Sonntag, 16. Februar 2014

Bildgewaltiger Ritt ins Verderben - Honoré de Balzac 'Verlorene Illusionen'

Nach meiner letzten eher unangenehmen Erfahrung mit Honoré de Balzac (vgl. Die verhängnisvolle Sucht nach Wissen - Honoré de Balzac 'Der Stein der Weisen'), hatte ich mir zugegebenermaßen etwas Zeit genommen, bevor ich wieder eines seiner Werke in die Hand genommen habe. Wahrscheinlich lag es - so meine Vermutung - an der sehr alten Übersetzung des letzten Bandes, dessen Ausgabe schon weit über 100 Jahre zählt. Doch sollte ich diesmal nicht wieder enttäuscht werden. Zwar war meine schöne Ausgabe der 'Verlorenen Illusionen' aus dem Insel Verlag mit knapp 90 Jahren ähnlich alt, aber im Gegensatz zum 'Stein der Weisen' in einer weitaus moderneren und lebendigeren Sprache verfasst. Leider fehlen in beiden Bänden die Angaben zum Übersetzer. Insgesamt war die Geschichte trotz der voluminösen 750 Seiten Dünndruck und Frakturschrift wirklich spannend, so dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Aber ich will nicht schon wieder das Ende einer Rezension vorweg nehmen....

Kommen wir also zuerst einmal zur Geschichte, die Balzac hier erzählt, und die zu einer der vielen Episoden aus seiner großen 'Menschlichen Kommödie' zählt. Der Roman versetzt uns in die Zeit um 1820,  die Zeit der französischen Restauration kurz nach der endgültigen Abdankung Napoleons, in die südfranzösischen Provinz. Lucien Chardon heißt der gutaussehende und talentierte Held der Geschichte, Sohn eines kleinbürgerlichen Apothekers und einer Hebamme, die aus dem altehrwürdigen Geschlecht der de Rubempré stammt und zur Zeit des Terrors der französischen Revolution nur durch Falschaussage ihres Mannes vor dem Schafott gerettet wird. Der literarisch ambitionierte Lucien wird zum Günstling der deutlich älteren Madame de Bargeton, in die er sich auch noch verliebt. Lucien arbeitet in der kleinen und verschuldeten Druckerei seines Freundes David Sechard, der Luciens Schwester Eva heiraten wird und mit dieser stets um Luciens Fortkommen bemüht sein wird. Leider soll das den beiden später noch zum Verhängnis werden. Das Verhältnis zwischen Lucien und Mdme de Bargenton droht sich zum Skandal zu entwickeln und die beiden fliehen nach Paris. Doch die feine Gesellschaft von Paris wird Lucien, das kleinbürgerliche Landei aus der Provinz nicht akzeptieren. Mdme de Bargenton lässt ihren Günstling fallen, der sich bereits mit der Anschaffung seiner ersten, leider unpassenden Garderobe finanziell völlig ruiniert hat. Nahe der Verzweiflung trifft Lucien auf den armen Literaten d'Arthez und dessen philosophischen Zirkel. Im krassen Gegensatz zu diesen bettelarmen Freunden steht seine Bekanntschaft mit dem Journalisten Lousteau, der Lucien in die Welt der Regenbogenpresse einführen wird. Lucien beschließt, es mit dem Journalismus aufzunehmen und dabei gleichzeitig seine hohen moralischen Werte zu wahren. Doch sein Scheitern ist bereits vorprogrammiert. Da ist auch gleich die Versuchung mit Hilfe seiner neugewonnenen Macht der Medien schreckliche Rache zu nehmen an Mdme de Bargenton und ihresgleichen, denen Luciens Abstammung nie gut genug sein konnte. Doch die sind alles andere als dumm und drehen den Spieß um. Lucien gerät jetzt in den Focus eines Komplotts, indem die ach so feine Gesellschaft ihm vorgaukelt, sie könnten die Anerkennung des verlorenen Adelstitels seiner Familie beim König selbst durchsetzen. In seiner Eitelkeit gepackt, steuert Lucien weiter auf sein Verderben zu, in das er auch seine Freunde mitreißen wird.
Den edlen Seelen gelingt es schwer, an das Böse und an die Undankbarkeit zu glauben, und sie brauchen harte Lektionen, ehe sie das Ausmaß der menschlichen Korruption erkennen. (aus 'Verlorene Illusionen')
Das Ende möchte ich wie üblich nicht an dieser Stelle vorwegnehmen. Allerdings, und darauf bin ich jetzt schon gespannt, geht die Geschichte um Lucien noch weiter, und zwar in Balzacs 'Glanz und Elend der Kurtisanen'. Was mir so gut an diesem Roman gefallen hat ist hier die Kombination Balzacs behutsamer aber detaillierter Schilderung der Zeit der französischen Restauration, als Ludwig, der XVIII. die Regierungsgewalt übernimmt und alte royalistische Seilschaften wieder zurück ans Licht der Gesellschaft führt. Aber da ist auch eine neue Gewalt im Staate und das ist die Presse. Die Presse entscheidet über das Wohl und Wehe, und das nicht nur bei Theaterstücken oder Schauspielerinnen. Nein, auch im öffentlichen Leben und in der Politik ist man auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der Presse angewiesen. Diese neue Welt der Presse ist es, in die uns Balzac in seinem Roman Stück für Stück einführt. Aber man muss mit dieser Macht weise umzugehen wissen, damit man nicht selbst ins Räderwerk der Verleumdungen gerät. Der Held Lucien hat hohe Ambitionen, aber verhängnisvoller für ihn wird sich sein stets präsentes Minderwertigkeitsgefühl für ihn auswirken. Würde er doch so gerne den Adelstitel seiner Mutter führen dürfen, um Zugang zur Welt der Adeligen zu finden, die auf ihn herabschauen. Aber er wird bitter enttäuscht werden.

Fazit: Großartiges gesellschaftskritisches Werk Balzacs, das den Leser mit seiner Bildgewalt unweigerlich in seinen Bann ziehen wird. Lesen!

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Freitag, 7. Februar 2014

Es war die beste und die schönste Zeit...

Natürlich, wie sollte es auch anders sein, zum Geburtstag des großen Erzählers Charles Dickens (7. Februar 1812) natürlich der bekannteste "erste Satz" aus seinen Werken. Zu seiner Weihnachtsgeschichte hatte ich ja schon einmal einen kurzen Beitrag. Heute also "Eine Geschichte von zwei Städten". Bevor ich überhaupt irgendetwas von Charles Dickens gelesen hatte, kannte ich schon diesen berühmten Romananfang. Ich weiß nicht, wo ich ihn das erste Mal gehört habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber irgendwo im Fernsehen. Ja, es gab auch Zeiten, in denen es Spaß gemacht hat, Literatursendungen im Fernsehen zu verfolgen. Aber die Zeiten des "literarischen Quartetts" sind ein für allemal vorbei. Bleiben wir bei Dickens.

Das 1859 erschienene "Eine Geschichte von zwei Städten" ist mit über 200 Millionen verkauften Ausgaben das meistgedruckte englischsprachige Buch aller Zeiten und gehört zu den berühmtesten Werken der Weltliteratur. Schauplatz des Romans sind die beiden Metropolen Paris und London. Dickens erzählt die Lebensgeschichte von Dr. Manette, seiner Tochter Lucie und deren Ehemann Charles Darnay in den Wirren der Französischen Revolution. Als Charles von den Revolutionären zum Tode verurteilt wird, rettet ihm der junge Anwalt Sydney Carton, der (natürlich) in Lucie verliebt ist, das Leben: Anstelle von Lucies Gatten besteigt Sydney das Schafott und geht für ihn in den Tod.

Ein typischer Schmachtfetzen in Dickens'scher Manier. Aber mag man ihn ob des versprühten Pathos schelten wie man will, der Mann kann erzählen. Und das kann er so gut, dass ich an der Geschichte dranblieb, obwohl mir das ganze Herz-Schmerz-Pathos eigentlich viel zu dick aufgetragen war. Aber entscheidet selbst. Wie kann man bei einem derartigen Anfang mit dem Lesen gleich wieder aufhören....
"Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten."

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Sonntag, 2. Februar 2014

Auf eigene Gefahr - Mikael Niemi 'Populärmusik aus Vittula'

Wie ich zu dem Buch gekommen bin? Es war ein Geschenk! Tatsache, es wurde uns geschenkt, dazu noch zu unserer Hochzeit... Nein, ich hab' das jetzt erst einmal nicht als 'Anspielung' verstanden, da ich bzw. wir doch bislang nur wenig mit Nordschweden gemein haben. Nein, das Buch wurde uns auch nicht von den Schweden-Aficionados aus unserem Bekanntenkreis geschenkt. Aber Spaß hatte ich dann doch beim Lesen dieses ungewöhnlichen Coming-of-age Romans, der den Leser in die entlegenen Gebiete Nordschwedens Ende der 1960er Jahre entführt und ganz und gar in seinen Bann zieht...

Also meiner Meinung nach übertreibt der Verlag, wenn er sich auf dem Cover mit der Rezension aus der 'Brigitte' brüstet mit "Das großartigste Buch des Jahres...". Am besten man relativiert das erst einmal mit der Quelle (=Brigitte), die sich ja nicht unbedingt mit literaraturkritischen Großtaten hervortut. Mikael Niemi legt mit 'Populärmusik aus Vittula' die schwedische Comedy-Variante eines typischen Entwicklungsromans vor, der (natürlich) nicht wirklich die Klasse eines seiner berühmten Vorbilder erreichen kann - und es höchstwahrscheinlich auch gar nicht darauf abzielt. Nun, Schweden, insbesondere Nordschweden ist für uns Mitteleuropäer mehr oder minder 'Terra Incognita', also unbekanntes Territorium. Daher kann uns der Autor ja Vieles darüber erzählen, und wir müssen dann es erst einmal glauben. Es ist ein hartes und raues Leben im tornedalischen Pajala, genauso rau wie seine Einwohner. Hier wachsen in den 1960er Jahren Matti und sein schweigsamer Jugendfreund Niila auf, in der Grenzregion zwischen Schweden und Finnland fernab vom Rest der Welt.
"Unser Viertel wurde im Volksmund Vittulajänkkä genannt, was in der Übersetzung Fotzenmoor bedeutet. Der Ursprung des Namens war unklar, kam aber sicher daher, dass hier soviele Kinder geboren wurden. In vielen der Hütten gab es fünf Kinder, manchmal auch mehr, und der Name wurde zu einer Art Lobgesang der weiblichen Fruchtbarkeit." (Seite 12)
In haarsträubend komischen, mitunter auch traumartigen Episoden schildert Niemi das Leben und Heranwachsen seines Protagonisten, das geprägt ist von ausufernden Familienfeiern, Sauna- und Männlichkeitsritualen von barocken Dimensionen,  sowie dem zaghaften Sichannähern an die den Protagonisten bislang unbekannte Welt des weiblichen Geschlechts. Zudem dringt auch die Popkultur - zunächst in Form einer geradezu unerhörten Schallplatte - in die fernen, gottverlassenen nordschwedischen Regionen vor. Der Effekt, den diese Musik auf die Freundinnen von Mattis großer Schwester ausübt, bleibt den beiden Freunden nicht verborgen, und schnell ist der Plan gefasst, selbst eine Popband zu gründen. Ok, ein Instrument spielen oder gar singen kann keiner der beiden, aber es ist ja bekanntlich der Wille, der zählt, sowie die Aussicht auf Anerkennung bei den Mädchen.
"Feierlich legte ich sie auf den Plattenspieler und senkte den Tonabnehmer. Drehte die Lautstärke auf. Es knisterte leise... Ein Lärm! Das Gewitter brach los. Ein Pulverfass explodierte und sprengte das Zimmer. Der Sauerstoff ging zur Neige, wir wurden gegen die Wände geschleudert, waren an die Tapete gepresst, während sich die Kammer in rasender Fahrt drehte. Wir klebten wie die Briefmarken fest, das Blut wurde uns ins Herz gepresst, sammelte sich in einem darmroten Klumpen, bevor alles kehrt machte und in die andere Richtung sprang, bis in die Finger und Zehenspitzen, rote Speerspuren von Blut im ganzen Körper, bis wir wie die Fische nach Luft schnappten." (Seite 89)
Matti beginnt also auf der Gitarre zu dilettieren, während sein Vater ihn beiseite nimmt, um ihn über die Risiken des Erwachsenwerdens aufzuklären. Das Gefährlichste für ihn sei immer noch das (in seinen Augen oft exzessive) Bücherlesen, das bekanntlich geradewegs zur Geisteskrankheit führt. Aber Matti hat ja statt Lesen andere Dinge im Kopf. Um den Traum von seiner Popband zu verwirklichen übernimmt er in den Ferien für einen Touristen eine überaus unappetitliche Rattenvernichtungsaktion, mit der er sich die heiß ersehnte Elektrogitarre finanzieren möchte. Die Aktion gerät außer Kontrolle, stinkende Leichenberge und Massengräber (für die Ratten) sind die Folge. Natürlich passt das zusammen mit der Tatsache, dass es sich bei dem Touristen um einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten handelt, der seine finnischen Kriegserinnerungen schriftstellerisch aufarbeiten möchte. Als ob das Leben eines Heranwachsenden noch nicht kompliziert genug wäre...

Das Buch hat mich gut unterhalten, auch wenn ich mich öfters an der platten, von Kraftausdrücken durchsetzten Sprache gestört habe. Aber die gehört ja zum Heranwachsen dazu und gibt den Figuren ein entsprechend plastisches Gesicht. Auch wenn einige der Episoden wirklich köstlich sind, habe ich das Buch am Ende doch ein wenig enttäuscht aus der Hand gelegt. Aber so ist das ja auch mit dem Erwachsenwerden. Die wenigsten von uns sind doch Astronaut oder Geheimagent geworden.

Fazit: Origineller Coming-of-Age Roman aus der einsamen nordschwedischen Provinz, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Lesen (und Amüsieren) auf eigene Gefahr...


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Sonntag, 26. Januar 2014

Steve Toltz - Vatermord und andere Familienvergnügen

Also bislang hatte ich noch nichts von australischen Autoren gelesen. Die Gründe dafür...? Naja, mir scheint einfach noch nicht allzu viel Australisches in die Hände gefallen zu sein. Ich werde mich auch davor hüten, meine Erfahrungen mit dem australischen Autor Steve Toltz jetzt unzulässigerweise zu verallgemeinern und daraus ein allgemeines Bild über die australische Literatur abzuleiten. Tatsächlich würde ich ihr gerne "trotz" Steve Toltz noch einmal eine Chance geben wollen. Aber ich möchte mein Urteil über sein Buch "Vatermord und andere Familienvergnügen" nicht schon vorweg nehmen. Tatsächlich war ich bei der Lektüre über lange Strecken recht zwiegespalten, ob es mich amüsieren sollte oder ob es mir einfach nur auf die Nerven geht...

Aber alles der Reihe nach. Das Buch erzählt eine ungewöhnliche Familiengeschichte: die Geschichte von Jasper Dean, seinem Vater Martin und dessen Bruder Terry. Martin ist ein seltsamer Typ, ein depressiver Philosoph, ein Misanthrop, der geborene Verlierer, dem nichts so recht in seinem Leben gelingen will. Die ersten Jahre seines Lebens verbringt er erst einmal im Koma. Sein erster großer Versuch die Welt und damit das Leben seiner Mitbewohner in der kleinen australischen Stadt zu verbessern, ist zum Scheitern verurteilt. Heimlich installiert er am Rathaus eine anonyme "Vorschlagsbox", aber die braven Bürger nutzen diese nicht nur um gute Ideen unterzubringen, die anschließend zur Abstimmung in einer öffentlichen Versammlung verlesen werden, sondern sie denunzieren und hetzen gegen ihre lieben Mitmenschen. Martins Vorschlagbox wächst sich letztendlich zur Wurzel allen Übels heraus, die am Ende sogar für den Untergang des Städtchens in einem Buschfeuer verantwortlich zeichnet.

Im Gegensatz zu Martin ist sein jüngerer Bruder Terry zunächst einmal die Sportskanone in der Familie. Allerdings führt eine Verletzung - ein Messerstich ins Bein - dazu, dass er auf die schiefe Bahn gerät, zum Berufsverbrecher wird und letztendlich zum meistgesuchten Mann Australiens. Seiner Popularität tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, er wird zu einem Volkshelden, da er Attentate auf Spitzensportler verübt, die gedopt haben oder sich haben kaufen lassen, da dies seinem Verständnis von sportlicher Fairness und Fair Play widerspricht. Ironie des Schicksals: Terrys Vater hatte sich in der kleinen Stadt einst für den Bau eines neuen Gefängnisses engagiert, in das Terry am Ende eingeliefert wird, so dass der Vater seinen Sohn von der Terrasse aus mit dem Fernglas beim täglichen Freigang beobachten kann.

Zwischen diesen beiden Charakteren steht jetzt Jasper Dean. Sein Vater Martin taugt nicht recht zum Vorbild, aber sein Onkel Terry als Krimineller erst recht nicht. Und wenn man glaubt, die Story wäre jetzt schon ein wenig abstrus, so geht es nun erst richtig zur Sache in immer haarsträubenderen Unfällen, Verbrechen und anderen Katastrophen. Und dabei kommt wirklich alles zusammen. Aber ich werde diesen folgenden Teil der Familiengeschichte nicht vorwegnehmen, falls sich der ein oder andere Leser jetzt zur Lektüre ermuntert fühlen sollte.

Steve Toltz versucht sich an einer humoristischen Erzählung, die bisweilen aber hart an der Kalauergrenze des "guten Geschmacks" rangiert. Der Leser staunt über die unglaublich konstruierten Zusammenhänge. Zwar werden die großen - und mitunter unaussprechbar schrecklichen - Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Toltz's Plauderton gestreift, aber stets müssen diese im Nachsatz zur Pointe geraten. Ich stimme der FAZ in ihrer Rezension zu, dass dies manchmal kaum zu ertragen ist. Wie so oft frage ich mich einmal wieder, was den Verlag wohl zur Wahl des Titels bewogen haben mag. Im Original heißt Toltz' Werk "A Fraction of the Whole" ("Ein Teil des Ganzen"). Aber, und das muss man diesmal zugestehen, wird der deutsche Titel dem Inhalt tatsächlich gerecht - auch wenn dies gewiss kein Lob sein soll. Hätte sich Toltz auf gut die Hälfte der in Anspruch genommenen 800 Seiten beschränkt, würde mein Urteil sicherlich milder ausfallen. So aber hege ich eine gewisse Angst, was uns der Autor wohl in Zukunft noch zumuten möchte.

Fazit: Kurios schräge australische Familiensaga. Grenzwertig, nur für den ausdauernden Leser, der hart im Nehmen ist. Weniger ist manchmal mehr...

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Mittwoch, 15. Januar 2014

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen...

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.

Richtig, es geht um das One-Hit-Wonder der Pop-Literatur, J.D. Salingers Roman 'Der Fänger im Roggen'. Ja, ich hab ihn schon öfters gelesen, das erste Mal vor 25 Jahren, mal in der Böll'schen (zahmeren) Übersetzung oder auch im englischen Original. Hier im Biblionomicon war ebenfalls schon öfters von J.D. Salinger und seinen Einflüssen die Rede (siehe unten). Coming-of-Age Geschichten sind bzw. waren auch zu Salingers Zeiten natürlich nichts Neues. Aber im Gegensatz zu all seinen Vorgängern trifft Salinger einen anderen Ton, eine Schnoddrigkeit mit Tendenz zur Großspurigkeit und dem immer wiederkehrenden Prinzip der 'verpassten Chance', die den Leser mit der Frage 'Was wäre Wenn...?' alleine zurücklässt. Und dieser Ton zieht den Leser jetzt schon seit mehr als 60 Jahren in seinen Bann. Falls ihr in noch nicht kennen solltet: Lesen!

Zum Thema J.D. Salinger hier im Biblionomicon:
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Samstag, 11. Januar 2014

Nichts für die trüben Tage - Edith Wharton 'Ein altes Haus am Hudson River'

Eigentlich kannte ich Edith Wharton zuvor lediglich durch Martin Scorseses Film 'Zeit der Unschuld' mit Michelle Pfeiffer und dem großartigen Daniel Day-Lewis. Allerdings war ich von dem Film nur mäßig begeistert. Gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Sexualität in der Zeit der 'Belle Epoque', gepaart mit dem Motiv des Versagens, der verpassten Gelegenheit, der angstvoll getroffenen 'falschen' aber dennoch den Konventionen der Gesellschaft angepassten Entscheidungen. Den Film vor Augen, sah ich in Edith Wharton eine sauertöpfische, spätviktorianische Jungfer, die nicht so leben konnte, wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich wollte. Dass sie aber noch bis in die 1930er Jahre als Autorin aktiv sein sollte und sich auch noch erfolgreich an der literarischen Welt des Jazz-Age und der Roaring Twenties beteiligte, war mir bislang verborgen geblieben.

Edith Whartons 'Das alte Haus am Hudson River' (Hudson River Bracketed) erschien 1929 und ist mehr oder minder ein zeitgenössischer Roman, der im Amerika der 1920er Jahre spielt. Aber ganz genauso wie in 'Zeit der Unschuld' geht es um gesellschaftliche Konventionen, die eine Verbindung zweier Liebender verhindern soll. Vance Weston ist der jugendliche und mehr oder weniger glücklose Held aus der Provinz, dessen kurvenreicher Bildungs- und Bewährungsweg zum Schriftsteller in diesem Roman aus Edith Whartons Spätwerk erzählt wird. Vance stammt aus einer typisch-amerikanisch modernen Suburb, einem Neubauvorort im Mittleren Westen mit dem sinnigen Namen 'Euphoria'. Sein Vater ist ein angesehener und erfolgreicher Immobilienspekulant, der natürlich nichts dafür übrig hat, dass sein Sohn lieber Gedichte schreiben möchte als in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Als er zur Erholung zu Verwandten, den Tracys, geschickt wird, die in ärmlichen Verhältnissen in der ländlichen Umgebung New Yorks leben, soll er bald eine ganz andere Welt in Gestalt von Heloise Spears kennenlernen, deren Lebensweg als Teil der 'besseren Gesellschaft' zu der sie gehört, in engen Bahnen vorgezeichnet zu sein scheint.

Durch Heloise findet Vance den Weg zum alten, leerstehenden Haus am Hudson River, dessen Kern eine wohlsortierte Bibliothek der vormaligen Besitzerin bildet, ein Hort der Bildung und Gelehrsamkeit, der zur unstetigen Schule des Protagonisten werden soll, der so sehr vom Wunsch beseelt ist, einmal ein großer Autor zu werden. Die literarische Welt der amerikanischen und europäischen Klassiker blieb dem jugendlichen Helden aus dem fortschrittsbetonten Euphoria bislang verborgen und sein Besuch in der alten Bibliothek gerät so zu einem Erweckungserlebnis. Der Originaltitel des Romans (Hudson River Bracketed) ist gleichzeitig die Bezeichnung des Baustils dieses alten Hauses, das mit seinen verwinkelten Balkonen, Spitzbögenfenstern und riesigen Urnen an der Eingangstreppe um 1830 erbaut worden ist. Während die ärmlichen Tracys in dem alten Haus nach dem Rechten sehen und damit ihr kärgliches Einkommen aufbessern, residieren die Spears dagegen im jahrhundertealten Familienstammsitz mit unverbautem Blick auf den Hudson.

Schuldlos in den Verdacht geraten, Bücher aus der Bibliothek gestohlen zu haben, beschließt Vance, sein Glück in der Boomstadt New York zu versuchen, die nur eine kurze Zugfahrt entfernt liegt. Eine erste Erzählung, die Vance im Schmerz einer enttäuschten Liebe verfasst, wird ihm die Türen einer neuen und ambitionierten Literaturzeitschrift öffnen, deren Verleger schließlich niemand anderes als Heloises Ehemann sein wird, den diese auf Wunsch ihrer sonst dem Bankrott nahestehenden Eltern aus naheliegenden 'Vernunftsgründen' wählt. Hier gerät der Roman schließlich zu einer Schilderung des Lebens im Großstadtmoloch New York der Roaring Twenties. Dem Leser wird dabei sowohl die Welt der Reichen und Schönen auf der einen Seite, als auch die durch die Not erzwungene ärmliche Existenz des Protagonisten und alle daraus entstehenden Gegensätze und Konflikte bildreich vor Augen geführt. Vance ist dazu verurteilt, an seinen eigenen Prinzipien und Idealen zu scheitern. Durch seine Weigerung mit der alten Witwe Pulsifer (eine Anspielung auf Pulitzer) zu schlafen, vergibt er sich die Chance auf den wichtigsten New Yorker Literaturpreis, der zur Förderung seiner Karriere unabdingbar gewesen wäre. Natürlich hört er auf die falschen Agenten und Redakteure, die nur den Kommerz und nicht die Qualität der Literatur vor Augen haben. Dann heiratet er auch noch die falsche Frau, ein wunderschönes, aber bettelarmes, ungebildetes Mädchen, das wenig später an Schwindsucht stirbt. Natürlich wissen wir es ja schon von Anfang an. Eigentlich sollten doch Vance und Heloise zusammenkommen, aber dazu stehen sie sich selbst und (sic!) die gesellschaftlichen Konventionen im Wege.

Edith Wharton verwendet viel Zeit, um ihre Charaktere liebevoll zu formen und detailliert herauszuarbeiten. Bei aller Liebe fällt es aber dennoch schwer, sich aus heutiger Sicht mit Vance oder Eloise zu identifizieren, da es uns schwerfällt, in den Kategorien und Konventionen ihrer Zeitgenossen zu denken. Irgendwie ist es von Anfang an klar, dass Vance der 'geborene Verlierer' in dieser versnobbten New Yorker Upperclass Welt sein wird, und dass Heloise trotz aller Liebe auch nicht aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen vermag. Da waren sie wieder, wie bei Scott F. Fitzgerald, Gatsby und seine Daisy, die Liebenden, die doch nicht zueinander finden konnten, und in ihrer Welt gefangen hingen. Allerdings wurde mir Edith Whartons Roman im Gegensatz zu Fitzgeralds großartigem Werk zum Ende hin doch en wenig zu trübsinnig und melancholisch.

Fazit: Ein großer Roman einer überaus interessanten Autorin, den es sich lohnt zu lesen. Aber Vorsicht, er dient sicherlich nicht als Lektüre zur Aufheiterung der trübgrauen Wintertage.

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Dienstag, 31. Dezember 2013

Tom Reiss 'Der Schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo'

Gestoßen bin ich auf das Buch über eine Rezension im Focus, die mich zugegebenermaßen neugierig machte. Wäre mir aber nicht auch noch der Zufall in Gestalt unserer Nachbarin zu Hilfe gekommen, hätte ich das Buch aller Wahrscheinlichkeit nach nie in die Hände bekommen. Da ich mich nun einmal gerne mit meinen Zeitgenossen über unsere aktuelle Lektüre auszutauschen pflege, kamen wir auf Tom Reiss Biografie über den berühmten Vater von Alexandre Dumas zu sprechen, der sich unsere liebe Nachbarin gerade widmete. Auf meine Frage hin, ob denn das Buch die in der Focus Rezension gemachten Versprechen auch halten könne, hatte sie so ihre Zweifel. Aber, sagte sie, ich solle es am besten selbst herausfinden, als sie mir das Buch vor einigen Wochen zu eben diesem Zweck liebenswürdigerweise vorbeibrachte.

Der amerikanische Journalist Tom Reiss schreibt in seinem Buch "Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo" die Lebensgeschichte des heute nahezu vergessenen Vaters des berühmten französischen Romanautors Alexandre Dumas. Selbst wenn man schon einmal von den 'Drei Dumas' gehört haben sollte, so ist der erste von Ihnen, der General der französischen republikanischen Armee Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806), der wohl heute am wenigsten bekannte. Ganz im Gegensatz zu seinem Sohn, Alexandre Dumas (der Ältere), der mit seinen Musketieren oder dem Grafen von Monte Christo wichtige Beiträge zur Literaturgeschichte geleistet hat, sowie dessen Sohn Alexandre Dumas (der Jüngere), dessen Kameliendame durch Verdis Oper 'La Traviata' unsterblich geworden ist. Neu war auch für mich die naheliegende These, das Alexandre Dumas (der Ältere) Versatzstücke aus der bewegten Biografie seines Vaters zur Grundlage seiner Abenteuerromane gemacht haben soll. Da mich auch die Schilderung der Epoche rund um die französische Revolution und der nachfolgende kometenhafte Aufstieg Napoleons insbesondere aus der Perspektive eines hochrangigen, aus den französischen Kolonien stammenden, dunkelhäutigen Offiziers neugierig machten, versprach ich mir recht viel von diesem Buch.

Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806)
Tom Reiss recherchierte also das Leben des Generals Alex Dumas, der als Sohn des Marquis Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie und der schwarzen Sklavin Marie Cessette Dumas auf Saint-Domingues, dem heutigen Haiti, zur Welt kam. Als Quellen dienten ihm dabei nicht nur die Autobiografie Alexandre Dumas (des Älteren), der bei der Beschreibung der Lebensgeschichte seines heldenhaften Vaters naturgemäß zur Beschönigung und Übersteigerung neigt, sondern zahlreiche zeitgenössische Quellen und offizielle Dokumente, die im Anhang des Buches in einer umfangreichen Bibliografie zusammengetragen wurden. Gekonnt verflicht Tom Reiss die Geschichte seiner eigenen Recherche mit der Lebensgeschichte des Generals, die in Saint-Domingues beginnt, jener französischen Kolonie in der Karibik, des ersten und einzigen Landes, dem es gelang sich selbst von der Sklaverei zu befreien und seine Unabhängigkeit zu erklären. Alex Dumas Vater, der Marquis de la Pailleterie, war ein Abenteurer, der auf der Flucht vor seinen Schulden auf der französischen Zuckerinsel untergetaucht war. Noch vor den Unruhen der französischen Revolution kehrte er zusammen mit seinem Sohn Alex in sein Heimatland nach Frankreich zurück, wobei er seinen Sohn zunächst zum Zweck der finanziellen Sicherung der Überfahrt als Sklaven 'verpfändet' hatte.

Allerdings lies er seinem Sohn später in Frankreich doch eine ausgezeichnete Erziehung und militärische Ausbildung zukommen. Es kommt jedoch zum Zerwürfnis zwischen dem jungen Grafen und seinem Vater, dem Marquis, weshalb Thomas-Alexandre sich seines Titels entledigt und fortan unter dem Namen seiner Mutter als 'Alex Dumas' firmiert. Er tritt als Dragoner in die unteren Ränge der Militärlaufbahn ein und die sich anbahnende französische Revolution unter ihrer Devise 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' macht das unmöglich geglaubte wahr: ein Dunkelhäutiger steigt zum General und gar zum Divisionsgeneral der französischen Armee auf. Gleichzeitig wird die Sklaverei abgeschafft und es ist nur noch das Talent, das zählt, um in der kurzen Zeit der Revolutionswirren in führende Positionen aufzusteigen, ungeachtet der Hautfarbe. Und Alex Dumas zeigt ein gar unglaubliches Talent in allen militärischen Belangen. Mit seiner für die damalige Zeit beeindruckenden Körpergröße von 1,85m, seiner Gewandtheit und Geschicklichkeit, sowie seines strategischen Talents und seiner Tapferkeit, erkämpft er sich die Hochachtung seiner Zeitgenossen. Nur mit Napoleon, dem knapp zwei Köpfe kleineren Korsen mit dem unstillbaren Ego-Komplex, mit dem soll er nicht klar kommen. Ihn macht er sich zum unbarmherzigen Feind und fällt in Ungnade. Napoleon erklärt die französische Revolution offiziell für beendet und beschneidet erneut die unter der Revolution erlangten Rechte der Farbigen in den eigenen Reihen.

Insgesamt liest sich das Buch sehr spannend und unterhaltsam. Atemlos nimmt der Leser teil an den Abenteuern General Dumas, während Tom Reiss das Augenmerk stets auch auf das Werk des Sohnes lenkt und Parallelen zu den Drei Musketieren und zum Graf von Monte Christo herzustellen versteht. Aber auch ohne diese Parallelen, die manchmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen, wäre die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mannes über alle Maßen lesenswert. Nicht umsonst errang Tom Reiss 2013 den begehrten Pulitzer Preis.

Fazit: Ein Sahnestückchen für alle Geschichtsbegeisterten, denen die Welt von Alexandre Dumas (dem Älteren) vertraut ist, und nicht nur für diese: Lesen!

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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Marley war tot...

Marley war tot, damit wollen wir anfangen...

Mit diesen Worten beginnt die wohl bekannteste Weihnachtsgeschichte weltweit, Charles Dickens' am 19. Dezember 1843 veröffentlichte Weihnachtsgeschichte 'A Christmas Carol'. Wir alle kennen die Geschichte vom geizigen Ebenezer Scrooge, der des Nachts von drei Geistern besucht wird, die ihm die Sinnlosigkeit seines bisherigen, vom Geiz diktierten Lebens vor Augen führen und ihn schlussendlich zur Selbsterkenntnis führen, die ihn zu einem besseren Menschen machen wird. Zahlreiche Verfilmungen und Adaptionen flimmern alljährlich zu Weihnachten über unsere Bildschirme. Auch wenn Ihr die Geschichte schon in- und auswendig kennen sollte, die Lektüre der originalen Vorlage dieser Adaptionen gerade auch jetzt in der Weihnachtszeit kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Charles Dickens wundervoller, stets von einem Augenzwinkern begleiteter, trockener Humor und Sprachwitz machen die Geschichte immer wieder zu einem Lese- oder gar Vorleseerlebnis. Zum eingewöhnen, hier gleich der Rest des ersten Absatzes...
Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel....

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Sonntag, 15. Dezember 2013

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Zugegeben, ich habe diesen voluminösen Band aus der Zeit Edition "Erzählte Wissenschaft" schon im Sommer gelesen, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu schreiben. Üblicherweise bin ich einer von denjenigen Lesern, die jedes angefangene Buch auch zu Ende bringen - auch wenn ich mich dabei manchmal "quälen" muss. Dieses Buch aber ist eines der wenigen in den vergangenen Jahren, dass ich trotz aller guter Vorsätze nach gut 600 Seiten mit wachsender Frustration beiseite gelegt habe, so dass es mir jetzt im Regal als "Schandfleck der nicht zu Ende gelesenen Bücher" entgegenstarrt. Stets keimt ein leichtes Grollen verbunden mit einem Stich des schlechten Gewissens in mir auf, wenn ich am Bücherregal vorbeigehe. Dass ich jetzt endlich auch eine Rezension dazu schreibe liegt auch daran, dass ich lange über das Gelesene nachgedacht habe, wobei ich das Buch ursprünglich eigentlich 'unter den Tisch' fallen lassen wollte, was die Rezension hier im Biblionomicon angeht. Aber genug der Vorrede. Worum geht es und warum hat es mir nicht gefallen?

Es handelt sich um einen historischen Roman, in dem Thomas Pynchon die Geschichte des obskuren Gelehrten-Duos des englischen Astronomen Charles Mason und des Landvermessers Jeremiah Dixon erzählt, die jedem Highschool-Kid in den USA ein Begriff sind, da die beiden die Grenze zwischen Nord und Süd, zwischen freiem Norden und dem sklavenhaltenden Süden der USA zogen, die nach ihnen benannte Mason-Dixon-Linie. Thomas Pynchons Buch kommt überaus gelehrt und fundiert recherchiert, wenngleich abstrus verfremdet daher. Da ist der verwitwete und bierernste Assistenz-Astronom des Royal Greenwich Observatoriums Charles Mason und auf der anderen Seite der leutseelige, aber irgendwie verrückte Landvermesser Jeremiah Dixon. Zusammen bilden sie das klassische Duo irgendwo zwischen "Holmes und Watson" und "Laurel und Hardy", mit verstärkter Tendenz zum (Tragi-)Komischen.

Nachdem beide zusammen im Dienste der Royal Society of Astronomers den Venustransit in Cape Town, Südafrika beobachten, erhalten Sie den Auftrag nach Amerika zu reisen, um den Streit um die Grenzlinie zwischen den Territorien Pennsylvania und Maryland durch Neuvermessung zu schlichten. Das Ganze spielt in einer Zeit noch vor der amerikanischen Revolution und den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen. Ausgerüstet mit einem vielköpfigen Tross von Lieferanten, Handwerkern und Holzfällern machen sie sich auf den Weg, um in fünf Jahren eine kerzengerade schwarze Linie auf der Landkarte abzuschreiten, die Pennsylvania von Maryland und West Virginia im Süden und senkrecht dazu von Delaware trennt. Entlang des Weges treffen sie auf allerlei seltsame Gestalten. Die Liste reicht von Indianern (logisch) über Koffein-Junkies, jesuitische Kabbalisten, bis hin zu tatsächlich historischen Gestalten wie George Washington und Benjamin Franklin. Erzählt wird die seltsame Geschichte ganz im Stil des 18. Jahrhunderts, aus dem Mund des Reverends Wicks Cherrycoke, ganze 20 Jahre später, der das Ganze im Zuge eines Besuchs in der guten Stube seiner Schwester in Philadelphia seinen Nichten und Neffen erzählt, die zwischendurch alles und jedes kommentieren.

So weit so gut. Das Problem, das ich mit der Geschichte hatte, lag eindeutig am Erzählstil und der Sprache des Übersetzers. Ich bin ja nicht ganz unerfahren in der Lektüre "älterer Literatur". Selbst ein nicht neuübersetzter Grimmelshausen aus dem 17. Jahrhundert schreckt mich nicht ab, aber mit dem vom Übersetzer adaptierten Stil Thomas Pynchons kam ich nicht wirklich gut zurecht. Alles wirkt irgendwie über alle Maßen künstlich, geschraubt und ohne Notwendigkeit verkompliziert. In Kombination mit den schrägen Abenteuern des Komikerduos Mason und Dixon wirkt die Sprache noch seltsamer. Vielleicht war das ja als Verfremdungseffekt beabsichtigt, aber ein Blick in das englischsprachige Original lässt diesen Eindruck nicht aufkommen. Wie man in der Wikipedia nachschlagen kann, stammt die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl, die 2007 sogar mit dem Paul-Celan-Preis gewürdigt wurde. Auf die Dauer gerieten mir auch die endlos langen Dialoge der beiden Protagonisten zu einer Zumutung. Sind schon Thomas Manns Endlosplaudereien auf den Zauberberg-Spaziergängen nicht jedermanns Sache, so wird es hier tatsächlich noch schlimmer. Mag sein, dass ich das Buch eines Tages einmal wieder in die Hand nehme und meine - dann reifere - Meinung ändere, aber aktuell kann ich niemanden guten Gewissens zu diesem Selbstversuch raten.

Fazit: Historischer Roman über ein gelehrtes Komikerduo, das in endlosen abstrusen Gesprächen die historische Wahrheit verfremdet und den Leser öfters vor den Kopf stößt. Lesen auf eigene Gefahr. Sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt...

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Samstag, 30. November 2013

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - vom Hunde ganz zu schweigen


Heute möchte ich Euch einen Klassiker vorstellen, der mir schon während meiner Schulzeit von unserer Englischlehrerin -- Mrs. Tiggemann -- empfohlen wurde, den ich aber erst vor kurzer Zeit erstmals, aber mit großem Genuss gelesen habe. Es handelt sich um Jerome K. Jeromes 1889 erschienenen Roman 'Drei Männer im Boot, ganz zu schweigen vom Hund!' (Three men in a Boat). Typisch schräger britischer Humor, stets leicht spöttisch mit sich selbst und seinen Mitmenschen befasst, geht es um eine urlaubliche Bootstour die Themse hinauf. Tatsächlich war das Buch auch als Reiseführer gedacht, entwickelte sich dann doch etwas anders als geplant...
"Der hauptsächliche Vorzug dieses Buches liegt nicht so sehr in seiner literarischen Schhönheit oder in den reichhaltigen und nützlichen Informationen, die es vermittelt, als vielmehr in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit." (aus dem Vorwort zur 1. Auflage)
Also eigentlich geht es ja um vier Hauptpersonen: George, William Samuel Harris, der nur als "J." bezeichnete Erzähler und der auf den pompösen Namen Montmercy hörende, neurotische Foxterrier des Erzählers. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder allgemeiner Langeweile heraus beschließen die Freunde eine 14tägige Bootstour von London die Themse hinauf zu unternehmen. Dabei wird gerudert, getreidelt, besichtigt, getrunken, gegessen und campiert. Der geneigte Leser mag jetzt fragen, was denn genau 'treideln' sei. Ihm sei gesagt, dass in Zeiten noch nicht existenter Motoren, Boote und Schiffe auf Flüssen gegen den Strom mit einer langen Leine 'getreidelt', das heißt gezogen wurden. Während Lastkähne meist von Viehgespannen gezogen wurden, übernimmt bei unseren Freunden stets ein Mann diese mehr oder weniger ungeliebte Aufgabe, da das Rudern über längere Strecken einfach auf zu anstrengend ist. Und es soll ja eine 'erholsame' Reise werden.
"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen." (Jerome K. Jerome)
Die gesamte Flussfahrt ist gespickt mit einer Fülle von Abenteuern und Anekdoten, der Erzähler kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser staunt über Jerome K. Jeromes Ideenreichtum, wenn es um das Skurrile geht. Natürlich sind unsere Helden perfekt vorbereitet. Sie packen Sakko, Hut und Schlips ein, aber während sie auf der Themse entlang in die 'Wildnis' hineinrudern (bzw. treideln) müssen sie feststellen, dass sie den Büchsenöffner vergessen haben und die Zahnbürsten unauffindbar bleiben. Stets tun unsere Helden das, was entweder dem gesunden Menschenverstand widerspricht oder gar aufgrund der Gefahr für Leib und Leben explizit verboten ist. Aber sie landen zum Glück nicht im Herz der Finsternis, sondern einfach nur im regnerischen Londoner Hinterland. Sehr amüsant geht es zu, wenn man die drei Herren bei ihrem täglichen Treiben beobachtet. Die Wäsche im Fluss zu waschen, das kann nichts werden, wenn man sich den Zustand der Themse gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Auch stellt es sich als schwierig heraus, abends ganz romantisch selbst einmal eine Mahlzeit am Flussufer zuzubereiten, als man feststellt, dass keiner der Dreien überhaupt kochen kann. Vom Zeltaufbau im Dunkeln möchte ich an dieser Stelle jetzt eigentlich gar nicht mehr reden.
"Ehe wir sie gewaschen hatten, waren unsere Kleider allerdings sehr, sehr schmutzig gewesen, aber man konnte sie doch noch tragen. Aber nachdem wir sie gewaschen hatten – nun um es kurz zu sagen, der Fluß zwischen Reading und Henley war nach unserer Wäsche viel sauberer als zuvor! Allen Schmutz, den das Wasser zwischen diesen beiden Orten enthielt, sammelten und saugten und wirkten wir in unsere Kleider hinein." (Kap. 18)
Tatsächlich hat Jerome K. Jerome mit den Protagonisten seines bekanntesten Buches sich selbst und seine zwei besten Freunde, George und Harris, beschrieben. Lediglich Montmercy, so Jerome, sei reine Erfindung, auch wenn er Vieles mit dem Autor gemein hätte. Interessanterweise nutzen britische Fans Jeromes Schilderung heute noch als Reiseführer und fahren die im Buch angegebene Strecke nach. Die Route hat sich nicht verändert und sogar die meisten der darin genannten Wirtshäuser gibt es noch. Auch wenn es sich diesmal nicht um große Literatur handelt, ist das Buch wirklich sehr unterhaltsam, wenn man sich erst einmal auf den stets abschweifenden Stil Jeromes eingelassen hat. Letztendlich geht es immer um ein grandioses Scheitern an der Tücke des Objekts, erzählt in einem leichten Plauderton. Insgesamt erinnert mich Jerome stark an Mark Twain, den amerikanischen Meister der Anekdote.
"Ich muß gestehen, sprach Harris, indem er die Hand nach seinem Glas ausstreckte, »daß wir eine angenehme Fahrt gehabt haben; ich sage daher dem alten Vater Themse meinen herzlichen Dank dafür; aber ich denke, wir haben wohl daran getan, auszureißen und ihm eine Nase zu drehen! – Ich trinke auf das Wohl der ›Drei Mann glücklich aus dem Boot‹!" (Kap. 19)
Fazit: Grandioses Scheitern im humorvollen Plauderton erzählt, durchsetzt mit schrägem britischen Humor, im Gewand eines 'Reiseführers'. Lesen! 


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