Samstag, 17. März 2012

Kraut und Rüben - Pierre David und Martine Willemin 'Der Küchengarten des Königs'

Heute wieder ein Gastbeitrag aus Claudias Feder zu einem außergewöhnlichen Gartenbuch. Ich freue mich wirklich sehr darüber, das Biblionomicon auch einmal nicht nur mit der üblichen literarischen Kost zu bestücken und hoffe es ergeht den Lesern ebenso, denen ich das heute beschriebene Buch nur wärmstens ans Herz legen kann...


Versailles 1678 Jean-Baptiste de La Quintine spaziert durch das mehr als 100 Hektar große Areal, das ungefähr 20 Kilometer westlich von Paris liegt und lässt seinen Blick über den neu gestalteten Park schweifen. Das von Ludwig XIII. als Jagdschloss erbaute Gebäude hat sich längst zur repräsentativen Residenz seines Sohnes gemausert. Der Park entspricht den Vorstellungen des Barock, ist opulent, verspielt, überschwänglich. Alle Elemente, die wir noch heute mit barocker Gartenarchitektur verbinden, scheinen genau an diesem Punkt ihren Ursprung zu nehmen. Die besten Ingenieure und Künstler wurden bei diesem großen Projekt mit dem Ziel vereint, dass ganz Frankreich die Strahlkraft dieses Ortes wahrnehmen sollte. Terrassen für höfische Gelegenheiten, ein Wasserkanal auf dem eine Miniaturflotte Seeschlachten austragen konnte, eine Orangerie in der exotische Früchte wuchsen, ein Labyrinth in dem man sich gern verlief, kunstvoll und symmetrisch angelegte Parterren, Bosketten für diverse Vergnügungen, zahlreiche Brunnen und vielfältige Skulpturen.

Der Garten diente nicht ausschließlich der Zerstreuung und Lustbarkeit, vielmehr stellte er eine Spiegelung des geltenden Ordnungsprinzips dar. Ludwig der XIV., seines Zeichens „Sonnenkönig“, setzte sich mit dem griechischen Gott Apollon gleich und das nicht nur aus mythologischen Gründen, sondern aus politischem Kalkül. Apollon, als Führer der neun Musen und Stifter einer universellen Harmonie, repräsentierte zugleich die politischen Ziele des Königs: Ludwig als Haupt einer christlichen Welt, die er befriedete und beherrschte. Der Garten spiegelte dieses Ordnungsprinzip wieder und war somit weit mehr als die Summe seiner – in diesem Fall botanischen – Teile.

Die Ikonographie barocker Gartenarchitektur, insbesondere die der Versailler Ausführungen, ist ein umfangreiches Thema, über das seitenweise referiert wurde. Aber ich schweife ab - dabei sind wir doch aus einem anderen Grund hier. Zurück also zu La Quintine. Mit all dem Prunk und Gloria des Parks, den Lustbarkeiten der Labyrinthe und Bosketten, hatte er wenig zu tun. Er kümmerte sich seit 1670 eher um das leibliche Wohl seines Königs, denn er war der „Direktor der Obst- und Gemüsegärten der königlichen Schlösser“.

Alte Obstspalierformen (wikipedia)
Wer jetzt darüber verwundert ist, dass es im barocken Park von Versailles auch Gemüse gibt, dem geht es wie mir. Und wer sich nun Streuobstwiesen und Beerensträucher vorstellt, hat weit gefehlt. Der Küchengarten des Königs ist ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht. Auf neun Hektar erstreckt sich der Obst- und Gemüsegarten, dessen Grundriss auch heute noch kaum von den Plänen La Quintines abweicht. Um ein rundes Becken in der Mitte, formieren sich 16 Beete, in denen Gemüse und alte Gewürze neben modernen Erdbeerpflanzen gedeihen. Eingefasst sind die Beete von Birnbäumen – an dieser Stelle muss der Begriff „Birnbaum“ neu definiert werden. Die Birnbäume des Königs sind als Spaliere aufgebunden, wobei der Obstbaumschnitt auf eine neue Stufe gestellt wurde. La Quintine war ein großer Verfechter des Obstbaumschnittes und Meister dieses Fachs. Er begründet das Formen von Spalieren folgendermaßen:
„Der erste ist sicher, eine größere Fülle an schönen Früchten und diese sogar früher ernten zu wollen. Der zweite Grund ist, dass bei jedem Wetter der Baum viel angenehmer anzusehen sei, als wen er überhaupt nicht beschnitten wäre.“ (S. 36) 
(Foto: Carsten Balke)
In der Tat habe ich so etwas zuvor nicht in dieser Vielfalt und Pracht gesehen. Der beschriebene innere Teil des Küchengartens, der hortus conclusus, ist umgeben von einer hohlen Mauer, wo z.B. kriechende Früchte wie Melonen und Kürbisse wachsen und in Kübeln Feigen gepflanzt sind. Das Prädikat „Gesamtkunstwerk“ hat auch der Bildband verdient, der den königlichen Küchengarten so wunderschön in Szene setzt. Allein das Format (beinahe A3) ist imposant. Pierre David und Martine Willemin verfassten die Texte über die Entstehung und die Geschichte des Gartens und erklären, wie die Gärtner es bewerkstelligt haben – und es bis heute tun - derart kunstvolle Gewächse zu züchten, wie z.B. die beschrieben Birnbäume. Dabei greifen sie auf zahlreiche historische Abbildungen und Zitate zurück. Darüber hinaus liefern sie uns über jedes einzelne Kraut und jede Beerensorte spannende, überaus wissenswerten Details:
„Die Erdbeere ist eine Scheinfrucht aus der Familie der Rosaceae (Rosengewächse). Aus botanischer Sicht gehört sie nicht zu den Beeren, sondern zu den Nüsschen (...). Lange Zeit im wilden Zustand verblieben, war die Erdbeere noch im Mittelalter wenig geschätzt, wie jede Frucht, die sehr nah am Boden wächst. Karl V. führte jedoch den Anbau von Erdbeeren im Garten des Louvre zu Dekorationszwecken ein. In der Renaissance beginnen die Menschen sie in der Kombination mit Wein zu schätzen. In dieser Zubereitungsweise hat der Sonnenkönig eine große Menge gegessen (...). La Quintine musste ganzjährig Erdbeeren für die Tafel des Königs liefern.“ (S. 57) 
(Foto: Carsten Balke)
Die liebevoll erzählten Anekdoten und das botanische Wissen vermitteln die beiden Autoren auf eine Art und Weise, die mich immer wieder in diesem großformatigen Band versinken lässt. Aber - ohne diesen Teil des Buches in irgendeiner Form schmälern zu wollen - wäre es ohne die fabelhaften Bilder von Gilles Mermet nur halb so beeindruckend. Beim ersten Blick auf den Einband – er zeigt einen Birnbaum in der Form „Verrier-Palmette mit sechs Ästen“ als Contrespalier, also freistehend – habe ich gedacht, ich sähe eine Zeichnung. Anfangs erinnert diese unglaublich umfangreiche Sammlung an die Darstellung idealisierter Wunschvorstellungen gärtnerischer Perfektion. Es dauert einen Moment, bis der Betrachter die Abbildungen als Fotografien erkennt und erstaunt feststellt, dass er es mit realen Obstbäumen in mannigfaltigen Wuchsformen zu tun hat, die sich vorzustellen er nie gewagt hätte. Mermet setzt Obst, Gemüse und Kräuter ins rechte Licht und macht Äpfel und Erbsenschoten zu Hauptakteuren. Kraut und Rüben, wie man sie noch nie gesehen hat. Er vergisst aber auch diejenigen nicht, die dieses Wuchswunder erst möglich machen und die uralten Bäume und Sträucher mit Hingabe hegen und pflegen. Nach dem Lesen oder auch nur dem Ansehen des Bandes werden Sie die nächste Kartoffel nicht mehr achtlos in die heiße Pfanne werfen, sondern sie mit anderen Augen sehen – zumindest für einen kurzen Moment.

Fazit: Der „Küchengarten des Königs“ ist ein wunderbarer Fundus an Informationen, die nicht nur das Gärtnerherz erfreuen, sondern jedem Leser tiefe Einblicke in die Geschichte dieses großen Gartens ermöglichen. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen muss, um Ausflüge in die Botanik zu unternehmen.



Pierre David, Martine Willen
Der Küchengarten des Königs
Dumont Buchverlag (2011)
208 Seiten
49,95 Euro

Sonntag, 11. März 2012

Den Rückwärtsgang verklemmt - Egon Friedell 'Die Reise mt der Zeitmaschine'

Egon Friedell: Die Rückkehr der
Zeitmaschine, Piper, München (1946)
Zeitreisen haben schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt, auch schon als Kind. Immerhin haben meine Eltern noch lange bis in mein Erwachsenenalter hinein wiederholt die peinliche Geschichte erzählen müssen, wie ich mich aus Angst vor den grausigen Morlocks am Sonntag Nachmittag, während H.G. Wells 'Zeitmaschine' im Fernsehen lief, hinter der Wohnzimmercouch versteckt hielt. Auch damals hatte ich mich schon gefragt, warum der Zeitreisende eigentlich nicht auch einmal in die Vergangenheit gefahren ist. Aber wahrscheinlich wollte H.G.Wells einfach das Problem der Vertauschung von Ursache und Wirkung umgehen, die dabei leicht entstehen könnte (oder aber auch nicht...).

Das Reisen in die Zeit hat nach H.G.Wells 'Die Zeitmaschine' immer wieder von Neuem Autoren, Philosophen und Wissenschaftler in seinen Bann gezogen. So auch der hier im Biblionomicon im vergangenen Jahr besprochene Roman 'Die Landkarte der Zeit' von Felix J. Palma (hier die zugehörige Rezension), der die ganze Geschichte samt ihren Autor Herbert George Wells aufgriff und in kongenialer Weise fortgesetzt hat. Aber heute soll es hier um die relativ kurze Geschichte 'Die Reise mit der Zeitmaschine' des von mir hochverehrten österreichischen Schriftsteller, Kulturphilosophen, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Schauspieler, Journalist, Kabarettist und Conférencier Egon Friedell gehen, von dessen Leben und Wirken später noch die Rede sein soll. Um gleich ein eventuelles Missverständnis auszuräumen, der Roman erscheint heute unter einem anderen Titel, nämlich 'Die Rückkehr der Zeitmaschine' (der den Inhalt der Geschichte auch nicht viel besser trifft).

Das kleine Büchlein beginnt mit dem einleitenden Briefverkehr zwischen Egon Friedell, der mit der Bitte um Aufklärung an H.G.Wells schreibt, was mit dem Zeitreisenden nun am Ende des Romans bzw. vielmehr am Ende des anscheinend den Tatsachen entsprechenden Berichts geschehen sei. Die Antwort von H.G. Wells Sekretärin dagegen fällt recht unfreundlich aus, da sie die Mutmaßung, es könnte sich um eine rein fiktive Geschichte handeln, schroff von der Hand weist. Aber immerhin gibt sie Herrn Friedell den Namen eines Bekannten des Zeitreisenden an, der als Zeuge in der ganzen Geschichte herhalten kann. Von diesem nun erhält Egon Friedell den gewünschten Bericht und der Leser erfährt von den Bemühungen des Zeitreisenden, zurück in die Vergangenheit zu fahren.

Denn genau zu diesem Thema bleibt H.G.Wells dem Leser seiner 'Zeitmaschine' ja noch einiges schuldig. Was wird aus dem Zeitreisenden, dessen Namen uns Wells noch nicht einmal verrät und welche Abenteuer hat er bei seinen weiteren Reisen zu bestehen? Ebenso lässt sich Wells auch nicht wirklich über die Theorie des Zeitreisens an sich und den dadurch verursachten potenziellen Paradoxa aus. Wir sehen also, genau hier vermag Friedell den Faden aufzunehmen und in eleganter Weise wie geschildert an die Originalgeschichte anzuschließen. Denn bei seinem Versuch, in die Vergangenheit zu reisen, stößt der Zeitreisende überraschend auf (technische) Probleme und er ist gezwungen, zuerst noch einmal in die Zukunft zu reisen (quasi um "Anlauf zu nehmen"). So erhält er im Jahr 2123 das nötige intellektuelle Rüstzeug, um seine Reise in die Vergangenheit (zumindest theoretisch) antreten zu können, doch will sich der Erfolg auch dann nicht wirklich einstellen....

Also, wer eine spannende und aktionsreiche Romanhandlung wie in H.G.Wells Original erwartet, der könnte von Egon Friedells kleinem Büchlein leicht enttäuscht werden. Friedell ist ein Meister der ironisch und zumal sarkastischen Zwischentöne und das mitunter auf hohem intellektuellen Niveau. Das Buch erschien zuerst posthum 1946, nachdem die Nationalsozialisten Friedells Schriften bereits in den 1930er Jahren auf den Index gesetzt und verbrannt hatten. Dennoch hinterließ uns dieser großartige Erzähler eine überaus lesenswerte, dreibändige Kulturgeschichte der Neuzeit, sowie eine ebenfalls auf drei Bände ausgelegte Kulturgeschichte des Altertums, die er nicht mehr beenden konnte. Übrigens hat auch sein literarisches Vorbild für den vorliegenden Roman, H.G. Wells, eine vielbeachtete Weltgeschichte geschrieben. Egon Friedells tragisches Ende scheint selbst wie aus einem Roman entsprungen.
"Am 16. März 1938 erschienen gegen 22 Uhr zwei Männer der SA vor dem Haus von Egon Friedell, Wien 18, Gentzgasse 7, um, wie jedenfalls er meinte, den „Jud Friedell“ abzuholen. Während sie mit seiner Haushälterin diskutierten, nahm sich Friedell das Leben, indem er aus einem Fenster der im 3. Stock gelegenen Wohnung sprang. Verbrieft ist, dass er dabei nicht verabsäumte, die Passanten umsichtig mit dem Ausruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen." (Quelle: wikipedia)
Fazit: Als Einstiegsdroge in die Lese- und Gedankenwelt eines geistreichen Erzählers bestens geeignet! Sonst wohl eher nur für hartgesottene Fans der 'Zeitmaschine'. Trotzdem: LESEN!


Egon Friedell
Die Rückkehr der Zeitmaschine
Diogenes Verlag (2009)
96 Seiten
7,90 Euro








P.S. Übrigens gibt es bei Amazon eine kostenlose eBook-Version des Romans

Samstag, 3. März 2012

Sprachkünstlerisch wertvolle Vergangenheitsbewältigung - Günther Grass 'Die Blechtrommel'

"Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann."(Seite 7)

Das, Herrschaften, ist ein fulminant wuchtiger erster Satz in einem nicht minder gewichtigen Roman von Format, der Appetit auf mehr macht. Es dämmert einem recht schnell, warum "Die Blechtrommel" zur Zeit ihres Erscheinens so viel Wirbel machte und warum ihr Autor Günter Grass schlussendlich auch in den Nobelpreishimmel erhoben werden musste. Ihr Protagonist, Oskar Matzerath der Zwerg, ist heute genauso eine Literaturikone wie Gregor Samsa als gewaltiger Käfer, Hans Castorp als lungenkranker Sanatoriumsgast, Quasimodo als glockenschwingender Buckliger oder Humbert Humbert auf der Suche nach kleinen Mädchen.
"Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext: "Es werde Licht und es ward Licht" - wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor." (Seite 47)
Oskar Matzerath gehört, wie er uns selbst erzählt, zu den "hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist". So beäugt er von Anfang an kritisch kommentierend die Welt der Erwachsenen und lässt sich auf das Abenteuer "Leben" erst ein, als seine Mutter Agnes verspricht "Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen." Erzählt wird hier also die Lebensgeschichte des Gnoms Oskar Matzerath, geboren in Danzig, der beschließt, an seinem dritten Geburtstag das Wachstum einzustellen und fortan in trommelnder Manier den Gang der Geschichte kommentierend zu begleiten, d.h. in unserem Falle das Aufkeimen des Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg bis hin zur Einnahme Danzigs durch die Rote Armee und die frühe Nachkriegszeit mit ihrem Wirtschaftswunder im westdeutschen Rheinland.

Wie so viele andere auch, kannte ich bis vor kurzem lediglich den großartigen Film Volker Schlöndorffs, der mich schon als Kind beeindruckt hat - und das nicht nur wegen der darin dargestellten freizügigen Szenen. Bildgewaltig kommt der Film daher und ebenso einprägsame, lebendige Bilder, die vermag Grass nur zu gut in seinem Roman zu zeichnen. Man denke nur an die Szene vom Sonntagspaziergang der Familie Matzerath zusammen mit Oskars Onkel Jan Bronski, der ein Verhältnis mit dessen Mutter hatte und eigentlich auch als Oskars wahrer Vater gilt. Ein Fischer am Strand zieht einen Pferdekopf an einem Seil aus den Fluten der Ostsee, den er als Köder für Aale genutzt hatte - und das Bild mit dem halbverwesten Pferdekopf aus dessen Nüstern sich die Aale schlängeln ist mir ebenso wie die daraufhin sich übergebende Agnes Matzerath im Gedächtnis geblieben. Übrigens erholt sich Agnes, deren Mann Alfred  - ein begnadeter Hobbykoch - dem Fischer die Aale abkauft und diese zum Mittagessen serviert,   daraufhin nicht mehr wirklich und frisst sich an Fisch zu Tode bzw. stirbt an einer Fischvergiftung.

Auf gut 700 Seiten durchlebt der Leser alle Stationen in Oskars Leben bis hin zu seiner Einlieferung in die anfangs erwähnte Heil- und Pflegeanstalt. Dieses hier detailliert nachzuerzählen überlasse ich gerne berufeneren Geistern, da ohnehin schon genügend Zusammenfassungen dieses Romans kursieren. Aber die knappste und prägnanteste aller Kurzfassungen liefert uns Oskar selbst in Form eines Glaubensbekenntnisses am Ende des Romans:
"Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreisigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen." (Seite 709)
Ganz großes Kino, aber durchaus keine leichte Kost und vor allen Dingen doch auch Geschmacksache. Nicht jeder vermag der Grass'schen Schilderung der piefigen NS-Zeit im heute polnischen Danzig mit seinen bis zur Karikatur verzerrten Romanhelden etwas abzugewinnen. Doch sprachlich und erzählerisch setzt Grass in meinen Augen Maßstäbe - auch wenn dies bestimmt nicht für alle der mehr als 700 Seiten des Romans gelten mag. Mit dem Katholizismus muss Grass wohl auf Kriegsfuß stehen, lässt er doch kaum ein gutes Haar daran. Oskar selbst bleibt eine Zerrfigur, der alles verneinende Gnom, in dessen Welt sich eine kindliche Sicht der Dinge mit Altklugheit und Boshaftigkeit abwechselt, und der an seiner Welt letztendlich scheitert.

Fazit: Große Literatur, große Sprachgewalt. Ein Meilenstein in der deutschen Literaturgeschichte. Alleine schon aus diesem Grunde: LESEN!

Günter Grass
Die Blechtrommel
dtv (1993)
784 Seiten
12,90 Euro







Sonntag, 26. Februar 2012

Die Lust an der Grenzüberschreitung - Jorge Luis Borges '25. August 1983'

"Bist Du, Leser, denn sicher, dass Du meine Sprache verstehst?"
Mit diesen Worten schickt Borges den an dieser Stelle ratlosen Leser seiner wohl bekanntesten 1941 erschienenen Erzählung "Die Bibliothek von Babel" wieder zurück in dessen banale Realität. Doch wer offenen Auges und Geistes durch die Welt geht, der wird immer wieder auf sie treffen, auf die Spiegelungen und Widerspiegelungen der unendlichen Anspielungen, die Borges uns in seinen phantastischen Geschichten hinterlassen hat. Jorge Luis Borges, geboren im Jahre 1899 in Buenos Aires, gilt nicht nur für mich als der ausgesprochene Meister der phantastischen Literatur, der als Autor, Herausgeber, Philosoph und nicht weniger als herausragender und schließlich "blinder" Bibliothekar in die (Literatur)Geschichte eingegangen ist, der neben vielem anderen auch Oscar Wilde, Virginia Woolf oder Franz Kafka ins Spanische übersetzte. 
"Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" (J.L.Borges)
Vom Herausgeber der 30-bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, die gleich seiner eingangs erwähnten Geschichte den Titel "Die Bibliothek von Babel" trägt, war hier im Biblionomicon schon des öfteren von ihm die Rede (siehe unten).  Natürlich dürfen seine eigenen Erzählungen in dieser umfangreichen Sammlung nicht fehlen und so finden sich im vorliegenden Band Nr. 5 der Reihe auch fünf Geschichten des Meisters, eingeleitet mit einem Vorwort von Martin Gregor-Dellin und gefolgt von einem ausführlichen Interview, das den Leser mit Borges' Geisteswelt vertraut macht.
"Für mich ist die Welt eine unaufhörliche Quelle von Überraschungen, Ratlosigkeiten, von Unglück auch, und manchmal, warum soll ich lügen, von Glück. Aber ich habe keine Theorie über die Welt." (Jorge Luis Borges im Interview)
Gleich zu Beginn des dünnen Bandes führt uns Borges in die Welt der 'Bibliothek von Babel', einem Bücheruniversum, das gleich einem Bienenstock aus einer Unzahl sechseckiger, wabenförmiger Räume  besteht, deren Wände als Bücherregale bzw. als Durchgänge zu weiteren gleichartigen Räumen dienen. Das Besondere an dieser Welt sind natürlich die Bücher, die in den tausenden Regalen stehen. Deren Inhalt besteht aus allen möglichen nur denkbaren Kombinationen der Buchstaben des Alphabets, so dass sich nur in wenigen Fällen tatsächlich sinnvolle Buchstabenkombinationen, Wörter oder gar ganze Sätze darin finden lassen -- und das in den unterschiedlichsten Sprachen. So sind die Bewohner dieser Bücherwelt auch beständig auf der Suche nach "sinnvollen" Inhalten, denn die Bücherwelt ist schließlich universal, d.h. alle nur denkbaren Bücher sind in ihr enthalten. So auch das Eine, das Buch der Bücher, das Inbegriff und Auszug aller ist, das den Sinn dieser Welt erklärt. Ich liebe diese kleine Geschichte, die ich bereits vor vielen Jahren kennengelernt hatte. Später dann, während meines Informatikstudiums oder noch später, als ich begann, meine eigenen Vorlesungen vorzubereiten, diente sie mir immer wieder als Beispiel und Motivation für meine Studenten, um ihnen den Informationsbegriff und die Grundlagen der Berechenbarkeit vor Augen zu führen. Wie bereits in einem älteren Blogbeitrag erwähnt, diente die Geschichte auch Umberto Eco als Vorbild für den Aufbau der Klosterbibliothek in seinem Roman 'Der Name der Rose'.

Der '25. August 1983', so ist die zweite Geschichte der Sammlung betitelt, in der sich der jüngere Borges selbst beschreibt, wie er seinem älteren Ich (oder umgekehrt) an eben diesem Datum in einem Hotel begegnet. Ein Traum in einem Traum, Spiegelung und Widerspiegelung bilden auch hier das immer wiederkehrende Leitmotiv. Der Leser fühlt sich stets von neuem in eine phantastisch fesselnde Traumwelt hineinversetzt, so auch in der 'Rose des Paracelsus', in der die 'Leichtgläubigkeit' gegenüber dem 'wahren Glauben' bestehen muss, gegen den sie nicht gewinnen kann, dem 'Blauen Tiger', in der ein Mann ein Tabu bricht und darüber beinahe seinen Verstand zu verlieren droht,  oder der 'Utopie des müden Mannes', in der der Erzähler in eine seltsame Welt verschlagen wird, deren Bewohner die Zeit und so manches andere nicht mehr wichtig nehmen. Es gibt nichts, das nicht in Borges' literarischen Träumen stets einer erneuten Reflexion, einer erneuten Anspielung unterzogen wird. Oft reicht es nicht aus, diese Geschichten nur ein einziges Mal zu lesen. Immer wieder kann man Neues in ihnen entdecken und in sie hinein interpretieren.
"Der Buchdruck, der heute abgeschafft ist, war eines der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief ja darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Utopie des müden Mannes)
Ein fast 50-seitiges Interview, gefolgt von einer ausführlichen Zeittafel beschließt das Buch und lässt Borges dabei persönlich zu Wort kommen, wie er dem Leser seine Welt, sein Werk und sein wissenschaftliches Arbeiten nahebringt.
"...es gibt keinen einzigen Grund, warum das Universum von einem gebildeten Menschen des 20. Jahrhunderts oder irgendeines Jahrhunderts begriffen werden sollte. Das ist alles" (Ende des Interviews mit Jorge Luis Borges)
Fazit: Die faszinierende Geisteswelt eines der wohl berühmtesten südamerikanischen Autoren, nicht nur für Liebhaber der phantastischen Literatur, sondern für alle Leser, die die Literatur gelegentlich als Anstoß nehmen, um über ihre eigene Welt nachzudenken. LESEN!


Jorge Luis Borges:
aus Jorge Luis Borges (Hrsg.) 'Die Bibliothek von Babel',
Band Nr. 5,
Edition Büchergilde (2007)
156 Seiten
17,90 Euro



In der Fischer Taschenbibliothek ist jetzt auch eine schöne Sammlung von Jorge Luis Borges bekanntesten Erzählungen als kleines Hardcover-Bändchen erschienen:

Jorge Luis Borges:
Fischer Tb. (2010)
528 Seiten
10,- Euro


Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel' und zu Jorge Luis Borges:
       

Donnerstag, 16. Februar 2012

Kurze Geschichte des Buchdrucks (6): Gutenbergs Erben

Mainzer Psalterium (1457)
Nach der Übernahme von Gutenbergs Mainzer Druckereiwerkstatt durch seinen Geschäftspartner Johannes Fust und dessen Gehilfen Peter Schöffer entwickelte sich auch die Druck- und Verfahrenstechnik weiter. Insbesondere Peter Schöffer, der nach der Heirat mit Fusts Tochter Christine zu dessen Schwiegersohn und Partner wurde und die Mainzer Druckwerkstatt nach Fusts Tod 1466 übernahm, zeichnete sich durch die Verfeinerung der typografischen Zierelemente, die Kunstfertigkeit des Metallschnitts und einen verbesserten Rotdruck aus, mit der sich Schöffer von den Arbeiten der Rubrikatoren und Illuminatoren völlig lösen konnte. Man geht davon aus, dass zu diesem Zweck zunächst die vollständige Druckseite einschließlich aller Verzierungen gesetzt wurde. Dann wurden die farbig zu druckenden Teile herausgenommen, getrennt von dem schwarz zu druckenden Anteil eingefärbt und wieder in die Druckseite eingesetzt, bevor diese in den Druck ging. Damit konnte das Buch direkt aus der Druckerpresse in die Buchbinderwerkstatt gehen. Allerdings konnte sich diese aufwändige und dadurch sehr teure Technik nicht durchsetzen. Das Ausmalen und Kolorieren von Hand sollte noch bis ins 18. Jahrhundert in Gebrauch bleiben. Allerdings änderte sich mit der Zeit auch der allgemeine Geschmack und es entwickelte sich eine neue, schlichtere Buchästhetik, die auf die Farbe als Teil des Erbes einer mittelalterlicher Manuskriptkultur ganz verzichteten konnte.

Druckermarke des Peter Schöffer am
Ende von 
Valerius Maximus, 1471
Schöffer nahm Holzschnitte als Abbildungen in den Druck mit auf und produzierte 1484/1485 zwei reich illustrierte Pflanzenbücher (Herbarius Latinus und Hortus Sanitatis [1]) und Gesundheitsratgeber. Neben den technischen Neuerungen geht die Verwendung von sogenannten Druckermarken ebenfalls auf Peter Schöffel zurück. Die frühen Druckwerke der Inkunabelzeit erschienen noch ohne ein Titelblatt, sondern legten Informationen über die Urheberschaft und die Entstehung des Druckwerks in einem abschließenden, zusätzlichen Text, den sogenannten "Kolophon" (auch "Explicit") ab, die den Namen des Druckers, der Geldgeber und des Verlegers, den Druckort und ein genaues Datum enthielten. Ergänzend wurden oft bildliche Darstellungen und Symbole hinzugefügt, die den Druck als Produkt einer ganz bestimmten Werkstatt (Offizin) auswiesen und so als Urhebernachweis dienten und das Druckwerk so gegen den damals sehr verbreiteten unrechtmäßigen Nachdruck schützen sollten bzw. für die Qualität des Druckes (inhaltlich wie handwerklich) bürgten.

Zu einem europaweiten Umschlagplatz für die neuen Druckerzeugnisse aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden entwickelte sich die Frankfurter Messe. Verkauft wurden dabei vorwiegend Rohdrucke, d.h. ungebundene bedruckte Papierbögen, die von den Druckwerkstätten in Fässern lagernd transportiert und ausgeliefert wurden. Das Buchbinden sowie die künstlerische Ausgestaltung des Druckes mit Rubrizierungen und Illuminationen oblag anschließend dem Käufer. Zunächst wurden fast ausschließlich großformatige Folianten gedruckt, die für den Gebrauch in der kirchlichen Liturgie oder für Universitäten bestimmt waren. Erst ab 1480 setzte eine deutliche Verkleinerung der Druckformate ein. War es bislang üblich, Handschriften wie Druckwerken am Ende ein Kolophon mit den Angaben zu Schreiber bzw. Drucker und Druckort hinzuzufügen, wurden diese Angaben aus praktischen Gründen zusammen mit dem Titel des Buches nach vorne auf ein separates Titelblatt gezogen und das Buch nahm erstmals die uns heute gebräuchliche Form an. Auch die Verwendung von Seitenzahlen (Pagnierung) kam in dieser Zeit erstmals auf, ebenso wie erste gedruckte Werbeplakate für den Verkauf von Büchern. 

Seite aus Albrecht Pfisters Druck
"Der Edelstein" (1461)
Zu den frühen Zentren des Buchdrucks zählten unter anderem die Städte Bamberg und Straßburg. So druckte Albrecht Pfister in Bamberg erste Werke in deutscher Volkssprache - 1461 die Sammlung äsopischer Fabeln ”Der Edelstein“, die als das erste in deutscher Sprache gedruckte Buch überhaupt gilt, und um etwa 1470 Johannes v. TeplsAckermann aus Böhmen“, beide durchgängig mit großformatigen Holzschnitten illustriert. In Straßburg druckte Johannes Mentelin bereits um 1460 eine erste Bibelausgabe mit von ihm neu entwickelten Schrift-Typen. Außerdem druckte er Ausgaben der Schriften der Kirchenväter, zahlreiche lateinische Klassiker und auch Wolfram von Eschenbachs mittelalterliches Epos ”Parzifal. In den folgenden Jahren entstanden Druckwerkstätten in allen wichtigen deutschen Handelszentren, wie Köln, Augsburg, Nürnberg oder Lübeck. Insbesondere aber sollte sich der Export der neuen Technik über die Alpen nach Italien als Motor erweisen, der für eine Weiterverbreitung und die Hochkultur des Druckgewerbes wegweisend sein sollte. In Rom alleine entstanden bis zum Jahre 1500 vierzig Druckbetriebe, von denen 25 nachweislich mit deutschen Druckern arbeiteten. In Venedig betrieben die Brüder Johann und Wendelin von Speyer seit 1469 eine erste Druckwerkstatt, für die sie bei der Stadt ein Monopol erwirkten. Neben lateinischen Klassikern und juristischen Schriften stammte aus ihrer Werkstatt auch eine erste Ausgabe von Petrarcas Werken in der italienischen Volkssprache.

Buchseite von Francesco Colonnas
Hypnerotomachia Poliphili,
gedruckt von Aldus Manutius
Der bedeutendste Drucker Venedigs jener Epoche aber war Aldus Manutius (1449–1515). Er entwickelte die aus Deutschlad stammende Druckkunst zu hoher Kunstfertigkeit weiter. Seine "Aldinen", also die von ihm erstellten und publizierten Drucke, gelten als die schönsten bibliophilen Druckwerke der gesamten Renaissance. In Frankreich dagegen zählten vor allen Dingen die Universitäten zu den Förderern des neuen Druckgewerbes. Der Bedarf an hohen Auflagen der an den Universitäten gelehrten klassischen und humanistischen Texten ließen zahlreiche Druckereibetriebe entstehen. Bereits 1470 wurde die erste Druckerei Frankreichs an der Pariser Sorbonne gegründet und rasch folgten weitere Universitätsstädte. Vom Kontinent nach England wurde die neue Drucktechnik durch den Tuchhändler William Caxton (1422-1491), der sich in Köln zum Buchdrucker ausbilden ließ. Mit seinen ersten, noch aus Köln stammenden Typen druckte er 1475 in Brügge das erste Werk in englischer Sprache ”Recuyell of the Historyes of Troy“. In Westminster eröffnete er 1476 die erste Druckerei auf englischen Boden und begann mit dem Druck von Ablassbriefen, gefolgt von Geoffrey Chaucers berühmten ”Canterbury Tales“ (hier rezensiert im Biblionomicon [2]).

Von Mitteleuropa aus erreichte die Druckkunst 1483 Stockholm, 1503 Istambul, 1515 Saloniki, 1553 Moskau, 1556 Goa (Indien) und 1590 schließlich auch Kazuna in Japan.


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur:

Donnerstag, 9. Februar 2012

Ein Homo Novus der modernen Wissenschaft - Ralf Bönt "Die Entdeckung des Lichts"

Es war einmal eine Zeit, da wurde in den Naturwissenschaften noch nicht so genau zwischen den einzelnen Disziplinen Physik und Chemie unterschieden. Überhaupt waren die Zeiten der Alchemie und dem oftmals damit verbundenen Hokuspokus noch gar nicht so lange vorbei und selbst unbestrittene Leuchttürme der Physik wie der große Isaac Newton waren begeisterte Anhänger dieser eher zweifelhaften Kunst. Wenn man "Physik" meinte, so sprach man in diesem Zusammenhang meist allgemein von "Naturphilosophie". Die Geschichte, um die es heute geht, spielt im frühen 19. Jahrhundert und erzählt uns die Lebensgeschichte eines "Homo Novus", eines "Selfmade Man" der Wissenschaften, der es zu großem Ruhm bringen sollte...

Michael Faraday wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert in bescheidenen Verhältnissen geboren. Sein Vater verdiente seinen Lebensunterhalt als Schmied und die Familie zog zur Zeit der napoleonischen Kriege ins umtriebige London, wo der junge Michael eine Buchbinderlehre im Geschäft von George Ribeau beginnen sollte. Aber den wissbegierigen Michael interessiert auch der Inhalt der Bücher, denen er als Buchbinder von Berufswegen "neue Kleider" verpassen soll. Insbesondere naturwissenschaftliche Abhandlungen, die haben es ihm angetan.

Michael Faraday auf einem Stich
von John Cochran (um 1829) 
Eines Tages bot sich im die Gelegenheit, eine populäre naturwissenschaftliche Unterweisung des Goldschmiedes John Tatum zu besuchen, der dem staunenden Publikum die Effekte der Elektrizität und die Funktionsweise eines Blitzableiters in spektakulären Experimenten vorzuführen versteht. Tatum war Gründer der City Philosophical Society, deren Ziel darin bestand, auch Handwerkern und Lehrlingen einen Zugang zu wissenschaftlicher Bildung zu ermöglichen. Doch Michael wagt es nicht einmal davon zu träumen, selbst einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen. Seine niedere Herkunft, seine mangelnde Schulbildung und seine ärmlichen, finanziellen Verhältnisse gestatten es ihm nicht, selbst an der Universität zu studieren. Doch er fertigt eifrig Mitschriften der besuchten Vorträge an und da geschieht eines Tages das Wunder im Buchbindergeschäft Ribeau. Der große Humphrey Davy, Chemiker an der Royal Institution und Entdecker zahlreicher chemischer Elemente hält Vorlesungen in London und ein Kunde Ribeaus, fasziniert von Faradays gebundenen Mitschriften der Vorträge John Tatums, nimmt diesen kurzerhand mit zu Davys Vorlesungen. Erneut verfasst Faraday akribische Vorlesungsaufzeichnungen, fertigt zahlreiche Skizzen zu Versuchsaufbauten an, bindet diese als Buch und schickt sein Werk an Davy mit der bescheidenen Bitte um eine Anstellung als einfacher Laborant in dessen Institut. Davy, der durch eine bei einem Experiment erlittene Augenverletzung gerade tatsächlich eine Hilfe benötigte, engagiert Faraday fortan als Gehilfen und persönlichen Assistenten.

Und das verrückte daran ist, diese Geschichte ist tatsächlich wahr. Michael Faraday wurde ohne universitäre Ausbildung als Gehilfe des Chemikers Humphrey Davy zu einem der bedeutendsten Experimentalphysiker Englands, der durch seine Arbeiten die Grundlagen des Elektromagnetismus erforschen sollte und damit ein Wegbereiter wurde für die Erfindung des Elektromotors, der Glühbirne und des von Einstein in seiner mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Dissertationsschrift entdeckten photoelektrischen Effekts.

Versuchsanordnung zum Nachweis
der elektromagnetischen Rotation
Aber Ralf Bönt in Romanform geschriebene Biografie 'Die Entdeckung des Lichts' erzählt nicht nur vom Wissensachaftler Michael Faraday. Vielmehr bringt er uns auch den Menschen Faraday näher, der vor lauter Schüchternheit mehr als nur eine kleine Ewigkeit braucht, um seine zukünftige Frau überhaupt nur anzusprechen und noch gar länger, um sie tatsächlich für ihn einzunehmen. Wir werden Zeuge von Faradays Selbstzweifeln, seinem Ringen um das Verständnis dieser neuen Sprache der modernen Naturwissenschaften, wie sie uns heute so geläufig und selbstverständlich ist. Man kann es sich wirklich kaum vorstellen, wie man sich die Fernwirkung der Kräfte des Elektromagnetismus quasi aus dem Nichts und der bloßen Anschauung der Natur erklären soll. Noch intensiver gerät die Schilderung von Faradays verzweifelten Kampf gegen die Folgen einer Quecksilbervergiftung, die er sich durch die zahlreichen mit giftigen Substanzen durchgeführten Experimente über die Jahre zugezogen hatte (mehr als 30.000 Einträge zu Experimenten sind in seinen Labortagebüchern verzeichnet). Dieses beständige Ringen mit der Krankheit und dem dadurch ausgelösten Verlust von Erinnerung und Konzentrationsfähigkeit war es auch, die den Physiker Ralf Bönt dazu bewegte, diesen Roman zu schreiben, weil ihm selbst ähnliches widerfuhr.

Margaret Carpenter:
Ada Augusta Byron King (1836)
Als obskure Nebenfigur der Handlung, erklärter Fan und glühende Anhängerin Faradays (ja fast sogar schon eine Art 'Groupie'), wird Ada Augusta King, Countess of Lovelace geschildert. Mit ihr führte Faraday einen nahezu leidenschaftlichen Briefwechsel (sofern dieser Mann mit dem stoischen Gemüt dazu überhaupt in der Lage war) und als aufmerksamer Leser des Biblionomicons kennen wir diese Dame natürlich bereits aus F.C. Delius Biografie über den Computerpionier Konrad Zuse 'Die Frau für die ich den Computer erfand' (Rezension 'Alles wegen Ada...' vom 18.08.2011). Ada war die Tochter Lord Byrons und die Mitarbeiterin von Charles Babbage, der die ersten 'mechanischen' Allgemeinrechner (Computer) der Geschichte konzipieren sollte und für die Ada die allerersten Computerprogramme schrieb. Doch das ist eine andere Geschichte.

Fazit: Schön gezeichnete biografische Geschichte über einen ungewöhnlichen Wissenschaftler, der die damalige Welt mit seinen Ideen und Experimenten revolutionieren sollte, die dabei aber den Menschen, der dahinter steht, nicht aus dem Blick verliert. Sehr zu empfehlen!

Ralf Bönt
Die Entdeckung des Lichts
btb Verlag (2011)
352 Seiten
9,99 Euro









Links:

Samstag, 4. Februar 2012

Völlig aus der Art geschlagen - Jutta Profijt 'Kühlfach-Krimis'

Die werten Leser wissen es ja schon, Kriminalromane zählen im Biblionomicon eher zu den 'Randerscheinungen'. Um so mehr freue ich mich, dass Claudia in Ihrer zweiten Gastrezension diesem von mir leichtfertig vernachlässigtem Genre ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lässt und den Faden gleich mit einer ganzen Krimireihe aufgreift, von der ich zugegebenermaßen noch nie etwas gehört hatte. Viel Spaß also mit Claudias Kühlfach-Krimis :)

Der Titelheld der neuen „Kühlfach-Krimireihe“ schlägt - formuliere ich es vorsichtig - ein wenig aus der Art. Dennoch versteht er es wohl sein Publikum an sich zu binden. Sei es weil uns sein Schicksal rührt, oder weil er ein so herrlich erfrischendes und schnodderiges Mundwerk sein Eigen nennt. Weshalb auch immer -- "Pascha" muss man einfach ins Herz schließen. Doch ich sollte am Anfang beginnen. Unser Held, ein kleinkrimineller Autoschieber (korrekt muss es heißen ein ziemlich toter kleinkrimineller Autoschieber) findet sich bei seiner eigenen Autopsie auf dem Seziertisch von Dr. Martin Gänsewein wieder. Verständlicherweise in heller Aufregung und wild gestikulierend, versucht er sich bemerkbar zu machen, was ihm Mangels körperlicher Fähigkeit, misslingt. Lediglich sein 'behandelnder' Rechtsmediziner ist in der Lage Paschas Gedanken zu hören. Doch ihre erste Begegnung steht, in Anbetracht der eher heiklen Situation, unter keinem so guten Stern:
„Meine anfängliche Verwirrung steigerte sich zu einer ausgewachsenen Panik, als ich sah, was Martin in der Hand hielt: Ein blitzendes, verflucht scharf aussehendes Skalpell. Er setzte es an und schlitze mir den gesamten Oberkörper auf, vom Kinn abwärts in einem geraden Schnitt bis dahin, wo es wirklich nicht mehr weitergeht. (...). Mir war schlecht. Lage um Lage wurde meine Haut abgeschält (...), bis zu dem Punkt, wo es anfing, wirklich eklig zu werden. Martin fasste mir an die Eier. ‚Hey, nimm deine Wichsgriffel von meinem Sack‘, brüllte ich in höchster Not, und Martin fuhr herum, wobei er so stark zusammenzuckte, dass ich dachte, er schlitzt gleich seinen Kollegen auf. Das war der Moment, in dem ich feststellte, dass er mich hören kann.“ (S. 23) 
Dieses für Dr. Gänsewein zweifelhafte Vergnügen führt zu herrlichen Dialogen und peinlichen Ausbrüchen des enervierten Mediziners. Pascha und Martin - man kommt sich schließlich näher - sprechen nun einmal nicht dieselbe Sprache. Doch nach zahlreichen Verständigungsproblemen kämpfen beide doch um ein gemeinsames Ziel, nämlich die Aufklärung der Umstände, die zu Paschas Tod führten. War es am Ende doch Mord? Wer schwarzen Humor mag, der wird das neue Ermittlerduo lieben! Inzwischen sind bei dtv vier Romane der „Kühlfach-Reihe“ erschienen (siehe unten).

Fazit: Natürlich darf man nicht mit gehobener Literatur rechnen, wenn man einen Kühlfach-Roman aufschlägt. Aber man kann mit guter, solider Unterhaltung rechnen. Jutta Profijt ist es gelungen einen völlig neuen Ermittlertypus zu erschaffen, der zumindest für meinen Geschmack, genial komisch ist.

Jutta Profijt
Kühlfach 4
Deutscher Taschenbuch Verlag (2009)
256 Seiten
9,95 Euro








Jutta Projijt
Im Kühlfach nebenan
Deutscher Taschenbuch Verlag (2009)
288 Seiten
9,95 Euro







Jutta Profijt
Kühlfach zu vermieten
Deutscher Taschenbuch Verlag (2010)
304 Seiten
9,95 Euro








Jutta Profijt
Kühlfach betreten verboten
Deutscher Taschenbuch Verlag (2012)
320 Seiten
9,95 Euro

Samstag, 28. Januar 2012

Wie immer eine Verschwörung... - Umberto Eco 'Der Friedhof in Prag'

Nach der letzten für mich großen Enttäuschung in Sachen 'Romane von Umberto Eco', in der dieser von mir ausdrücklich hochwertgeschätzte Erzähler und Wissenschaftler die letztendlich nur für seine Zeitgenossen und gleichzeitig auch Landsmänner interessante Geschichte eines von Amnesie heimgesuchten Antiquars erzählte -- die mich übrigens beim Lesen zusehends langweilte -- war ich schon einmal gespannt darauf, was uns als nächstes aus der Feder des großen Ecos erwarten sollte. Ausgehend von den unbestritten großartigen Werken 'Der Name der Rose' und dem 'Foucaultschen Pendel' zeichneten seine Folgewerke in meinen Augen zusehends Mittelmäßigkeit bis Langeweile aus. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass nun nach den zahlreichen "Geschichten der Schönheit, Hässlichkeit, unendlichen Listen, usw." endlich wieder ein Roman angekündigt wurde, an dem der Meister nahezu ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet haben soll.

"Schreibe über das, wovon Du etwas verstehst." So lautet der gut gemeinte Ratschlag an alle angehenden Autoren. Und diesem Motto ist Meister Eco in seinem neuesten Roman "Der Friedhof in Prag" treu geblieben, in dem minutiös die Geschichte einer weltweit bekannten und geschichtlich so fatalen Verschwörung erzählt wird, der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion", einem antisemitischen anonym veröffentlichten Pamphlet, in dem angeblich die jüdische Weltverschwörung offenbart und aufgedeckt wird. Wie bei Eco üblich handelt es sich auch bei diesem Roman um ein Werk, dass aus dem professoralen Zettelkasten heraus entstand. So sind die meisten der zahllosen Figuren und Ereignisse der Handlung tatsächlich real und mit großer Akribie recherchiert. Doch zunächst einmal zur Geschichte selbst...  

Simonini, der sich gerne als "Capitaine Simonini" betiteln lässt, ist nichts anderes als eine Art 'Agent provocateur', ein geschickter Fälscher, der im Auftrag diverser Geheimdienste des 19. Jahrhunderts politische Beweisstücke fabriziert, mit denen die Machtinhaber der damaligen Zeit ihre Politik stützen und die gesellschaftliche Stimmungslage in ihrem Sinne beeinflussen wollten. Wir lernen Simonini bereits in früher Jugend kennen. Beeinflusst wird seine Gesinnung stark durch seinen antisemitisch eingestellten Großvater Giovanni Battista Simonini, der in einem Brief an Abbé Barruel, einem zeitgenössischen Verschwörungstheoretiker, die Ursache allen Übels den von ihm verabscheuten Juden in die Schuhe schiebt. Dieser Brief soll später noch zu einem wichtigen Puzzlestein werden im Gewebe der "jüdischen Weltverschwörung", die Jahrzehnte darauf in den Protokollen der Weisen von Zion kulminieren wird.

Simonini wird zunächst als Agent nach Sizilien geschickt, um Informationen über den italienischen Guerillakämpfer Garibaldi und seine Mitstreiter zu gewinnen. Der Auftrag gipfelt darin, den Verwalter der Kassenbücher Garibaldis unauffällig zu beseitigen, was Simonini mit Hilfe eines von ihm mit Hilfe einer Bombe herbeigeführten Schiffsunglücks gelingt. Doch schnell werden seine Fähigkeit als Fälscher von Dokumenten - zuvor war er bei einem Notar in die Lehre gegangen - als wesentlich hilfreicher erkannt. So wird er aus seinem Heimatland Piemont nach Frankreich geschickt, um dort den lokalen Geheimdienst gegen die Anarchisten zu unterstützen. Im Laufe seiner Fälscherkarriere schließt er so auch Bekanntschaft mit dem deutschen, dem türkischen und dem russischen Geheimdienst, entwickelt eine Persönlichkeitsspaltung und agiert zeitweise als Abbé Dalla Piccola, ist Mitverursacher der Dreyfus-Affäre, unterstützt und erfindet satanistische Bewegungen und Freimaurerverschwörungen, bis er schließlich basierend auf den Briefen seines Großvaters, den Romanen von Alexandre Dumas und weiteren Versatzstücken der zeitgenössischen Publizistik für den russischen Geheimdienst die Grundlage für die verhängnisvollen "Protokolle" schafft.

Zugegeben, es lässt sich die Fülle an historischen Fakten, die Eco in seinem Roman verarbeitet hat, nur schwer in Kurzform wiedergeben. Allerdings bewegt er sich hier auf einem auch für seine Leser gesichterten Grund wichtiger politischer Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Das italienische Risorgimento, Frankreich unter dem Bürgerkönig, die zweite Republik und das zweite Kaiserreich, dem deutsch-französischen Krieg, der Dreyfus-Affäre, die Bewegungen der Anarchisten, Kommunisten, etc. garniert mit weltweit bekannten Verschwörern wie den Freimaurern, den Jesuiten und seinem allgegenwärtigen "Feindbild", dem Judentum. Und man muss neidlos zugestehen, es ist ihm diesmal gut gelungen.

Der Roman fesselt trotz der unzähligen Figuren und Fakten durch den seltsamen Charakter des Protagonisten, der alle Stränge der Erzählung in sich zusammenführt. Dabei wechselt z.B. je nach Zustand der Verrücktheit Simoninis die Schrifttype des Textes. Er und sein schizophrenes Alter Ego Dalla Piccola schreiben ein wechselseitiges Tagebuch und helfen auf diese Weise dem Leser und auch Simonini selbst bei der Entwirrung der komplexen Fakten. Interessantes Detail am Rande: Simonini ist ein ausgesprochener Gourmet, der uns an seinen zahlreichen kulinarischen Ausschweifungen lustvoll teilhaben lässt. Besonders interessant ist auch das Zusammenfügen der einzelnen Bruch- und Versatzstücke geraten, aus denen sich die "Protokolle der Weisen von Zion" Stück für Stück zusammensetzen. Ausgehend von der Beschreibung einer Freimaurerversammlung bei Alexandre Dumas' 'Joseph Balsamo' über die Briefe des Großvaters, Zeitungsartikeln und den Visionen eines satanistischen (geisteskranken) Mediums (übrigens die einzige Frau unter den handelnden Personen) tragen unzählige Quellen zum Entstehen der Verschwörungsschriften bei. Allerdings empfehle ich auch hier, das Buch besser am Stück als häppchenweise vor dem Zubettgehen zu lesen, da man sonst schnell den Faden wieder verliert. Das Buch in der vorliegenden gebundenen Ausgabe ist sehr schön gestaltet. Insbesondere die zahlreichen Stiche, die selbst aus unterschiedlichsten Quellen stammen und hier zusammengetragen wurden, verleihen dem Werk den Charme einer typischen Abenteuererzählung aus dem vorletzten Jahrhundert, aus dem das Buch ja zu stammen vorgibt.

Fazit: Es ist ihm noch einmal gelungen, dem Großmeister aller Verschwörungstheoretiker, ein spannendes und vor historischen Fakten nur so wimmelndes Werk zu schaffen. Allen eingeweihten und hartgesottenen Fans wärmstens ans Herz gelegt wird Eco dadurch wahrscheinlich aber nur schwerlich neue Anhänger unter der Generation iPad gewinnen können. Trotzdem: LESEN!! 


Umberto Eco
Der Friedhof in Prag
Hanser Verlag (2011)
528 Seiten
26,00 Euro








Folgende Bücher kann ich dazu auch noch empfehlen:

Samstag, 21. Januar 2012

Verwegene Frauen - Liv Winterberg 'Vom anderen Ende der Welt'

Ich freue mich ganz besonders, heute meinen Lesern -- und das ist eine Premiere -- den ersten von hoffentlich noch vielen weiteren Gastbeiträgen präsentieren zu dürfen. Das Biblionomicon war ja nun lange genug meine 'Privatveranstaltung' und nach mehr als 5 Jahren und fast 150 Beiträgen ist es an der Zeit, auch einmal andere Stimmen Gleichgesinnter und Seelenverwandter zu Wort kommen zu lassen. Den Anfang macht heute Claudia, die ich im letzten Beitrag ja schon einmal erwähnt hatte, mit Liv Winterbergs historischen Roman 'Vom anderen Ende der Welt'. Als frisch promovierte Historikerin ('Religion und religiöse Memoria in den Statuten reichsstädtischer Zünfte vom Spätmittelalter bis zum 17. Jahrhundert. Eine Exemplarische Untersuchung der Städte Dortmund, Essen, Lübeck, Oppenheim und Augsburg') ist Claudia natürlich prädestiniert, hier in der Abteilung historische Romane für neuen Wind zu sorgen und da sie auch lange Zeit im Buchhandel gearbeitet hat, saß sie ja gewissermaßen immer schon 'an der Quelle'. Also denn...

Als junge Frau hatte Mary Linley im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts nur eine Bestimmung: heiraten und Kinder gebären. Als ihr Vater stirbt scheint dieses Dogma in erschreckende Nähe zu rücken, doch Mary hat andere Pläne. Sie muss den geltenden gesellschaftlichen Konventionen entfliehen, um als Wissenschaftlerin zu arbeiten -- schließlich war sie von ihrem Vater als Botanikerin ausgebildet worden. Um der unausweichlichen Heirat zu entgehen, gibt sie sich als Mann aus und heuert als Zeichner auf einem Expeditionsschiff an. Auf der langen Reise nach Tahiti lernt sie schnell, wie unerbittlich und hart sich das tägliche Leben an Bord erweist und wie schwer es ist, den Schein ihrer männlichen Identität zu wahren. Auch der Leser erfährt dabei überaus Wissenswertes über das Leben auf hoher See und die Botanik der damaligen Zeit. Natürlich darf auch die Liebe in dieser Geschichte nicht fehlen, die sich zwischen Mary und Sir Carl Belham, dem Leiter der Expedition, entspinnt.

Und auch wenn sich zwischenzeitlich das Gefühl einstellt, etwas weniger Klischee hätte dem Roman gut getan, so ist er doch lesenswert, vernünftig recherchiert und unterhaltsam -- gut geeignet für einen verregneten Sonntagnachmittag auf dem Sofa. Versöhnlich hat mich schließlich doch auch gestimmt, dass die Geschichte tatsächlich auf einer historischen Vorlage basiert: 1766 brach der französische Weltumsegler Louis Antoine de Bougainville zu seiner drei Jahre dauernden Reise auf und gelangte dabei 1768 nach Tahiti. Mit an Bord befand sich der Botaniker Philibert Commerçon, begleitet von seinem Assistenten Jean Baré, alias Jeanne Baret -- einer Frau. Nur in Männerkleidung war es der ausgebildeten Botanikerin überhaupt möglich wissenschaftlich zu arbeiten und an einer Forschungsreise teilzunehmen.

Commerçon und Baret forschten fünf Jahre gemeinsam auf Mauritius und Madagaskar. Nach dem Tod Commerçons überführte Baret seinem Testament entsprechend, die gesamte Sammlung nach Frankreich, ordnete über 6000 Pflanzen in die bestehende Sammlung ein und leistete auf diese Weise einen der wichtigsten Beiträge zur Botanik des 18. Jahrhunderts. Noch heute ist die Sammlung im Muséum national d’histoire naturelle in Paris zu sehen. Während zahlreiche Pflanzen den Namen Commerçons tragen, wurde Baret diese späte Ehrung erst 2012 zuteil, indem ein neu entdecktes Nachtschattengewächs nun den Namen Solanum baretiae trägt.

Ich stelle mir, nachdem es zwischen Roman und Realität so viele Parallelen gibt, die Frage, warum Liv Winterberg sich nicht einfach vollständig an der historischen Person orientierte hat. Eine Biographie in Romanform mit ein wenig mehr Fakten zur historischen Jeanne Baret hätte ich sicher noch lieber gelesen.

Liv Winterberg
Vom anderen Ende der Welt
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Premium)
448 Seiten
14,80 Euro








Weitere Leseempfehlungen zum Thema:

Sonntag, 15. Januar 2012

Und wieder eine Liebeserklärung an das Lesen - Marie-Sabine Roger 'Das Labyrinth der Wörter'

Wie schön ist es doch, ein Buch persönlich empfohlen zu bekommen, spart es einem doch oftmals viel Zeit und birgt so manche ungeahnte Überraschung. Daher vielen lieben Dank an unsere Freundin und passionierte Vielleserin Claudia, die mir dieses unauffällige kleine Büchlein unversehens in die Hand gedrückt hat. "Das hast Du in Null-komma-nichts durch und es wird Dir gefallen." Recht hat sie gehabt, und zwar mit beidem.
"Ein Wörterbuch ist nicht einfach nur ein Buch, Germain. Es ist viel mehr als das. Es ist ein Labyrinth...Ein großartiges Labyrinth, in dem man sich voller Glück verirrt."(Seite 137).
Marie-Sabine Roger stellt uns in "Das Labyrinth der Wörter" den mehr oder weniger einfältigen und "einfach gestrickten" Germain Chaze vor, der zwar nach außen hin seiner massigen Erscheinung wegen den "harten Kerl" mimt, aber in seinem Innersten doch eine Seele von einem Menschen ist. Er ist von zu Hause ausgezogen, lebt aber nur wenige Schritte vom Haus seiner Mutter entfernt in einem Wohnwagen, der im Garten steht. Für Gartenarbeit hat Germain auch ein Händchen und so duldet er auch seine ewig nörgelnde, leicht psychopathische Mutter, die ihn Zeit seines Lebens immer klein gehalten hat, wenn sie Germains mühevoll kultivierte Garten plündert. Germain hält sich mit kleinen Gelegenheitsjobs über Wasser und fristet ein eher tristes Leben, dessen seltene Höhepunkte den in Trinkgelagen mit seinen Freunden bestehen.

Eines Tages lernt Germain, während er im Park dem Taubenzählen nachgeht, die hochgebildete alte Dame Margueritte Escoffier kennen, die in einem nahen Altersheim lebt. Im Gespräch mit Margueritte kommt sich Germain zum ersten mal in seinem Leben richtig ernst genommen und als Mensch anerkannt vor. Und so entspannen sich zwischen diesem ungleichen Paar zarte Bande der Freundschaft, in deren Verlauf Margueritte dem von allen als tumben Toren betrachteten Germain beginnt vorzulesen und ihn so Stück für Stück durch das Labyrinth der Wörter führt.
"Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. Alles ringsherum kam einem immer ganz okay vor - einfach weil es unscharf war. Und dann plötzlich sieht man die Risse, den Rost, die Mängel, alles, was bröckelt. Man sieht den Tod, die Tatsache, dass man alles eines Tages verlassen muss, und das nicht unbedingt auf die lustigste Art und Weise." (Seite 49)
Zuerst dachte ich, naja...wieder so eine (harmlose) Geschichte um einen liebenswerten tumben Trampel, der sich langsam zum Besseren entwickelt. Weit gefehlt. Das Buch bringt mehr Tiefgang mit als es auf den ersten Schein erkennen lässt. Dies liegt vor allem in der einfühlsamen Charakterzeichnung des Protagonisten Germains, der die Geschichte aus seinem eigenen Blickwinkel heraus mit seinen ureigenen Worten erzählt. Der Witz und die Ironie, die sich daraus oftmals ergibt, und die tiefen Einsichten in das manchmal allzu schwere menschliche Miteinander machen dieses Buch so liebens- wie lesenswert.
"Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können. Zum Beispiel gibt es Tage, wo man am liebsten auf alles und jeden einschlagen würde und dann doch nur einen Flunsch zieht. Dadurch könnten die anderen aber glauben, dass man krank oder unglücklich ist. Wenn man stattdessen mit Worten sagt: 'Geht mir bloß nicht auf den Sack, heute ist nicht mein Tag!'. dann vermeidet man solche Missverständnisse."(Seite 21)
Fazit: Allen, die nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen wollen, die Freude am Lesen haben und offen für ungewohnte aber durchaus wahre Blickwinkel sind, sei dieses kleine Büchlein wärmstens zum Lesen anempfohlen!! Lesen!

Marie-Sabine Roger
Das Labyrinth der Wörter
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), 2. Aufl. 2011
221 Seiten
9,20 Euro







Ich glaube, wem dieses Buch gefallen hat, dem gefallen auch folgende Bücher: