Freitag, 5. Februar 2010

Ein Brief verändert die Welt - Keith Devlin 'Pascal, Fermat und die Berechnung des Glücks'


Es dreht sich tatsächlich um einen Brief, der den Gang der Welt im 17. Jahrhundert für immer verändern sollte und der zur Grundlage unseres heute alltäglich gewordenen Verständnisses für Begriffe wie Risiko oder Wahrscheinlichkeit werden sollte. Genauer genommen geht es um den kurzen Briefwechsel zweier großer Mathematiker, der die Geburt der Wahrscheinlichkeitsrechnung einläuten sollte, und der den Rahmen für ein kurzes Buch eines wichtigen Kapitels der Mathematikgeschichte aufspannt.

Keith Devlin, seines Zeichens Mathematiker, ist seit 1983 Kolumnist der britischen Zeitung 'The Guardian' und produzierte zahlreiche populärwissenschaftliche Sendungen der BBC zum Thema 'moderne Mathematik'. Im vorliegenden Buch 'Pascal, Fermat und die Berechnung des Glücks' führt er uns auf unterhaltsame Weise in die Geschichte der mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnung ein. Das scheint auf den ersten Blick nur bedingt zu einer spannenden Lektüre werden zu können. Als Rezensent bin ich wahrscheinlich auch aufgrund meiner mathematischen Ausbildung ein wenig voreingenommen, weshalb ich auch bei den nicht so mathematik-affinen Zeitgenossen im Voraus bereits um Entschuldigung für eventuell nicht zu begreifende 'Begeisterung' über mathematikgeschichtliche 'Kleinigkeiten' bitten möchte...

Untertitelt wird das Buch vom Verlag C.H.Beck mit dem Untertitel "Eine Reise in die Geschichte der Mathematik". Dabei werfen wir lediglich einen kurzen Blick auf einen kleinen, aber wichtigen Teilbereich dieser Wissenschaft, dessen Konsequenzen heute immer und überall unseren Alltag und unser Leben bestimmen. Diese Wichtigkeit zu betonen wird Keith Devlin auch nicht müde, und so wird es dem Leser Kapitel für Kapitel immer wieder und wieder mit vielleicht etwas zuviel Pathos vorgebetet.

Wie so manches andere mal auch, muss ich mich fragen, wer für die Übersetzung der Titel bei den Verlagen die Verantwortung trägt. Im Original lautet dieser "The Unfinished Game. Pascal, Fermat, and the 17th Century Letter That Made the World Modern.". Der Originaltitel trifft absolut den Inhalt des Buches, schließlich geht es um eben diesen Brief, den wir Stück für Stück in den 10 Kapiteln des Buches präsentiert und erläutert bekommen, und der am Ende noch einmal komplett in Kapitel 11 abgedruckt wird.
"Heutzutage erscheint uns der Gedanke, dass Zukunft etwas mit Wahrscheinlichkeiten zu tun hat, so selbstverständlich, dass wir uns das Leben kaum anders vorstellen können...." (Seite 9)
Was ist nun das Besondere an diesem Briefwechsel der beiden wohl größten Mathematiker ihrer Zeit? Pierre de Fermat ist vielleicht auch dem Nichtmathematiker ein Begriff. Die 'Fermatsche Vermutung' (heute 'Großer Fermatscher Satz'), ein Problem aus der Zahlentheorie, galt für Jahrhunderte als unlösbar, bis sie 1994 von Andrew Wiles tatsächlich bewiesen werden konnte. Ihr Ursprung lag in einem kleinen handschriftlichen Kommentar, den Fermat an den Rand eines Buches über Arithmetik des antiken Mathematikers Diophant kritzelte. Er habe dafür, so kommentierte er weiter, einen wunderbaren Beweis gefunden, für den aber der Platz am Rand dieses Buches nicht ausreiche. Und so bemühten sich ganze Mathematikergenerationen vergeblich, diesen 'verlorenen' Beweis der Fermatschen Vermutung zu erbringen. Dieses Vorgehen Fermats - eine mathematische Behauptung aufzustellen, aber deren Beweis nicht offenzulegen - hatte bei ihm übrigens Methode, wie Keith Devlin in seiner unterhaltsamen Lebensbeschreibung des großen Mathematikers berichtet. Übrigens war Fermat zeit seines Lebens lediglich ein mathematischer Amateur, d.h. sein eigentlicher Brotberuf war Anwalt. Er veröffentlichte keine mathematischen Schriften, sondern korrespondierte in Form von Briefen mit den Geistesgrößen seiner Epoche.

Fermats Gegenpart in diesem Briefwechsel war Blaise Pascal, ebenfalls ein Gigant in Sachen Philosophie und Mathematik. Sein Vater, Etienne Pascal war übrigens auch Mathematiker (und Steuereinzieher). Allerdings hielt er die Mathematik nicht förderlich für die moralische Entwicklung seines Sohnes und verweigerte ihm jeglichen Mathematikunterricht und mathematische Lektüre. Dies half allerdings nicht viel. Mit 12 Jahren bereits befasste sich der kleine Pascal heimlich mit Mathematik und entdeckte ohne fremde Hilfe die Grundlagen der Geometrie (er bewies, dass die Winkelsumme in einem Dreieck stets 180 Grad beträgt). Das Wunderkind veröffentlichte mit 16 Jahren seine erste wissenschaftliche Arbeit und konstruierte eine einsatzfähige, mechanische Rechenmaschine, um seinen Vater bei seiner Arbeit als Steuereinzieher zu unterstützen. (Den Programmierern und Informatikern unter uns dürfte Pascal durch die nach ihm benannte von Nikolaus Wirth entwickelte Programmiersprache bekannt sein.)

Das Problem, um das es sich im ersten im Jahre 1654 geschriebenen Brief des jungen Pascal an den berühmten Fermat drehte, war das Würfelspiel. Kurz beschrieben ging es darum, dass ein Spieler das gesamte Würfelspiel gewinnt, wenn er in 5 einzelnen Würfen gewonnen hat. Was passiert aber, wenn das Spiel bereits zuvor abgebrochen wird, wenn sagen wir, ein Spieler in 3 Würfen gewonnen hat und der andere nur in 2 Würfen. Wie muss dann der Gewinn aufgeteilt werden? Die Lösung zur Problematik des abgebrochenen Würfelspiels sollte zur Grundlage unserer modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung werden. Dabei müssen wir uns vergegenwärtigen, dass zuvor der Begriff "Wahrscheinlichkeit", so wie wir ihn heute verstehen, keine Bedeutung hatte. Die Wahrscheinlichkeit beziffert die Chance eines Ereignisses, das noch nicht stattgefunden hat. Aus Sicht der damaligen Menschen, konnte aber kein Mensch Aussagen über die Zukunft machen, weil ja Gott alleine für diese verantwortlich ist und die Geschicke der Menschen leitet. Und Gott kann man nicht berechnen!

Mit der Geburt der Wahrscheinlichkeitsrechnung ändert sich das gesamte Weltbild. Die Zukunft wird tatsächlich berechenbar. Heute sind wir uns dessen bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit mit einem Flugzeug abzustürzen sehr, sehr gering ist. Wir schließen 'Wetten' auf dem Aktienmarkt ab, weil wir das Risiko einschätzen können. Jegliche Form des modernen Risikomanagements hängt mit dem Wahrscheinlichkeitsbegriff zusammen, und dieser nimmt seinen Ausgangspunkt in dem vorgestellten Briefwechsel.
"Nachdem das Problem des Spielabbruchs gelöst war und die Wahrscheinlichkeitstheorie akzeptiert wurde, setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Sterblichen über die Zukunft doch ein gewisses Maß an Kontrolle hatten." (Seite 60)
Das Buch gibt auch einen kurzen geschichtlichen Rückblick darauf, wie sich die Mathematiker vor Fermat und Pascal mit der Wahrscheinlichkeit herumgeschlagen haben, schließlich gab es bereits in der römischen Antike das Prinzip der 'Leibrente', d.h. man zahlt einmalig oder in Raten einen Betrag ein und erhält dann bis zu seinem Lebensende periodisch einen (festen) Betrag als Rente ausgezahlt. Der 'Rentenversicherer' schließt dabei eine Wette darauf ab, dass der Versicherte möglicherweise früher stirbt, als er dies dem Mittel nach täte.

Die Briefe Pascals und Fermats sind nicht wirklich einfach zu lesen - insbesondere, wenn man sich das Buch als Bettlektüre ausgesucht hat. Der Autor gibt sich aber große Mühe, diese in eine (fasst) allgemeinverständliche moderne Sprache mit einem Minimum an mathematischen Formeln zu übersetzen, was ihm nach meinem Dafürhalten sehr gut gelungen ist. Mir persönlich kam der Abriss der Mathematikgeschichte (der Wahrscheinlichkeit) etwas zu kurz - vor allem, wenn man den Untertitel der deutschen Ausgabe in Betracht zieht. Die Aufmachung des Buches besticht durch seinen sorgfältig gewählten, differenzierten Schriftsatz und die (leider etwas wenigen) Abbildungen. Ich hätte mir insgesamt noch etwas mehr Inhalt gewünscht.

Fazit: Ein sehr spezielles Buch das zwar ein Thema aufgreift, das heute zum Allgemeingut geworden ist, dessen mathematische Grundlagen doch für die meisten Laien einen Tick zu weit gehen werden. Trotz aller Allgemeinheit der Darstellung ist das Buch wahrscheinlich nur für einen kleinen Leserkreis interessant, für den das Buch dann selbst aber auch gerne etwas ausführlicher hätte ausfallen können.

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Sonntag, 31. Januar 2010

Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans - Wilkie Collins 'Der Monddiamant'


Glaubt man doch im Allgemeinen, Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes stehe am Anfang der Gattung des englischen Kriminalromans, sollte man noch gut 20 Jahre weiter zurück in die Vergangenheit zurückgreifen und Wilkie Collins lange Zeit vergessenen und aus ungewohnter Perspektive geschriebenen Klassiker lesen, der bereits alle Elemente enthält, die den englischen Kriminalroman überhaupt ausmachen. Ein fulminanter Start für ein ganzes Literaturgenre also, das aber ebenso auf noch berühmtere Vorbilder zurückgreift...

Das 19. Jahrhundert, der 'Aufbruch der Moderne', erscheint uns aus unserer heutigen postmodernen Sichtweise oft als 'gute alte' und vor allen Dingen 'geruhsame' Zeit. Der Erdball aber begann bereits zu schrumpfen, die industrielle Revolution erreichte ihre ersten Höhepunkte, Telegrafie und Eisenbahn versetzten das damalige Leben in einen Zustand ungeahnter Beschleunigung. An der Grenze zu dieser Epoche liegt auch die Entstehung des literarischen Genres des Kriminalromans. Einer seiner ersten und heute leider zumindest im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannten Vertreter ist Wilkie Collins, der mit seinen Romanen 'Die Frau in Weiß' (1860, steht bereits auf meiner Leseliste) und 'Der Monddiamant' (1868) das Genre entscheidend prägen sollte.

Der Monddiamant, das ist ein außergewöhnlicher Diamant, der seinen Namen seiner Herkunft verdankt, da er ursprünglich an der Stirn einer indischen Mondgottheit angebracht seine wechselvolle und fluchbeladene Geschichte begann, ganz ähnlich dem Kohinoor der englischen Kronjuwelen. 1799 belagern englische Truppen das indische Seringapatham und der draufgängerische John Herncastle bringt den Stein in seinen Besitz und anschließend nach England.
"In puncto Tapferkeit - das muss man sagen - war er eine Mischung von Bulldogge und Kampfhahn mit einem Schuss von 'Wildem' dazwischen." (Seite 27)
50 Jahre später soll seine noch nicht mündige Nichte Rachel Verinder den Diamanten erben. Ihr Cousin Franklin Blake überbringt ihr den Stein aus dem sicheren Safe der Bank in London nach Yorkshire zum Landsitz der Familie Verinder. Doch seit der Stein aus Indien nach England verbracht wurde, suchen dessen ursprüngliche Besitzer ihn zurückzugewinnen. Überall durchzieht der Schatten der drei geheimnisvollen Inder den Roman, die dem Stein auf der Spur sind. Auf der Geburtstagsfeier der jungen Miss Verinder kommt es schließlich, wie es kommen muss. Am folgenden Tag ist der Diamant verschwunden und die Aufklärung des Verbrechens beginnt.

Collins lässt diesen Roman aus der ungewohnten Perspektive verschiedener Personen erzählen, deren Aufzeichnungen quasi wie in einer Art Briefroman den Ablauf der Handlung zusammenfügen. Als erstes tritt uns Gabriel Betteredge gegenüber, der fast 70 Jahre alte und etwas schrullige Haushofmeister der Familie Verinder, der die Geschehnisse bis zum ersten Abbruch der Ermittlungen schildert. Betteredges universeller Ratgeber dabei ist Daniel Defoes 'Robinson Crusoe', den er als Zitat in allen Lebenslagen versucht an den Mann zu bringen.
"Ich teile durchaus die Ansicht...wie man seine Frau aussuchen sollte...Sie müsste ihr Essen gut kauen und ihre Füße fest aufsetzen; dann wäre alles in Ordnung." (Seite 12)

Franklin Blake, Überbringer des Diamanten und Rachels Cousin, hat sich in seine Cousine verliebt und versucht sich ebenso wie Betteredge als Laiendetektiv an der Aufklärung des Falls. Dabei unterstützen die beiden den berühmten, extra aus London herbeigerufenen Sergeant Cuff, der seinen stümperhaften lokalen Vorgänger Inspector Seagrave ablösen soll. Auch hier wieder die Charakterisierung von Typen, wie sie später zum Standardinventar des englischen Detektivromans zählen werden: der tumbe lokale Polizeiinspektor wird vom genialen Profidetektiv abgelöst, Laien versuchen sich zusätzlich an der Aufklärung des Falls, darunter auch Franklin Blake als 'Gentleman Detective'. Zudem dient als Ort des Verbrechens ein englischer Landsitz. Godfrey Ablewhite, noch ein Cousin Rachel Verinders, hat ebenfalls ein Auge auf Rachel geworfen, wird jedoch bei seinem Antrag abgewiesen. Die Ermittlungen gehen voran, falsche Fährten werden gelegt, verfolgt und wieder verworfen, Rachel Verinder erweist sich als völlig unzugänglich und verweigert komplett ihre Mithilfe, wodurch sie ebenfalls in Verdacht gerät. Betteredges Aufzeichnungen enden mit dem Aufbruch Lady Verinders und ihrer Tochter nach London und dem damit vorläufigen Ende der Ermittlungen.
"Solange ich nun schon meine Erfahrungen auf den schmutzigen Wegen dieser schmutzigen kleinen Welt gesammelt habe, ist mir so etwas wie eine 'lächerliche Kleinigkeit' noch nie begegnet." (Seite 75)
Der Faden des Geschehens wird nun von Drusilla Clack aufgenommen, ihres Zeichens eine verarmten (unverheirateten) Cousine Rachels und eine Art religiöser Fanatikerin, die ständig versucht, ihre Verwandschaft 'auf den rechten Pfad der Tugend' zu führen und damit meist in mehr oder weniger lächerlichen Szenen endet. Erneut wagt Godfrey Ablewhite einen Antrag, stößt zunächst auf Zustimmung, wird dann aber schließlich doch wieder abgewießen. Was ist nur los mit dieser Rachel? Weitere Ermittlungen werden von Matthew Bruff, dem Anwalt der Familie Verinder und von Franklin Blake selbst geschildert, der schließlich dem Verbrechen auf die Spur kommen soll. Um die Exotik der Ausgangssituation aufzugreifen und weiter auszureizen, kommen jetzt auch noch Drogen und Drogenerfahrungen mit ins Spiel, was dem Roman schließlich auch einen modernen Charakter schenkt und gewiss zu seiner ursprünglichen Popularität beigetragen hat.

Natürlich klärt sich am Ende alles auf. Wie, das wird hier nicht verraten, um dem zukünftigen Leser die Spannung nicht zu nehmen. Ich hatte das Glück, eine sehr schöne Halblederausgabe des Romans von 1949 aus dem Hera Verlag zu ergattern (siehe Foto). Die alte Übersetzung von Sigfried H. Engel trägt einiges dazu bei, dass dem heutigen Leser die Handlung an manchen Stellen allzu beschaulich und langsam erscheinen mag. Andererseits wird den handelnden Figuren viel Spielraum zubemessen, um ihren Charakter zu entfalten. Schließlich konnte Collins noch nicht auf die Stereotypen zurückgreifen, die es heute in der Kriminalliteratur zu finden gibt, und die sich heute mit nur wenigen Worten charakterisieren lassen. Sehr schön gelungen sind vorallem die verschiedenen Erzählperspektiven. Sie halten die Spannung aufrecht und sorgen dafür, dass der Leser stets nicht mehr weiß oder erahnt, als die gerade erzählende Person. Neben den ernsteren Charakteren treten auch die beiden skurilen Typen Betteredge und Drusilla Clack auf, die zur Handlung einen humoristischen Einschlag beisteuern.

Der wohl berühmteste Vorgänger von Collins ist Edgar A. Poe, der mit seinem Meisterdetektiv Auguste Dupin das Genre schlichtweg begründete, das Collins gut 20 Jahre später in England erneut aufgriff und zu weiterer Vervollkommnung führte. Collins Romane besitzen wirklich bereits alle Eigenschaften und Charaktere, die ein moderner Kriminalroman heute in der ein oder anderen Abwandlung variiert. Schade nur, dass dieser Autor so lange in Vergessenheit geraten ist und erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (wenn auch zaghaft) auftauchte.

Fazit: Eine mit allen Wassern gewaschene, ungewöhnliche Kriminalgeschichte und vor allen Dingen ein Genreklassiker. Lesen!

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Samstag, 23. Januar 2010

Spiele der Macht im Alten Rom - Robert Harris 'Titan'


"Wir häufen für uns selbst Reichtümer an, während der Staat bankrott ist." Manche Dinge, so scheint es, die ändern sich nie. Auch wenn dieser Ausspruch Catos des Jüngeren aus dem Jahr 63 v. Chr. stammt, hat er auch heute noch nichts an seiner Aktualität verloren. So führt uns Robert Harris in seinem aktuellen Roman 'Titan' erneut ins alte Rom zurück und lässt uns die Zeit miterleben, in der Cicero als Konsul des Römischen Reiches auf dem Höhepunkt seiner Karriere die Verschwörung des Catilinas aufdeckt und vereitelt, bis er nur fünf Jahre später ins Exil gehen muss.

Ich hatte mich schon einige Zeit sehr darauf gefreut, den zweiten Band von Robert Harris Trilogie über das Leben des bekanntesten römischen Redners, Schriftstellers und Politikers Marcus Tullius Cicero, zu lesen. Den ersten Band 'Imperium', in dem Ciceros politischer Aufstieg bis hin zu den gewonnenen Konsulatswahlen im Jahr 64. v. Chr. geschildert wurde, hatte ich bereits 2007 gelesen und hier im biblionomicon besprochen. Um so spannender versprach die Fortsetzung zu werden, sollte es sich dabei doch um die vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannte 'Verschwörung des Catilinas' handeln, die die römische Republik an den Rande des Abgrunds führen sollte und die durch Ciceros Hilfe aufgedeckt und vereitelt werden konnte. Wir werden Zeuge von fünf besonders kritischen Jahren der römischen Geschichte zur Zeit des Niedergangs der Republik.
"Eine Zeitspanne, die wir sterblichen LUSTRUM nennen, die für die Götter aber nicht mehr als ein Blinzeln ist." (Seite 21)

Das Buch startet zur Jahreswende, dem Auftakt von Ciceros Konsulat, das er sich notgedrungen mit Gaius Antonius Hybrida teilen muss, einer wenig schillernden Marionettenfigur seiner politischen Gegner. Ein toter Sklavenjunge wird am Hafen aus dem Wasser gefischt, auf furchtbare Weise ausgeweidet. Wie sich herausstellen soll, stecken politische Verschwörer hinter diesem "Menschenopfer", mit dem sie ihre finsteren Pläne besiegeln wollten. Kopf der Verschwörergruppe ist Lucius Sergius Catilina, der bei der Wahl zum Konsulat von Cicero geschlagen wurde. Die Verschwörer bauen auf die politischen Spannungen zwischen Plebejern und Patriziern, dem gemeinen Volk und den Aristokraten. Auf abenteuerliche Weise gelingt es Cicero, hinter die Pläne der Verschwörer zu kommen und er wird seine erste berühmte 'Rede gegen Catilina' halten, die mit den vielzitierten Worten beginnt:
"Quo usque tandem, Catilina, abutere patientia nostra? - Wie lange noch, Catilina, willst Du unsere Geduld missbrauchen? " (Seite 221)
In all diesen politischen Verwicklungen taucht auch stets Gaius Julius Cäsar auf, dem es durch geschicktes Taktieren immer wieder gelingt aus allen Situationen für sich und seine politischen Ziele Kapital zu schlagen. Ciceros Waffe, die er geschickt wie kein Zweiter zu führen versteht, ist das Wort, während seine Gegner meist schlachterfahrene Strategen und Feldherren sind.
"In diesen Minuten glich Cicero einem ausgefuchsten Teppichhändler auf einem überfüllten Bazar, der verstohlen seinem Kunden erst über die Schulter blickt und dann nach hinten über die eigene Schulter schaut, dabei die ganze Zeit leise redet, beschwörend die Hände hebt und auf den Abschluss des Handels drängt." (Seite 196)"

"Ciceros größter Schwachpunkt als Staatsmann war seine Unkenntnis in militärischen Dingen." (Seite 117)

Denoch gelingt es ihm, ein Todesurteil für Catilina und seine Verschwörer durchzusetzen - doch dies soll ihm später noch zum Verhängnis werden. Zunächst ist er der Held der Stunde und wird sogar mit dem Titel 'Pater Patriae', dem Vater des Vaterlands geehrt. Sein Stern beginnt aber bereits kurz nach seinem Konsulatsjahr zu bröckeln. Pompeius Magnus, der große Feldherr, der in den vergangenen Jahren das römische Imperium im Osten bis weit über seine Grenzen hinaus 'befriedet' hat, kehrt zurück und bedrängt als neuer Machtfaktor die römische Hauptstadt. Marcus Licinius Crassus, vormals der wohl reichste Mann Roms, sichert sich nach allen Seiten hin ab und macht keinen Unterschied darin, mit wem er gerade paktiert, Hauptsache es gereicht ihm persönlich zum Vorteil. Übertroffen wird er darin nur noch von Cäsar. Nichts kann diesen davon abhalten, seine politischen Ziele mit allen Mitteln zu durchzusetzen. Am Ende muss Cicero um sein Leben bangen und wird ins Exil getrieben.
"Und weißt Du, warum Du so verdorben bist, Cäsar - schlimmer als Pompeius und Clodius, sogar schlimmer als Catilina? Du wirst solange keine Ruhe geben, bis wir alle vor dir auf die Knie gehen müssen." (Seite 520)
Der Roman selbst entpuppt sich bereits wie sein Vorgänger als wahrer "Pageturner". Flüssig geschrieben möchte man das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand geben. Erzählt werden die 5 Jahre der Handlung durch Ciceros Privatsekretär, dem Sklaven Tiro. Geschickt, denn so erleben wir diese Epoche aus der Sicht eines genauen Beobachters, der aber nicht in der Lage ist, die Beweggründe der handelnden Personen immer sofort zu durchschauen. Dieser Kunstkniff schafft den nötigen Abstand zu den vor über 2000 Jahren verstorbenen Personen der Handlung und macht das Miterleben für den Leser um so spannender. Immer wieder drängen sich dem Leser aber auch Parallelen zu den aktuellen politischen Themen auf, und man begreift, dass die moderne Welt gar nicht so modern ist, wie sie immer scheint. Politisches Intrigenspiel auf höchstem Niveau, das gab es bereits in der Antike und dagegen sind unsere Berliner Repräsentanten wahre Waisenknaben. Nur die Heuchelei, die steht heute weitaus höher im Kurs als noch vor 2000 Jahren. Damals nämlich war es durchaus legitim und in keiner Weise verwerflich, in aller Öffentlichkeit ganz unverfroren nach der politischen Macht zu gieren.

Aber bei aller Begeisterung gibt es auch einige Kritikpunkte. Erst einmal eine Frage an den Übersetzer bzw. wohl eher doch an den Heyne Verlag, der das Buch hier in Deutschland herausgebracht hat. Warum bitte in aller Herrgottsnamen habt ihr das Buch mit dem Titel 'Titan" verunstaltet?? Der Originaltitel lautet "Lustrum". Auch wenn es heute nicht mehr viele Bildungsbürger geben mag, die tatsächlich wissen, dass dieser Begriff für eine 5 Jahre andauernde Zeitspanne steht, der Autor selbst beendet ja das erste Kapitel seines Buches mit dem o.a. erläuternden Satz (Seite 21), in dem der Titel erklärt und auf ihn hingewiesen wird. Warum also ein anderer Titel? Warum in aller Welt Titan? Diese Frage hätte mir fast das Lesen verdorben. Der Begriff "Titan" taucht in den 540 Seiten des Buches nicht auf (wenn, dann habe ich ihn überlesen). Wahrscheinlich ist damit wohl Cäsar gemeint. Cicero kann es ja kaum sein, da er nach seinem Konsulatsjahr auf feinsäuberliche Art demontiert wird. Warum also, lieber Heyne Verlag? Da mag man es ja noch interessanter finden, dass der Roman auf der Webseite dieses Verlages sogar mit einem falschen Originaltitel (Conspiracy) geführt wird. Mein Rat: Suchen Sie sich für diese Art Bücher Lektoren, die wenigstens eine humanistische Schulbildung genossen haben und trauen Sie Ihren Lesern selbst ein klein wenig Bildungsarbeit zu.

Und wenn ich noch eine weitere Verlags-Schelte austeilen darf: Der auf dem Umschlag des Buches abgebildete Titusbogen ist zwar der älteste erhaltene römische Triumphbogen, doch er wurde 107 Jahre nach Ciceros Konsulat errichtet. Das wäre in etwa so, als würden auf dem Umschlag eines biografischen Romans über den US-amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (Amtszeit 1861-1865) die Twin Towers des World Trade Centers (fertiggestelt 1973) abgebildet werden....Die englischen Kollegen von Hutchinson, bei dem der Roman im Original erschienen ist, die haben das wirklich besser hinbekommen (und das, obwohl Hutchinson ebenso wie Heyne eine Randomhouse-Tochter ist).

Robert Harris selbst ist ja gelernter Historiker. Dies zeigt sich auch vor allem darin, wie gut es ihm gelingt die wirklich komplexen politischen Handlungszusammenhänge in plastischer und stets spannender Manier zu entflechten und Schritt für Schritt aufzudecken. Natürlich wurde über die Catilinarische Verschwörung schon in der Antike geschrieben und es existiert dazu eine Menge historischer Literatur. Aber bei aller Genauigkeit ist mir doch folgendes aufgefallen. Das Buch startet zum Jahreswechsel des Jahres 63. v. Chr. In Rom fällt - im Roman - Schnee und es herrscht tiefster Winter. Da ich mich beruflich schon mehrmals mit unterschiedlichen Kalendern habe herumschlagen müssen, wurde ich hellhörig. Zwar stimmt es, dass auch das römische Jahr ab dem Jahr 153 v. Chr. mit dem 1. Januar begann, doch nicht umsonst reformierte Cäsar 45 v. Chr. das römische Kalendersystem und führte den nach ihm benannten julianischen Kalender ein, der in manchen Teilen der Welt sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein seine Gültigkeit behalten sollte. Dies war notwendig, weil der römische Kalender das Jahr nach dem Gang des Mondes berechnete und sich daher gegenüber dem Sonnenjahr immer weiter verschob. Cäsar musste 80 (!) Schalttage einfügen, um den Kalender wieder mit der Sonne und den Jahreszeiten zu synchronisieren. Damit startete Ciceros konsularisches Jahr bereits Mitte Oktober, eine Zeit, in der es in Rom wohl eher noch herbstlich warm war. Natürlich könnte es sich bei dem Jahr 63. v. Chr. um ein besonders kaltes Jahr gehandelt haben. Dem widerspricht aber Harris Beschreibung, als der Senat Anfang April in die Frühlingspause geht, und Ciceros Familie bereits warme und sonnige Tage an der See verbringt - was dann ja wohl eher Mitte Januar bedeutet.

Aber Harris charakterliche Schilderungen der Hauptpersonen sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Insbesondere die innere Widersprüchlichkeit Ciceros, dem einerseits immer an Ehre und Gewissen sowie am Wohle des Landes gelegen ist, der andererseits aber auch nicht vor politischen Winkelzügen bis hin zum Betrug zurückschreckt. Besonders geheimnisvoll taucht dann immer wieder Cäsar auf. Ein hochintelligentes Monstrum, ein strategisches Genie, ein schillernder Frauenverführer, der immer wieder auf die Füße fällt und selbst noch aus Niederlagen Gewinn zu ziehen versteht. Ein ganz anderes, aber nichts desto trotz faszinierendes Charakterbild Julius Cäsars zeichnet Thornton Wilder in seinem ganz besonders zu empfehlenden Briefroman "Die Iden des März", in denen Cäsars letztes Lebensjahr in literarisch großartiger Weise geschildert wird.

Fazit: Ein auf jeder Seite spannendes Intrigenspiel um die Macht im alten Rom zur Zeit des Niedergangs der römischen Republik, das gewollt oder nicht, zahlreiche Parallelen in unsere heutige Zeit ziehen lässt und dadurch noch an Brisanz und Aktualität gewinnt. Meine o.a. Kritikpunkte sind - außer der Verlags-Schelte - wohl eher etwas für die "ewigen Besserwisser" unter uns und schmälern den Lesegenuss in keiner Weise. LESEN!

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Dienstag, 12. Januar 2010

Experimentelle Erzählkunst - Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

Ich habe noch nie zuvor etwas von Virginia Woolf gelesen. Ehrlich gesagt, kannte ich ihren Namen bislang nur aus dem Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", das ja außer dem Namen nun eigentlich gar nichts mit Virginia Woolf zu tun hatte. Also, ich gehe einmal davon aus, dass wir alle schon einmal den Namen der Autorin in dem ein oder anderen Zusammenhang gehört haben, dass aber nur die wenigsten unter uns wirklich einen Roman von ihr gelesen haben...


Daher habe ich heute das Vergnügen, einen der 'großen' Romane der britischen Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf vorzustellen: "Mrs. Dalloway". Clarissa Dalloway ist anfang Fünfzig (etwas älter als die Autorin zur Zeit der Entstehung des Werkes) und plant für den Abend eine Gesellschaft zu geben. Der Roman spielt in der Jetztzeit (bezogen auf die Entstehung des Werkes, d.h. 1923) und die beiden Stränge der Haupthandlung umfassen einen Zeitraum von lediglich ca. 12 Stunden. Wir begleiten Mrs. Dalloway auf ihrem Weg durch London hin zu einem Blumengeschäft, wobei wir quasi 'live' ihren Gedankengängen folgen können. Sie trifft ihren alten Bekannten Hugh Whitbread, ein Snob, der einen kleinen Posten bei Hofe innehat, und der am Abend zu ihrer Gesellschaft erscheinen wird. Wieder zuhause angekommen, wo die Dienstboten mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt sind, schneit unvorbereitet Peter Walsh, der seit vielen Jahren nicht mehr gesehene Jugendfreund Clarissas herein, gerade wieder aus dem fernen Indien zurückgekommen, um sich mit seinen Anwälten über eine Scheidung zu beraten. Es kommt bei dem unvermittelten Treffen zu einem intensiven emotionalen Moment, bei dem Peter, der es niemals richtig verwundet hatte, dass Clarissa Richard Dalloway an seiner Stelle geheiratet hatte, in Tränen ausbricht.

"Peter Walsh war aufgestanden und zum Fenster hinübergegangen und stand mit seinem Rücken zu ihr und wedelte mit einem Bandanno-Taschentuch. Herrisch und trocken und verzweifelt sah er aus, seine dünnen Schulterblätter hoben seinen Rock ein wenig; er putzte sich schnaubend die Nase. Nimm mich mit, dachte Clarissa leidenschaftlich, als breche er umgehend zu einer großen Reise auf; und dann, im nächsten Augenblick, war es, als wären die fünf Akte eines Stückes, das sehr aufregend und bewegend gewesen war, nun zu Ende und als hätte sie ein Leben lang in ihnen gelebt und wäre davongelaufen, hätte mit Peter gelebt, und jetzt war es zu Ende." (Seite 49)


Im zweiten Handlungsstrang der Geschichte gehen Septimus Warren Smith und seine Frau Lukrezia im Park spazieren. Septimus leidet unter traumatischen Kriegserlebnissen und wird von Wahnvorstellungen (sein gefallener Freund Evans erscheint ihm bei jeder Gelegenheit) und Depressionen (er droht mit Selbstmord) heimgesucht. Die beiden begegnen Peter Walsh im Vorübergehen kurz im Park (erste Verknüpfung der Handlungsstränge). Später wird Septimus seine Drohungen wahr machen und sich aus einem Fenster zu Tode stürzen. Sein behandelnder Arzt, Sir William Bradshaw ist Gast auf Clarissa Dalloways Abendgesellschaft - und so treffen sich am Ende die beiden Handlungsstränge als Bradshaw vom Selbstmord seines Patienten erzählt. Peter Walsh fühlt sich dort fremd und begegnet alten Freunden aus der Zeit, bevor er in den Kolonialdienst nach Indien gegangen ist und alle stellen sie fest, dass sie sich (wie auch die Zeiten) verändert haben.
"Die Entschädigung für das Altern, dachte Peter Walsh, als er Regent's Park verließ, den Hut in der Hand, war einfach das; daß die Leidenschaften so heftig wie je bleiben, aber man - endlich! - die Kraft erworben hat, die das Dasein um die höchste Würze bereichert - die Kraft, sich der Erfahrung zu bemächtigen, sie langsam um und um, ins Licht, zu kehren." (Seite 81)

Tja...viel passiert eigentlich nicht in diesem Roman. Dennoch ist er prall gefüllt mit den fließenden Gedanken der Hauptakteure, zwischen denen ständig hin und her gesprungen wird. Dies macht die Geschichte nicht gerade zu einer 'leichten' Kost, da man nicht einfach dem Fluss der Geschehnisse folgen kann, sondern ständig Gedankensprünge und unterschiedliche Perspektiven einnehmen muss. Interessant ist dabei immer das stetige Auftauchen der Glocke von Big Ben, deren stündliches Läuten den Fluss der Handlung streng strukturiert und auch synchronisiert.
"Die Uhr schlug. Die bleiernen Ringe lösten sich in der Luft auf." (Seite 189)

Irgendwie erwartet man ständig, dass doch noch etwas geschieht. Und eigentlich kann man sich auch nicht beklagen, denn es wird ein lebendiges Beziehungsgeflecht zwischen den auftretenden Personen entwickelt, dass sich aus kurzen Rückblenden in die gemeinsame Jugendzeit bis hin zur aktuellen Erzählzeit zusammensetzt. Insgesamt herrscht im Roman keine lebensbejahende und hoffnungsvolle Stimmung, eher das Gegenteil. Alles ändert sich, ist im Wandel begriffen. Das festzustellen, bleibt Clarissa Dalloway am Ende, als sie bei der Nachricht des Selbstmords eines Unbekannten am erkennt, dass sie noch einmal davongekommen war...
"Es gab etwas, worauf es ankam; etwas, von Geschwätz überwuchert, verunstaltet, verdunkelt, in ihrem eigenen Leben, das jeden Tag in Falschheit, Lügen, Geschwätz versank. Das hatte er [Peter Walsh] bewahrt. Der Tod war Trotz. Der Tod war ein Versuch, sich mitzuteilen, wenn Menschen die Unmöglichkeit empfanden, zum Innersten vorzudringen, das sich ihnen, mystisch, entzog; Nähe trennte; Entzücken verging; man war allein. Im Tod lag Umarmung." (Seite 187)

Starker Tobak, zugegeben, und wirklich nicht immer ein Vergnügen beim Lesen. Mrs. Dalloway war der zweite "experimentelle" Roman Virginia Woolfs, in dem sie ihre neuen Darstellungs- und Gestaltungstechniken (innerer Monolog und Bewusstseinsstrom) erprobte. Die Art und Weise erinnert mich an James Joyce, wenn auch manchmal kondensierter und intensiver. Tatsächlich hatte sie zuvor auch den 'Ulysses' gelesen, der ihrem Verlag angeboten wurde, dessen Publikation sie aber verwarf ("Ein primitives, ungebildetes Buch, scheint mir."). Der ursprünglich geplante Titel des Romans lautete "The Hours". Unter dem selben Titel erschien 1999 ein Roman von Michael Cunningham, in dem er drei Generationen von Frauen vorführt - unter anderem auch Virginia Woolf selbst - wie ihr Leben durch den Roman "Mrs. Dalloway" beeinflusst wird. "The Hours" wurde 2002 mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman verfilmt, die für ihre Darstellung der Virginia Woolf in diesem Film den Oscar erhielt.

Fazit: Unzweifelhaft ein Stück Weltliteratur, auch wenn der Roman die Bezeichnung "experimenteller Roman" zu Recht wohl verdient hat und so wieder einmal nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Als Leser sollte man (oder Frau) sich etwas Zeit nehmen und den Text auf sich wirken lassen, um seine Qualitäten erkennen zu können. Dahinter steckt aber zugegebenermaßen auch etwas Arbeit. Daher ist dies auf keine Fälle ein Roman für Zwischendurch, für den Nahverkehr am frühen Morgen oder für die kurze Zeit vor dem Einschlafen. Trotzdem LESEN!

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Donnerstag, 7. Januar 2010

Über nie geschriebene oder verlorengegangene literarische Ergüsse - Alexander Pechmann "Die Bibliothek der verlorenen Bücher"

All die verschwundenen, zerstörten oder niemals geschriebenen Werke der Weltliteratur, Alexander Pechmann verfrachtet sie unversehens in die einzigartige 'Bibliothek der verlorenen Bücher' und stellt uns diese auszugsweise und pointiert in der Rolle des Unter-Unter-Bibliothekars vor. Dabei muss man sich einmal vor Augen führen, auf wie vielen unterschiedlichen Wegen ein Buch in diese Bibliothek gelangen könnte...
"Bibliotheken sind keine Ansammlungen toter Materie - sie leben, atmen und bewegen sich durch die Zeit. Wir Bibliothekare haben die Aufgabe, unsere Sammlung zu pflegen und zu bändigen wie ein wildes Tier, das immer größer und hungriger wird. Wenn es in seiner Gier zu viel frisst, geht es ebenso zugrunde, wie wenn es gar nicht gefüttert wird." (Seite 196)
Da ist sie also, Alexander Pechmanns 'Bibliothek der verlorenen Bücher'. Eigentlich war ich ja schon sehr gespannt darauf, was mich wohl erwarten würde. Natürlich hatte ich sofort an die Literatur der Antike gedacht, die in unsere heutige Zeit nur in Bruchstücken überliefert, also in weiten Teilen 'verloren gegangen' ist. Aber neben dieser offensichtlichen Tatsache, von der uns auch Alexander Pechmann teils faktisch fundiert, teils anekdotisch überspitzt und teils mythisch verzerrt berichtet, hätte ich nicht gedacht, wie viele Autoren von Rang und Namen aus der bekannten Weltliteratur zum Teil aus reiner Schusseligkeit, aus Verzweiflung, aus Rache, aus Dummheit, beabsichtigt oder auch unbeabsichtigt, bereits geschriebene Teile ihres Werkes im Zuge sich zuspitzender Ereignisse in ihrem Leben tatsächlich verloren haben.

Malcolm Lowrys Manuskripte wurden geklaut und sind verbrannt, Hemingway verlor eine Reisetasche mit begonnenen Frühwerken und überspielt den Verlust mit einigen Bonmots über die 'Kunst des Weglassens', für die er ja berühmt geworden ist.
"Er hatte begriffen, dass das Ungesagte oft eine größere Wirkung erzielt als weitschweifige Erklärungen." (Seite 27)
Prosper Merimée verbrennt eigenhändig ein Frühwerk über Cromwell, Lord Byrons Erben beschließen aus Furcht um einen Skandal seine (ungelesenen aber höchstwahrscheinlich absolut indiskreten) Memoiren den Flammen zu überantworten.
"...denn Leidenschaft ist ein Malstrom, den man vom Strudel aus nicht betrachten kann, ohne seine Anziehungskraft zu spüren."(Seite 38)
Mary Shelley, die Autorin des Frankenstein, hat sich einen schludrigen Verleger ausgesucht, der Teile ihrer Manuskripte 'verlegt'. Thomas Mann verbrennt seine (vermutlich) komprommittierenden Tagebücher - und so bleiben nur die 'langweiligen' von ihm erhalten. Franz Kafka soll gar zu einem Verleger bemerkt haben:
"Ich werde Ihnen immer viel dankbarer sein für die Rücksendung meiner Manuskripte als für deren Veröffentlichung."
Naja...seine Meisterwerke wurden dann ja doch erst posthum von Kafkas Freund Max Brod veröffentlicht. So geht es humorvoll weiter durch die Literaturgeschichte. Natürlich verschwinden nicht nur Einzelwerke, auch ganze Bibliotheken verschwinden vom Erdboden, wie z.B. natürlich die berühmte Bibliothek von Alexandria (dazu diverse Untergangsmythen). Aber wir erfahren auch von Büchern, die nie geschrieben wurden. Bücher, deren Existenz bzw. auch die ihrer Autoren auf reiner Fiktion berüht. Eines der berühmtesten Beispiele hierzu ist das von H.P. Lovecraft erfundene 'Necronomicon' (hat's schon jemand gemerkt...klingelt es in den Ohren...?), angeblich geschrieben von dem verrückten Araber Abdul Alhazred und im 13. Jahrhundert von Olaus Wormius (unvollständig) ins Lateinische übersetzt, das "die letzten Geheimnisse aller üblen und verbotenen Wissenschaften" enthält. Gebunden sei es in schwarzen Ebenholzdeckeln, die mit granatdurchsetzten Arabesken aus Silberdraht verziert sind, und seine seit langer Zeit schon vergilbten Seiten verströmen einen ekelerregenden Friedhofsgeruch... Interessant nur, dass zahlreiche weitere Autoren den Mythos des Necronomicons aufgegriffen und diesen oft auch sehr erfolgreich bedient haben.

Abgerundet wird das Buch mit einer bibliografischen Sammlung aufgelesener und zitierter Literatur (die man auch tatsächlich in Bibliotheken oder im Buchhandel findet), sowie einem umfassenden Register der erwähnten existierenden oder erfundenen Autoren samt ihrer 'verlorenen' Werke. Insgesamt ein sehr kurzweiliges und informatives kleines Büchlein des Aufbau-Verlages in ansprechender Aufmachung - nur noch wenige Bücher werden heute mit Leinen gebunden (wenn auch hier nur Halbleinen) und mit einem Lesebändchen ausgestattet. Lernt man doch so manchen bekannten oder auch (noch) nicht bekannten Autor oder Autorin von sehr privater Seite her kennen, insbesondere wenn es um Schusseligkeit, Dummheit, Wahnsinn, Boshaftigkeit, Schrulligkeit oder andere Eigenheiten geht. Pechmann reicht nicht ganz an den 'König der Leser' Alberto Manguel heran, dessen "Geschichte des Lesens" ich bereits im biblionomicon (sic!) besprochen hatte. Als Systematiker hätte ich mir natürlich auch gerne eine entsprechend aufgegliederte Darstellung all der vielfältigen Beweggründe, warum ein Buch Aufnahme in die 'Bibliothek der verlorenen Bücher' gefunden hat, in der Übersicht gewünscht. Aber vielleicht liefere ich das ja auch noch selbst hier nach...

Fazit: Kurzweilig Wissenswertes und Anekdotisches über bekannte und unbekannte Autoren der Weltliteratur, das vor allem Eines, nämlich Lust auf mehr macht. LESEN!

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Sonntag, 3. Januar 2010

Lieben heißt Loslassen können - Andrew Davidson 'Gargoyle'

Lieben heißt Loslassen können. Aber darauf kommt man erst einmal nicht, wenn man den Klappentext dieses Debutromans von Andrew Davidson gelesen hat und bestenfalls einen historischen Roman erwartet. Doch erst einmal entwickelt sich alles anders als erwartet, so dass dieses Werk aus dem traditionellen Rahmen historischer Romane fällt und sich beim Weiterlesen als eine Art Hommage an Dantes berühmtes Inferno entpuppt...

Ein Mann - seinen Namen werden wir nie erfahren - erleidet in einem durch Trunkenheit ausgelösten Autounfall schwerste Verbrennungen und kann dem Tod dabei nur knapp entrinnen. Mit zahlreichen unappetitlichen Details und erzählerischer Wucht werden die Wochen und Monate der ersten Rekonvaleszenz und das damit verbundene unsagbare Leid des Mannes geschildert, so dass ihm als einziger Ausweg aus seiner Lage der bei seiner Entlassung geplante Selbstmord erscheint.
"Ab und an ereilt das Unheil den Arglosen gewaltsam, wie die Liebe." (Seite 7)
Aber unser Protagonist war in seinem Leben vor dem Unfall alles andere als arglos. Die Mutter starb bei seiner Geburt, seine Großmutter, bei der er aufwächst, stirbt als er 6 Jahre alt ist unter einer Schaukel, und seine Zieheltern Debbie und Dwayne setzen seine knappe Waisenrente direkt in Drogen um. Nach dem (Drogen)tod seiner Zieheltern folgt ein Aufenthalt in einem Erziehungsheim, gefolgt von einer Karriere als kiffender Pornodarsteller und -produzent. Doch mit diesem Leben ist es erst einmal vorbei.
"Ich war ein ungeliebtes Monster. Niemand würde meinen Verlust betrauern; im Grunde war ich ja schon tot. Wer würde mich schon vermissen?" (Seite 64)
Eines Tages taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf, die behauptet ihn seit 700 Jahren zu kennen, dass sie einst ein Liebespaar gewesen wären, und so beginnt sie, ihm ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Marianne Engel - so ihr Name - wurde im frühen 14. Jahrhundert in einem Korb vor den Toren des Nonnenklosters Engelthal gefunden.
"Ein ausersehenes Kind, das Zehntgeborene einer guten Familie, unserem Heiland Jesus Christus und das Kloster Engelthal dargeboten. Man verfahre mit ihm, wie es Gott gefällt." (Seite 100)
Marianne wächst im Kloster auf und lässt schnell eine außergewöhnliche Sprachbegabung erkennen. Die Priorin verfügt sie in das Skriptorium des Klosters, das unter der Herrschaft von Schwester Gertrude steht, deren großes Lebensziel in einer eigenen deutschen Bibelübersetzung besteht, und die das Findelkind am liebsten direkt wieder hinauswerfen würde. Unterstützt von Schwester Agletrude, die im sprachbegabten Kind sofort den zukünftigen Konkurrenten um den begehrten Bibliothekarinnenposten sieht, machen sie Marianne das Leben schwer. Jahre später wird ein schwerverletzter Söldner (unser Protagonist) ins Hospital des Klosters gebracht. Ein Brandpfeil hat seine Kleidung entzündet. Nur einem kleinen Büchlein in seiner Brusttasche (just Dantes "Inferno") hat er es zu verdanken, dass der Pfeil nicht bis in sein Herz vorgedrungen ist und ihn getötet hat. Marianne pflegt den totgeweihten aufopferungsvoll und es gelingt ihr durch ihre Liebe zu ihm die schier unmöglich geglaubte Heilung. Gemeinsam fliehen sie aus dem Kloster und vor seiner lebenslangen Verpflichtung als Söldner.

Marianne (in der Jetztzeit) ist Bildhauerin und war ebenfalls Patientin des Krankenhauses und gilt als schizophren und manisch depressiv. Ihr favorisiertes Kunstobjekt sind Gargoyles und Grotesken, also Fabelwesen, wie sie auf Kirchen und alten Gebäuden als Wasserspeier verwendet werden. Ihr Körper ist von eigenartigen Tätowierungen bedeckt, aber sie ist der einzige Mensch, der den Verbrannten immer und immer wieder besucht und ihm schließlich eine Perspektive jenseits der Krankenhauswände bietet.
"Die Tätowierungen und ihr ekstatisches Gebaren machten sie zu einer Kombination aus Hildegard von Bingen und Yakuza." (Seite 288)
Neben ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt Marianne weitere Geschichten von unglücklichen Liebespaaren (Der gute Eisenwerker, Die Frau auf dem Kliff, die junge Glasbläserin und Sigurdrs Geschenk) und letztendlich verliebt sich der unglückliche Verbrannte in die seltsame verrückte Frau, die sich um ihn kümmert.
"Welch unerwartete Verkehrung des Schicksals: erst nachdem meine Haut weggebrannt war, vermochte ich endlich zu fühlen...ich nahm dieses grauenhafte Gesicht, diesen abscheulichen Körper an, weil sie mich zwangen, die Begrenzungen dessen, was ich bin, zu überwinden, während mein früherer Körper mir gestattete, mich darin zu verstecken."
Aber Marianne hat eine ihr gegebene Aufgabe zu erfüllen, die jenseits ihrer Liebe steht und die von ihrem Geliebten das höchste Opfer fordern wird. Auch steht dem Verbrannten während seines Morphiumentzugs eine Höllenfahrt frei nach Dante bevor. Doch entgegen dem Motto über Dantes Eingang zur Hölle ("Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!", Dante Inferno, 3. Gesang) siegt am Ende doch die Hoffnung.


Ich war ja anfänglich sehr skeptisch und war auf dem Weg, das Buch nach knapp 100 gelesenen Seiten wieder zurück ins Regal zu stellen, da mir die Schilderung der Rekonvaleszenz und dieses geradezu 'ekligen' Charakters nicht besonders gefallen haben. Aber nachdem die 'Verrückte' aufgetaucht war und ihre seltsamen Geschichten erzählte (das Buch ist jeweils aus der Ich-Erzählperspektive geschrieben), wurde das Ganze zusehends spannender und ich wollte wissen, wie es weiter geht. Und tatsächlich, ich wurde nicht enttäuscht. Gerade weil der Charakter des Helden so zwiespältig angelegt ist und weil man natürlich nicht sein Schicksal teilen möchte, kann man sich auch nicht mit ihm identifizieren. Das fällt weiblichen Lesern sicherlich einfacher, da Marianne zwar verrückt, aber eindeutig stets 'die Gute' ist. Dazu wird die Geschichte stetig mysteriöser. Dantes Inferno, das nur knapp vor dem Beginn des Erzählstranges aus dem 14. Jahrhundert entstanden ist, diente in vieler Hinsicht als Vorlage bzw. wird unvermutet oft zitiert. So fand der Unfall des Brandopfers an einem Karfreitag statt....just wie Dante am Karfreitag im Jahre 1300 geleitet von seinem Führer Vergil das Tor der Hölle durchschreitet. Dantes Hölle wird in allen Schattierungen geschildert und nacherzählt. Dazu lernt der Leser noch einiges über den deutschen Mystizismus des 13. und 14. Jahrhunderts (Kloster Engelthal, Meister Eckhart, Heinrich Seuse...), doch ist die geschilderte Handlung natürlich reine Fiktion.
"Rinne tensho. (japanisch: alles kommt wieder/das Leben wiederholt sich)" (Seite 554)
Kurze Bemerkung am Rande: Aufgefallen war mir das Buch im vergangenen Jahr in der englischsprachigen Originalausgabe und zwar durch seine ungewöhnliche Gestaltung. Es besitzt einen komplett schwarzen Beschnitt, d.h. die Buchseiten sind an allen drei von außen sichtbaren Kanten schwarz eingefärbt, gerade so, als wäre das Buch etwas angekokelt...
Dantes Inferno wird ja gerne zitiert bzw. als Romanthema aufbereitet, so z.B. auch in Matthew Pearls 'Dante Club', der hier im biblionomicon bereits besprochen wurde. Dort finden sich auch weitere, zum Teil lesenswerte Dante-Epigonen.

Fazit: Ein ungewohnt heftiges Buch, das gewissermaßen einen neuen Wind in die Tradition historischer (fantastischer) Romane bläst. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber mir hat es sehr gut gefallen. LESEN!

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Donnerstag, 31. Dezember 2009

Literarisches Jahresend-Stöckchen

Das Jahresende ist eben doch immer wieder eine gute Gelegenheit ein Resumé zu ziehen, so auch über mein Lesejahr 2009. Und wie zu jeder Gelegenheit gibt es auf für diese das passende Stöckchen von BuchSaiten, das ich hier dazu aufgreifen möchte:

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? (und Begründung)


Ich wusste nicht genau, worauf ich mich bei diesem Buch einließ. Zwar prophezeite mir meine Liebste bereits, dass mir das Buch bestimmt gefallen würde, aber ich hatte so meine Zweifel. Aber Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels" hat wirklich einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und es war eines der besten Bücher, die ich in diesem jahr gelesen (und rezensiert) habe.

Muriel Barbery gelingt mit der detailverliebten Darstellung ihrer Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten sowie den zahlreichen Ausflügen in das Reich der Hochkultur und Philosophie ein wahres Meisterwerk!

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat? (und Begründung)


Da hatte ich mir bei Michael Schneiders "Das Geheimnis des Cagliostro" einen spannenden historischen Roman mit zahlreichen dokumentarischen, historischen und bibliografischen Querverweisen erwartet und wurde dann doch aber nur mit mit einer durchschnittlich (platten) Geschichte abgespeist (siehe Rezension), deren historische Querverweise sich nur mit der Lupe suchen lassen und deren Charaktere aus einem Groschenroman stammen könnten. Es erscheinen aktuell eben viel zu viele dieser Pseudo-historischen Romane, die allesamt nicht an die großen Vorbilder ala Feuchtwanger, Umberto Eco oder Ranke-Graves heranreichen...


Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Ganz eindeutig Alberto Manguel. Auch wenn es sich dabei NUR um ein Sachbuch handelte, war ich doch während der kompletten Lektüre der "Geschichte des Lesens" von vorne bis hinten fasziniert von der unterhaltsamen aber doch exakten und liebevoll gestalteten sprachlichen Ausdrucksweise dieses "Königs der Leser", so dass ich es kaum erwarten kann, in Zukunft noch mehr von ihm zu lesen (siehe Rezension).

Natürlich muss ich hier auch noch einmal Muriel Barbery (siehe oben) erwähnen, deren Sprachgewalt (und das liegt mit Sicherheit auch vorallem an ihrem Übersetzer) mich sehr beeindruckt hat.


Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?


Katharina Hagena "Der Geschmack von Apfelkernen"...weil es einfach schön ist :)

Montag, 28. Dezember 2009

Kartenwahrheiten und wahre Wahrheiten - Reif Larsen: Die Karte meiner Träume


Natürlich waren es die Illustrationen, Karten und Zeichnungen, die dieses Buch auf den ersten Blick so ungewöhnlich wie auch interessant erscheinen ließen, auch wenn man erst ein wenig Zeit braucht, um sich an den holprigen Stil zu gewöhnen, da man immer wieder durch bildunterstützte Einschübe im Lesefluss unterbrochen wird, erweist sich Reif Larsons Roman am Ende doch als echter "Pageturner".

Obwohl ein Romandebut, brachte es Reif Larsens "The Selected Works of T.S. Spivet", wie "Die Karte meiner Träume" mit Originaltitel heißt, schon bereits vor seinem Erscheinen im Frühjahr 2009 in die Schlagzeilen, da Penguin Press Reif Larsen einen Vorschuss von fasst einer Million US-Dollar gezahlt haben soll, bevor zehn weitere Verlagshäuser in die entstandene Bieterschlacht um die künftigen Publikationsrechte eingestiegen sind...

Tecumseh "Sparrow" Spivet (kurz T.S.) ist 12 Jahre alt und ein begnadeter Kartograph. Er lebt zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Girlie-Pop und Pink-umrandetes iBook), seinem wortkargen Rancher-Vater (Western-Videos und Billy-the-Kid Schrein im Wohnzimmer) und seiner akademischen Mutter Dr. Clair (verhinderte Käfer-Wissenschaftlerin, seit 20 Jahren auf der Suche nach einem "Phantom"-Käfer) auf einer kleinen Farm in Montana, also weitab der pulsierenden modernen Metropolen dieser Welt. Alles, was T.S. umgibt, angefangen von Alltagskleinigkeiten bis hin zu zu kartografisch-statistischen Großprojekten, alles verwandelt er dank seiner grafisch-wissenschaftlichen Begabung in Landkarten, die er in Bergen von Notizbüchern festhält und in diversen Bücherregalen geordnet archiviert. Dr. Yorn, ein Freund und Bekannter seiner Mutter unterstützt ihn bei seinen Projekten, die ihm - ohne das Wissen seiner Familie - bereits Veröffentlichungen in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften eingebracht haben. Zudem reicht er die Zeichnungen ohne T.S. Wissen bei einem Wettbewerb des berühmten Smithsonian Instituts ein, den er prompt gewinnt. Bei einem Anruf des Smithsonian gibt sich T.S. als Erwachsener aus und wird zur Gala-Veranstaltung nach Washington und als Gastwissenschaftler für ein Jahr an das Smithsonian Institut eingeladen.
"Wenn du nicht tust, was du tun kannst, dann tötest du einen Teil deiner selbst, und dieser Teil wird nicht wieder nachwachsen." (Seite 273)
Aber T.S. ist eben nur ein 12-jähriger kleiner Junge, zudem mit einem traumatischen Erlebnis belastet, das die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen hat. Sein jüngerer Bruder Layton ist in Folge eines gemeinsamen Experiments beim Überprüfen eines Gewehrs mit Ladehemmung ums Leben gekommen und T.S. fühlt sich dafür verantwortlich. Insbesondere scheint niemand in der ganzen Familie dem anderen tatsächlich zuzuhören oder mit dem anderen zu reden. So packt T.S. seinen Koffer mit den wichtigsten Kartographen-Utensilien und verlässt die elterliche Farm im Morgengrauen, um mit einem nahe an der Farm vorüberfahrenden Güterzug gleich einem Hobo die verwegene und abenteuerliche Reise quer durch die USA nach Washington anzutreten.
"Ich gehörte hier nicht hin. Ich wusste das schon lange...Ich passte nicht in dieses Land der Berge. Ich würde nach Washington gehen. Ich war Wissenschaftler, Kartograph, ich wurde dort gebraucht." (Seite 74)

In einem Notizbuch, das er seiner Mutter beim Abschied entwendet hat, findet er anstelle taxonomischer Untersuchungen über Käfer die Geschichte seiner Ur-Urgroßmutter Emma Englethorpe Spivet, promovierte Kartografin und eine der ersten Professorinnen der USA, die auf einer kartografischen Expedition in den Westen des Landes seinen Ur-Urgroßvater Tearho Spivet, einen finnischen Einwanderer kennen und lieben gelernt hatte. Auf seiner Reise lernt T.S. viel über sich und seine Familie, er passiert unbeschadet ein Wurmloch (vielleicht hat er das aber auch nur geträumt), erreicht trotz aller Hindernisse, Gefahren und Abenteuer Washington und wird tatsächlich Mitglied des sagenumwobenen Megatherium-Clubs des Smithsonian. Auch wenn ich das Ende der Geschichte hier noch nicht verraten möchte, sollte ich erwähnen, dass einige der oft überschwenglich positiven Kritiken auf dieses Erstlingswerk vor allen Dingen das Ende und die Auflösung des Romans kritisieren. Ein abschließendes Urteil darüber sollte man sich aber am besten doch selbst bilden.
"Eine Karte ist mehr als das (Punkte und Striche), sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen, die wir nie zuvor im Zusammenhang gesehen haben." (Seite 163)
Dieses Buch kommt daher wie ein sorgsam illustriertes Roadmovie, das uns das Innenleben eines Wunderkinds vor Augen führt, dessen Familienleben etwas aus den Fugen geraten zu sein scheint. T.S. analytisch nüchterne Weltsicht erinnert mich stark an den autistischen Titelhelden Christopher Boone, der in Mark Haddons Roman "The Curious Incident of the Dog in the Night-time" die Aufklärung des Mords am Nachbarshund in Sherlock-Holmes-Manier aufnimmt und sich dabei ebenfalls auf eine für seine Verhältnisse mehr als große Reise begibt (die Rezension der Geschichte findet sich auch hier im Biblionomicon). Aber im Gegensatz zu Christopher Boone ist T.S. natürlich kein Autist. Seine wenigen, aber doch vorhandenen sozialen Kontakte beschränken sich aufgrund seiner beeindruckenden Fähigkeiten auf seinen wissenschaftlichen Ziehvater Dr. Yorn und in der Hauptsache auf seine Familienmitglieder. Selbst in Washington angekommen, wird er als 12-jähriges Wunderkind in den Medien herumgereicht und jeder möchte seine Popularität für eigene Zwecke nutzen. Einen wahren Freund zu finden ist schwerer als man denkt.


Was mich selbst etwas verwirrt hat, ist der seltsam anmutende und kaum vorhandene Umgang mit den neuen Medien, die zumindest im (natur- und ingenieurs-)wissenschaftlichen Leben seit Jahren schon präsent sind. Der Roman spielt in der Jetztzeit - auch wenn einigen kritischen Anmerkungen zum US-amerikanischen Staatsoberhaupt ("Der Präsident ist ein Scheißer", Seite 397) anzumerken ist, dass wir uns im Roman wohl eher unter der Bush-Administration befinden. Aber der Repräsentant des angesehenen Smithsonian Instituts hat anscheinend keinerlei Versuche gemacht, den Preisträger, den er für einen Lehrstuhlinhaber hält, im Internet zu recherchieren. Colleges und Universitäten besitzen Homepages, auf denen Informationen zum Lehr- und Forschungspersonal zu finden sind - und das schon seit Jahren. Auch scheint T.S. selbst keinerlei Neigung bzw. Zugang zum Internet zu besitzen, da es doch auch speziell für ihn eine ungeheuere Bereicherung seines wissenschaftlichen Horizonts mit einer Unmenge von Daten- und Kartenmaterial darstellen würde, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, seine eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass eine Farmerfamilie im mittleren Westen ohne Kabelfernsehanschluss auch nicht über einen Breitbandinternetanschluss zu Hause verfügt (so spielen T.S. und sein Bruder noch auf einem alten Apple IIGS Computerspiele...). Aber zumindest die wissenschaftlich arbeitende Mutter, die Schule oder aber Dr. Yorn als T.S. wissenschaftlicher Ziehvater sollten das Internet nutzen. Wahrscheinlicher ist es aber eher, dass der Autor selbst keine große Internet-Affinität besitzt. T.S. selbst mag das Arbeiten mit dem Computer nicht und zieht das Schöpferische und Gestaltende seiner zeichnerischen Begabung dem Programmieren vor, "...am Computer fühlte ich mich nur wie ein Handlanger", Seite 164. Aber abgesehen von dieser - in meinen Augen - kleinen Ungereimtheit, habe ich die Lektüre dieses ungewöhnlichen und abenteuerlich spannenden Romans sehr genossen!
"Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes...(Dr. Clair)" (Seite 354)
Fazit: Ein ungewöhnlich ausgestatteter Roman, der uns mitnimmt auf eine wunderbare Reise und uns unsere Welt aus einer altklug kindlichen Perspektive zeigt, in der eine nie versiegende Neugier steckt, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber trotzdem LESEN!

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ende gut, alles gut - Jane Austen "Emma"

Nein, um Jane Austens Romane zu lesen und zu lieben muss man nicht weiblichen Geschlechts oder gar schwul sein. Im Gegenteil eröffnen sie doch auch dem geneigten männlichen Leser ungeahnte Einblicke in die Lebenswelt des frühen 19. Jahrhunderts und lassen uns Teil haben an Lebens-, Liebes- und Beziehungsmüh einer lange untergegangenen Epoche, deren Nachwirkungen aber auch noch in unserer heutigen Zeit ihre Gültigkeit besitzen und vor allen Dingen eines tun: auf humorvoll ironische Weise zu unterhalten.

Als aller erstes war ich bereits vor Jahren begeistert, als ich Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in die Hände bekam. Obwohl ich zuerst eine dröge Erzählung um 'verzweifelte Liebesmüh' erwartete, war ich schnell eines Besseren belehrt und Jane Austen errang in meinem Bücherregal einen bevorzugten Platz, den sie auch mit dem erst später gelesenen "Kloster Northanger" behaupten konnte (zugegebenermaßen hat das Frühwerk des "Klosters Northanger" - ebenfalls hier im biblionomicon besprochen - noch lange nicht das Format von "Stolz und Vorurteil", trägt aber bereits die typischen augenzwinkernden Züge Jane Austens). Aber kommen wir zu "Emma".
"Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast 21 Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben."
So startet der Roman mit der Vorstellung seiner Protagonistin, einer energischen jungen Frau, um die sich herum ein selbstverschuldetes Labyrinth aus Irrungen und Wirrungen um Liebe und Ehe entfaltet. Emma ist reichlich verwöhnt und überschätzt vor allem Ihre Menschenkenntnis verbunden mit der (Un-)Fähigkeit, Freunde und Bekannte mit dem ihrer Meinung nach passenden Gegenstück verkuppeln zu wollen. So mischt sie sich wiederholt in das Leben anderer ein, um prompt auch immer wieder Schiffbruch zu erleiden. Fehlinterpretationen und Missverständnisse sorgen immer wieder für vermeidbare Komplikationen sowohl in ihrem Leben als auch dem ihrer Freunde und Bekannten.

Emma lebt zusammen mit ihrem hypochondrischen Vater, der stets um jedes bisschen Zugluft besorgt ist und damit sich und anderen das Leben schwer macht. George Knightley ("Mr. Knightley"), der Freund und Nachbar ihres Vaters, ist der einzige, dessen Kritik sie akzeptiert und dessen väterliche Freundschaft sie ohne Vorbehalte genießt. Sein Bruder John Knightley ist mit Emmas älterer Schwester Isabella verheiratet und lebt mit seiner Familie in London, das mehr als eine Tagesreise entfernt liegt. Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Miss Taylor, Emmas Freundin und früherer Gouvernante, von nun an Mrs. Weston. War es doch Emma, die ihrer Freundin den zukünftigen Gatten vorgestellt hatte, so lässt sie diese glückliche Vermittlung an ihre Fähigkeiten als "Ehestifterin" und Kupplerin glauben, die allerdings in Zukunft so ganz und gar nicht von Erfolg gekrönt sein werden.

Zahlreiche weitere Figuren werden von Jane Austen in liebevoller und detailverliebter Weise eingeführt, in deren Leben sich Emma früher oder später einmischen wird. Darunter auch ihre Freundin Harriet Smith, illegitimer Sproß eines reichen Kaufmanns, der sie fälschlicherweise einredet, dass der in sie verliebte Gentleman-Farmer Mr. Martin unter ihrer Würde und vor allen Dingen unter ihrem Stand wäre. Dann lernen wir noch Jane Fairfax kennen, die bei ihrer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Tante Miss Bates lebt, und die noch zu Emmas vermeintlicher Rivalin werden soll, als es gilt die Gunst von Frank Churchill zu erwerben, dem Stiefsohn ihrer Freundin Mrs. Weston.

So entspinnt sich zwischen den liebevoll charakterisierten Figuren ein von Irrungen und Wirrungen getragener Reigen um Liebe und Ehe, bei dem sich aber dann doch wie bei Jane Austen üblich am Ende alles "zum Guten" wenden soll. Was das aber konkret heißt, das muss der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin am besten selbst herausfinden. Ich kann versprechen, dass dieser über 500 engbedruckte Seiten lange Roman stets unterhält, zum Schmunzeln anregt und stellenweise auch fesseln kann. Überwiegend bedient sich Jane Austen des Dialogs als treffendes Stilmittel ihrer Darstellung - auch wenn sich beim männlichen Leser dadurch vielleicht so manches Vorurteil über typisch "weibliche Geschwätzigkeit" bestätigt finden mag. Aber es ist ja auch gerade diese präzise funkelnde und geschliffene Sprache, die in den Dialogen zum Vorschein kommt, und die von der Übersetzerin Charlotte Gräfin von Klinkowstroem so wundervoll getroffen wurde. Sie verschaffen den Figuren auf subtile Weise feingliedrige und wohlüberlegte Ecken und Kanten und heben so den Roman auf das Niveau eines zeitlosen Klassikers und Meisterwerks. Auch die zeitgenössischen Illustrationen von Hugh Thompson, die einer Ausgabe von 1896 entnommen sind, unterstützen das Gefühl beim Leser, direkt in eine Epoche entführt zu werden, die ihm in ungewohnt plastischer und lebendiger Weise vor Augen geführt wird - auch wenn es sich "nur" um die (heile) Welt des damaligen englischen (Groß-)bürgertums handelt.

Interessant ist in diesem Roman Jane Austens auch, dass Emma im Gegensatz zu den Hauptfiguren von "Stolz und Vorurteil" oder "Verstand und Gefühl" von Anfang an keinerlei Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft haben muss. Dies ist auch der Grund dafür, warum sie eigentlich niemals heiraten möchte. Jane Fairfax als Nebenfigur dagegen folgt der für Austen üblichen Konstellation, da sie keinerlei Mittel besitzt und ihre Zukunft für sie entweder eine Anstellung als Gouvernante und Lehrerin bzw. eine finanziell aussichtsreiche Heirat vorsehen muss. Ebenfalls ungewöhnlich für Jane Austens Figuren ist es, dass sich bei Emma kaum romantische Gefühle breit machen - zumindest nicht bis Seite 484. Natürlich erkennt Emma, wenn auch spät, dass man sich nicht immer in das Liebesleben von Freunden und Bekannten einmischen sollte, insbesondere, wenn es einem an eigener Erfahrung darin mangelt.
"Sie hatte in ihrer unerträglichen Eitelkeit geglaubt, jedermanns geheimste Gefühle zu kennen, mit unverzeihlichem Hochmut versucht, die Geschicke anderer zu lenken. Es war klar geworden, daß sie sich rundum getäuscht, und nicht etwa nichts getan, sondern auch noch Schaden angerichtet hatte..."
Fazit: Die passende Lektüre für die Feiertage. Einfach abtauchen in Jane Austens Fabelwelt des frühen 19. Jahrhunderts und den Reigen der Gefühle miterleben, die stets auf ein wohliges und angenehmes Ende hoffen lassen. Eine sprachliche Pretiose, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber auf alle Fälle etwas ganz besonderes.

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Sonntag, 6. Dezember 2009

Spätmittelalterliche Fortsetzungs-Soap - Ken Follet "Die Tore der Welt"

Eigentlich war ich mir gar nicht so sicher, ob ich das Buch überhaupt lesen sollte, aber nachdem es schon einmal im Bücherschrank meiner Mutter stand, beschloss ich doch nicht erst auf meinen Buchwunschzettel zu warten und habe mir kurzerhand den 1300 Seiten starken "Schmöker" ausgeliehen…

Zuerst einmal ist Ken Follets "Die Tore der Welt" ein ziemlich dickes Buch. Dies sollte aber niemanden abschrecken, denn trotzdem ich kaum Zeit zum Lesen hatte (wenn überhaupt, dann aktuell nur abends im Bett) kam ich in gut 3 Wochen locker durch. Aber lassen wir die technischen Details erst einmal bei Seite und konzentrieren wir uns auf den Inhalt...

Den Rahmen der Geschichte bildet wie im ersten Band "Die Säulen der Erde" die kleine Stadt Kingsbridge mit ihrem Kloster und der von Jack Builder, dem Protagonisten des ersten Bandes, erbauten Kathedrale. Seither sind fast 200 Jahre vergangen. Wieder treffen wir in den 'Toren der Welt' auf eine zumindest als sehr ähnliche zu bezeichnende Personenkonstellation: da haben wir die verarmte adelige Familie, deren Familienbande zurück bis zu Jack Builder reichen. Die Familie verliert aufgrund der Schuldenlast ihren Grundbesitz und wird zu "Mundlingen" der Priorei zu Kingsbridge. Während der jüngere Bruder Ralph, der im Folgenden die Rolle des arttypischen "Bad Guy" übernehmen wird, als Knappe zum Grafen von Shiring geschickt wird, um das Kriegshandwerk zu erlernen und zum Ritter ausgebildet zu werden, kommt der ältere Bruder Merthin (a.k.a. "Mr. Right") zu einem Zimmermann in die Lehre, um das Bauhandwerk zu erlernen.
Dann haben wir noch Caris, die Tochter eines reichen Wollhändlers und Ratsvorsitzenden aus Kingsbridge, die bereits als Kind mit Merthin Freundschaft schließt, sowie ihre Freundin Gwenda, Tochter eines armen Tunichtguts, der es sogar fertigbringt, seine Tochter aus reiner Profitgier an den Nächstbesten zu verkaufen.
Alle 4 werden als Kinder Zeuge eines Zwischenfalls im Wald nahe der Stadt, in der Thomas Langley, ein Ritter der Königin Isabella von zwei Bewaffneten gestellt wird und diese erschlägt. Während die anderen das Weite suchen können, bleibt Merthin zurück, hilft Langley gezwungenermaßen die Spuren zu verwischen und wird Zeuge, wie dieser einen Brief, der augenscheinlich die Ursache für seine Verfolgung war, im Wald vergräbt. Niemals darf Merthin dieses Geheimnis verraten, wenn ihm sein Leben lieb ist.

Die Zeit vergeht, Thomas Langley wird Mönch im Kloster von Kingsbridge und Merthin übereifriger Lehrling des stümperhaften Baumeisters Elfric, einem Günstling des erzkonservativen Priors Anthony. Wir lernen Caris' Cousin Godwyn kennen, der nach seinem Noviziat im Kloster zum Medizinstudium nach Oxford geschickt wird und nach seiner Rückkehr große Ambitionen auf den Posten des Priors hat, und der in dieser Position noch konservativer und verbissener als sein Vorgänger Anthony werden soll.

Werfen wir noch einen kurzen Blick die Frauen der Geschichte. Caris entwickelt Interesse an der Heilkunst. Natürlich sind ihr als Frau die Tore der Universität und eine Laufbahn als Arzt verwehrt, und was heilkundigen Frauen im Mittelalter oft blühte, wissen wir nur allzu genau. Gwenda liebt Wulfric, der aber in die attraktive Annette verschossen ist. Wulfric schlägt Ralph (dem Bad Guy) die Nase ein, weil dieser Annette auf dem Markt in Kingsbridge ein wenig zu tief in die Augen gesehen hat - und eine lebenslange Feindschaft nimmt ihren Lauf…

Den ganzen Rest dieser schier endlosen Geschichte erzählen zu wollen würde natürlich nicht nur den Rahmen des Blogeintrags sprengen, sondern auch einen Großteil des Lesevergnügens vorwegnehmen. Alles in allem zählt das Buch eher zur "leichtverdaulichen Kost". Die Charaktere haben kaum Spielraum zur Entwicklung von Ecken und Kanten. So kann man sich stets darauf verlassen, dass der Gute immer gut, der Böse aber auch immer böse ist. Persönlich ist mir das etwas zu einfach gestrickt, aber es geht bei diesem historischen Roman auch nicht um charakterliche Tiefgründe, sondern eher um eine actionreiche Handlung. Wieder stoßen wir auf dieselben Konflikte, die wir schon im Vorgängerband kennengelernt hatten. Der Graf von Shiring (böse…genauso wie sein Nachfolger), der Prior des Klosters (böse…genau wie sein Nachfolger und ebenfalls wieder dessen Nachfolger), während Merthin, Caris, Glenda und Wulfric stets das "gute" Personal darstellen. Es wird gegeneinander intrigiert und gestritten. Tumbe, mittelalterliche Klostermediziner streiten gegen durch Erfahrung kluge, heilkundige Nonnen, und am Ende hat die Kathedrale einen neuen Turm und die Stadt neben einer neuen Brücke auch noch diverse Hospitäler. Die sind auch bitter notwendig, denn die Pest kommt nach Kingsbridge und hält das ganze Land über weite Strecken des Romans in ihren tödlichen Klauen. Übrigens stets eine gute Gelegenheit, Personal auszutauschen, um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, einige Knoten der Handlung auf weniger drastische, aber sicherlich anstrengendere Weise aufzulösen.

Der historische Kolorit ist ebenfalls leichtverdaulich, geschichtliche Hintergründe werden auf ein notwendiges, aber für meinen Geschmack nicht wirklich hinreichendes Minimum reduziert. Ein Follet ist eben kein Eco (wobei letzterer, wie mir ein Historikerkollege einmal erzählte, zu jeder Gelegenheit gerne auch als Primadonna behandelt werden möchte). Aber diesen Anspruch hat Herr Follet bestimmt auch nicht, verkauft sich das Buch doch trotzdem bzw. wahrscheinlich genau deswegen großartig. Alles in allem war es für mich eine willkommene, leicht und unbeschwert zu lesende Abwechslung, der ich dank zahlreicher Cliffhanger viele spannende Abende verdanke. Doch über eine Sache habe ich mich doch öfters ärgern müssen. Den Figuren werden manchmal Gedankengänge in den Kopf gelegt, die wirklich nicht ins 14. Jahrhundert passen, sondern deutlich von Aufklärung, Feminismus und Emanzipation geprägt sind. Zwar ist es nicht gänzlich unmöglich, dass ein Mensch des Mittelalters in dieser Weise gedacht haben soll, aber eben doch sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich...

Fazit: kurzweilige Unterhaltung mit einem Minimum an zeithistorischen Kolorit, dafür ganz viel Liebe, Tragik und Intrigen. Für den Urlaub, den Strand oder einfach zum Entspannen gut geeignet hält es einer kritischen Betrachtung jedoch kaum stand.

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