards "Zitterer", treffen wir auf den wunderbaren Mark Twain und dessen "berühmten Springfrosch von Calaveras", den ich noch aus meinen Schülertagen kenne. Gefolgt von Bret Harte, George Washington Cable, Thomas Bailey Aldrich gelangen wir zu Joel Chandler Harris, der sich in seiner Erzählung "Meister Lampe macht sich Bewegung" an der Mundart der US-amerikanischen Sklaven versucht.
"Eine der wichtigsten Forderungen dieses Meisters der Erzählkunst (gemeint ist Edgar Allan Poe) betraf die Kürze. Der Leser muss in der Lage sein, das Gebotene "auf einmal herunterzulesen". Nur für diese kurze Zeitspanne wird es dem Autor möglich sein, so folgert Poe, die ausschließliche Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln."
Dann Ambrose Bierce, den ich ebenfalls ganz besonders liebe. Natürlich finden wir hier seine große Erzählung "Zwischenfall auf der Brücke über den Eulenfluss", die ich ebenfalls schon als Schüler gelesen habe und die mir die Faszination an diesem Schriftsteller eröffnet hat, der in den Wirren des mexikanischen Revolutionskrieges verschollen ging. Der Band klingt aus mit Erzählungen von O.Henry, Jack London, Henry James und Stephen Crane. MIt ihm ist das Genre der Kurzgeschichte wirklich erwachsen geworden und wartet auf Ernest Hemingway, der sie stilistisch zur Perfektion führen sollte.
"Alles ist ja vielleicht ein bißchen übertrieben, aber ich weiß schon, was Sie meinen", erwiederte ich, "Sie haben die große amerikanische Krankheit und haben sie schwer - es ist die krankhafte, maßlose Begierde nach Form und Farbe, nach dem Pittoresken und dem Romantischen um jeden Preis. Ich möchte nur wissen, ob wir damit zur Welt kommen...."
Das Schöne an diesen Bänden mit Kurzgeschichten diverser Autoren ist, dass sie jedesmal Lust auf 'Mehr' machen. So werde ich mir den ein oder anderen Autor in Zukunft auch noch etwas intensiver zu Gemüte führen. Den vorliegenden Band selbst gibt es nur noch im Antiquariat bzw. eben über Ebay.

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Donnerstag, 27. August 2009

Schlüsselwerk der Epochenwende - Neuausgabe von A. Kubins "Die andere Seite"

Alfred Kubin ist den meisten - wohl eher doch den "wenigen", die seinen Namen tatsächlich schon einmal gehört haben - als Zeichner der populären, aber dennoch oft kongenialen Illustrationen zu den Werken Edgar Allan Poes oder auch Dostojewskis bekannt. Aber er hatte sich vor seiner Karriere als Zeichner auch als außergewöhnlicher Literat hervorgetan und schuf einen Jahrhundertroman, der von der ZEIT als "visionäres Schlüsselwerk der Epochenwende, an der wir stehen" tituliert wurde (nachzulesen im Feuilleton der Zeit Nr. 34, S. 39).

Kubins phantastischer Roman "Die andere Seite" wurde bereits hier im Biblionomicon vor fast genau einem Jahr besprochen (Biblionomicon: Alfred Kubin - Die andere Seite) und ist jetzt bei suhrkamp in einer Neuausgabe erschienen (siehe auch unten). Dabei können wir in diesem Jahr sogar ein Doppeljubiläum feiern: Kubins Utopie erschien 1909 vor genau 100 Jahren und gleichzeitig begehen wir in diesem Jahr auch den 50. Todestag des österreichischen Autors und Zeichners, der nach seinem Tod 1959 gerne in dieselbe Liga mit Künstlern wie Goya oder Füssli gerückt wurde.
"Kubins Roman bricht sich an der Grenze zwischen den Extremen, die jeder Mensch in sich weiß, zwischen der Sehnsucht nach Stillstand und Ruhe und dem berauschenden Freudentaumel in die ungewisse Zukunft. (J. Neffe, DIE ZEIT)"

Fazit: verstörend und faszinierend zugleich, wer Kafka mag, dem wird auch dieser phantastische Roman wohl munden...und das mit Recht.

Links:

Montag, 1. September 2008

Alfred Kubin: Die andere Seite

Mehr durch Zufall geriet mir dieser Roman des österreichischen Künstlers Alfred Kubin als altes Reclam-Bändchen in die Hände. "Die andere Seite", entstanden im Jahr 1909, ist ein aufschlussreiches literarisches Beispiel für die Epigonen der Spätromantik, die das Unheimliche und Phantastische ins expressionistisch Surrealistische hinein steigern. Kubin ist ja weithin bekannt durch seine kongenialen Illustrationen zu Edgar A. Poes Erzählwerk, aber er hat auch einen Roman, "Die andere Seite" veröffentlicht.

Ein Zeichner (ein Alter-Ego Kubins?) wird von einem alten Schulfreund -- Patera, der zu unermesslichen Reichtum gekommene Herrscher seines in Zentralasien selbstgeschaffenen Utopias -- auserwählt und in das neugeschaffene Traumland hinter den Bergen von Samarkand mit seiner Hauptstadt "Perle" eingeladen, das ein sorgenfreies Leben verspricht. Nach einer strapaziösen Reise fällt als erstes die gewaltige Mauer ins Blickfeld, die das Reich von allen äußeren Einflüssen abschirmt. In Perle angekommen erleben die Reisenden einen Kulturschock nach dem nächsten. Nicht nur, dass die Zeit im 18. Jahrhundert stehen geblieben zu sein scheint -- jegliche Technologie und Innovation wird strickt abgelehnt und die ortsübliche Mode orientliert sich am Biedermeier und dessen Vorläufern -- seltsame Rituale bestimmen dort den Ablauf der Zeit. Es fehlt in Perle jegliches Ziel und so gerät das Leben trotz allem anfänglichen Überflusses schnell zu einem Albtraum.

Der Roman wird nun immer surrealistischer, unheimlicher, düsterer und scheint dem Erzähler fast gänzlich zu entgleiten, wobei die Grenzen zwischen Realität und Traum in einem beständigen Fluss zu liegen scheinen. Viele Figuren dort mögen nur unterschiedliche Facetten des Erzählers selbst zu sein, die miteinander im Widerstreit liegen, so etwa das "Über-Ich" Patera und dessen Widerpart Hercules Bell, die sich beide einen erbitterten Machtkampf liefern, der schließlich in einer Apokalypse endet. Stellenweise kommt man sich vor wie in einem nicht enden wollenden Drogenrausch. Die Gestalten des Traumlandes geraten mehr und mehr zu Schattenbildern aus den Visionen und Albträumen eines Hieronymus Bosch...

Wirklich, ein düsteres Stück von einem Roman und ich bin, was das Werk angeht, etwas zwiegespalten. Ansich habe ich ja eine besondere Vorliebe für phantastische und unheimliche Literatur, aber im zweiten Teil wird Kubins einziger Roman zuweilen sehr anstrengend, da ihm - beabsichtigt oder nicht - die Kohärenz seines Werks aus dem Ruder zu laufen beginnt. Dies spiegelt natürlich auch die im Werk selbst beschriebene Auflösung des Kubin'schen Traumreichs wider und scheint daher beabsichtigt. Sehr schön wird dies in der Rezension von Hartmut Ernst zusammengefasst:
"Die Sehnsucht nach einer starken, festen Kraft, die das Leben einheitlich und geschlossen organisiert, endet im Zusammenbruch, in der Ruine dessen, was der Erzähler selbst ständig ironisch reflektiert: der menschlichen Natur. Zerbrochen in Trümmern steht zuletzt der Traum einer wenn nicht besseren, so doch zumindest ganz anderen Welt, die den Schein einer Alternative anbieten sollte."

Fazit: Ein ungewöhnliches Stück Literatur für Liebhaber des Unheimlichen und Phantastischen mit stark psychologisch, philosophischer Prägung.

Links:

Montag, 17. September 2007

Edgar Allan Poe: Das verräterische Herz

Schon immer haben mich die Geschichten von Edgar Allan Poe fasziniert. Schon als Kind, als ich sie noch gar nicht selbst gelesen hatte. Interessanterweise kam ich zu Poe über das Plattenregal im Kaufhaus. Dort stand nämlich ein überaus interessantes Album...ja, damals gab es noch 'Langspielplatten' (LPs) und anstelle des kleinen 'CD-Booklet' (in Zeiten von iTunes sicher auch bald nur noch eine schattenhafte Erinnerung...) war deren Verpackung oft wesentlich aufwändiger gearbeitet. So manches Album konnte man aufklappen und durchblättern. So auch dieses von 'The Alan Parsons Project' mit dem Namen 'Tales of Mystery and Imagination' (natürlich in Anlehnung an die Geschichten von Poe...übrigens ist dort Orson Welles zu hören, wie er Poe rezitiert...). Was mich daran faszinierte war weniger die Musik als die Fotos und die literarischen Referenzen im 'Album-Booklet', die allesamt auf berühmte Poe-Geschichten verwiesen. Auf alle Fälle für mich ein Glücksgriff, da ich daraufhin unsere Stadtbücherei nach allem auffindbaren Gedruckten von Edgar Allan Poe durchpflügte...

Das verräterische Herz ist dabei eine überaus spannende und emotional mitreisende Geschichte. Der Ich-Erzähler erzählt uns von einem Mord an einem alten Mann und wie er die Leichenteile -- insbesondere das Herz -- unter den Dielen des Hauses versteckt. Als die Polizei eintrifft, um Erkundigungen über ein eventuell begangenes Verbrechen einzuholen, kommt es zur Katastrophe....

Eine der eindringlichsten Geschichten Poes, die es auch schon als One-Man-Show im Theater zu sehen gab, und die auch als Hörbuch sehr zu empfehlen ist (insbesondere die in der Originalversion vorliegende 'Edgar Allan Poe Collection' [siehe unten] mit den beiden grandiosen wie genialen Sprechern Basil Rathbone und Vincent Price [der auch in zahlreichen Poe-Verfilmungen von Roger Corman gespielt hat]).

Der Grund, warum ich diese Geschichte heute als erste aufgreife, ist ein Foto-Projekt zum Thema Poe, das ich zusammen mit Anja im Oktober vergangenen Jahres begonnen habe. Es geht darum, die Geschichten Poes in Szene zu setzen. Aber natürlich nicht nur irgendwie... ;-) Die Idee dahinter ist die folgende: Nehmen wir das 'Verräterische Herz'. Der Ich-Erzähler wird von allen immer als 'männlich' gesehen, da die Geschichte ja auch von einem Mann geschrieben wurde. Aber das muss nicht so sein. Warum nicht einmal -- neben Poes bekannten Frauenfiguren -- auch die anderen Geschichten mit Frauen als Protagonisten umsetzen...? So geschehen mit der ersten Geschichte 'The Tell-Tale Heart' im August mit unserem Model Sara, die es verstand, trotz der Widrigkeiten (ein 2 kg Rinderherz, jede Menge Filmblut....und schließlich auch noch eine Blasenentzündung), die Stimmung congenial umzusetzen (siehe Foto).
...Wer mich auch jetzt noch für wahnsinnig hält, wird den Gedanken endgültig aufgeben müssen, wenn ich ihm erzähle, mit welch weiser Vorsicht ich den Körper verbarg. Die Nacht begann zu schwinden, und ich arbeitete in schweigender Hast...
Weitere interessante Kurzgeschichten stehen noch auf dem Programm und ich werde berichten....

Links:

  1. E. A. Poe: Das verräterische Herz in deutscher Übersetzung bei Projekt gutenberg.de

  2. E. A. Poe: The Tell-Tale Heart im Original

  3. The Tell-Tale Heart im 'The Poe Decoder' inkl. Interpretation, Materialien, weiterführender Literatur...


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