Montag, 1. September 2008

Alfred Kubin: Die andere Seite

Mehr durch Zufall geriet mir dieser Roman des österreichischen Künstlers Alfred Kubin als altes Reclam-Bändchen in die Hände. "Die andere Seite", entstanden im Jahr 1909, ist ein aufschlussreiches literarisches Beispiel für die Epigonen der Spätromantik, die das Unheimliche und Phantastische ins expressionistisch Surrealistische hinein steigern. Kubin ist ja weithin bekannt durch seine kongenialen Illustrationen zu Edgar A. Poes Erzählwerk, aber er hat auch einen Roman, "Die andere Seite" veröffentlicht.

Ein Zeichner (ein Alter-Ego Kubins?) wird von einem alten Schulfreund -- Patera, der zu unermesslichen Reichtum gekommene Herrscher seines in Zentralasien selbstgeschaffenen Utopias -- auserwählt und in das neugeschaffene Traumland hinter den Bergen von Samarkand mit seiner Hauptstadt "Perle" eingeladen, das ein sorgenfreies Leben verspricht. Nach einer strapaziösen Reise fällt als erstes die gewaltige Mauer ins Blickfeld, die das Reich von allen äußeren Einflüssen abschirmt. In Perle angekommen erleben die Reisenden einen Kulturschock nach dem nächsten. Nicht nur, dass die Zeit im 18. Jahrhundert stehen geblieben zu sein scheint -- jegliche Technologie und Innovation wird strickt abgelehnt und die ortsübliche Mode orientliert sich am Biedermeier und dessen Vorläufern -- seltsame Rituale bestimmen dort den Ablauf der Zeit. Es fehlt in Perle jegliches Ziel und so gerät das Leben trotz allem anfänglichen Überflusses schnell zu einem Albtraum.

Der Roman wird nun immer surrealistischer, unheimlicher, düsterer und scheint dem Erzähler fast gänzlich zu entgleiten, wobei die Grenzen zwischen Realität und Traum in einem beständigen Fluss zu liegen scheinen. Viele Figuren dort mögen nur unterschiedliche Facetten des Erzählers selbst zu sein, die miteinander im Widerstreit liegen, so etwa das "Über-Ich" Patera und dessen Widerpart Hercules Bell, die sich beide einen erbitterten Machtkampf liefern, der schließlich in einer Apokalypse endet. Stellenweise kommt man sich vor wie in einem nicht enden wollenden Drogenrausch. Die Gestalten des Traumlandes geraten mehr und mehr zu Schattenbildern aus den Visionen und Albträumen eines Hieronymus Bosch...

Wirklich, ein düsteres Stück von einem Roman und ich bin, was das Werk angeht, etwas zwiegespalten. Ansich habe ich ja eine besondere Vorliebe für phantastische und unheimliche Literatur, aber im zweiten Teil wird Kubins einziger Roman zuweilen sehr anstrengend, da ihm - beabsichtigt oder nicht - die Kohärenz seines Werks aus dem Ruder zu laufen beginnt. Dies spiegelt natürlich auch die im Werk selbst beschriebene Auflösung des Kubin'schen Traumreichs wider und scheint daher beabsichtigt. Sehr schön wird dies in der Rezension von Hartmut Ernst zusammengefasst:
"Die Sehnsucht nach einer starken, festen Kraft, die das Leben einheitlich und geschlossen organisiert, endet im Zusammenbruch, in der Ruine dessen, was der Erzähler selbst ständig ironisch reflektiert: der menschlichen Natur. Zerbrochen in Trümmern steht zuletzt der Traum einer wenn nicht besseren, so doch zumindest ganz anderen Welt, die den Schein einer Alternative anbieten sollte."

Fazit: Ein ungewöhnliches Stück Literatur für Liebhaber des Unheimlichen und Phantastischen mit stark psychologisch, philosophischer Prägung.

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