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Sonntag, 9. November 2014

Schräge Geschichten - Nathaniel Hawthorne "Das große Steingesicht"

Der nächste Band der von Jorge Luis Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel ist dem großen amerikanischen Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und seinen Kurzgeschichten gewidmet. Hawthorne entstammte einer alteingesessenen Puritanerfamilie aus Salem, Massachussets, und am bekanntesten dürfte wohl sein Werk "Der scharlachrote Buchstabe" (The Scarlett Letter) sein, in dem er sich einem Thema aus seiner lokalen puritanischen Vergangenheit annimmt. Ich hatte dieses Buch vor etwa 15 Jahren mit nur mäßiger Begeisterung gelesen, aber beurteile es heute etwas differenzierter. Es spielt zur Zeit gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Neuengland und erzählt die Geschichte der Ehebrecherin Hester Prynne, die trotz öffentlicher Anprangerung den Vater ihres illegitimen Kindes nicht nennen will, und die zur Strafe den scharlachroten Buchstaben "A" auf der Brust tragen muss. Aber um dieses Buch soll es heute gar nicht gehen.

Nathaniel Hawthorne ist auch durch seine Kurzgeschichten bekannt, von denen der vorliegende Band eine kleine Auswahl zusammenstellt. Wie in der Bibliothek von Babel üblich, erwartet der Leser phantastische Geschichten. Allerdings sind Hawthornes Geschichten nur im weitesten Sinne phantastisch, d,h, sie erzählen von bizarren Vorgängen oder sind als bloße Allegorien zu verstehen.
"Es ist ein großer Fehler, versucht man, unsere besten Gedanken in menschliche Sprache zu bringen. Wenn wir in die höheren Regionen des Gefühlsmäßigen und des geistigen Genusses steigen, sind sie nur durch so erhabene Hieroglyphen wie diese hier rings um uns auszudrücken." (Nathaniel Hawthorne, aus Der Marmorfaun")
Da ist die Geschichte von "Wakefield", einem in jeder Hinsicht ziemlich "durchschnittlichen" Zeitgenossen. Aus einer eigenen Laune heraus beschließt er vorgeblich nur für kurze Zeit das Haus zu verlassen, kehrt aber erst nach 20 Jahren wieder zurück. Das Absurde daran ist, Wakefield bezieht für die Zeit ein Haus in der Nachbarschaft, in dem er unerkannt lebt. Leider erschließt sich die Absicht Wakefields nicht wirklich und lässt den geneigten Leser mehr oder weniger verstört zurück.

Die märchenhafte Erzählung "Das Steingesicht", die dem Band seinen Namen gibt, führt uns in ein amerikanisches Tal mit einem besonderen Naturphänomen. Im nahen Gebirge erscheint eine Felswand wie das Abbild eines ehrwürdigen und weisen Mannes. Der Legende zur Folge wird einst ein Mann in das Tal kommen, der das Ebenbild des Steingesichts ist und mit sich die Erlösung bringen wird.

Wirklich phantastisch dagegen erscheint "Das Brandopfer der Erde", in der die Bürger beschließen, alle Müllberge irgendwo in einer der weiten amerikanischen Ebenen einfach zu verbrennen. Erst einmal angefacht, ereifern sich Reformer, doch allen weiteren "unnützen" Unrat den Flammen zu übergeben, um reinen Tisch zu machen.

Meine Lieblingsgeschichte ist "Mr. Higginbothams Katastrophe", in der ein fahrender Tabakhändler zufällig von einer finsteren Gestalt unterwegs die unerhörte Neuigkeit vom schändlichen Mord an Mr. Higginbotham erfährt. Natürlich erzählt so ein fahrender Händler eine solch großartige Geschichte gerne weiter und schmückt sie dabei gerne noch mit fehlenden Details aus, die das Ganze noch "interessanter" machen. Schade nur, dass ihm einer seiner Zuhörer frei heraus entgegnet, dass er Mr. Higginbotham gerade eben noch quicklebendig gesehen hätte. Kann das sein? Irgendetwas stimmt offensichtlich nicht an dieser seltsamen Geschichte.

Abgeschlossen wird der Band mit der Geschichte "Des Pfarrers schwarzer Schleier", in der von einem Pfarrer erzählt wird, der plötzlich einen Schleier trägt und diesen tatsächlich bis zu seinem Tode nicht wieder abnehmen wird. Insgesamt verläuft erzählt Hawthornes Erzählfluss geruhsam und ohne signifikante Höhepunkte. Die Geschichten spiegeln bizarre Ereignisse wieder, ohne diesen tatsächlich auf den Grund zu gehen oder immer eine befriedigende Lösung anzubieten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Hawthorne sehr von seinem dunkleren, romantischen Zeitgenossen Edgar Allan Poe.

Fazit: Merkwürdige Geschichten, die vom Leser ein aktives Nachdenken erwarten und sich nicht so leicht erschließen. Nur für Liebhaber!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':

Sonntag, 10. März 2013

Man trifft sich immer zweimal im Leben - Leo Perutz 'Der schwedische Reiter'

Ich hatte ja schon im vergangenen Jahr von Leo Perutz geschwärmt, als ich dessen endlos ineinander verwobene Prager Geschichtensammlung 'Nachts unter der steinernen Brücke' rezensierte. Eine Nachbarin, die ich mit meiner Begeisterung angesteckt hatte, hat sich mittlerweile sein gesamtes Werk beschafft und sogar in Gänze durchgelesen. Daher war ich sehr dankbar, dass ich auf ihr Vorwissen zurückgreifen konnte, bei der Auswahl, welches seiner Bücher wohl das nächste werden sollte, dass ich lesen und hier im Biblionomicon besprechen würde. Am Ende kam mir noch der Zufall zu Hilfe, der mir den 'schwedischen Reiter' in einer schönen DBG-Ausgabe (Deutsche Buch Gemeinschaft) aus den 1950er Jahren in die Hände spielte und das ist dabei herausgekommen...

Wie kann es sein, dass ein Mensch sich an zwei Orten zugleich aufhält? So pocht der schwedische Edelmann Christian von Tornefeld zur gleichen Zeit an das Schlafzimmerfenster seiner kleinen Tochter und spricht mit ihr, während er hunderte von Meilen entfernt auf dem Schlachtfeld Karls des XII. im Nordischen Krieg (1700-1721) kämpft, auf dem er schließlich fällt.
Maria Christine, geborene von Tornefeld und verwitwete von Rantzau, in zweiter Ehe vermählt mit dem königlich dänischen Staatsrat und außerordentlichen Gesandten Reinhold Michael von Blohme, eine in ihren jungen Jahren vielumworbene Schönheit, hat um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, als Fünfzigjährige, ihre Erinnerungen niedergeschrieben. (Seite 9)
Eben diese Maria Christine, deren Erinnerungen uns Leo Perutz präsentiert, ist niemand anderes, als die Tochter des schwedischen Reiters, dessen Geschichte hier erzählt werden soll. Tatsächlich aber ist es die Geschichte zweier Männer, die das Schicksal zusammenführt und die ihre Identität vertauschen. Im Jahre des Herren 1701, die Nachwirkungen des verheerenden Dreissigjährigen Krieges sind noch allerorten spürbar, treffen sie beide durch einen Zufall aufeinander. Der eine ein Landstreicher und Tagedieb, halb verhungert, zerlumpt, pragmatisch und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht, und der andere ein vom rechten Wege abgekommener aristokratischer Deserteur, feige, mutterseelenallein, lebensmüde und vogelfrei. Beide sind verzweifelt und auf der Flucht, und gelangen gemeinsam an eine Mühle, deren dunklen Flügel sich gleich dem Schicksalsrad im Wind drehen. Vom Müller heißt es, er habe sich erhängt, und der Untote arbeite nun zur Strafe für den Bischof als Fuhrmann, um für Nachschub für die Knochenmühle im Erzbergwerk des Bischoffs zu sorgen. Der adelige Deserteur von Tornefeld schickt den Dieb zum nahe gelegenen Landgut seines Vetters und Taufpaten von Krechwitz, der ihm Geld und Kleider mitgeben soll und händigt dem Dieb zu seiner Legitimation einen silbernen Wappenring aus.

Allerdings ist der Gutsbesitzer bereits verstorben und das Gesinde hat das Landgut schon fast in den Ruin gewirtschaftet, da es an fachmännischer Aufsicht mangelt. Nur noch die Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen namens Maria Agneta von Krechwitz, bewirtschaftet das Gut mehr schlecht als recht und lässt sich von den dort einquartierten Dragonern des "Malefizbarons" Hauptmann Hans-Georg Lilgenau ausnutzen. Als der Dieb auf sie trifft, ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Zurückgekehrt zur Mühle berichtet er von Tornefeld, dass sein Pate tot sei. Seine Cousine, so belügt er ihn, erinnere sich kaum seiner und hätte es ausgeschlagen, dem Tunichtgut von Tornefeld weiter zu helfen. So kommt es zum verzweifelten Tausch ihrer Identitäten. Von Tornefeld übergibt dem Dieb seinen Glücksbringer, die von seinem Urgroßvater geerbte Bibel des Schwedenkönigs Gustav Adolf und lässt sich vom untoten Müller zu den Minen des Bischofs verpflichten, um dort auf der Flucht vor den Dragonern unterzutauchen. Ein Abschied ohne Wiedersehen, so hat es den Anschein.

Doch der Dieb nimmt einen anderen Weg und wird zum Anführer einer Räuberbande, die mit großem Erfolg Kirchenbesitz plündernd durch die Lande Pommern, Polen, Brandenburg und Schlesien zieht. Nach einem guten Jahr beschließt der Dieb sein Räuberhandwerk aufzugeben, besteht gegen den Widerstand seiner Gesellen auf der Aufteilung der Beute und macht sich auf den Weg zum Landgut von Krechwitz. Als er dort in eine schwedische Offiziersuniform gekleidet eintrifft, sieht er die immer noch unverheiratete Maria Agneta in noch bedrängterer Lage, da nahezu alles verpfändet werden musste. Jetzt gibt sich der Dieb als Christian von Tornefeld mit Hilfe seines Wappenrings zu erkennen, der vom Heer des Schwedenkönigs auf dem Weg zum Gut seines Taufpaten ist. Er begleicht alle Schulden mit dem Erlös seines Diebesguts, heiratet die schöne Maria Agneta und führt das Landgut mit Hilfe seiner landwirtschaftlichen Fachkenntnisse zurück in den Wohlstand. Aber kann das Glück des 'schwedischen Reiters' von Dauer sein? Früher oder später wird ihn seine Vergangenheit noch einholen und das Rad des Schicksals wird sich erneut weiterdrehen...

Leo Perutz' Roman 'Der schwedische Reiter', geschrieben in den 1930er Jahren, erscheint wie ein einziger großer Anachronismus. Ein historischer Roman mit deutlich phantastischen, romantischen Elementen, langsam vorgetragenen pitoresken Schilderungen von Land und Leuten, altertümlich anmutender Sprache und heute nahezu unbekannten Ausdrücken, aber doch eine spannende Geschichte. Obwohl der geneigte Leser eigentlich genau weiß, wie das Ganze enden wird, löst Perutz die Spannung erst auf der allerletzten Seite. Ganz anders als seine zeitgenössischen Kollegen verlagert er sich ganz auf das althergebrachte Geschichtenerzählen und folgt nicht dem gerade modernen Psychologisieren, den inneren Monologen und Gedankenströmen. "Ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat." Umso interessanter ist es, dass Perutz ursprünglich Mathematik studierte und als Versicherungsmathematiker arbeitete. 1882 in Prag geboren, im ersten Weltkrieg schwer verwundet, widmet er sich ab 1918 ganz seiner schriftstellerischen Karriere. Doch der Erfolg hielt nicht lange an. Bereits 1928 begann er den 'Schwedischen Reiter'. Nach dem Tod seiner Frau zog sich Perutz einige Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück und erst 1936 beendet er den 'Schwedischen Reiter', der aber nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden durfte. "Deutschland für mich tot. Meine Bücher verramscht. Vaters Erbe verbraucht. Ich glaube, ich lebe schon von meinen Brüdern.“, so schrieb er zur Jahreswende 1934. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte Perutz 1938 zuerst nach Venedig, dann weiter nach Palestina. Nach dem Krieg kehrte er in den 1950er Jahren wieder nach Österreich zurück und versuchte an seine literarischen Erfolge anzuknüpfen, was ihm aber nicht mehr gelingen sollte. Zwar erntete seine Erzählungen "Nachts unter der steinernen Brücke"noch hohes Lob von der Kritik, jedoch ging der Verlag im Jahr nach der Veröffentlichung in Konkurs und das Buch konnte nicht mehr vertrieben werden.

Fazit: Ein altertümliches Stück Roman für Liebhaber anspruchsvoller historischer Erzählungen mit einer romantisch, phantastischen Note, die jedoch nie zu stark in den Vordergrund tritt. Lesen!


Leo Perutz
Der schwedische Reiter
Deutscher Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. (2004)
256 Seiten
9,90 Euro





Literaturangaben:

Sonntag, 23. Januar 2011

Indiana Jones und die deutsche Romantik - Robert Löhr 'Das Hamlet-Komplott'

Die Überschrift nimmt es ja schon vorweg: da kommt einiges zusammen. Ein Dichter-Denker-Mantel-Degen Roman, wie es der Verlag auf dem Klappentext recht treffend betitelt hat. Und damit hat er nicht zuviel versprochen....

Über Robert Löhrs Vorliebe, das Personal seiner Romane aus Deutschlands Dichter- und Denkerzirkeln zu rekrutieren und diese in phantastische Räuberpistolen und Abenteuergeschichten hineinzuversetzen, hatte ich ja bereits schon mit dem 'Erlkönigmaneuver' hier im Biblionomicon besprochen. Dennoch hat mich meine damalige Kritik nicht daran hindern können, auch Robert Löhrs neusten Band 'Das Hamlet-Komplott' zu lesen, der das abenteuerliche Szenario fortzusetzen verspricht.

Der kurzweilige Roman startet mit einem aus meinem Blickwinkel sehr gelungenen Kapitel über den Einfall napoleonischer Truppen nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt in Weimar.
"Den Morgen des 14. Oktobers 1806 verbrachte Goethe im Garten über seiner Farbenlehre, derweil Napoleon vier Wegstunden ostwärts die preußische Armee zermalmte..."(Seite 7)
Obwohl sich nicht gerade übermäßige Panik im Hause Goethes breitmacht, bereitet man sich auf die zu erwartenden Plünderungen und die Besetzung des Hauses am Weimarer Frauenplan vor. Als in der Nacht einer der einquartierten französischen Soldaten Goethes Münzkabinett plündert, wird er vom Geheimrat auf frischer Tat ertappt. Kurzentschlossen und kaltblütig rettet Christiane, die langjährige Lebensgefährtin Goethes und Mutter seiner Kinder, das Leben des Geheimrats, indem sie den Soldaten mit einem Stein aus Goethes Mineraliensammlung erschlägt. Glückliche Konsequenz dieser Bluttat: fünf Tage später heiraten Goethe und die Vulpius im kleinsten Kreise in der Weimarer Jakobskirche...

Aber diese kleine Episode bildet nur den Auftakt für eine verwegene Abenteuergeschichte, bei der Johann Wolfgang von Goethe zusammen mit Heinrich Kleist, Madame de Staël, Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches vor dem Zugriff französischer Agenten bewahren und diese als fahrende Schauspieler verkleidet quer durch das napoleonische Süddeutschland nach Preußen schaffen wollen. Und dabei kommt es der illustren Reisegruppe zu Gute, dass ausgerechnet August Wilhelm Schlegel mit von der Partie ist. Der berühmte Übersetzer der Dramen Shakespeares in die deutsche Sprache verdingte sich damals als Hauslehrer (Hausfreund?) bei Madame de Stael, Tochter des Finanzministers Necker und erklärte Feindin Napoleons. Eigentlich sollte der Wagen der fahrenden Schaubühne ja nur als Verkleidung dienen. Als sich die Truppe aber gezwungen sieht, ihre Deckidentität unter Beweis zustellen, greifen sie auf Schlegels profunde Kenntnisse zurück, um Shakespeares berühmtestes Stück 'Hamlet' mit großer Improvisationskunst auf die Bühne zu bringen.
"Helfen Sie mir auf die Sprünge: Wo genau in Hamlet donnert es?"
"Meteorologisch nirgendwo", antwortete Kleist und kurbelte an der Windmaschine. "Aber metaphorisch."
Ist das nun künstlerische Freiheit oder eher blasphemischer Unfug? Berechtigte Frage. War ich beim vorangegangenen Roman noch von der Umsetzung der an sich interessanten Idee weniger begeistert, gefällt mir der vorliegende Band um so mehr. Löhr nimmt sich mehr Zeit dafür, die Tiefen seiner allgemein bekannten Figuren auszuloten. Auch, wenn er es dabei nicht immer allzu genau mit den historischen Tatsachen nimmt. Goethes Verhältnis zu Madame de Stael war doch eher von unterkühlter Natur, wie man seinen Briefen an Schiller entnehmen kann, als diese sich zu Besuch in Weimar befand.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft', Seite 287)
Allerdings macht es natürlich Spaß mit dem historischen 'Was wäre wenn' zu spielen und so den bekannten Figuren neue Seiten abzugewinnen. Sollte darüber hinaus noch der ein oder andere Leser gewonnen werden, die von den Protagonisten selbst geschriebene 'große' Literatur im Original zu lesen, dann erfüllt die Löhrsche Räuberpistole sogar noch einen Bildungsauftrag. Auf alle Fälle sollte man den Roman mit einem kleinen Augenzwinkern lesen und nicht immer alles auf die Goldwaage legen. Um dies dem Leser zu erleichtern, stellt Löhr dem Roman ein Schillerzitat voran, in dessen Licht besehen jetzt auch der stereotype und meist humorresistente 'Bildungsbürger' die von ihm ersponnene Geschichte in vollem Maße genießen kann:
"Überhaupt glaube ich, dass man wohl tun würde, immer nur die allgemeine Situation, die Zeit und die Personen aus der Geschichte zu nehmen und alles übrige poetisch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen entstünde, welche die Vorteile des historischen Dramas mit dem erdichteten vereinigte." (Friedrich Schiller, Briefe an Goethe, 20.8.1799)
Fazit: Kurzweilig und spannend zu lesender Roman, der mit seiner gewagten Mischung aus deutscher Kulturhistorie und 'Jäger des verlorenen Schatzes' eine abwechselnd frische Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik bietet, indem er dem Leser deren Hauptakteure auf unprätentiöse Weise nahebringt. Lesen!

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ende gut, alles gut - Jane Austen "Emma"

Nein, um Jane Austens Romane zu lesen und zu lieben muss man nicht weiblichen Geschlechts oder gar schwul sein. Im Gegenteil eröffnen sie doch auch dem geneigten männlichen Leser ungeahnte Einblicke in die Lebenswelt des frühen 19. Jahrhunderts und lassen uns Teil haben an Lebens-, Liebes- und Beziehungsmüh einer lange untergegangenen Epoche, deren Nachwirkungen aber auch noch in unserer heutigen Zeit ihre Gültigkeit besitzen und vor allen Dingen eines tun: auf humorvoll ironische Weise zu unterhalten.

Als aller erstes war ich bereits vor Jahren begeistert, als ich Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in die Hände bekam. Obwohl ich zuerst eine dröge Erzählung um 'verzweifelte Liebesmüh' erwartete, war ich schnell eines Besseren belehrt und Jane Austen errang in meinem Bücherregal einen bevorzugten Platz, den sie auch mit dem erst später gelesenen "Kloster Northanger" behaupten konnte (zugegebenermaßen hat das Frühwerk des "Klosters Northanger" - ebenfalls hier im biblionomicon besprochen - noch lange nicht das Format von "Stolz und Vorurteil", trägt aber bereits die typischen augenzwinkernden Züge Jane Austens). Aber kommen wir zu "Emma".
"Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast 21 Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben."
So startet der Roman mit der Vorstellung seiner Protagonistin, einer energischen jungen Frau, um die sich herum ein selbstverschuldetes Labyrinth aus Irrungen und Wirrungen um Liebe und Ehe entfaltet. Emma ist reichlich verwöhnt und überschätzt vor allem Ihre Menschenkenntnis verbunden mit der (Un-)Fähigkeit, Freunde und Bekannte mit dem ihrer Meinung nach passenden Gegenstück verkuppeln zu wollen. So mischt sie sich wiederholt in das Leben anderer ein, um prompt auch immer wieder Schiffbruch zu erleiden. Fehlinterpretationen und Missverständnisse sorgen immer wieder für vermeidbare Komplikationen sowohl in ihrem Leben als auch dem ihrer Freunde und Bekannten.

Emma lebt zusammen mit ihrem hypochondrischen Vater, der stets um jedes bisschen Zugluft besorgt ist und damit sich und anderen das Leben schwer macht. George Knightley ("Mr. Knightley"), der Freund und Nachbar ihres Vaters, ist der einzige, dessen Kritik sie akzeptiert und dessen väterliche Freundschaft sie ohne Vorbehalte genießt. Sein Bruder John Knightley ist mit Emmas älterer Schwester Isabella verheiratet und lebt mit seiner Familie in London, das mehr als eine Tagesreise entfernt liegt. Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Miss Taylor, Emmas Freundin und früherer Gouvernante, von nun an Mrs. Weston. War es doch Emma, die ihrer Freundin den zukünftigen Gatten vorgestellt hatte, so lässt sie diese glückliche Vermittlung an ihre Fähigkeiten als "Ehestifterin" und Kupplerin glauben, die allerdings in Zukunft so ganz und gar nicht von Erfolg gekrönt sein werden.

Zahlreiche weitere Figuren werden von Jane Austen in liebevoller und detailverliebter Weise eingeführt, in deren Leben sich Emma früher oder später einmischen wird. Darunter auch ihre Freundin Harriet Smith, illegitimer Sproß eines reichen Kaufmanns, der sie fälschlicherweise einredet, dass der in sie verliebte Gentleman-Farmer Mr. Martin unter ihrer Würde und vor allen Dingen unter ihrem Stand wäre. Dann lernen wir noch Jane Fairfax kennen, die bei ihrer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Tante Miss Bates lebt, und die noch zu Emmas vermeintlicher Rivalin werden soll, als es gilt die Gunst von Frank Churchill zu erwerben, dem Stiefsohn ihrer Freundin Mrs. Weston.

So entspinnt sich zwischen den liebevoll charakterisierten Figuren ein von Irrungen und Wirrungen getragener Reigen um Liebe und Ehe, bei dem sich aber dann doch wie bei Jane Austen üblich am Ende alles "zum Guten" wenden soll. Was das aber konkret heißt, das muss der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin am besten selbst herausfinden. Ich kann versprechen, dass dieser über 500 engbedruckte Seiten lange Roman stets unterhält, zum Schmunzeln anregt und stellenweise auch fesseln kann. Überwiegend bedient sich Jane Austen des Dialogs als treffendes Stilmittel ihrer Darstellung - auch wenn sich beim männlichen Leser dadurch vielleicht so manches Vorurteil über typisch "weibliche Geschwätzigkeit" bestätigt finden mag. Aber es ist ja auch gerade diese präzise funkelnde und geschliffene Sprache, die in den Dialogen zum Vorschein kommt, und die von der Übersetzerin Charlotte Gräfin von Klinkowstroem so wundervoll getroffen wurde. Sie verschaffen den Figuren auf subtile Weise feingliedrige und wohlüberlegte Ecken und Kanten und heben so den Roman auf das Niveau eines zeitlosen Klassikers und Meisterwerks. Auch die zeitgenössischen Illustrationen von Hugh Thompson, die einer Ausgabe von 1896 entnommen sind, unterstützen das Gefühl beim Leser, direkt in eine Epoche entführt zu werden, die ihm in ungewohnt plastischer und lebendiger Weise vor Augen geführt wird - auch wenn es sich "nur" um die (heile) Welt des damaligen englischen (Groß-)bürgertums handelt.

Interessant ist in diesem Roman Jane Austens auch, dass Emma im Gegensatz zu den Hauptfiguren von "Stolz und Vorurteil" oder "Verstand und Gefühl" von Anfang an keinerlei Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft haben muss. Dies ist auch der Grund dafür, warum sie eigentlich niemals heiraten möchte. Jane Fairfax als Nebenfigur dagegen folgt der für Austen üblichen Konstellation, da sie keinerlei Mittel besitzt und ihre Zukunft für sie entweder eine Anstellung als Gouvernante und Lehrerin bzw. eine finanziell aussichtsreiche Heirat vorsehen muss. Ebenfalls ungewöhnlich für Jane Austens Figuren ist es, dass sich bei Emma kaum romantische Gefühle breit machen - zumindest nicht bis Seite 484. Natürlich erkennt Emma, wenn auch spät, dass man sich nicht immer in das Liebesleben von Freunden und Bekannten einmischen sollte, insbesondere, wenn es einem an eigener Erfahrung darin mangelt.
"Sie hatte in ihrer unerträglichen Eitelkeit geglaubt, jedermanns geheimste Gefühle zu kennen, mit unverzeihlichem Hochmut versucht, die Geschicke anderer zu lenken. Es war klar geworden, daß sie sich rundum getäuscht, und nicht etwa nichts getan, sondern auch noch Schaden angerichtet hatte..."
Fazit: Die passende Lektüre für die Feiertage. Einfach abtauchen in Jane Austens Fabelwelt des frühen 19. Jahrhunderts und den Reigen der Gefühle miterleben, die stets auf ein wohliges und angenehmes Ende hoffen lassen. Eine sprachliche Pretiose, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber auf alle Fälle etwas ganz besonderes.

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Freitag, 12. September 2008

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Schon lange stand die bereits etwas angestaubte alte Ausgabe dieses Schullektüreklassikers in unserem Regal und wollte gelesen werden. Aber wie es eben immer so ist, mit ehemaliger Schullektüre -- auch wenn dieser Band in meiner Schulzeit an mir vorbeigegangen war -- man nähert sich dem 'Feind' doch stets mit einer gewissen Portion Respekt und Skepsis. Doch das sollte sich als vollkommen unbegründet erweisen....
Joseph von Eichendorff zählt zu den deutschen Romantikern. In den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Zeitströmung zu voller Blüte und zeichnete sich vor allen Dingen durch die Betonung von Phantasie und Gefühl -- ganz im Gegensatz zur rationalen Klassik -- und durch die Betrachtung der geheimnisvollen Kräfte und der Schönheit der Natur aus. Irgendwie also eine viel zu früh gekommene FlowerPower-Esoterik-Generation, die sich als Gegenbewegung zur immer weiter fortschreitenden Epoche der Industrialisierung abgrenzte.

In 'Aus dem Leben eines Taugenichts' erzählt und Eichendorff die Geschichte eines jungen Mannes, der von seinem Vater, dem Müller, kurzerhand von zuhause 'rausgeschmissen' wird (er sei ein 'Taugenichts' und solle doch mal draußen in der Welt' versuchen, sein Brot zu erwerben...). Und so gibt sich unser junger Held - die Geschichte wird in der ICH-Perspektive erzählt - kurzerhand auf Wanderschaft. Seine Geige, seine Musikalität und sein angenehmes Äußeres verhelfen ihm dabei immer wieder in Verbindung mit zahlreichen glücklichen Fügungen des Schicksals, unverhofftermaßen ein Auskommen zu finden. So wird er zuerst Gärtner in einem Schloß beschäftigt und kurz darauf zum Zolleinnehmer befördert, eine Profession, die ihm ohne viel zu arbeiten einen sicheren Lebensunterhalt bescheren könnte. Er verliebt sich unglücklich in die schöne Gräfin des Schlosses, ist tief betrübt, da er sie bereits vergeben wähnt, und macht sich kurzentschlossen auf in Richtung Italien (Seit Goethe ja das Land, 'in dem die Zitronen blühn' und des Deutschen liebstes Urlaubsland). Auf seinem Weg macht er die Bekanntschaft mit zwei Räubern, die sich dann aber doch als Maler herausstellen, die er auf ihrer Reise nach Italien begleiten wird. Und hier beginnen die Verwirrungen und Verwicklungen....

Seine Abenteuer führen ihn auf ein einsames Schloß, in dem er von den Angestellten zuerst verwöhnt wird, aber bald um sein Leben bangt, nach Rom, wo er versucht, seine Angebetete zu finden und schließlich wieder zurück in das heimatliche Schloss, wo sich all die Verwirrungen und seltsamen Begebenheiten schlussendlich aufklären sollen. Der Text ist angereichert mit Gedichten und Volksliedern (Wem Gott will rechte Gunst erweisen...), die stets die Stimmung und Gefühlslage, in der sich unser Held befindet, wiedergeben. Ganz besonders hat mich die alte Sprache fasziniert ('embrassieren', 'vazieren', 'Kamisol; und viel andere aus dem Französischen stammende Wörter, die man heute nicht mehr im Deutschen findet). Interessant auch, dass kein 'moralischer Zeigefinger' gehoben wird, und der Taugenichts (alleine der Name ist ja bereits eine Art Wertung...) am Ende sogar noch belohnt werden soll. Dennoch. Es lohnt sich, das dünne Bändchen einmal (wieder) zur Hand zu nehmen und sich darin zu verlieren.

In vielerlei Hinsicht hat mich der 'Taugenichts' an einige literarischen Nachfolger erinnert. So gerät er immer wieder in Situationen, die ihm ja eigentlich ein 'glückliches Auskommen' ermöglichen würden, lässt es aber gar nicht so weit kommen, sondern macht sich wieder fort auf die Wanderschaft. Ein regelrechtes 'Road-Movie'. Den gleichen Eindruck hatte ich auch bei der Lektüre von Salingers 'Der Fänger im Roggen', auch wenn hier die Grundstimmung lange nicht so positiv war. Salingers Held hat ebenfalls keine rechte Ahnung, was er mit sich anfangen soll, es bieten sich im tausend Gelegenheiten, die allesamt in einer Art 'was wäre wenn...' angedacht und doch nicht eingeschlagen werden.

Fazit: Ein phänomenales kleines Bändchen, das einen kleinen Blick in die Stimmung und Geisteswelt eine Epoche gestattet, die uns heute wieder allzu fern erscheint.

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Dienstag, 22. Juli 2008

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten

Ich wage zu bezweifeln, dass heute irgendjemand etwas von Oswald Levett gehört hat. Zumal werden seine Werke - er hat lediglich zwei Bücher geschrieben und einen Victor Hugo zusammen mit dem österreichischen Schriftsteller Leo Perutz übersetzt - heute nicht verlegt, zum anderen war sein Output nicht gerade gewichtig. Nichtsdestotrotz (...eine wunderbare Gelegenheit dieses zumeist verkannte deutsche Wort zu gebrauchen....) möchte ich heute dieses kleine Bändchen vorstellen: Oswald Levetts "Verirrt in den Zeiten".

1933 völlig unbeachtet in einem kleinen Wiener Verlag erschienen, bleibt diese fantastische Erzählung doch in Erinnerung. Es geht um das Thema Zeitreise. Ein deutscher Gelehrter baut Anfang des 20. Jahrhunderts ganz im Alleingang tatsächlich eine funktionsfähige Zeitmaschine und versetzt sich mit dieser zurück in die Zeit des 30-jährigen Krieges. Aber die Reise gerät zur "Einbahnstraße", ein Rückkehr ist nicht möglich. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht eines Historikers, der in das fränkische Ansbach reist, um im Auftrag der Akademie der Wissenschaften "Rechtsaltertümer von Stadt und Kreis Ansbach zu sammeln und herauszugeben". Bei seiner Recherche stößt er auf Berichte aus der Zeit des 30-jährigen Krieges und über Erasmus Büttgemeister, einen seltsamen "Zeitgenossen", der so gar nicht in diese damalige Zeit zu passen scheint. Tatsächlich gerät er auf die Spur, die unser "Zeitreisender" in der Geschichte hinterlassen hat, da dem Historiker dessen höchsteigener Bericht in die Hände fällt. Allerdings - und das kann ich an dieser Stelle schon sagen - nimmt die Geschichte für den Zeitreisenden keinen guten Ausgang. In einer Zeit, da Hexenverfolgung und Aberglaube noch an der Tagesordnung sind, muss man mit seinen "modernen" Kenntnissen höllisch aufpassen, um nicht in die Schusslinie zu geraten. Zumal stellt sich dann auch - wie immer in Zeitreiseerzählungen - die Frage nach der Kausalität: Kann man den Gang der Geschichte verändern? Kann man sein Wissen um zukünftige, aber noch nicht eingetretene Ereignisse zum eigenen Vorteil nutzen? Interessantes Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist dabei die Figur des Ahasverus, des "ewigen Juden", der christlichen Legende nach ein jerusalemer Schuster, der Christus, als dieser sein Kreuz durch die Straßen Jerusalems trug, die Rast auf seiner Türschwelle verweigert haben soll. Von Gott bestraft muss dieser auf alle Zeiten ohne Rast durch die Welt wandern ohne sterben zu können....

Im Laufe der Handlung trifft unser Zeitreisender auf bekannte Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts, wie z.B. Wallenstein oder Friedrich Spee, dem in diesem Buch auch folgendes wunderschöne lateinische Zitat zugesprochen wird:
In aeterno corda rerum
Nil in unda est dierum
Et in hora nihil verum.
(Der Dinge Wesen in Unendlichkeit liegt. Im Auf und Ab des Tages dich der Schein besiegt. Und keine Stunde Dir beständige Wahrheit gibt.)

Aber wenn ich schon damit anfange, muss natürlich auch der Heilige Augustinus zu Wort kommen, der am Eingang des Buches zitiert wird mit seinem Versuch, das Wesen der Zeit zu ergründen:
Quid sit tempus?
Si nemo me quaerit, scio.
Si explicare velim, nescio.

Was die Zeit sei?
Ich weiss es, so man mich nicht fragt.
Ich weiss es nicht, soll ich's erklären.
Sehr gerührt hat mich dann auch die Abschlussbemerkung des suhrkamp Verlags, in der der Verlag seine Bemühungen beteuert, den Inhaber des Urheberrechtes bzw. die Erben Oswald Levetts zu ermitteln, der 1942 in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager ums Leben kam. Der Rechteinhaber wird gebeten, sich mit dem Verlag doch bitte in Verbindung zu setzen....

Fazit: Ein etwas anderer Zeitreiseroman, gar nicht vergleichbar mit der zuletzt hier rezensierten Zeitreisegeschichte, kurz und knapp erzählt, mit vielen Bildmotiven der Romantik und Lokal- bzw. vielmehr "Zeitkolorit". Die alte Sprache ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, aber dennoch eine Empfehlung, an alle, die das Ungewöhnliche reizt....

Links:

Montag, 30. Juni 2008

Jane Austen: Kloster Nordhanger

Gothic Novels, also Schauerromane, waren zur Zeit der Romantik diesseits wie insbesondere jenseits des Ärmelkanals groß in Mode. Jedermann war dieses Genre geläufig, das mit Horace Walpoles Roman "Das Schloß von Ortranto" seinen Ausgang nahm. Das Setting hatte sich seither nicht allzusehr modifiziert: Grusel gepaart mit Liebe und Romantik.... Der Name "Gothic" leitete sich aus der historischen Epoche der Gebäude ab, in denen die Schauergeschichten spielten -- womit gleichzeitig auch ein sogenanntes "Gothic Revival" als Modeerscheinung ausgelöst wurde.

Mehr noch als als Walpole gilt Ann Redcliffe als "Mutter" des urtypischen Romans aus der Epoche der Gothic Novels. Ihr Werk "The Mysteries of Udolpho" dient denn auch oft als Zitat in Jane Austens Frühwerk "Kloster Northanger" (Kloster Nordhanger), der allerdings erst posthum veröffentlicht wurde. Geht es doch bei Redcliffe um das Schicksal des Mädchens Emily St. Aubert, die neben dem Tod ihres Vaters, diversen übernatürlichen Schrecken in einem düsteren Schloss ausgesetzt ist und sich gegen die Machenschaften eines italienischen Briganten zur Wehr setzen muss. Aber Jane Austen schreibt keine Gothic Novel im herkömmlichen Sinne, sondern fügt noch eine gehörige Portion Ironie und Sarkasmus mit dazu....

Hauptfigur bei Jane Austen ist die 17-jährige Catherine Morland (eine typische Gothic Novel Heldin...), die zusammen mit Mr. und Mrs. Allen, Freunden ihrer Familie, den Sommer über in die alte englische Küstenstadt Bath gereist ist. Hier verbringt sie ihre Zeit mit neu gefundenen Freunden wie Isabella Thorpe und mit gemeinsamen Ballbesuchen. Zwei junge Männer sind schnell an der so "frisch-naiven" Catherine interessiert: der draufgängerische John Thorpe (Isabellas Bruder), der gemeinsam mit Catherines Bruder an der Universität studiert, und der ruhige, junge Geistliche Henry Tilney. Catherine schließt mit Henrys Schwester, Eleanor Tilney, Freundschaft und wird von deren Vater, General Tilney in das ehemalige Kloster Northanger, den Wohnsitz der Familie Tilney eingeladen. Da Catherine gerade Ann Radcliffes berühmten Roman gelesen hat, glaubt sie in Northanger einen dramatisch düsteren und gruseligen Ort mit schaurigen Geschichten vorzufinden. General Tilney ist Witwer und der Tod seiner Frau gibt Catherine allerlei Anlass zu schaurigen Spekulationen. Alles läuft natürlich darauf hinaus, dass Henry und Catherine ein Paar werden, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg aus Irrungen und Wirrungen, an denen Frau Redcliffe nicht ganz unschuldig ist.

Das Reclam-Buch verfügt über ausführliche Anmerkungen, ein Nachwort mit Erläuterungen, sowie einen Kartenteil. Kennt man Jane Austens feinen Sinn für Humor, so begegnet man ihm hier noch in recht ungeschliffener, aber dennoch überaus unterhaltsamer Form. Die Heldin gerät in allerhand peinliche Situationen und irgendetwas (oder irgendwer...am Ende gar sie selbst) verbaut ihr immer wieder den Weg zu ihrem angebeteten Henry, der sogar ihre Liebe zu den "unsäglichen" Schauerromanen teilt, indem er folgendes zum Besten gibt:

"The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid. I have read all Mrs. Radcliffe's works, and most of them with great pleasure. The Mysteries of Udolpho, when I had once begun it, I could not lay down again; I remember finishing it in two days – my hair standing on end the whole time."


Fazit: Ein wunderbares Frühwerk der großen Jane Austen, in dem Humor und Romanze sich die Waage halten und die klassische "Gothic Novel" durch den Kakao gezogen wird. Ein überaus unterhaltsames Werk nicht nur für "Jane Austen-Afficionados"!

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Montag, 17. September 2007

Edgar Allan Poe: Das verräterische Herz

Schon immer haben mich die Geschichten von Edgar Allan Poe fasziniert. Schon als Kind, als ich sie noch gar nicht selbst gelesen hatte. Interessanterweise kam ich zu Poe über das Plattenregal im Kaufhaus. Dort stand nämlich ein überaus interessantes Album...ja, damals gab es noch 'Langspielplatten' (LPs) und anstelle des kleinen 'CD-Booklet' (in Zeiten von iTunes sicher auch bald nur noch eine schattenhafte Erinnerung...) war deren Verpackung oft wesentlich aufwändiger gearbeitet. So manches Album konnte man aufklappen und durchblättern. So auch dieses von 'The Alan Parsons Project' mit dem Namen 'Tales of Mystery and Imagination' (natürlich in Anlehnung an die Geschichten von Poe...übrigens ist dort Orson Welles zu hören, wie er Poe rezitiert...). Was mich daran faszinierte war weniger die Musik als die Fotos und die literarischen Referenzen im 'Album-Booklet', die allesamt auf berühmte Poe-Geschichten verwiesen. Auf alle Fälle für mich ein Glücksgriff, da ich daraufhin unsere Stadtbücherei nach allem auffindbaren Gedruckten von Edgar Allan Poe durchpflügte...

Das verräterische Herz ist dabei eine überaus spannende und emotional mitreisende Geschichte. Der Ich-Erzähler erzählt uns von einem Mord an einem alten Mann und wie er die Leichenteile -- insbesondere das Herz -- unter den Dielen des Hauses versteckt. Als die Polizei eintrifft, um Erkundigungen über ein eventuell begangenes Verbrechen einzuholen, kommt es zur Katastrophe....

Eine der eindringlichsten Geschichten Poes, die es auch schon als One-Man-Show im Theater zu sehen gab, und die auch als Hörbuch sehr zu empfehlen ist (insbesondere die in der Originalversion vorliegende 'Edgar Allan Poe Collection' [siehe unten] mit den beiden grandiosen wie genialen Sprechern Basil Rathbone und Vincent Price [der auch in zahlreichen Poe-Verfilmungen von Roger Corman gespielt hat]).

Der Grund, warum ich diese Geschichte heute als erste aufgreife, ist ein Foto-Projekt zum Thema Poe, das ich zusammen mit Anja im Oktober vergangenen Jahres begonnen habe. Es geht darum, die Geschichten Poes in Szene zu setzen. Aber natürlich nicht nur irgendwie... ;-) Die Idee dahinter ist die folgende: Nehmen wir das 'Verräterische Herz'. Der Ich-Erzähler wird von allen immer als 'männlich' gesehen, da die Geschichte ja auch von einem Mann geschrieben wurde. Aber das muss nicht so sein. Warum nicht einmal -- neben Poes bekannten Frauenfiguren -- auch die anderen Geschichten mit Frauen als Protagonisten umsetzen...? So geschehen mit der ersten Geschichte 'The Tell-Tale Heart' im August mit unserem Model Sara, die es verstand, trotz der Widrigkeiten (ein 2 kg Rinderherz, jede Menge Filmblut....und schließlich auch noch eine Blasenentzündung), die Stimmung congenial umzusetzen (siehe Foto).
...Wer mich auch jetzt noch für wahnsinnig hält, wird den Gedanken endgültig aufgeben müssen, wenn ich ihm erzähle, mit welch weiser Vorsicht ich den Körper verbarg. Die Nacht begann zu schwinden, und ich arbeitete in schweigender Hast...
Weitere interessante Kurzgeschichten stehen noch auf dem Programm und ich werde berichten....

Links:

  1. E. A. Poe: Das verräterische Herz in deutscher Übersetzung bei Projekt gutenberg.de

  2. E. A. Poe: The Tell-Tale Heart im Original

  3. The Tell-Tale Heart im 'The Poe Decoder' inkl. Interpretation, Materialien, weiterführender Literatur...


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