Dienstag, 6. November 2012

Was für eine Kombination! - Eric Larson 'Marconis magische Maschine'

Wir können es uns heute gar nicht mehr vorstellen, aber es gab tatsächlich einmal eine Zeit - und eigentlich ist das noch gar nicht so lange her -, in der einem die Bilder eines Unglücks oder eines Verbrechens nicht unmittelbar nach dem Ereignis aus dem Fernsehen oder dem Internet entgegenflimmerten. In der es noch seine Zeit dauerte, bis die Nachricht von einem unerhörten Ereignis die Landesgrenzen oder gar den Ozean überqueren konnte. Vor knapp über 100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ging diese aus heutiger Sicht "entschleunigte" Epoche endgültig zu Ende, als die Entwicklung der Funktechnik auch noch die letzten bis dato bestehenden Grenzen der Kommunikation zum Einsturz brachte. Bestieg man im Jahr 1900 ein Schiff zu einer Passage über den Atlantik, blieb man - ob man es wollte oder nicht - für gut 10 Tage ohne jegliche Nachricht darüber, was in der restlichen Welt vorgegangen war. Erst als man von Bord ging, brachte man sich wieder auf den aktuellen Stand, d.h. soweit die Nachricht über die bereits bestehenden Telegraphenverbindungen gemorst oder von einem schnelleren Schiff mitgebracht worden war. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um ein Verbrechen zu begehen, das ungesühnt bleiben soll, da man sich den Nachforschungen mit einer Reise über den Ozean entziehen konnte, um unbemerkt an Land zu gehen und zu verschwinden.

Guglielmo Marconi gilt als genialer Geschäftsmann und patenter Ingenieur, der der Funktelegrafie zum Durchbruch verhalf. Auch wenn die grundlegend dazu notwendigen Erfindungen nicht von ihm selbst gemacht wurden, so war es doch sein felsenfester Glaube als beherzter Dilettant, wohlhabender Erbe und Geschäftsmann, dass er an seinem Traum von der drahtlosen Kommunikation festhielt, allen Widrigkeiten zu Trotze. Am 12. Dezember 1901 gelang ihm nach Jahren zahlloser vergeblicher Versuche der erste transatlantische Funkempfang eines Signals (der Buchstabe S des Morsecodes) aus Poldhu auf der Halbinsel The Lizard in Cornwall auf dem Signal Hill bei St. John's in Neufundland. Gegenüber den Forschern und Wissenschaftlern an den Universitäten hatte er einen entscheidenden Vorteil: Geld.

Zeit seines Lebens aber machte ihm seine fehlende wissenschaftliche Qualifikation trotz oder vielmehr aufgrund seines bahnbrechenden Erfolges zur Zielscheibe akademischer Hochnäsigkeit. Zudem hatte er es als Italiener schwer, in England Fuß zu fassen. Auch wenn er akzentfreies Englisch sprach blieb er doch ein Ausländer. Zwar ein Ausländer mit Geld und technischem Know How, das Begehrlichkeiten weckte, aber in den Augen der versnobten Briten eben ein Ausländer. Begleitet wurde der durchbrechende Erfolg seiner Erfindung der drahtlosen Telegrafie von einem spektakulären Kriminalfall, dessen Aufklärung und Dingfestmachung des Täters nur mit Hilfe von 'Marconis magischer Maschine' ermöglicht wurde. Dieser Kriminalfall und die zähen Versuche des genialen Italieners werden von Erik Larson in paralleler Montage entwickelt und sind dabei für ein "Sachbuch" überaus spannend geraten. Der nach allen Seiten harmlos wirkende Arzt und Homöopath Hawley Harvey Crippen ist die zentrale Figur dieses ungewöhnlichen Kriminalfalls, der im Jahre 1910 großes Aufsehen in der britischen Öffentlichkeit erregte. In zweiter Ehe heiratete er die 14 Jahre jüngere Cora Turner, die von einer Karriere als Opernsängerin träumte. Obwohl Crippen ihre Karrierepläne finanzierte, scheiterte Cora mangels Talent und ergab sich dem Alkohol und zahlreichen Affairen. Crippen brachte seine Frau mit Hilfe eines Gift-Cocktails um, zu dem nur er als Arzt Zugang hatte. Anschließend zerlegte er die Leiche und vergrub sie unter den Fliesen im Keller seines Hauses, während er nach außen bekannt gab, seine Frau wäre in die USA zurückgezogen und dort leider verstorben. Als allerdings Crippens Geliebte Ethel le Neve bei ihm einzieht und mit dem Schmuck der verschwundenen Ehefrau gesehen wird, gerät Crippe schließlich ins Visier von Scotland Yard. Zwar gelingt es ihm zunächst, die Verdachtsmomente zu zerstreuen, und das Paar nutzt seine Chance zur Flucht, zunächst auf den Kontinent und schließlich nach Übersee. Doch ist den beiden nicht bewusst, dass bereits die neue Funktechnik Einzug auf ihren Transatlantikdampfer genommen hat und die Ermittlungen einen bis dato ungeahnten Lauf nehmen werden, an dem die Öffentlichkeit erstmals quasi "live" durch die damaligen Medien beteiligt wird.

Erik Larsons Sachbuch liest sich wie ein spannender Kriminalroman und auch die Bemühungen Marconis um Anerkennung zeichnen ein psychologisch differenziertes Bild dieser historischen Figur, das den Leser in seinen Bann zieht. Zwar bin ich aus beruflichem Interesse an der Mediengeschichte etwas vorbelastet, aber ich glaube, dass das Buch auch bei einem unvoreingenommenen Leser Zustimmung erfahren wird. Tatsächlich sorgte der Fall des Dr. Crippen noch Jahre nach dem Abschluss des Falles für Diskussionsstoff, insbesondere die psychologische Seite des Falls, die von Larson ausführlich dargelegt wird, so z.B. auch bei Agatha Christie, die sich ausgiebig damit beschäftigte.

Fazit: Was für eine Kombination - ein Sachbuch zur Mediengeschichte der Funktelegrafie in Kombination mit einem spektakulären Verbrechen. Muss man gelesen haben!

Erik Larson
Marconis magische Maschine - Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation,
Fischer Tb., Frankfurt (2009)
449 Seiten

Kommentare:

flattersatz hat gesagt…

liebe harald, schön, diese besprechung hier zu finden... ich hatte das buch anfang des jahres auch gelesen und gefallen daran gefunden. der text ist mir - wenn ich meinen aufzeichnungen glauben darf - damals als sehr minutiös und detailliert aufgefallen, ist aber im zusammenspiel mit dem geschilderten kriminalfall wahrscheinlich auch für nicht so sehr an technikgeschichte interessierte spannend...

Harald Sack hat gesagt…

Lieber Flattersatz,
Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich hatte Deine ausführliche Rezension auch schon gelesen, bevor ich das Buch in die Hand nahm. Was mich an der Geschichte vor allem fasziniert hat, ist, dass diese heute so hochgelobte "Unmittelbarkeit" des Miterlebens via Twitter, Facebook, etc. bereits vor 100 Jahren eben am geschilderten Fall "Dr. Crippen" losging und eine an den Geschehnissen berauschte Öffentlichkeit den Sonderausgaben der Zeitungen und ihren Sensationsmeldungen zu den aktuellen Ermittlungen an den Lippen hing...
Viele Grüße,
Harald