Samstag, 11. Januar 2014

Nichts für die trüben Tage - Edith Wharton 'Ein altes Haus am Hudson River'

Eigentlich kannte ich Edith Wharton zuvor lediglich durch Martin Scorseses Film 'Zeit der Unschuld' mit Michelle Pfeiffer und dem großartigen Daniel Day-Lewis. Allerdings war ich von dem Film nur mäßig begeistert. Gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Sexualität in der Zeit der 'Belle Epoque', gepaart mit dem Motiv des Versagens, der verpassten Gelegenheit, der angstvoll getroffenen 'falschen' aber dennoch den Konventionen der Gesellschaft angepassten Entscheidungen. Den Film vor Augen, sah ich in Edith Wharton eine sauertöpfische, spätviktorianische Jungfer, die nicht so leben konnte, wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich wollte. Dass sie aber noch bis in die 1930er Jahre als Autorin aktiv sein sollte und sich auch noch erfolgreich an der literarischen Welt des Jazz-Age und der Roaring Twenties beteiligte, war mir bislang verborgen geblieben.

Edith Whartons 'Das alte Haus am Hudson River' (Hudson River Bracketed) erschien 1929 und ist mehr oder minder ein zeitgenössischer Roman, der im Amerika der 1920er Jahre spielt. Aber ganz genauso wie in 'Zeit der Unschuld' geht es um gesellschaftliche Konventionen, die eine Verbindung zweier Liebender verhindern soll. Vance Weston ist der jugendliche und mehr oder weniger glücklose Held aus der Provinz, dessen kurvenreicher Bildungs- und Bewährungsweg zum Schriftsteller in diesem Roman aus Edith Whartons Spätwerk erzählt wird. Vance stammt aus einer typisch-amerikanisch modernen Suburb, einem Neubauvorort im Mittleren Westen mit dem sinnigen Namen 'Euphoria'. Sein Vater ist ein angesehener und erfolgreicher Immobilienspekulant, der natürlich nichts dafür übrig hat, dass sein Sohn lieber Gedichte schreiben möchte als in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Als er zur Erholung zu Verwandten, den Tracys, geschickt wird, die in ärmlichen Verhältnissen in der ländlichen Umgebung New Yorks leben, soll er bald eine ganz andere Welt in Gestalt von Heloise Spears kennenlernen, deren Lebensweg als Teil der 'besseren Gesellschaft' zu der sie gehört, in engen Bahnen vorgezeichnet zu sein scheint.

Durch Heloise findet Vance den Weg zum alten, leerstehenden Haus am Hudson River, dessen Kern eine wohlsortierte Bibliothek der vormaligen Besitzerin bildet, ein Hort der Bildung und Gelehrsamkeit, der zur unstetigen Schule des Protagonisten werden soll, der so sehr vom Wunsch beseelt ist, einmal ein großer Autor zu werden. Die literarische Welt der amerikanischen und europäischen Klassiker blieb dem jugendlichen Helden aus dem fortschrittsbetonten Euphoria bislang verborgen und sein Besuch in der alten Bibliothek gerät so zu einem Erweckungserlebnis. Der Originaltitel des Romans (Hudson River Bracketed) ist gleichzeitig die Bezeichnung des Baustils dieses alten Hauses, das mit seinen verwinkelten Balkonen, Spitzbögenfenstern und riesigen Urnen an der Eingangstreppe um 1830 erbaut worden ist. Während die ärmlichen Tracys in dem alten Haus nach dem Rechten sehen und damit ihr kärgliches Einkommen aufbessern, residieren die Spears dagegen im jahrhundertealten Familienstammsitz mit unverbautem Blick auf den Hudson.

Schuldlos in den Verdacht geraten, Bücher aus der Bibliothek gestohlen zu haben, beschließt Vance, sein Glück in der Boomstadt New York zu versuchen, die nur eine kurze Zugfahrt entfernt liegt. Eine erste Erzählung, die Vance im Schmerz einer enttäuschten Liebe verfasst, wird ihm die Türen einer neuen und ambitionierten Literaturzeitschrift öffnen, deren Verleger schließlich niemand anderes als Heloises Ehemann sein wird, den diese auf Wunsch ihrer sonst dem Bankrott nahestehenden Eltern aus naheliegenden 'Vernunftsgründen' wählt. Hier gerät der Roman schließlich zu einer Schilderung des Lebens im Großstadtmoloch New York der Roaring Twenties. Dem Leser wird dabei sowohl die Welt der Reichen und Schönen auf der einen Seite, als auch die durch die Not erzwungene ärmliche Existenz des Protagonisten und alle daraus entstehenden Gegensätze und Konflikte bildreich vor Augen geführt. Vance ist dazu verurteilt, an seinen eigenen Prinzipien und Idealen zu scheitern. Durch seine Weigerung mit der alten Witwe Pulsifer (eine Anspielung auf Pulitzer) zu schlafen, vergibt er sich die Chance auf den wichtigsten New Yorker Literaturpreis, der zur Förderung seiner Karriere unabdingbar gewesen wäre. Natürlich hört er auf die falschen Agenten und Redakteure, die nur den Kommerz und nicht die Qualität der Literatur vor Augen haben. Dann heiratet er auch noch die falsche Frau, ein wunderschönes, aber bettelarmes, ungebildetes Mädchen, das wenig später an Schwindsucht stirbt. Natürlich wissen wir es ja schon von Anfang an. Eigentlich sollten doch Vance und Heloise zusammenkommen, aber dazu stehen sie sich selbst und (sic!) die gesellschaftlichen Konventionen im Wege.

Edith Wharton verwendet viel Zeit, um ihre Charaktere liebevoll zu formen und detailliert herauszuarbeiten. Bei aller Liebe fällt es aber dennoch schwer, sich aus heutiger Sicht mit Vance oder Eloise zu identifizieren, da es uns schwerfällt, in den Kategorien und Konventionen ihrer Zeitgenossen zu denken. Irgendwie ist es von Anfang an klar, dass Vance der 'geborene Verlierer' in dieser versnobbten New Yorker Upperclass Welt sein wird, und dass Heloise trotz aller Liebe auch nicht aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen vermag. Da waren sie wieder, wie bei Scott F. Fitzgerald, Gatsby und seine Daisy, die Liebenden, die doch nicht zueinander finden konnten, und in ihrer Welt gefangen hingen. Allerdings wurde mir Edith Whartons Roman im Gegensatz zu Fitzgeralds großartigem Werk zum Ende hin doch en wenig zu trübsinnig und melancholisch.

Fazit: Ein großer Roman einer überaus interessanten Autorin, den es sich lohnt zu lesen. Aber Vorsicht, er dient sicherlich nicht als Lektüre zur Aufheiterung der trübgrauen Wintertage.



Dienstag, 31. Dezember 2013

Tom Reiss 'Der Schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo'

Gestoßen bin ich auf das Buch über eine Rezension im Focus, die mich zugegebenermaßen neugierig machte. Wäre mir aber nicht auch noch der Zufall in Gestalt unserer Nachbarin zu Hilfe gekommen, hätte ich das Buch aller Wahrscheinlichkeit nach nie in die Hände bekommen. Da ich mich nun einmal gerne mit meinen Zeitgenossen über unsere aktuelle Lektüre auszutauschen pflege, kamen wir auf Tom Reiss Biografie über den berühmten Vater von Alexandre Dumas zu sprechen, der sich unsere liebe Nachbarin gerade widmete. Auf meine Frage hin, ob denn das Buch die in der Focus Rezension gemachten Versprechen auch halten könne, hatte sie so ihre Zweifel. Aber, sagte sie, ich solle es am besten selbst herausfinden, als sie mir das Buch vor einigen Wochen zu eben diesem Zweck liebenswürdigerweise vorbeibrachte.

Der amerikanische Journalist Tom Reiss schreibt in seinem Buch "Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo" die Lebensgeschichte des heute nahezu vergessenen Vaters des berühmten französischen Romanautors Alexandre Dumas. Selbst wenn man schon einmal von den 'Drei Dumas' gehört haben sollte, so ist der erste von Ihnen, der General der französischen republikanischen Armee Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806), der wohl heute am wenigsten bekannte. Ganz im Gegensatz zu seinem Sohn, Alexandre Dumas (der Ältere), der mit seinen Musketieren oder dem Grafen von Monte Christo wichtige Beiträge zur Literaturgeschichte geleistet hat, sowie dessen Sohn Alexandre Dumas (der Jüngere), dessen Kameliendame durch Verdis Oper 'La Traviata' unsterblich geworden ist. Neu war auch für mich die naheliegende These, das Alexandre Dumas (der Ältere) Versatzstücke aus der bewegten Biografie seines Vaters zur Grundlage seiner Abenteuerromane gemacht haben soll. Da mich auch die Schilderung der Epoche rund um die französische Revolution und der nachfolgende kometenhafte Aufstieg Napoleons insbesondere aus der Perspektive eines hochrangigen, aus den französischen Kolonien stammenden, dunkelhäutigen Offiziers neugierig machten, versprach ich mir recht viel von diesem Buch.

Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806)
Tom Reiss recherchierte also das Leben des Generals Alex Dumas, der als Sohn des Marquis Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie und der schwarzen Sklavin Marie Cessette Dumas auf Saint-Domingues, dem heutigen Haiti, zur Welt kam. Als Quellen dienten ihm dabei nicht nur die Autobiografie Alexandre Dumas (des Älteren), der bei der Beschreibung der Lebensgeschichte seines heldenhaften Vaters naturgemäß zur Beschönigung und Übersteigerung neigt, sondern zahlreiche zeitgenössische Quellen und offizielle Dokumente, die im Anhang des Buches in einer umfangreichen Bibliografie zusammengetragen wurden. Gekonnt verflicht Tom Reiss die Geschichte seiner eigenen Recherche mit der Lebensgeschichte des Generals, die in Saint-Domingues beginnt, jener französischen Kolonie in der Karibik, des ersten und einzigen Landes, dem es gelang sich selbst von der Sklaverei zu befreien und seine Unabhängigkeit zu erklären. Alex Dumas Vater, der Marquis de la Pailleterie, war ein Abenteurer, der auf der Flucht vor seinen Schulden auf der französischen Zuckerinsel untergetaucht war. Noch vor den Unruhen der französischen Revolution kehrte er zusammen mit seinem Sohn Alex in sein Heimatland nach Frankreich zurück, wobei er seinen Sohn zunächst zum Zweck der finanziellen Sicherung der Überfahrt als Sklaven 'verpfändet' hatte.

Allerdings lies er seinem Sohn später in Frankreich doch eine ausgezeichnete Erziehung und militärische Ausbildung zukommen. Es kommt jedoch zum Zerwürfnis zwischen dem jungen Grafen und seinem Vater, dem Marquis, weshalb Thomas-Alexandre sich seines Titels entledigt und fortan unter dem Namen seiner Mutter als 'Alex Dumas' firmiert. Er tritt als Dragoner in die unteren Ränge der Militärlaufbahn ein und die sich anbahnende französische Revolution unter ihrer Devise 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' macht das unmöglich geglaubte wahr: ein Dunkelhäutiger steigt zum General und gar zum Divisionsgeneral der französischen Armee auf. Gleichzeitig wird die Sklaverei abgeschafft und es ist nur noch das Talent, das zählt, um in der kurzen Zeit der Revolutionswirren in führende Positionen aufzusteigen, ungeachtet der Hautfarbe. Und Alex Dumas zeigt ein gar unglaubliches Talent in allen militärischen Belangen. Mit seiner für die damalige Zeit beeindruckenden Körpergröße von 1,85m, seiner Gewandtheit und Geschicklichkeit, sowie seines strategischen Talents und seiner Tapferkeit, erkämpft er sich die Hochachtung seiner Zeitgenossen. Nur mit Napoleon, dem knapp zwei Köpfe kleineren Korsen mit dem unstillbaren Ego-Komplex, mit dem soll er nicht klar kommen. Ihn macht er sich zum unbarmherzigen Feind und fällt in Ungnade. Napoleon erklärt die französische Revolution offiziell für beendet und beschneidet erneut die unter der Revolution erlangten Rechte der Farbigen in den eigenen Reihen.

Insgesamt liest sich das Buch sehr spannend und unterhaltsam. Atemlos nimmt der Leser teil an den Abenteuern General Dumas, während Tom Reiss das Augenmerk stets auch auf das Werk des Sohnes lenkt und Parallelen zu den Drei Musketieren und zum Graf von Monte Christo herzustellen versteht. Aber auch ohne diese Parallelen, die manchmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen, wäre die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mannes über alle Maßen lesenswert. Nicht umsonst errang Tom Reiss 2013 den begehrten Pulitzer Preis.

Fazit: Ein Sahnestückchen für alle Geschichtsbegeisterten, denen die Welt von Alexandre Dumas (dem Älteren) vertraut ist, und nicht nur für diese: Lesen!

Links:


Donnerstag, 19. Dezember 2013

Marley war tot...

Marley war tot, damit wollen wir anfangen...

Mit diesen Worten beginnt die wohl bekannteste Weihnachtsgeschichte weltweit, Charles Dickens' am 19. Dezember 1843 veröffentlichte Weihnachtsgeschichte 'A Christmas Carol'. Wir alle kennen die Geschichte vom geizigen Ebenezer Scrooge, der des Nachts von drei Geistern besucht wird, die ihm die Sinnlosigkeit seines bisherigen, vom Geiz diktierten Lebens vor Augen führen und ihn schlussendlich zur Selbsterkenntnis führen, die ihn zu einem besseren Menschen machen wird. Zahlreiche Verfilmungen und Adaptionen flimmern alljährlich zu Weihnachten über unsere Bildschirme. Auch wenn Ihr die Geschichte schon in- und auswendig kennen sollte, die Lektüre der originalen Vorlage dieser Adaptionen gerade auch jetzt in der Weihnachtszeit kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Charles Dickens wundervoller, stets von einem Augenzwinkern begleiteter, trockener Humor und Sprachwitz machen die Geschichte immer wieder zu einem Lese- oder gar Vorleseerlebnis. Zum eingewöhnen, hier gleich der Rest des ersten Absatzes...
Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel....

Sonntag, 15. Dezember 2013

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Zugegeben, ich habe diesen voluminösen Band aus der Zeit Edition "Erzählte Wissenschaft" schon im Sommer gelesen, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu schreiben. Üblicherweise bin ich einer von denjenigen Lesern, die jedes angefangene Buch auch zu Ende bringen - auch wenn ich mich dabei manchmal "quälen" muss. Dieses Buch aber ist eines der wenigen in den vergangenen Jahren, dass ich trotz aller guter Vorsätze nach gut 600 Seiten mit wachsender Frustration beiseite gelegt habe, so dass es mir jetzt im Regal als "Schandfleck der nicht zu Ende gelesenen Bücher" entgegenstarrt. Stets keimt ein leichtes Grollen verbunden mit einem Stich des schlechten Gewissens in mir auf, wenn ich am Bücherregal vorbeigehe. Dass ich jetzt endlich auch eine Rezension dazu schreibe liegt auch daran, dass ich lange über das Gelesene nachgedacht habe, wobei ich das Buch ursprünglich eigentlich 'unter den Tisch' fallen lassen wollte, was die Rezension hier im Biblionomicon angeht. Aber genug der Vorrede. Worum geht es und warum hat es mir nicht gefallen?

Es handelt sich um einen historischen Roman, in dem Thomas Pynchon die Geschichte des obskuren Gelehrten-Duos des englischen Astronomen Charles Mason und des Landvermessers Jeremiah Dixon erzählt, die jedem Highschool-Kid in den USA ein Begriff sind, da die beiden die Grenze zwischen Nord und Süd, zwischen freiem Norden und dem sklavenhaltenden Süden der USA zogen, die nach ihnen benannte Mason-Dixon-Linie. Thomas Pynchons Buch kommt überaus gelehrt und fundiert recherchiert, wenngleich abstrus verfremdet daher. Da ist der verwitwete und bierernste Assistenz-Astronom des Royal Greenwich Observatoriums Charles Mason und auf der anderen Seite der leutseelige, aber irgendwie verrückte Landvermesser Jeremiah Dixon. Zusammen bilden sie das klassische Duo irgendwo zwischen "Holmes und Watson" und "Laurel und Hardy", mit verstärkter Tendenz zum (Tragi-)Komischen.

Nachdem beide zusammen im Dienste der Royal Society of Astronomers den Venustransit in Cape Town, Südafrika beobachten, erhalten Sie den Auftrag nach Amerika zu reisen, um den Streit um die Grenzlinie zwischen den Territorien Pennsylvania und Maryland durch Neuvermessung zu schlichten. Das Ganze spielt in einer Zeit noch vor der amerikanischen Revolution und den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen. Ausgerüstet mit einem vielköpfigen Tross von Lieferanten, Handwerkern und Holzfällern machen sie sich auf den Weg, um in fünf Jahren eine kerzengerade schwarze Linie auf der Landkarte abzuschreiten, die Pennsylvania von Maryland und West Virginia im Süden und senkrecht dazu von Delaware trennt. Entlang des Weges treffen sie auf allerlei seltsame Gestalten. Die Liste reicht von Indianern (logisch) über Koffein-Junkies, jesuitische Kabbalisten, bis hin zu tatsächlich historischen Gestalten wie George Washington und Benjamin Franklin. Erzählt wird die seltsame Geschichte ganz im Stil des 18. Jahrhunderts, aus dem Mund des Reverends Wicks Cherrycoke, ganze 20 Jahre später, der das Ganze im Zuge eines Besuchs in der guten Stube seiner Schwester in Philadelphia seinen Nichten und Neffen erzählt, die zwischendurch alles und jedes kommentieren.

So weit so gut. Das Problem, das ich mit der Geschichte hatte, lag eindeutig am Erzählstil und der Sprache des Übersetzers. Ich bin ja nicht ganz unerfahren in der Lektüre "älterer Literatur". Selbst ein nicht neuübersetzter Grimmelshausen aus dem 17. Jahrhundert schreckt mich nicht ab, aber mit dem vom Übersetzer adaptierten Stil Thomas Pynchons kam ich nicht wirklich gut zurecht. Alles wirkt irgendwie über alle Maßen künstlich, geschraubt und ohne Notwendigkeit verkompliziert. In Kombination mit den schrägen Abenteuern des Komikerduos Mason und Dixon wirkt die Sprache noch seltsamer. Vielleicht war das ja als Verfremdungseffekt beabsichtigt, aber ein Blick in das englischsprachige Original lässt diesen Eindruck nicht aufkommen. Wie man in der Wikipedia nachschlagen kann, stammt die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl, die 2007 sogar mit dem Paul-Celan-Preis gewürdigt wurde. Auf die Dauer gerieten mir auch die endlos langen Dialoge der beiden Protagonisten zu einer Zumutung. Sind schon Thomas Manns Endlosplaudereien auf den Zauberberg-Spaziergängen nicht jedermanns Sache, so wird es hier tatsächlich noch schlimmer. Mag sein, dass ich das Buch eines Tages einmal wieder in die Hand nehme und meine - dann reifere - Meinung ändere, aber aktuell kann ich niemanden guten Gewissens zu diesem Selbstversuch raten.

Fazit: Historischer Roman über ein gelehrtes Komikerduo, das in endlosen abstrusen Gesprächen die historische Wahrheit verfremdet und den Leser öfters vor den Kopf stößt. Lesen auf eigene Gefahr. Sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt...


Samstag, 30. November 2013

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - vom Hunde ganz zu schweigen



Heute möchte ich Euch einen Klassiker vorstellen, der mir schon während meiner Schulzeit von unserer Englischlehrerin -- Mrs. Tiggemann -- empfohlen wurde, den ich aber erst vor kurzer Zeit erstmals, aber mit großem Genuss gelesen habe. Es handelt sich um Jerome K. Jeromes 1889 erschienenen Roman 'Drei Männer im Boot, ganz zu schweigen vom Hund!' (Three men in a Boat). Typisch schräger britischer Humor, stets leicht spöttisch mit sich selbst und seinen Mitmenschen befasst, geht es um eine urlaubliche Bootstour die Themse hinauf. Tatsächlich war das Buch auch als Reiseführer gedacht, entwickelte sich dann doch etwas anders als geplant...
"Der hauptsächliche Vorzug dieses Buches liegt nicht so sehr in seiner literarischen Schhönheit oder in den reichhaltigen und nützlichen Informationen, die es vermittelt, als vielmehr in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit." (aus dem Vorwort zur 1. Auflage)
Also eigentlich geht es ja um vier Hauptpersonen: George, William Samuel Harris, der nur als "J." bezeichnete Erzähler und der auf den pompösen Namen Montmercy hörende, neurotische Foxterrier des Erzählers. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder allgemeiner Langeweile heraus beschließen die Freunde eine 14tägige Bootstour von London die Themse hinauf zu unternehmen. Dabei wird gerudert, getreidelt, besichtigt, getrunken, gegessen und campiert. Der geneigte Leser mag jetzt fragen, was denn genau 'treideln' sei. Ihm sei gesagt, dass in Zeiten noch nicht existenter Motoren, Boote und Schiffe auf Flüssen gegen den Strom mit einer langen Leine 'getreidelt', das heißt gezogen wurden. Während Lastkähne meist von Viehgespannen gezogen wurden, übernimmt bei unseren Freunden stets ein Mann diese mehr oder weniger ungeliebte Aufgabe, da das Rudern über längere Strecken einfach auf zu anstrengend ist. Und es soll ja eine 'erholsame' Reise werden.
"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen." (Jerome K. Jerome)
Die gesamte Flussfahrt ist gespickt mit einer Fülle von Abenteuern und Anekdoten, der Erzähler kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser staunt über Jerome K. Jeromes Ideenreichtum, wenn es um das Skurrile geht. Natürlich sind unsere Helden perfekt vorbereitet. Sie packen Sakko, Hut und Schlips ein, aber während sie auf der Themse entlang in die 'Wildnis' hineinrudern (bzw. treideln) müssen sie feststellen, dass sie den Büchsenöffner vergessen haben und die Zahnbürsten unauffindbar bleiben. Stets tun unsere Helden das, was entweder dem gesunden Menschenverstand widerspricht oder gar aufgrund der Gefahr für Leib und Leben explizit verboten ist. Aber sie landen zum Glück nicht im Herz der Finsternis, sondern einfach nur im regnerischen Londoner Hinterland. Sehr amüsant geht es zu, wenn man die drei Herren bei ihrem täglichen Treiben beobachtet. Die Wäsche im Fluss zu waschen, das kann nichts werden, wenn man sich den Zustand der Themse gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Auch stellt es sich als schwierig heraus, abends ganz romantisch selbst einmal eine Mahlzeit am Flussufer zuzubereiten, als man feststellt, dass keiner der Dreien überhaupt kochen kann. Vom Zeltaufbau im Dunkeln möchte ich an dieser Stelle jetzt eigentlich gar nicht mehr reden.
"Ehe wir sie gewaschen hatten, waren unsere Kleider allerdings sehr, sehr schmutzig gewesen, aber man konnte sie doch noch tragen. Aber nachdem wir sie gewaschen hatten – nun um es kurz zu sagen, der Fluß zwischen Reading und Henley war nach unserer Wäsche viel sauberer als zuvor! Allen Schmutz, den das Wasser zwischen diesen beiden Orten enthielt, sammelten und saugten und wirkten wir in unsere Kleider hinein." (Kap. 18)
Tatsächlich hat Jerome K. Jerome mit den Protagonisten seines bekanntesten Buches sich selbst und seine zwei besten Freunde, George und Harris, beschrieben. Lediglich Montmercy, so Jerome, sei reine Erfindung, auch wenn er Vieles mit dem Autor gemein hätte. Interessanterweise nutzen britische Fans Jeromes Schilderung heute noch als Reiseführer und fahren die im Buch angegebene Strecke nach. Die Route hat sich nicht verändert und sogar die meisten der darin genannten Wirtshäuser gibt es noch. Auch wenn es sich diesmal nicht um große Literatur handelt, ist das Buch wirklich sehr unterhaltsam, wenn man sich erst einmal auf den stets abschweifenden Stil Jeromes eingelassen hat. Letztendlich geht es immer um ein grandioses Scheitern an der Tücke des Objekts, erzählt in einem leichten Plauderton. Insgesamt erinnert mich Jerome stark an Mark Twain, den amerikanischen Meister der Anekdote.
"Ich muß gestehen, sprach Harris, indem er die Hand nach seinem Glas ausstreckte, »daß wir eine angenehme Fahrt gehabt haben; ich sage daher dem alten Vater Themse meinen herzlichen Dank dafür; aber ich denke, wir haben wohl daran getan, auszureißen und ihm eine Nase zu drehen! – Ich trinke auf das Wohl der ›Drei Mann glücklich aus dem Boot‹!" (Kap. 19)
Fazit: Grandioses Scheitern im humorvollen Plauderton erzählt, durchsetzt mit schrägem britischen Humor, im Gewand eines 'Reiseführers'. Lesen! 




Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit


Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.


Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!



Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 


Montag, 20. Mai 2013

Goethes Gute Seele - Sigrid Damm 'Christiane und Goethe'

Als ehemaliger Bewohner der Musenstadt Weimar lese ich immer wieder gerne über diese kleine, verschlafene Stadt, die mir in den wenigen Jahren, die ich dort wohnen durfte, tatsächlich zu einem Stück 'Heimat' geworden ist. Goethe ist in Weimar allgegenwärtig, nachzulesen auch hier im Biblionomicon. Und ein nicht gerade unbedeutender Zweig der Touristik- und Andenkenindustrie verdankt dem Wirken des Geheimen Rates in Weimar ihre Daseinsberechtigung. Allerdings kommt Christiane, die Frau an seiner Seite, dabei meist zu kurz. Nicht nur, dass die Weimarer ihr Zeit Lebens das selbige recht schwer gemacht haben, ob ihrer nicht standesgemäßen Abstammung und Goethes beständigem Zaudern, das gemeinsame "Verhältnis" doch endlich zu legalisieren. Nein, die beiden liegen noch nicht einmal zusammen auf dem Friedhof... 

Sigrid Damm schrieb die Biografie von Christiane, der Frau an Goethes Seite. Allerdings zeigt schon der Titel "Christiane und Goethe - Eine Recherche", dass Christiane ohne Goethe oder vielmehr eine Biografie ohne Goethe nicht denkbar ist. So erfährt der Leser auch wesentlich mehr über Leben und Schaffen des Geheimen Rates als über dessen Lebensgefährtin und Frau, doch ist dies natürlich auch der ungleich üppig vorhandenen Quellenlage der beiden zu danken. Und es ist tatsächlich eine Quellenrecherche, auf die uns Frau Damm in ihrem trotz des trockenen Themas spannend erzählten Werk mitnimmt. Originalton, Kommentar und verbindende Erläuterungen wechseln einander in chronologischer Abfolge beständig ab. Zunächst erfährt der Leser mehr über Christiane Vulpius Herkunft und Familie. Der Vater, Johann Friedrich Vulpius, Amtsarchivar in Weimar - eine etwas euphemistische Bezeichnung für einen Aktenkopisten - musste sein Studium der Rechtswissenschaften abbrechen und fristete zeit seines Lebens in prekären Verhältnissen. Dies hatte Auswirkungen auf die bedrängten Lebensverhältnisse der ganzen Familie, da Johann Friedrich alles daran setzte, seinen ältesten Sohn Christian August ein Studium zu ermöglichen. Als der Vater wegen "Unregelmäßigkeiten" vorzeitig aus dem Dienst am Weimarer Hof entlassen wird, ist die Familie auf die kläglichen Einnahmen Christianes angewiesen, die sich als Putzmacherin in der kleinen Weimarer Manufaktur von Caroline Bertuch verdingt.

Natürlich wird überdies auch das Leben Goethes schlaglichtartig beleuchtet und sein Weg an den Weimarer Hof. Im Oktober 1775, nach Auflösung von Goethes Verlobung mit der Frankfurter Bankierstocher Lili Schönemann entschließt sich Goethe, der unter der Trennung sehr litt, die Einladung des damals gerade 18-jährigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar anzunehmen. Gerade einmal 6000 Seelen zählte das Städtchen damals, das durch das Wirken der Herzoginmutter Anna Amalia im Begriff war, sich zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln. Goethe wird nicht nur der Freund und Vertraute des Herzogs, auch an den Staatsgeschäften und der Politik nimmt er Anteil, als er am 11. Juni 1776 zum Geheimen Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, dem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, ernannt wird. Wie kommen nun der allseits bewunderte Minister, der zudem eine sehr intime, wenn auch platonische Freundschaft zu der sieben Jahre älteren, und äußerst kultivierten Hofdame Charlotte von Stein pflegte, und die einfache Putzmacherin zusammen?

Nun, Goethes Verhältnis zu Charlotte von Stein ging in die Brüche, als dieser 1786 dem Weimarer Hof und seinen politischen Aufgaben den abrupt Rücken kehrte. In aller Heimlichkeit bricht er auf, um sich eine Auszeit in Rom zu nehmen, um seine vielzitierte "italienische Reise" anzutreten. Die tiefverletzte Frau von Stein sollte ihm das nie verzeihen können, insbesondere da Goethe nach seiner Rückkehr Christiane Vulpius kennenlernen wird. So treffen sich Goethe und Christiane Vulpius erstmals im Juli 1788, als sie den "hohen Herren" in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm eine Bittschrift für ihren Bruder Christian August überreichen möchte. Und sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck: 22 Gulden schickte Goethe sofort ab und in der Tat entwickelte sich zwischen den beiden rasch ein leidenschaftliches Liebesverhältnis. Mehrere Monate über trafen sich die beiden heimlich, meist nachts in Goethes Gartenhaus. Aber dieses Verhältnis ist alles andere als standesgemäß und so fällt auch das Urteil von Goethes Freunden und Bekannten nicht gerade positiv für Christiane aus. Für Christoph Martin Wieland ist sie nur eine "Magd", Charlotte von Schiller bezeichnet sie als ein "rundes Nichts", und Bettine von Arnim gar als "eine Blutwurst", die "toll" geworden sei. Auf alle Fälle aber nicht wert, um vom Dichtergenie Goethe als Geliebte oder gar als Ehefrau wertgeschätzt zu werden. Nachdem auch der Herzog die neuen Lebensumstände seines Freundes missbilligt, muss Goethe sein liebgewordenes Haus am Frauenplan verlassen, in dem er sich zusammen mit Christiane eingerichtet hatte, und wird vor den Toren der Stadt im sogenannten Jägerhaus, quasi aus den Augen der "Guten Gesellschaft", einquartiert. Selbst nachdem sich Goethe nach ganzen 17 Jahren am 19. Oktober 1806 letztendlich entschließt, seine Geliebte auch zur legitimen Ehefrau zu machen und ihr in der Jacobskirche im Weimar sein Jawort gibt, sollte die frischgebackene "Geheimrätin Goethe" von der Weimarer Gesellschaft nur sehr zögerlich akzeptiert werden.

Zwar ist es mit Christianes Bildung nicht allzuweit her, doch meistert Sie mit ihrer Energie, ihrem Lebensmut gepaart mit gesundem Menschenverstand nicht nur Goethes komplexen Haushalt, sondern ergänzt den Kopfmenschen auf geniale Art und Weise. Leider war es um ihre Gesundheit nicht zum Besten bestellt. 1815 erlitt sie einen Schlaganfall, gefolgt von äußerst schmerzhaften Nierenversagen, so dass sie nach qualvollem Leiden am 6. Juni 1816 starb. „Du versuchst, o Sonne, vergebens,/ Durch die düstren Wolken zu scheinen!/ Der ganze Gewinn meines Lebens/ Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ lauten Goethes Abschiedsverse auf der Grabplatte im Weimarer Jacobsfriedhof.

Bei allen Lobhudeleien über Goethes Genius missfällt mir einer seiner Charakterzüge besonders, und das ist sein allzeit "problematisches" Verhältnis zu Krankheit und Tod. Man denke nur an seinen Dichterkollegen und Freund Friedrich Schiller. Nicht nur, dass er dessen Krankheit lange Zeit ignoriert, nein, er kommt noch nicht einmal zu Schillers Beerdigung. Auch Christiane wird in ihrem Leiden von Goethe mutterseelenalleine zurückgelassen, da er wieder einmal Reißaus genommen hat und von ihrem Ableben erst schriftlich erfahren wird. Natürlich kam er auch nicht zu ihrer Beerdigung...

Fazit: Eine überaus spannend zu lesende Biografie zweier ungleicher Liebender, die ich unbedingt allen ans Herz legen möchte: LESEN!

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Donnerstag, 9. Mai 2013

Mit Borat auf Pilgerfahrt - Jonathan Safran Foer 'Alles ist erleuchtet'

Also dieses Buch war wirklich eine Überraschung für mich, da ich mir etwas vollkommen anderes darunter vorgestellt hatte. Geballt treffen hier ein historischer Roman, interkulturelle Verwicklungen auf dem ukrainischen Balkan mit skurilem Humor im Rahmen eines Roadmovies zusammen. Ins Auge gefallen war mir das Buch in den Buchhandlungen zunächst durch das in meinen Augen großartig gelungene Cover und den seltsamen Titel. Ok, der Klappentext hätte mich zunächst alles andere als begeistert, und auch die holprig unsichere Sprache des hormonstaugeprägten Ukrainers lassen den Leser zunächst zweifeln, ob das Buch tatsächlich eine gute Wahl gewesen war. Aber, wer ein Stückchen durchhält, der wird für seine Mühe noch belohnt werden...

Jonathan, gleichsam das Alter Ego des Autors, ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der in die Ukraine reist, weil er ein Buch über das jüdische Schtetl Trachimbrod schreiben möchte, in dem seine Vorfahren gelebt haben. Im 2. Weltkrieg gelang seinem Großvater die Flucht vor den Nazis und schließlich die Ausreise in die USA. Dabei half ihm eine junge Frau namens Augustine, von der nur noch ein altes Foto existiert, und deren Spuren Jonathan nachspürt. Unterstützt wird er dabei durch den von ihm angeheuerten Fremdenführer Alex, einem jungen, amerikabegeisterten und großmäuligen Ukrainer, sowie dessen "blinden" und meist nicht zu großen Worten aufgelegten Großvater, der als Fahrer der beiden herhalten muss. Komplettiert wird das Trio noch durch Großvaters Hund "Samy Davis Jr. Jr.", einem neurotischen Straßenköter (weiblich) mit einer besonderen Vorliebe für Jonathan, der große Angst vor Hunden hat.
"Lieber Jonathan, ich sehne, dass dieser Brief gut wird. Wie du weißt, bin ich nicht erstklassig mit Englisch. In Russisch sind meine Ideen abnorm gut formuliert, aber meine zweite Sprache ist nicht so unerreicht." (Seite 41)
Ausgehend von dieser Rahmenerzählung spannt sich der Roman in drei verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder ineinandergreifen und interagieren. Eigentlich ein geniales Konzept. Der Leser wird dabei rückblickend über einen Briefwechsel zwischen Alex und Jonathan in die Romanhandlung eingeführt, wobei wir zum Zeugen der schleichenden Verbesserung von Alex Sprachkenntnissen werden. Dieses Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Sprachen und Kulturen ist auch immer wieder ein Grund für zum Teil unglaublich komische Missverständnisse beider Seiten, mit denen diese aber zur Freude des Lesers sehr souverän umzugehen wissen. Die Pilgerfahrt auf der Suche nach dem verschwundenen Tachimbrod und der geheimnisvollen Augustine - also die erste Zeitebene - wird auf diese Weise rückblickend in den Briefen der beiden - in der zweiten Zeitebene - erzählt.
". . . und ich habe das Wörterbuch, das du mir geschickt hast, erschöpft, wie du es mir auch geraten hast, wenn meine Wörter zu klein oder zu unanständig waren" (aus einem Brief von Alex)
Die dritte Handlungsebene spielt im 18. Jahrhundert im jüdischen Schtetl Tachimbrod und erzählt die zum Teil phantastisch überhöhte Geschichte von Jonathans Vorfahren, ausgehend von seiner Ahnfrau namens Brod - benannt nach dem Fluß, in dem der Wagen eines fahrenden Hausierers gerade abgesoffen ist und das Kind gemeinsam in einem Wirbel von Garnspulen, Spitzen, Schirmspeichen, und Spiegelchen gleichsam in einer "Schaumgeburt" an die Oberfläche getrieben wird. Diese Handlungsebene stellt nichts anderes dar als das Buch, das der Jonathan der Erzählung gerade schreibt - bzw. geschrieben hat, und in dem er quasi seine Vergangenheit versucht wiedererfinden. Die Zeiten geraten hier immer irgendwie in Schieflage. Interessant ist dabei, dass Alex die einzelnen Kapitel aus Jonathans Buch dann wiederum in seinen Briefen kommentiert und so die Zeitebenen miteinander interagieren. Etwas verwirrend, wie es scheint, aber wenn man sich erst einmal an die verschiedenen Erzählstile gewöhnt hat, entpuppt sich das Werk als wunderbares Kleinod. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen wird in Roadmovie gekleidet, das an eine Pilgerfahrt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gemahnt. Ein mythisch verklärter, romantisch-historischer Roman wird mit einer Situationskomik von staubtrockenem Humor gepaart. Und die hat es in sich, wie ein Beispiel der oft irrwitzigen Dialoge zwischen Jonathan, Alex und dem Großvater zeigt:
"Nur eins", sagte der Held. "Was?" "Sie müssen wissen ..." "Ja?" "Ich bin ...Wie soll ich sagen ...?" "Was?" "Ich bin ..." "Sie sind sehr hungrig, nicht?" "Ich bin Vegetarier." "Ich verstehe nicht." "Ich esse kein Fleisch." "Warum nicht?" "Ich esse es eben nicht." "Wieso essen Sie kein Fleisch?" "Ich esse es eben nicht." "Er isst kein Fleisch", informierte ich Großvater. "Natürlich isst er Fleisch", sagte Großvater. "Natürlich essen Sie Fleisch", informierte ich den Helden. "Nein. Tu ich nicht." "Warum nicht?", erkundigte ich mich noch einmal. "Ich esse es eben nicht. Kein Fleisch." "Schweinefleisch?" "Nein." "Fleisch?" "Kein Fleisch." "Steak?" "Nein." "Huhn?" "Nein." "Essen Sie Kalb?" "Um Gottes Willen, nein. Absolut kein Kalbfleisch." "Was ist mit Wurst?" "Auch keine Wurst." Ich sagte es zu Großvater, und er schenkte mir einen sehr genervten Blick. "Was ist los mit ihm?", fragte er. "Was ist los mit Ihnen?", fragte ich den Helden. "So bin ich eben.", sagte er. "Hamburger?" "Nein." "Zunge?" "Was hat er gesagt, das mit ihm los ist?", fragte Großvater. "So ist er eben." "Isst er Wurst?" "Nein." "Keine Wurst!" "Nein. Er sagt, er isst keine Wurst." "Wirklich?" "Das sagt er." "Aber Wurst ist ..." "Ich weiß. Sie essen wirklich keine Wurst?" "Keine Wurst." "Keine Wurst", sagte ich zu Großvater. Er schloss die Augen...
Auch wenn die Pilgerfahrt der drei ungleichen Weggefährten nach Tachimbrod zunächst vergeblich scheint, endet die Reise am einsam in der ukrainischen Landschaft stehenden Haus der etwas verrückten Lista. Als einziges Haus war es damals 1942 dem Untergang des gesamten Ortes entgangen. Und diese sehr traurig stimmende Geschichte gibt Jonathan Safran Foer seinen mittlerweile nachdenklich gewordenen Lesern jetzt auch noch mit auf den Weg.

Tatsächlich setzt sich die Rahmenhandlung des Romans aus autobiografischen Elementen aus dem Leben Jonathan Safran Fors zusammen [1]. Jahrgang 1977 und in Washington geboren, war er mit neunzehn Jahren in die Ukraine gereist, um dort den Spuren seiner jüdischen Vorfahren nachzugehen, und hat diese Geschichte in seinem Debutroman verarbeitet. Ein nur 24 Jahre alter Autor (das Buch erschien 2001), der über die Liebe, den Sinn des Lebens und den Holocaust in einer Art zu schreiben versteht, die weder verkitscht noch anklagend erscheint. Das Leben lässt sich manchmal nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge ertragen, um die richtige Perspektive nicht zu verlieren.

Fazit: Herrlich komisch und zugleich tiefgründig nachdenklich traurig. Wer sich auf das Buch einlässt, wird es nicht bereuen. Lesen!

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Sonntag, 5. Mai 2013

Dem 'Aha-Effekt' auf der Spur - Gilbert Keith Chesterton - Apollos Auge

Auch wenn ihr noch nie etwas von Gilbert Keith Chesterton gehört haben solltet, so ist euch bestimmt Pater Brown ein Begriff, der Detektiv in römisch-katholischer Priestersoutane, der sich insbesondere auch in Deutschland seit den Filmen mit Heinz Rühmann und den nachfolgenden Fernsehserien großer Beliebtheit erfreut. Krimis sind eigentlich nicht unbedingt mein Metier, so dass ich bislang noch nichts mit Pater Brown zu schaffen hatte. Allerdings hatte ich bereits Chestertons skurrilen Roman 'Der Mann, der Donnerstag war' gelesen und war umso mehr gespannt, einiger seiner Kurzgeschichten in der 'Bibliothek von Babel', von der hier im Biblionomicon schon öfters die Rede war, zu lesen.

Fünf seltsame, kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten bilden den Inhalt dieses 7. Bandes der 'Bibliothek von Babel', eingeleitet wie immer durch ein Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges. Chesterton, so Borges, versuchte sich bevor er sich für die Schriftstellerei entschied als Maler. Daher seien seine Werke von einer bemerkenswerten Visualität geprägt. Zusammenfassend rühmt er Chestertons Werk mit den folgenden Worten:
"Die Literatur ist eine der Formen des Glücks; vielleicht hat kein Schriftsteller mir soviel glückliche Stunden bereitet wie Chesterton." (Seite 12)
Doch diesmal spielt das phantastische Element, das sonst diese Serie dominiert, kaum eine Rolle, auch wenn es sich um außerordentlich rätselhafte Vorfälle dreht, denen Chestertons Detektiv Pater Brown Schritt für Schritt auf den Grund gehen muss. Doch die erste Kurzgeschichte 'Die drei apokalyptischen Reiter' kommt selbst ohne den Detektiv daher und erzählt von einer unerhörten Begebenheit aus einem zurückliegenden Krieg, als Botschaften noch am schnellsten über berittene Boten ausgetauscht werden mussten. Die Tücke in dieser Art der Übermittlung liegt in der Zeit, die eine Nachricht benötigt, um vom Sender zum Empfänger zu kommen. Anders als heute, da die Kommunikation weltweit nahe verzugslos stattfindet, blieb einem Störenfried damals ausreichend Zeit, um in diesen Vorgang einzugreifen, auch wenn es sich um den schnellsten berittenen Boten des Heeres handeln sollte. Es geht dabei um die Übermittlung eines Todesurteils, die anschließende Aufhebung desselben und damit einhergehenden Störungsversuch, um diese Aufhebung wiederum zu verhindern. Doch endet die Geschichte nicht unbedingt im Sinne Senders...

In den folgenden vier Geschichten betritt Pater Brown die Szene. In 'Die seltsamen Schritte' kommt Pater Brown beim jählichen Festmahl des snobistischen Klubs der "Zwölf wahren Fischer" im exklusiven Edelrestaurant des Hotels Vernon einem akustischen Phänomen auf die Schliche. In 'Die Ehre des Israel Gow' weilt Detektiv in einem düster heruntergekommenen schottischen Schloss bei entsprechend schlechtem schottischen Wetter, um das Rästel um den Tod und das Testament des letzten Lord Glengyle zu ergründen. 'Apollos Auge', die Geschichte, die dem vorliegenden Band auch ihren Namen  gibt, verspottet den Kult zur Esoterik, die hier als Rahmen und zum Werkzeug eines Verbrechens missbraucht wird. Mir persönlich hat die letzte Geschichte 'Das Duell des Doktor Hirsch' besonders gut gefallen. Sie spielt in Frankreich und es geht um Hochverrat, verletzte Ehre und um ein entwendetes Dokument, aber nichts ist wie es scheint und dennoch gelingt es Pater Brown diesen unentwirrbaren Knoten zur Verblüffung des Lesers zu zerschlagen.

Spöttisch, gewitzt und unverblümt geht Pater Brown an die Auflösung seiner Fälle und im Gegensatz zu seinem Kollegen und Übervater Sherlock Holmes scheiden sich an dieser Figur die Geister, denn nicht alle können sich mit diesem römisch-katholischen Superdetektiv, der mit seine Fälle weniger mit streng logischer Deduktion, denn mit urchristlichem Bauchgefühl aufklärt, anfreunden. So mysteriös die Ausgangssituation erscheint, so profan kommt dann die Auflösung daher, die der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen verwurzelte Brown präsentiert. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber dann doch keine seichte Kost, Aber das ist dann doch, wie immer, auch Geschmacksache.

Fazit: Stimmungsvoll erzählte, verblüffende Geschichten mit einem nicht unumstrittenen Protagonisten. Durchaus lesenswert!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
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