Sonntag, 24. Juni 2012

Viktorianischer Drogentrip um eine schwierige Männerfreundschaft - Dan Simmons 'Drood'

Charles Dickes sollte seinen letzten Roman 'Das Geheimnis des Edwin Drood' niemals zu Ende schreiben können. Gut die Hälfte der Kapitel hatte der Großmeister der englischen Erzählkunst fertig gestellt und an den Verlag verschickt, als ihn sein Ende ereilte. Fatal, denn es sollte sich um eine Kriminalgeschichte handeln und Dickens hatte zwar viele Spuren gelegt, blieb uns die Aufklärung des eigentlichen Verbrechens aber schuldig. Schlimmer noch, er ließ auch noch zahlreiche Hintertüren offen, so dass es sich gar nicht um einen Mordfall handeln musste. Zum Glück für die Nachwelt haben sich bereits zahlreiche Autoren an der Vollendung seines letzten Werkes versucht, so auch nachzulesen im Biblionomicon unter 'Die Mutter aller Cliffhanger...'[1]. Was liegt also näher, als rund um die letzten Tage Charles Dickens und seinem unvollendeten Roman selbst einen Roman zu stricken. Material ist sicherlich genug dazu vorhanden. Insbesondere, wenn man Verschwörungsgeschichten mag, und Charles Dickens' Kollegen und Freund Wilkie Collins (vgl. Biblionomicon 'Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans...'[2]) zum Verfasser bzw. Erzähler der geheimnisvollen Geschichte erhebt.
"Ich heiße Wilkie Collins, und da ich die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen auf einen Zeitpunkt hinauszuschieben gedenke, der mindestens eineinviertel Jahrhunderte nach meinem Ableben liegt, vermute ich, dass Du meinen Namen nicht kennst." (erster Satz des Romans)
Damit mag Wilkie Collins Recht haben, denn wer üblicherweise Romane des Autors Dan Simmons liest, ist wahrscheinlich eher im actionlastigen Horror-, Psycho- oder Science Fiction Genre zu Hause, als dass er sich mit englischen Kriminalschriftstellern des 19. Jahrhundert oder gar Charles Dickens auseinandersetzt. Dan Simmons Roman 'Drood' startet mit dem tragischen Eisenbahnunglück von Staplehurst, bei dem ein Zug eine Brücke hinabstürtzte. Charles Dickens saß tatsächlich als Passagier in diesem Zug und überlebte das Unglück wie durch ein Wunder körperlich unverletzt. Jedoch sollte ihn der Schrecken noch sein Leben lang verfolgen. Ausgehend von diesem tatsächlich biografischen Ereignis entspannt sich Dan Simmons Geschichte um den mysteriösen Mr. Drood, seine alptraumhafte, schrecklich verunstaltete Gestalt im schwarzen Umhang, die sich Dickens während des Eisenbahnunglücks vorstellt, als dieser sich um die Verletzten kümmern will. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet er aber auch wieder, so dass sich Dickens und ebenso sein Freund Wilkie Collins, dem er sich anvertraut,  fragen, war diese Gestalt tatsächlich real oder nur eine Ausgeburt von Dickens überreizter Phantasie. Die Suche nach dem geheimnisvollen Drood gerät für die beiden zur Obsession, die sich durch das dunkle London eines vergangenen Jahrhunderts, durch Slums, Friedhöfe, Katakomben und die (gerade fertiggestellte) Kanalisation kämpfen müssen. Wilkie Collins ist zwar der jüngere der beiden, doch um seine Gesundheit ist es nicht gut bestellt. Die Gicht verursacht ihm dermaßen starke Schmerzen, dass er sein Leben nur noch mit steigenden Dosen von Laudanum und Opium meistern kann. Dickens ist ein begeisterter Anhänger des Mesmerismus und der Hypnose, die er  als Amateur praktiziert und als Salonkunststückchen gerne vorführt. Ist Drood und seine phantastische Parallelwelt, in der er die Weltverschwörung plant,  nur eine Ausgeburt der Opiumphantasien Wilkie Collins oder Dickens' Hypnoseexperimenten? So verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt und der Leser wird mitgenommen auf eine atemlose Jagd nach einem Phantom.

Charles Dickens (1812-1870)
Zwar klingt das Szenario ziemlich reißerisch, aber immerhin hat sich Dan Simmons durch Wilkie Collins Opiumsucht und Dickens Hypnose-Experimente einen gewissen Freiraum geschaffen, das Phantastische glaubhaft mit in diese biografische Gesellschaftsgeschichte einfließen und zum gestalterischen Element werden zu lassen. Immerhin erfährt man zahlreiche interessante Details über die  Beziehung der beiden ungleichen Freunde und Rivalen. Dickens - von Collins immer spotthaft als der 'Unvergleichliche' bezeichnet - gibt sich stets großspurig und lässt keine anderen Götter neben seinem Genie gelten. Collins kämpft gegen die durch seine Krankheit verursachten Schmerzen, schluckt so manche Unverschämtheit des großen Dickens wortlos hinunter und plant am Ende sogar minutiös dessen Ermordung. Dabei gewinnt der Leser Einblicke in die Schaffenswelt der beiden Autoren und lernt Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einiger ihrer bekannten Werke. Auch der allgemeine Kult um den Superstar Dickens und die Begeisterung, die seine Lesereisen beim Publikum hervorgerufen haben, werden eindrücklich geschildert.
"So verschenken wir Schriftsteller die Tage, Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens für Stapel vollgekrakelter Blätter. Und wie viele von uns würden nicht, wenn dann der Tod ruft, al diese einem verschwendeten Leben abgerungenen Seiten eintauschen gegen einen weiteren Tag, gegen einen einzigen wirklich erlebten Tag mit jenen, die wir in unserer hochmütigen Einsamkeit vernachlässigt haben?" (Seite 844)
Besonders gefallen hat mir die charakterliche Darstellung der beiden Antagonisten Dickens und Collins und ihr schwieriges Freundschaftsverhältnis. Gefärbt wird das Ganze mit einer Menge viktorianischen Lokalkolorits, vermengt mit phantastischen Einschüben, die in dunkel schauriger und manchmal auch deprimierender Schemenhaftigkeit aus dem Londoner Nebel auftauchen und wieder in diesem verschwinden. Collins merkt am Ende selbst, dass ihm seine Droge nur allzu oft Wahngebilde vortäuscht, aber er will diese Tatsache nicht wahr haben. Für einen Liebhaber actionlastiger Schauergeschichten ist dieser Roman beim besten Willen nicht geeignet, lässt er sich doch über die gut 1.000 Seiten reichlich Zeit zur ausführlichen Schilderung seiner Charaktere und ihrer Lebenswelt. Auch hebt es den Lesegenuss erheblich, wenn man Dickens' Romanen, insbesondere mit seinem 'Edwin Drood' vertraut ist, denn es tauchen immer wieder Figuren aus diesem Werk auf und vermitteln dem Eingeweihten das ein oder andere DejaVu-Erlebnis.

Fazit: Ein viktorianischer Drogentrip in Kombination mit einer schwierigen Männerfreundschaft -- eine kurzweilige Hommage an Dickens und Collins Werke, ein ausgesprochener Lesetipp für Liebhaber, aber nicht unbedingt für jedermann.  

Literatur:

Dan Simmons
Drood

Heyne Verlag (2010)
976 Seiten
10,99 Euro

Kommentare:

muselmu hat gesagt…

Ja, stimme vollkommen damit überein, dass es wirklich kein Buch für jeden ist. Auch ich war damals etwas skeptisch und war dann im Nachhinein aber froh, dass ich mich bis zum Ende gekämpft habe auch wenn es zwischendurch wirklich ein paar Längen gab, die mir zu schaffen machten...
Aber ein Gutes hatte das Buch auf jeden Fall: Ich bin dadurch erstmals auf Wilkie Collins aufmerksam geworden und habe sein Buch "Die Frau in Weiß" gelesen, welches mir sehr gut gefallen hat!
Liebe Grüße, muselmu :)

Harald Sack hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich hatte von Wilkie Collins ja schon den Monddiamanten gelesen und bin jetzt auf 'Die Frau in Weiß' gespannt, die schon in meinem Regal steht und darauf wartet, gelesen zu werden. Habe gerade einen Blick in Dein Blog geworfen und festgestellt, dass wir anscheinend doch ein paar mal die gleichen Bücher gelesen haben. Mach Dich also auf ein paar Kommentare von mir gefasst :)
Liebe Grüße,
Harald

Ti hat gesagt…

Das hört sich total genial an, muss ich mir merken :)