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Mittwoch, 27. Juni 2012

Enttäuschung für Monsterliebhaber - Rick Yancey 'Der Monstrumologe'

Wer kennt das nicht! Es gibt Themen auf die man sofort anspringt. Man kann sich ihnen einfach nicht entziehen – auch wenn sie an sich eigentlich nicht zu dem passen, was man sonst liest ... bei mir sind es (ich gestehe) Monster! Wenn sie mir dann auch noch so offenkundig präsentiert werden wie es bei Rick Yanceys „Der Monstrumologe“ der Fall ist, kann ich nicht widerstehen. Natürlich soll man ein Buch nicht nach seinem Äußeren beurteilen, aber das Cover ist nun einmal das Erste, was man von einem Buch zu sehen bekommt. Es in die Hand zu nehmen, um es dann umzudrehen und den Klappentext zu lesen - das ist erst der zweite Schritt. Zu einem gewissen Prozentsatz ist die Entscheidung für ein Buch zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. So ging es zumindest mir, als mir der Monstrumologe in die Finger fiel. Der schwarz-weißer Einband in holzstichartigem Design mit geprägtem Titel ließ mich zugreifen. Als ich dann den Klappentext las, war es um mich geschehen. Das Buch musste mit und es musste auch sofort gelesen werden, versprachen doch bereits die ersten Seiten spannende Unterhaltung.


Ein erstes der Bilder, mit denen das Buch nicht geizt (meist kleine Abbildungen am Rande einer Seite), zeigt ein Regal mit Gläsern, die mit unterschiedlichsten Körperteilen von Ungetümen und Monstern gefüllt sind (erinnert hat mich das an die anatomische Sammlung der Charité – die finde ich großartig...die Formulierung klingt lässiger, als ich sie meine, also besser: beeindruckend). Passend dazu ist gleich am Anfang die Definition der Monstrumologie zu lesen, damit der unwissende Leser auch gleich weiß, womit er es zu tun hat: 
„Das Studium von Kreaturen, die sich dem Menschen gegenüber grundsätzlich böswillig verhalten und deren Existenz von der Wissenschaft nicht anerkannt ist. Meist handelt es sich um Wesen, die man dem Reich der Mythen und Legenden zuordnet.“ (Klappentext)
Aber nun erst einmal ein paar Worte zur Handlung: Wir haben es mit einem altbekannten Motiv der Literatur zu tun. In einer (frei erfundenen) Stadt in Neuengland lebt im Jahr 1888 der Waisenjunge Will Henry beim kauzigen Wissenschaftler Dr. Warthrop. Schon Wills Eltern, die auf tragische Weise bei einem Brand – dessen Umstände im späteren Verlauf der Geschichte noch eine große Rolle spielen werden – ums Leben kamen, arbeiteten für Dr. Warthrop. Der Doktor widmet sich mit vollem Einsatz der Monstumologie, jener oben definierten, geheimen Wissenschaft. Will muss ihn bei seinem zumeist nächtlichen Sitzungen assistieren. Der arme Junge schläft dabei fast immer ein und wird dafür von seinem uneinsichtigen Doktor immer wieder zu Unrecht gemaßregelt. Das Mitleid des Lesers ist Will in jedem Fall gewiss – so wie vor ihm auch Harry Potter oder David Copperfield.

Der schrullige Doktor bekommt eines Abends ein besonders monströses Exemplar auf seinen Seziertisch: einen Anthropophagen. Dieses unbekannte Wesen zeichnet sich besonders durch eine Merkwürdigkeit aus, es ist kopflos. Seine Augen befinden sich auf der Brust und sein scharfzahniges Maul in seinem Bauch. Dr. Warthrope konsultiert seine einschlägige Monsterliteratur und ist sich bald sicher, dass er es mit einer großen Bedrohung zu tun hat – wie könnte es auch anders sein (diesen Schluss hätten wir vermutlich auch ohne Fachliteratur geschlossen, oder?)?

Über die weiteren Entwicklungen der Geschichte möchte ich gar nichts mehr verraten. Nur so viel: die erhoffte Spannung blieb leider aus. Die Geschichte an sich hat mir gut gefallen – wäre sie doch nur 200 Seiten kürzer gewesen. Ein paar gute Dialoge hätten dem Roman gut getan, die vorhandenen erscheinen mir alle sehr konstruiert und sprachlich nicht zu den Protagonisten passend. Das mag daher rühren, dass die Geschichte rückblickend erzählt wird. Will schreibt sie als betagter Mann auf und die an sich spannenden Stellen werden durch diese Form des Erzählens ziemlich steif und langweilig; ein Junge spricht mit den Worten eines Greises – das ist einfach nicht stimmig. Scheinbar war sich Yancey auch nicht sicher, ob er ein Buch für Erwachsene oder doch lieber ein Jungendbuch schreiben soll. Erschienen ist es zwar als Buch für Erwachsene, aber immer wieder findet man sich beim Lesen in der Jugendbuchwelt wieder – eigentlich ist es dafür aber zu blutrünstig.

Ich bin hin und her gerissen. An sich eine gute Geschichte, aber deutlich zu lang. Theoretisch durchaus spannend, aber zu langatmig geschrieben. Eigentlich ein Jugendbuch, dafür aber zu blutig. Erwachsenenliteratur, aber sprachlich eher Jugendbuch...Schade!

Der zweite Teil der bisher drei „Monstrumologenromane“ liegt bereits in den Buchhandlungen aus: „Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“. Der dritte Teil ist bisher nur im englischen Original „The isle of blood“ erschienen. Ich für meinen Teil habe genug vom Monstrumologen und werde mir sowohl den zweiten als auch den dritten Teil verkneifen.


Wundervölker aus der Schedelschen Weltchronik
Von wirklichen Monstern
Die Idee des kopflosen Monsters ist nicht ganz neu und man hat den Eindruck, dass der „yanceyische Anthropophage“ direkt der Schedelschen Weltchronik entsprungen ist. Die 1493 bei Anton Koberger in Nürnberg erschienene Chronik des Hartmann Schedel (Arzt, Humanist und Historiker) gilt als Meisterwerk der Buchdruckkunst und liefert mit unglaublichen 1809 Holzschnitten aus der Wolgemut-Werkstatt (dort, wo Albrecht Dürer bis 1490 in die Lehre ging und im Zuge dessen vermutlich auch den ein oder anderen Holzschnitt für spätere Ausgaben beisteuerte) einen umfassenden Blick auf die Welt und wie man sie sich im 15. Jahrhundert vorstellte. Sie unterteilt die Geschichte der Welt in sieben Weltalter von der Erschaffung der Welt bis zum jüngsten Gericht.

Ein Abschnitt der Chronik berichtet über die „Wundervölker“, die in fremden Ländern wohnen und erstaunliche Besonderheiten aufweisen. Die in der Chronik detailliert beschriebenen Vorstellungen dieser Bewohner entstanden bereits in der Antike und wurden recht kritiklos in das Mittelalter transportiert. Wie stellte sich der Mensch des Mittelalters die Bewohner fremder Länder vor? Z.B. so:
„Item in dem land libia werden ettlich on hawbt geporn vnd haben mund vnd augen. Ettlich sind bederlay geslechts, die recht prust ist in manlich vnd die lingk weiblisch vnd vermischen sich vndereinand vn gepern.“ (Schedelsche Weltchronik, Blatt XII)
The Travells of Sir John Mandeville (ursprünglich 14. Jhd.)
Beschrieben wird hier kein Anthropophage, auch wenn sich Yancey ganz sicher hier bedient hat, sondern ein Blemmyae (auch Acephale), ein kopfloses Wesen, dessen Augen und Mund sich auf dem Rumpf befinden. Neben diesem Wesen stellte man sich noch viele andere vor. Was fehlende Gliedmaßen oder ungewöhnliche Proportionen betrifft, kannte die Phantasie offenbar keine Grenzen. Die Füße der Antipoden z.B. waren nach hinten gerichtet, sodass sie nur rückwärts laufen konnten. Die Skiapoden (Schattenfüßler) besaßen lediglich einen großen Fuß, mit dem sie durch die Welt hüpfen und sich vor der Sonne schützen konnten. Wer Umberto Ecos „Baudolino“ gelesen hat, wird sich möglicherweise noch an Gavagai erinnern:
„Hände und Arme waren es ohne Zweifel, die das Wesen da hatte, das ihnen nun entgegenkam. Ansonsten aber hatte es nur ein einziges Bein. Nicht daß es verstümmelt gewesen wäre, denn dieses Bein verlängerte seinen Leib auf ganz natürliche Weise, als wäre nie Platz für ein zweites gewesen, und mit dem einzigen Fuß dieses einzigen Beins lief das Wesen ganz zwanglos [...]. Dann machte er das, was man allen guten Traditionen zufolge von einem Skiapoden erwartet: Er legte sich lang auf den Rücken, hob das Bein so, daß der große Fuß seinem Kopf Schatten spendete, verschränkte die Arme unter dem Kopf und lächelte glücklich, als läge er unter einem Sonnenschirm.“ (Baudolino, S. 416f)
Mit dem Zeitalter der Entdeckungen verschwanden auch die Wundervölker, denn nun bereiste man die zuvor unbekannten Länder und konnte die beschriebenen Völker (logischerweise) nicht finden. In der Schedel’schen Weltchronik bleiben sie jedoch lebendig und dienen Autoren immer wieder als beliebte Vorlage für Monster oder andersartige Wesen.

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Rick Yancey
Der Monstrumologe
Bastei Lübbe (2010)
426 Seiten
14,99 Euro

Freitag, 4. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (1) Drucktechnik vor Gutenberg

Gestern, am 3. Februar vor genau 543 Jahren starb Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der uns allen dem Namen nach bekannte Erfinder des Buchdrucks. Nicht von ungefähr wurde er aufgrund seiner epochalen und die Neuzeit einläutenden Erfindung 1999 zum "Mann des Jahrtausends" gekürt. Doch lag sein geniales Unternehmen vor allem in der Kombination bereits bekannter Techniken mit neuen Verfahrensweisen. Vor allem aber war es seine unternehmerische Großtat, die in der für die damalige Zeit wahnwitzigen Idee bestand, mehr als 100 Prachtbibeln zu produzieren, die es in ihrer Ausstattung mit den prächtigsten Handschriften aufnehmen konnten, die seinen Ruhm noch heute unter Beweis stellen.

Die Geschichte der Druckkunst lässt sich bis in das 9. Jahrhundert in China zurückverfolgen. Der älteste erhaltene Buchdruck stammt aus den buddhistischen Mönchshöhlen Dun-Huang im westchinesischen Turkestan. Es handelt sich um ein buddistisches Sutra mit Illustrationen, das im Jahre 868 hergestellt wurde, gut 100 Jahre nachdem man schon in Japan (heute allerdings verschollene) Bücher gedruckt hatte.Zudem sind bereits hölzerne Druckstöcke aus China bekannt, die bereits aus dem 6. Jahrhundert stammen. Sie wurden von buddistischen Priestern hergestellt, die religiöse Darstellungen in Holz schnitten, einfärbten und auf Seide oder Hadernpapier druckten. Als Stempel dienten dabei hölzerne Würfel und Täfelchen. Es ist überliefert, dass die Druckstöcke jeweils direkt und ohne Vorlage geschnitten wurden, so dass der Drucker erst am fertigen Ergebnis die Qualität seiner Arbeit begutachten konnte. Eine nachträgliche Korrektur des Druckstocks war nicht mehr möglich. Diese Technik des Holzschnitts gilt als das älteste grafische Druckverfahren.

In der chinesischen T'ang-Zeit (615--906 n. Chr.) kam man im 9. Jahrhundert erstmals die Idee auf, ganze Bücher zu drucken. Da man an der Authentizität alter überlieferten Texte zu zweifeln begann, beschloss man, die als zweifelsfrei echt anerkannten Fassungen dauerhaft in Stein zu gravieren. Dem bereits bekannten Holzdruck folgend wurden anschließend auch Druckplatten in Spiegelschrift gefertigt, um die kulturell bedeutsamen Schriften entsprechend vervielfältigen zu können. Zu einer ersten regelrechten Blüte des Buchdrucks kam es in China dann ab dem 10. Jahrhundert.

Der Druck mit beweglichen, aus Ton geformten Lettern geht auf den chinesischen Alchimisten und Drucker Pi Sheng zurück, der in den Jahren 1041--1049 seine Kunst ausübte. Die fehlerlose Übertragung der Texte auf den Druckstock war dabei von erheblicher Bedeutung. Ein einzelner Schnitzfehler machte einen der traditionellen aus einem Holz- oder Steinblock gefertigten Druckstock unbrauchbar. Pi Sheng kam daher auf die Idee, einen Schriftsatz aus Standardtypen zu entwickeln, die in Serienfertigung herstellen ließen. Dabei wurden jeweils einzelne Ideogramme der chinesischen Schrift aus Lehm in negative Formen gepresst und anschließend gebrannt. Die fertigen Typen wurden in einem Eisenrahmen zu ganzen Sätzen zusammengefasst, die mit einer klebrigen Masse zu einer vollständigen Seite fixiert wurden.

Beim bereits zu dieser Zeit auch in Europa bekannten Holzschnitt handelt es sich dagegen um eine sogenannte Hochdrucktechnik, d.h. die erhabenen Teile des Druckstocks werden eingefärbt und auf den zu bedruckenden Stoff abgerieben. Zur Herstllung des dazu benötigten Druckstocks wurde ein Holzblock in eine 2--4 Zentimeter starke Platte geschnitten, deren Faser in Richtung der Bildfläche verlaufen musste (Langschnitt), die anschließend sorgfältig gehobelt, geschliffen und geglättet wurde. Nachdem zuerst seitenverkehrt eine Vorzeichnung auf den hölzernen Druckstock aufgebracht wurde, erfolgte die Eintiefung der nichtdruckenden Teile des Bildes. Dabei wurden die vorgezeichneten Linien mit verschiedenen Messern möglichst exakt umschnitten. Die übrig gebliebenen Holzstege des Bildes wurden mit Hilfe eines mit Farbe getränkten Ballens oder durch Überrollen mit einer Walze eingefärbt und auf einen ungeleimten, leicht befeuchteten Papierbogen gedruckt, der über den Druckstock gelegt und mit einem Stoffballen abgerieben wurde.

Meist wurden die Holzschnitte nur einseitig bedruckt, da die Farbe durch das zum Drucken befeuchtete Papier durchschlug. Ein einmal geschnittener Holzstock konnte so bis zu mehrere hundert Male zum Drucken verwendet werden. Wurden mehrere Einzelblattdrucke zu einem kleinen Buch zusammengefügt, so entstand ein so genanntes Blockbuch.

Als im 14. Jahrhundert in Europa das Papier als kostengünstiger und massenhaft produzierbarer Beschreibstoff aufkam (siehe Biblionomicon 'Eine kurze Geschichte des Papiers') wurde mit diesem auch die Technik des Holzschnitts importiert. Dargestellt wurden darin häufig biblische oder theologische Themen, allerdings meist in bildhafter Form, da der Großteil der damaligen Bevölkerung des Lesens und Schreibens nicht mächtig war (siehe Biblionomicon 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens'). So wurden in Zeiten der Pest sogenannte "Pestblätter"gedruckt, auf denen die als Pesthelfer verehrten Heiligen zusammen mit Gebetstexten und medizinischen Ratschlägen abgebildet waren. Daneben spielten als Holzdruck produzierte Flugblätter in der Zeit vor Gutenbergs Erfindung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten. Aber auch nach der durch Gutenberg ausgelösten Druckrevolution verlor der Holzschnitt zunächst nichts von seiner Bedeutung, da er immer häufiger zur Buchillustration eingesetzt wurde. So beinhaltet die 1493 erschienene "Schedelsche Weltchronik" des Nürnberger Druckers Anton Koberger knapp 2.000 Holzschnittillustrationen.

Seinen ersten künstlerischen Höhepunkt in Europa erreichte der Holzschnitt mit den Werken Albrecht Dürers (1471--1528), der den Holzschnitt von der reinen Buchillustration befreite und mit bis dato nicht gekannter technischer Reife als eigenständiges Kunstmedium etablierte.
Die im 15. Jahrhundert aufkommende Tiefdrucktechnik des Kupferstichs erlaubte dann auch eine stärkere Differenzierung der Tonwertstufen des dargestellten Bildes und damit eine nuanciertere künstlerische Darstellung.

[Weiter geht es hier mit Teil 2: Die Gutenberg'sche Druckrevolution]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links: