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Samstag, 30. November 2013

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - vom Hunde ganz zu schweigen



Heute möchte ich Euch einen Klassiker vorstellen, der mir schon während meiner Schulzeit von unserer Englischlehrerin -- Mrs. Tiggemann -- empfohlen wurde, den ich aber erst vor kurzer Zeit erstmals, aber mit großem Genuss gelesen habe. Es handelt sich um Jerome K. Jeromes 1889 erschienenen Roman 'Drei Männer im Boot, ganz zu schweigen vom Hund!' (Three men in a Boat). Typisch schräger britischer Humor, stets leicht spöttisch mit sich selbst und seinen Mitmenschen befasst, geht es um eine urlaubliche Bootstour die Themse hinauf. Tatsächlich war das Buch auch als Reiseführer gedacht, entwickelte sich dann doch etwas anders als geplant...
"Der hauptsächliche Vorzug dieses Buches liegt nicht so sehr in seiner literarischen Schhönheit oder in den reichhaltigen und nützlichen Informationen, die es vermittelt, als vielmehr in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit." (aus dem Vorwort zur 1. Auflage)
Also eigentlich geht es ja um vier Hauptpersonen: George, William Samuel Harris, der nur als "J." bezeichnete Erzähler und der auf den pompösen Namen Montmercy hörende, neurotische Foxterrier des Erzählers. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder allgemeiner Langeweile heraus beschließen die Freunde eine 14tägige Bootstour von London die Themse hinauf zu unternehmen. Dabei wird gerudert, getreidelt, besichtigt, getrunken, gegessen und campiert. Der geneigte Leser mag jetzt fragen, was denn genau 'treideln' sei. Ihm sei gesagt, dass in Zeiten noch nicht existenter Motoren, Boote und Schiffe auf Flüssen gegen den Strom mit einer langen Leine 'getreidelt', das heißt gezogen wurden. Während Lastkähne meist von Viehgespannen gezogen wurden, übernimmt bei unseren Freunden stets ein Mann diese mehr oder weniger ungeliebte Aufgabe, da das Rudern über längere Strecken einfach auf zu anstrengend ist. Und es soll ja eine 'erholsame' Reise werden.
"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen." (Jerome K. Jerome)
Die gesamte Flussfahrt ist gespickt mit einer Fülle von Abenteuern und Anekdoten, der Erzähler kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser staunt über Jerome K. Jeromes Ideenreichtum, wenn es um das Skurrile geht. Natürlich sind unsere Helden perfekt vorbereitet. Sie packen Sakko, Hut und Schlips ein, aber während sie auf der Themse entlang in die 'Wildnis' hineinrudern (bzw. treideln) müssen sie feststellen, dass sie den Büchsenöffner vergessen haben und die Zahnbürsten unauffindbar bleiben. Stets tun unsere Helden das, was entweder dem gesunden Menschenverstand widerspricht oder gar aufgrund der Gefahr für Leib und Leben explizit verboten ist. Aber sie landen zum Glück nicht im Herz der Finsternis, sondern einfach nur im regnerischen Londoner Hinterland. Sehr amüsant geht es zu, wenn man die drei Herren bei ihrem täglichen Treiben beobachtet. Die Wäsche im Fluss zu waschen, das kann nichts werden, wenn man sich den Zustand der Themse gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Auch stellt es sich als schwierig heraus, abends ganz romantisch selbst einmal eine Mahlzeit am Flussufer zuzubereiten, als man feststellt, dass keiner der Dreien überhaupt kochen kann. Vom Zeltaufbau im Dunkeln möchte ich an dieser Stelle jetzt eigentlich gar nicht mehr reden.
"Ehe wir sie gewaschen hatten, waren unsere Kleider allerdings sehr, sehr schmutzig gewesen, aber man konnte sie doch noch tragen. Aber nachdem wir sie gewaschen hatten – nun um es kurz zu sagen, der Fluß zwischen Reading und Henley war nach unserer Wäsche viel sauberer als zuvor! Allen Schmutz, den das Wasser zwischen diesen beiden Orten enthielt, sammelten und saugten und wirkten wir in unsere Kleider hinein." (Kap. 18)
Tatsächlich hat Jerome K. Jerome mit den Protagonisten seines bekanntesten Buches sich selbst und seine zwei besten Freunde, George und Harris, beschrieben. Lediglich Montmercy, so Jerome, sei reine Erfindung, auch wenn er Vieles mit dem Autor gemein hätte. Interessanterweise nutzen britische Fans Jeromes Schilderung heute noch als Reiseführer und fahren die im Buch angegebene Strecke nach. Die Route hat sich nicht verändert und sogar die meisten der darin genannten Wirtshäuser gibt es noch. Auch wenn es sich diesmal nicht um große Literatur handelt, ist das Buch wirklich sehr unterhaltsam, wenn man sich erst einmal auf den stets abschweifenden Stil Jeromes eingelassen hat. Letztendlich geht es immer um ein grandioses Scheitern an der Tücke des Objekts, erzählt in einem leichten Plauderton. Insgesamt erinnert mich Jerome stark an Mark Twain, den amerikanischen Meister der Anekdote.
"Ich muß gestehen, sprach Harris, indem er die Hand nach seinem Glas ausstreckte, »daß wir eine angenehme Fahrt gehabt haben; ich sage daher dem alten Vater Themse meinen herzlichen Dank dafür; aber ich denke, wir haben wohl daran getan, auszureißen und ihm eine Nase zu drehen! – Ich trinke auf das Wohl der ›Drei Mann glücklich aus dem Boot‹!" (Kap. 19)
Fazit: Grandioses Scheitern im humorvollen Plauderton erzählt, durchsetzt mit schrägem britischen Humor, im Gewand eines 'Reiseführers'. Lesen! 




Donnerstag, 9. Mai 2013

Mit Borat auf Pilgerfahrt - Jonathan Safran Foer 'Alles ist erleuchtet'

Also dieses Buch war wirklich eine Überraschung für mich, da ich mir etwas vollkommen anderes darunter vorgestellt hatte. Geballt treffen hier ein historischer Roman, interkulturelle Verwicklungen auf dem ukrainischen Balkan mit skurilem Humor im Rahmen eines Roadmovies zusammen. Ins Auge gefallen war mir das Buch in den Buchhandlungen zunächst durch das in meinen Augen großartig gelungene Cover und den seltsamen Titel. Ok, der Klappentext hätte mich zunächst alles andere als begeistert, und auch die holprig unsichere Sprache des hormonstaugeprägten Ukrainers lassen den Leser zunächst zweifeln, ob das Buch tatsächlich eine gute Wahl gewesen war. Aber, wer ein Stückchen durchhält, der wird für seine Mühe noch belohnt werden...

Jonathan, gleichsam das Alter Ego des Autors, ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der in die Ukraine reist, weil er ein Buch über das jüdische Schtetl Trachimbrod schreiben möchte, in dem seine Vorfahren gelebt haben. Im 2. Weltkrieg gelang seinem Großvater die Flucht vor den Nazis und schließlich die Ausreise in die USA. Dabei half ihm eine junge Frau namens Augustine, von der nur noch ein altes Foto existiert, und deren Spuren Jonathan nachspürt. Unterstützt wird er dabei durch den von ihm angeheuerten Fremdenführer Alex, einem jungen, amerikabegeisterten und großmäuligen Ukrainer, sowie dessen "blinden" und meist nicht zu großen Worten aufgelegten Großvater, der als Fahrer der beiden herhalten muss. Komplettiert wird das Trio noch durch Großvaters Hund "Samy Davis Jr. Jr.", einem neurotischen Straßenköter (weiblich) mit einer besonderen Vorliebe für Jonathan, der große Angst vor Hunden hat.
"Lieber Jonathan, ich sehne, dass dieser Brief gut wird. Wie du weißt, bin ich nicht erstklassig mit Englisch. In Russisch sind meine Ideen abnorm gut formuliert, aber meine zweite Sprache ist nicht so unerreicht." (Seite 41)
Ausgehend von dieser Rahmenerzählung spannt sich der Roman in drei verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder ineinandergreifen und interagieren. Eigentlich ein geniales Konzept. Der Leser wird dabei rückblickend über einen Briefwechsel zwischen Alex und Jonathan in die Romanhandlung eingeführt, wobei wir zum Zeugen der schleichenden Verbesserung von Alex Sprachkenntnissen werden. Dieses Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Sprachen und Kulturen ist auch immer wieder ein Grund für zum Teil unglaublich komische Missverständnisse beider Seiten, mit denen diese aber zur Freude des Lesers sehr souverän umzugehen wissen. Die Pilgerfahrt auf der Suche nach dem verschwundenen Tachimbrod und der geheimnisvollen Augustine - also die erste Zeitebene - wird auf diese Weise rückblickend in den Briefen der beiden - in der zweiten Zeitebene - erzählt.
". . . und ich habe das Wörterbuch, das du mir geschickt hast, erschöpft, wie du es mir auch geraten hast, wenn meine Wörter zu klein oder zu unanständig waren" (aus einem Brief von Alex)
Die dritte Handlungsebene spielt im 18. Jahrhundert im jüdischen Schtetl Tachimbrod und erzählt die zum Teil phantastisch überhöhte Geschichte von Jonathans Vorfahren, ausgehend von seiner Ahnfrau namens Brod - benannt nach dem Fluß, in dem der Wagen eines fahrenden Hausierers gerade abgesoffen ist und das Kind gemeinsam in einem Wirbel von Garnspulen, Spitzen, Schirmspeichen, und Spiegelchen gleichsam in einer "Schaumgeburt" an die Oberfläche getrieben wird. Diese Handlungsebene stellt nichts anderes dar als das Buch, das der Jonathan der Erzählung gerade schreibt - bzw. geschrieben hat, und in dem er quasi seine Vergangenheit versucht wiedererfinden. Die Zeiten geraten hier immer irgendwie in Schieflage. Interessant ist dabei, dass Alex die einzelnen Kapitel aus Jonathans Buch dann wiederum in seinen Briefen kommentiert und so die Zeitebenen miteinander interagieren. Etwas verwirrend, wie es scheint, aber wenn man sich erst einmal an die verschiedenen Erzählstile gewöhnt hat, entpuppt sich das Werk als wunderbares Kleinod. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen wird in Roadmovie gekleidet, das an eine Pilgerfahrt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gemahnt. Ein mythisch verklärter, romantisch-historischer Roman wird mit einer Situationskomik von staubtrockenem Humor gepaart. Und die hat es in sich, wie ein Beispiel der oft irrwitzigen Dialoge zwischen Jonathan, Alex und dem Großvater zeigt:
"Nur eins", sagte der Held. "Was?" "Sie müssen wissen ..." "Ja?" "Ich bin ...Wie soll ich sagen ...?" "Was?" "Ich bin ..." "Sie sind sehr hungrig, nicht?" "Ich bin Vegetarier." "Ich verstehe nicht." "Ich esse kein Fleisch." "Warum nicht?" "Ich esse es eben nicht." "Wieso essen Sie kein Fleisch?" "Ich esse es eben nicht." "Er isst kein Fleisch", informierte ich Großvater. "Natürlich isst er Fleisch", sagte Großvater. "Natürlich essen Sie Fleisch", informierte ich den Helden. "Nein. Tu ich nicht." "Warum nicht?", erkundigte ich mich noch einmal. "Ich esse es eben nicht. Kein Fleisch." "Schweinefleisch?" "Nein." "Fleisch?" "Kein Fleisch." "Steak?" "Nein." "Huhn?" "Nein." "Essen Sie Kalb?" "Um Gottes Willen, nein. Absolut kein Kalbfleisch." "Was ist mit Wurst?" "Auch keine Wurst." Ich sagte es zu Großvater, und er schenkte mir einen sehr genervten Blick. "Was ist los mit ihm?", fragte er. "Was ist los mit Ihnen?", fragte ich den Helden. "So bin ich eben.", sagte er. "Hamburger?" "Nein." "Zunge?" "Was hat er gesagt, das mit ihm los ist?", fragte Großvater. "So ist er eben." "Isst er Wurst?" "Nein." "Keine Wurst!" "Nein. Er sagt, er isst keine Wurst." "Wirklich?" "Das sagt er." "Aber Wurst ist ..." "Ich weiß. Sie essen wirklich keine Wurst?" "Keine Wurst." "Keine Wurst", sagte ich zu Großvater. Er schloss die Augen...
Auch wenn die Pilgerfahrt der drei ungleichen Weggefährten nach Tachimbrod zunächst vergeblich scheint, endet die Reise am einsam in der ukrainischen Landschaft stehenden Haus der etwas verrückten Lista. Als einziges Haus war es damals 1942 dem Untergang des gesamten Ortes entgangen. Und diese sehr traurig stimmende Geschichte gibt Jonathan Safran Foer seinen mittlerweile nachdenklich gewordenen Lesern jetzt auch noch mit auf den Weg.

Tatsächlich setzt sich die Rahmenhandlung des Romans aus autobiografischen Elementen aus dem Leben Jonathan Safran Fors zusammen [1]. Jahrgang 1977 und in Washington geboren, war er mit neunzehn Jahren in die Ukraine gereist, um dort den Spuren seiner jüdischen Vorfahren nachzugehen, und hat diese Geschichte in seinem Debutroman verarbeitet. Ein nur 24 Jahre alter Autor (das Buch erschien 2001), der über die Liebe, den Sinn des Lebens und den Holocaust in einer Art zu schreiben versteht, die weder verkitscht noch anklagend erscheint. Das Leben lässt sich manchmal nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge ertragen, um die richtige Perspektive nicht zu verlieren.

Fazit: Herrlich komisch und zugleich tiefgründig nachdenklich traurig. Wer sich auf das Buch einlässt, wird es nicht bereuen. Lesen!

Weiterführende Links:

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Montag, 8. April 2013

Die Mutter aller Klischees - Charles Dickens 'Oliver Twist'

Es gibt Geschichten, die kennt eigentlich jeder. Selbst wenn man nie einen Blick in das Werk Charles Dickens geworfen hat, hat man sicher schon von Oliver Twist gehört. Die Geschichte um den armen Waisenjungen ist dank Hollywood und Co. (die IMDB zählt mehr als 20 Verfilmungen des stoffes) schon zu einem modernen Mythos herangewachsen oder aber vielmehr zu einem Klischee geraten. Insbesondere um die Weihnachtszeit ist es neben Dicken's Weihnachtsgeschichte der wohl beliebteste Stoff, der dann über die Kanäle flimmert. Aber jetzt einmal Hand aufs Herz, wer von Euch hat das Buch denn tatsächlich gelesen?

Das dachte ich mir auch, als ich die erst vor Kurzem ergatterte schöne Dünndruckausgabe in der Weihnachtszeit aus dem Regal nahm und einfach anfing, mich darin zu vertiefen. Denn eines muss man Dickens lassen: er versteht sich prächtig und ausschweifend auf die detaillierte Schilderung seiner Zeitgenossen und deren Lebensumstände. Dabei legt er gesteigerten Wert auf Skurrilität bis hin zum Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit. Aber dem Publikum gefällt's, damals wie heute. Kommen wir aber zunächst einmal zurück auf die Geschichte selbst, auch wenn sie den meisten ja schon vom Grundkonzept her bekannt sein sollte.

Oliver Twist ist ein Findelkind und Waisenjunge ohne jegliches Wissen über seine Herkunft, bis auf dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben ist. Er wächst in einem Armenhaus in einer englischen Kleinstadt auf, in dem es Oliver und den anderen Waisenkindern nicht gerade wohl ergeht. Die Kost ist karg und knapp bemessen und wenn einer es wagen sollte, nach mehr zu fragen, so wie Oliver es getan hat, wird er für eine Woche lang in den Kohlenkeller weggesperrt. Auf eine Ausschreibung des Waisenhauses hin wird Oliver dem ansässigen Sarg-Tischler namens Mr. Sowerberry in die Lehre gegeben, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und den Jungen allmählich auf seine Art liebgewinnt. Aus Eifersucht beleidigt der Mitlehrling Noah Claypole Olivers Mutter, was in einer wüsten Prügelei endet und Oliver wird erneut bestraft. Daraufhin flieht er zu Fuß nach London, das er nach sieben Tagen erreicht.

Kaum in London angekommen gerät er in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, indem er ihn verköstigt. Allerdings hat diese Hilfe auch ihren Preis und Oliver wird zur Mitgliedschaft in Fagins Diebesbande aus Straßenjungen gezwungen. Auf einer ersten Diebestour bemerkt das auserkorene Opfer der Diebesbande, Mr. Brownlow, dass er bestohlen wurde und bezichtigt Oliver fälschlicherweise für den Dieb. Auf der Polizeiwache wird Oliver in einem 'fiebrigen Anfall' ohnmächtig aber letztendlich kann er durch einen Zeugen entlastet werden. Der von Schuldgefühlen geplagte Mr. Brownlow nimmt den Jungen kurzerhand unter seine Fittiche, um ihn gesundpflegen zu lassen. Aber Olivers Glück ist nur von kurzer Dauer. Wieder genesen erledigt er einen Gang in die Stadt für seinen Wohltäter und wird dabei vom brutalen Sikes und dessen Freundin Nancy, zwei Mitgliedern von Fagins Bande, aufgegriffen und zu Fagin zurückgebracht, wo er erst einmal sein Dasein als gefangener Dieb in Ausbildung fristen muss. Als Sikes einen Einbruch in der Vorstadt plant, soll Oliver den Dieben zum ersten Mal zur Hand gehen. Doch der geplante Raubzug endet in einem Desaster und Oliver, von der Diebesbande als Werkzeug missbraucht, wird angeschossen und gefährlich verletzt.


An dieser Stelle ist die Geschichte natürlich noch lange nicht vorbei, doch möchte ich denjenigen, die die Geschichte noch nicht in Gänze kennen, die Spannung und das damit verbundene Vergnügen nicht vorwegnehmen. Schon bei seinen Zeitgenossen kam Dickens Roman enorm gut an und entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg. Im Gegensatz zu seinem heiter-ironischen Erstwerk 'Die Pickwickier' zeigt sich Dickens hier von einer ernsteren Seite, insbesondere, wenn er in drastischer Weise Kinderarbeit, Verbrechen und das Elend der unteren Klassen zur Zeit der frühen Industrialisierung beschreibt. Allerdings bedient sich Dickens aller nur denkbaren Klischees, um seine handelnden Personen überspitzt darzustellen. So ist der kleine Oliver bis zum Erbrechen edelherzig, dankbar, wohlerzogen und gut - obwohl dies für einen Waisenhauszögling eher unwahrscheinlich ist, bei der ihm angediehenen Erziehung, bei der es dazu jeglicher Voraussetzung fehlt. Sikes, der brutale Bösewicht, Fagin, der hintertriebene, ränkeschmiedende Jude, der die Kinder von der Straße fängt, um aus Ihnen Diebe und Verbrecher zu machen. Es ist einfach ein extremes Schwarz-Weiß Gefälle, die Zwischentöne kommen viel zu kurz. Einzig Nancy, die Lebensgefährtin von Sikes ist anfangs nicht so einfach zu durchschauen. Aber die vielen Stereotypen gingen mir beim Lesen zunehmend auf den Geist. Trotz aller Klischees bleibt Oliver Twist dennoch ein großer Roman, der einen kleinen Einblick in die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts gewährt, auch wenn Vieles darin übertrieben erscheint. Dickens Gespür für die ironisch-humorvolle Schilderung absonderlicher Gestalten sollte man nicht verpasst haben, denn sie machen einen Großteil des Lesevergnügens aus, der sich bei der Lektüre dieses Romans allemal einstellt.

Fazit: Ein Klassiker der Jugendliteratur, ein Fenster in eine vergangene Epoche mit vielleicht etwas übertriebener Schwarz-Weiß Zeichnung, prall gefüllt mit skurrilen Zeitgenossen und zudem spannend geschrieben. Lesen!

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Samstag, 30. August 2008

Torsten Kroll: Callisto oder die Kunst des Rasenmähens

Was für ein Titel für ein Buch..."Callisto oder die Kunst des Rasenmähens". Natürlich weckte es in mir erst einmal die Assoziation zu Pirsigs Meisterwerk "Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten", in dem ein College-Dozent über Platon, das Motorradfahren und das Leben an sich philosophiert. Aber eigentlich haben die beiden Bücher doch so gut wie nichts gemeinsam....

Callisto, das ist ein kleiner Ort mitten im großen Nichts im US-amerikanischen Kansas (Hallo Dorothy...ein erster Hinweis auf den 'Zauberer von Oz'?). Nun, nach Callisto verschlägt es den nicht besonders hellen Odell Deefus, dessen altersschwaches Auto auf dem Weg zum Rekrutierungsbüro liegen bleibt. Im nächsten Haus an der Straße stößt er auf Dean, einem zunächst etwas seltsamen Zeitgenossen, der aber Odell bei seiner Panne behilflich sein möchte. Beide scheinen sich anzufreunden - auch wenn Dean nicht verstehen kann, warum sich Odell freiwillig in den Irak-Krieg melden möchte - aber nach einem gemeinsam durchzechten Abend springt Odell in Deans mobilen Rasenmäh-Service als Ersatzmann ein. Doch als Odell hinter dem Haus ein frisch ausgehobenes Grab (noch ohne Inhalt) entdeckt, wird er misstrauisch und legt sich sicherheitshalber den Baseball-Schläger neben seine Schlafcouch. Als er von Dean unversehens in der Nacht geweckt wird -- Dean glaubt einen Einbrecher gehört zu haben und steht mit der Schrotflinte bewaffnet an Odells Couch -- wähnt sich Odell in Todesangst und zieht Dean den Baseballschläger über den Schädel....

OK, klar, dass das nicht ohne Folgen bleibt. Zwar scheint Dean noch am Leben, aber eben höchstens noch gerade so. Das Haus, in dem die beiden sich befinden, gehört eigentlich Deans Tante. Die wäre laut Dean angeblich in Florida im Urlaub. Als Odell am nächsten Tag wieder als "Rasenmähermann" einspringt, wird er zuhause von einem Geistlichen erwartet, der ihn für Dean hält und sich angeblich im Auftrag der Tante nach Deans seltsamen Bedürfniss zu erkundigen, zum Islam zu konvertieren. (Klingt schon ziemlich schräg, oder....?). Daraufhin lernt Odell auch noch Deans (der mittlerweile den kümmerlichen Rest seines Lebens nach der Baseballschlägerattacke ausgehaucht hat) Schwester, die (zumindest in den Augen Odells) attraktive Gefängnisaufseherin Lorraine kennen und gerät unversehens in Drogengeschäfte, die Lorraine zusammen mit ihrem (jetzt verstorbenen) Bruder zur Versorgung der Gefängnisinsassen aufgezogen hat. Als Odell in der wohlgefüllten Tiefkühltruhe im Keller nach einer neuen Pizza kramt, lernt er den wahren (und ziemlich frostigen) Aufenthaltsort von Deans Tante kennen und ahnt, dass das im Garten ausgehobene Grab gar nicht für ihn bestimmt war. Jetzt fängt das Ganze an noch schräger zu werden.

Odell hatte das Grab zugeschaufelt, aber bei den Ermittlungen der Polizei wird das (leere) Grab wieder auf- und erneut zugeschaufelt. Jetzt beschließt Odell Deans Leichnam, der mittlerweile langsam in Verwesung begriffen ist, eben dort unterzubringen, da die Polizei das Grab ja bereits überprüft hatte. Doch am nächsten Tag soll das Grab zum Zweck der beim ersten Mal vergessenen Videodokumentation erneut ausgehoben werden. Also wandert Deans Leiche in der Nacht wieder aus dem Grab heraus (ausschauffeln, zuschauffeln), das Grab wird am nächsten Tag erneut ausgeschauffelt und wieder zugeschauffelt (zum Zweck der Videodokumentation) um danach wieder erneut ausgehoben zu werden, da Dean ja schließlich irgendwo bleiben muss....Hatte ich erwähnt, dass mittlerweile herausgekommen ist, dass Dean eigentlich schwul war (ein kompromittierender Videomitschnitt beim Karaokesingen in einer Schwulenbar ist aufgetaucht).

Dann war da ja noch diese Sache mit dem Islam. Dean wollte anscheinend konvertieren (doch eigentlich sagte er das nur, um seine Tante zu ärgern...), aber Odell bauscht die Sache auf, um auch einmal im Mittelpunkt der Medien zu stehen und fortan besitzt Calisto, Kansas, jetzt auch seine eigene, brandgefährliche islamistische Terroristen-Zelle und das FBI und der Heimatschutz schalten sich ein. Selbst ein ultrageheimer nicht näher genannter Dienst mit einem Geheimagenten namens 'Jim Ricker' tritt auf und sendet Odell verschlüsselte Botschaften über dessen Handy (Dieser Jim Ricker ist es auch, der in gewisser Weise die Rolle des 'Zauberers von Oz' einnimmt...). Odell verstrickt sich zusehend im von ihm selbst ausgelegten Netz. Am Ende gerät er gar selber in Verdacht, der gesuchte Top-Terrorist zu sein, ein Weg, der ihn sogar bis nach Guantanamo (auch wenn der Namen des Ortes nicht genannt wird) bringen wird....

Kann das gut ausgehen? Wie kann sich der mit nicht allzu reichlichen Geistesgaben ausgestattete Odell aus diesen Verstrickungen wieder befreien? Dabei habe ich gerade ja nur einen kleinen Teil des komplexen Plots aus Irrungen und Wirrungen ausgelegt. Jede Hauptfigur scheint ihren eigenen Interessen zu folgen - und die sind oftmals alles andere als legal. Callisto, das scheint eine wahre Mördergrube (wie der Covertext verspricht)...und mit Terrorismus ist ja schließlich nicht zu spaßen.....

Wirklich, die Abenteuer Odells sind schon ziemlich schräg, aber lustig. Verpackt wird das ganze mit einer derben Kritik am US-amerikanischen Umgang mit Andersdenkenden und der vorherrschenden Terrorismus-Paranoia. Alle halten Odell für etwas zurückgeblieben (Forrest Gump lässt grüßen), aber er ist ja kein schlechter Mensch, daher gelingt im auch das schier unglaubliche, nämlich aus der ganzen Sache (mehr oder weniger) heil wieder heraus zu kommen. Sollte ich es mit einer Zeile zusammenfassen, dann käme dabei heraus "Forrest Gump meets the Coen Brothers". Würde mich auch wirklich nicht wundern, wenn das Buch in diesem Stil verfilmt werden würde ;-)

Fazit: Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit hintersinniger Zeitkritik, dabei manchmal auch etwas zuviel des Guten. Aber für Liebhaber der humorvollen Unterhaltung ein Lesetipp!

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