Samstag, 5. Januar 2008

Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander -- Isabel Allende: Fortunas Tochter

Die Zeit um die Weihnachtsfeiertage herum lässt einem -- neben dem allgegenwärtigen Rummel mit der Verwandtschaft -- reichlich Zeit für die Lektüre. Das Buch, um das sich mein heutiger Beitrag dreht, hatte ich schon in der Vorweihnachtswoche angefangen und an den Feiertagen beendet, wobei es eigentlich dazu einlädt, die ganze Geschichte möglichst an einem Stück oder verteilt auf nur wenige Tage zu lesen...

Isabel Allende sollte ja nun jedem zumindest dem Namen nach ein Begriff sein. Die Nichte des ehemaligen, chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende gilt als eine der erfolgreichsten und meistgelesenen lateinamerikanischen Autoren. Für mich war "Fortunas Tochter" eine Premiere, denn zuvor kannte ich Allendes Romane nur aus dem Bücherregal meiner Mutter und stempelte diese generell erst einmal als "Frauenliteratur" ab. Daran konnte auch die wirklich packende und preisgekrönte Verfilmung des "Geisterhauses" (mit einem fabelhaften Jeremy Irons) nichts ändern. Aber, "Fortunas Tochter" kam kurz vor Weihnachten wieder zurück in unsere vier Wände, nachdem unsere Freundin Ellen damit recht stürmische Urlaubstage (Hurrican Noel) in der Dominikanischen Republik verbracht hatte. Nach den englischen Kurzgeschichten kam mir eine langer, unterhaltsam erscheinender, historischer Roman zur Abwechslung gerade recht.

Die Handlung beginnt in Valparaiso in Chile in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Findelkind Eliza wird von den Geschwistern Jeremy und Rose Sommers aufgenommen und erfährt eine wohlbehütete Erziehung. Bereits hier wächst Eliza zwischen den Kulturen auf. Auf der einen Seite die beiden englischen Emigranten: Jeremy, der lokale Repräsentant der British Trading Company, der für sich beschlossen hat, das Leben als Junggeselle zusammen mit seiner Schwester Rose im selbstgewählten Exil zu verbringen, nachdem Rose eine stürmische Liebesaffäre mit einem bekannten (aber verheirateten) Opernsänger zum Anlass genommen hatte, unverheiratet dem Schicksal einer alten Jungfer entgegenzusehen und jeden noch so attraktiven Freier abzuweisen. Rose nimmt das vermeintliche Indio-Mischlingsbaby Eliza bei sich auf Mama Fresia, die eingeborene Köchin auf der anderen Seite, sorgt dafür, dass Eliza die Welt ihres indianischen Ursprungs nicht vergisst.
Als eines Tages der kleine Angestellte der British Trading Company Joaquin Andieta eine Lieferung zu den Sommers überwacht, verliebt sich die 17-jährige Eliza in den mittellosen Jüngling...und es kommt, wie es kommen musste. Eliza wird schwanger, ohne dass Andieta etwas davon erfährt (...natürlich war er daran beteiligt...), da er versucht, sein Glück im gerade ausgebrochenen kalifornischen Goldrausch zu machen. Zu einer versuchten Abtreibung kommt es nicht und in ihrer Verzweiflung setzt Eliza alles auf eine Karte, um heimlich ihrem Geliebten in das verheissungsvolle Goldland zu folgen.
Die nächste Kultur, auf der wir im Buch stoßen wird von dem jungen, chinesischen Heilkundigen Tao Chien verkörpert, der seine früh seine Frau verloren hat und auf abenteuerliche Weise zum Koch auf einem Hochseeschiff "entführt" wurde. Eliza gelingt es, ihn anzuheuern, damit er ihr als blinden Passagier die heimliche Passage nach Kalifornien ermöglicht, wo sie sich auf die Suche nach ihrem Geliebten begeben will. Doch San Franzisko, der Schmelztigel, in dem 1848 all die Glücksritter der unterschiedlichsten Kulturen zusammenkommen, ist ein Tollhaus. Frauen gelten als eine Art Weltwunder, und um nicht Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, verkleidet sich Eliza als Mann und beginnt zunächst zusammen mit Tap Cjien ihre nahezu aussichtslose Suche. Weitere Stationen ihrer Reise sind gerade entstehende Goldgräberstädte und ein fahrendes Bordell in dem sie die Aufgabe des Klavierspielers und Koch übernimmt, bis sie nach langen Irrungen und Wirrungen wieder zurück nach San Franzisko findet, wo Tao Chien als Arzt praktiziert und Eliza ein Restaurant eröffnen wird.
Ob sie ihren Joaquin finden wird und wie die Geschichte endet, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Also, das Buch lässt einen wirklich an der Geschichte dranbleiben. Isabell Allende versteht etwas von der Erzählkunst, die ich auch schon bei einigen anderen lateinamerikanischen Autoren entdeckt habe (allen voran Mario Vargas Llossa, der mit seiner Tante Julia (Tante Julia und der Kunstschreiber, -> Lesebefehl!!) ein unvergessliches und augenzwinkerndes, abstruses und verwirrendes Meisterwerk geschaffen hat). Und Erzählen kann sie wirklich! Insbesondere die Schilderung der Wirren rund um den kalifornischen Goldrausch und die "forty-niner" haben mich in ihren Bann gezogen. Leider schafft sie es nicht, diesen Schwung bis ans Ende durchzuhalten. Das letzte Drittel des Romans erscheint vage, als hätte die Autorin keine rechte Lust mehr daran, ausführlich zu schildern, sondern als wäre sie nur noch bestrebt, die Geschichte endlich zu Ende zu bringen. Am Anfang nimmt sie sich noch die Zeit, die oft widersprüchlichen Facetten ihrer Figuren ausführlich zu charakterisieren. Gegen Ende jagt ein marginales Ereignis das andere, die zeitlichen Abstände der Kapitel werden immer größer. Aber trotz dieser Schwäche, macht die Lektüre dieses historischen Romans großen Spaß.

Mein Fazit: Ein prima Roman für eine regnerische und dunkle Woche, den man mit einer Tasse Tee und reichlich süßem Gebäck genießen kann. Zwar ist es nicht unbedingt der "große Wurf", aber es lohnt sich alle mal!

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