Sonntag, 31. Januar 2010

Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans - Wilkie Collins 'Der Monddiamant'


Glaubt man doch im Allgemeinen, Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes stehe am Anfang der Gattung des englischen Kriminalromans, sollte man noch gut 20 Jahre weiter zurück in die Vergangenheit zurückgreifen und Wilkie Collins lange Zeit vergessenen und aus ungewohnter Perspektive geschriebenen Klassiker lesen, der bereits alle Elemente enthält, die den englischen Kriminalroman überhaupt ausmachen. Ein fulminanter Start für ein ganzes Literaturgenre also, das aber ebenso auf noch berühmtere Vorbilder zurückgreift...

Das 19. Jahrhundert, der 'Aufbruch der Moderne', erscheint uns aus unserer heutigen postmodernen Sichtweise oft als 'gute alte' und vor allen Dingen 'geruhsame' Zeit. Der Erdball aber begann bereits zu schrumpfen, die industrielle Revolution erreichte ihre ersten Höhepunkte, Telegrafie und Eisenbahn versetzten das damalige Leben in einen Zustand ungeahnter Beschleunigung. An der Grenze zu dieser Epoche liegt auch die Entstehung des literarischen Genres des Kriminalromans. Einer seiner ersten und heute leider zumindest im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannten Vertreter ist Wilkie Collins, der mit seinen Romanen 'Die Frau in Weiß' (1860, steht bereits auf meiner Leseliste) und 'Der Monddiamant' (1868) das Genre entscheidend prägen sollte.

Der Monddiamant, das ist ein außergewöhnlicher Diamant, der seinen Namen seiner Herkunft verdankt, da er ursprünglich an der Stirn einer indischen Mondgottheit angebracht seine wechselvolle und fluchbeladene Geschichte begann, ganz ähnlich dem Kohinoor der englischen Kronjuwelen. 1799 belagern englische Truppen das indische Seringapatham und der draufgängerische John Herncastle bringt den Stein in seinen Besitz und anschließend nach England.
"In puncto Tapferkeit - das muss man sagen - war er eine Mischung von Bulldogge und Kampfhahn mit einem Schuss von 'Wildem' dazwischen." (Seite 27)
50 Jahre später soll seine noch nicht mündige Nichte Rachel Verinder den Diamanten erben. Ihr Cousin Franklin Blake überbringt ihr den Stein aus dem sicheren Safe der Bank in London nach Yorkshire zum Landsitz der Familie Verinder. Doch seit der Stein aus Indien nach England verbracht wurde, suchen dessen ursprüngliche Besitzer ihn zurückzugewinnen. Überall durchzieht der Schatten der drei geheimnisvollen Inder den Roman, die dem Stein auf der Spur sind. Auf der Geburtstagsfeier der jungen Miss Verinder kommt es schließlich, wie es kommen muss. Am folgenden Tag ist der Diamant verschwunden und die Aufklärung des Verbrechens beginnt.

Collins lässt diesen Roman aus der ungewohnten Perspektive verschiedener Personen erzählen, deren Aufzeichnungen quasi wie in einer Art Briefroman den Ablauf der Handlung zusammenfügen. Als erstes tritt uns Gabriel Betteredge gegenüber, der fast 70 Jahre alte und etwas schrullige Haushofmeister der Familie Verinder, der die Geschehnisse bis zum ersten Abbruch der Ermittlungen schildert. Betteredges universeller Ratgeber dabei ist Daniel Defoes 'Robinson Crusoe', den er als Zitat in allen Lebenslagen versucht an den Mann zu bringen.
"Ich teile durchaus die Ansicht...wie man seine Frau aussuchen sollte...Sie müsste ihr Essen gut kauen und ihre Füße fest aufsetzen; dann wäre alles in Ordnung." (Seite 12)

Franklin Blake, Überbringer des Diamanten und Rachels Cousin, hat sich in seine Cousine verliebt und versucht sich ebenso wie Betteredge als Laiendetektiv an der Aufklärung des Falls. Dabei unterstützen die beiden den berühmten, extra aus London herbeigerufenen Sergeant Cuff, der seinen stümperhaften lokalen Vorgänger Inspector Seagrave ablösen soll. Auch hier wieder die Charakterisierung von Typen, wie sie später zum Standardinventar des englischen Detektivromans zählen werden: der tumbe lokale Polizeiinspektor wird vom genialen Profidetektiv abgelöst, Laien versuchen sich zusätzlich an der Aufklärung des Falls, darunter auch Franklin Blake als 'Gentleman Detective'. Zudem dient als Ort des Verbrechens ein englischer Landsitz. Godfrey Ablewhite, noch ein Cousin Rachel Verinders, hat ebenfalls ein Auge auf Rachel geworfen, wird jedoch bei seinem Antrag abgewiesen. Die Ermittlungen gehen voran, falsche Fährten werden gelegt, verfolgt und wieder verworfen, Rachel Verinder erweist sich als völlig unzugänglich und verweigert komplett ihre Mithilfe, wodurch sie ebenfalls in Verdacht gerät. Betteredges Aufzeichnungen enden mit dem Aufbruch Lady Verinders und ihrer Tochter nach London und dem damit vorläufigen Ende der Ermittlungen.
"Solange ich nun schon meine Erfahrungen auf den schmutzigen Wegen dieser schmutzigen kleinen Welt gesammelt habe, ist mir so etwas wie eine 'lächerliche Kleinigkeit' noch nie begegnet." (Seite 75)
Der Faden des Geschehens wird nun von Drusilla Clack aufgenommen, ihres Zeichens eine verarmten (unverheirateten) Cousine Rachels und eine Art religiöser Fanatikerin, die ständig versucht, ihre Verwandschaft 'auf den rechten Pfad der Tugend' zu führen und damit meist in mehr oder weniger lächerlichen Szenen endet. Erneut wagt Godfrey Ablewhite einen Antrag, stößt zunächst auf Zustimmung, wird dann aber schließlich doch wieder abgewießen. Was ist nur los mit dieser Rachel? Weitere Ermittlungen werden von Matthew Bruff, dem Anwalt der Familie Verinder und von Franklin Blake selbst geschildert, der schließlich dem Verbrechen auf die Spur kommen soll. Um die Exotik der Ausgangssituation aufzugreifen und weiter auszureizen, kommen jetzt auch noch Drogen und Drogenerfahrungen mit ins Spiel, was dem Roman schließlich auch einen modernen Charakter schenkt und gewiss zu seiner ursprünglichen Popularität beigetragen hat.

Natürlich klärt sich am Ende alles auf. Wie, das wird hier nicht verraten, um dem zukünftigen Leser die Spannung nicht zu nehmen. Ich hatte das Glück, eine sehr schöne Halblederausgabe des Romans von 1949 aus dem Hera Verlag zu ergattern (siehe Foto). Die alte Übersetzung von Sigfried H. Engel trägt einiges dazu bei, dass dem heutigen Leser die Handlung an manchen Stellen allzu beschaulich und langsam erscheinen mag. Andererseits wird den handelnden Figuren viel Spielraum zubemessen, um ihren Charakter zu entfalten. Schließlich konnte Collins noch nicht auf die Stereotypen zurückgreifen, die es heute in der Kriminalliteratur zu finden gibt, und die sich heute mit nur wenigen Worten charakterisieren lassen. Sehr schön gelungen sind vorallem die verschiedenen Erzählperspektiven. Sie halten die Spannung aufrecht und sorgen dafür, dass der Leser stets nicht mehr weiß oder erahnt, als die gerade erzählende Person. Neben den ernsteren Charakteren treten auch die beiden skurilen Typen Betteredge und Drusilla Clack auf, die zur Handlung einen humoristischen Einschlag beisteuern.

Der wohl berühmteste Vorgänger von Collins ist Edgar A. Poe, der mit seinem Meisterdetektiv Auguste Dupin das Genre schlichtweg begründete, das Collins gut 20 Jahre später in England erneut aufgriff und zu weiterer Vervollkommnung führte. Collins Romane besitzen wirklich bereits alle Eigenschaften und Charaktere, die ein moderner Kriminalroman heute in der ein oder anderen Abwandlung variiert. Schade nur, dass dieser Autor so lange in Vergessenheit geraten ist und erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (wenn auch zaghaft) auftauchte.

Fazit: Eine mit allen Wassern gewaschene, ungewöhnliche Kriminalgeschichte und vor allen Dingen ein Genreklassiker. Lesen!

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Kommentare:

Cara hat gesagt…

toller Tipp!
wie bist du denn auf den Titel gestoßen?

Harald Sack hat gesagt…

An der Uni in Trier hatte ich einen Kollegen, den eigentlich niemand wirklich leiden konnte. Das lag zum Teil daran, dass er vordergründig immer einen ganz besonders 'ausgefallenen' Geschmack in Sachen Kultur an den Tag legte. Das äußerte sich musikalisch in seiner Vorliebe für Benjamin Britten oder barocke Opern (Monteverdi und Kastraten), und literarisch in besonders schwierig zu lesenden (und nicht unbedingt spannenden oder interessanten) englischen Originalen. Ein etwas leichteres Exemplar der letzteren Gattung war 'The Moonstone', von dem er uns öfters in Bezug auf seinen Lesefortschritt berichtete. Zugegebenermaßen hat es lange gedauert, bis ich das Buch dann endlich (in der deutschen Übersetzung in die Finger bekommen habe, aber - wie ich ja oben beschrieben habe - es hat sich rentiert :)