Mittwoch, 27. August 2008

Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

Vor einigen Jahren gelang es mir, eine alte 2-bändige Ausgabe von Margaret Mitchels Roman "Vom Winde verweht" in der ersten deutschsprachigen Übersetzung aus den 30er Jahren zu ergattern. Lange stand die schöne Ausgabe (siehe unten) bei mir zu Hause im Regal, bis ich mich endlich doch einmal daran machte, sie zu lesen. Natürlich kennt heute jeder (zumindest fast jeder) den Film, der immer wieder mal Teil des alljährlichen Feiertagsfernsehprogrammes ist. Daher hatte auch ich erst mal eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Werk -- glaubt man doch erst, es handele sich um eine Art Groschenroman-Schmonzette über die störrische und eigenwillige Scarlett O'Hara und dem smarten Captain Rhett Butler -- doch, wenn man sich einmal die Mühe macht, genauer hinzusehen (sowohl in den Film als auch in das Buch), wird man von einem wahren Feuerwerk eines historischen Romans, wie er im Buche steht, überrascht!

Die Geschichte lässt auf eindringliche, aber unpretensiöse Art die Geschichte vom Untergang des "alten Südens" der USA am Schicksal einiger Frauen und Männer Revue passieren. Überrascht hat mich dabei vor allem, dass es Margaret Mitchell wirklich gelingt, ein detailreiches und unvoreingenommenes Bild jener Zeit zu skizzieren, ohne sich dabei in langweilige Debatten zu verlieren. Die Geschichte kennen wir ja eigentlich alle. Scarlett O'Hara, naseweise und eigenwillige Tochter eines irischen Aufsteigers und Plantagenbesitzers und einer französisch-stämmigen Mutter aus gutem Hause, liegt die Welt zu Füßen. Sie kann sich vor Verehrern nicht retten und ist der Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Doch einen, den bekommt sie nicht: Ashley Wilkes. Ashley Wilkes verkörpert alles, was die positive Seite des "alten Südens" ausmacht: hochgebildet und ein Gentleman durch und durch. Ashley heiratet seine (in den Augen Scarletts recht unscheinbare) Cousine Melanie. Alles auf eine Karte setzend gesteht Scarlett während eines Festes Asley ihre Liebe in der Bibliothek, erhält aber eine Abfuhr. Belauscht wird das Ganze von Captain Rhett Butler, der sich in die Bibliothek zurückgezogen hatte, da er sich unter den Gästen des Festes durch seine unpathetischen und damit auch unpatriotischen Ansichten deren Unmut zugezogen hatte, und macht sich über Scarlett lustig. Trotzig beschließt Scarlett den Langweiler Charles Hamilton, Melanies Bruder und zudem einer ihrer zahlreichen Verehrer, zu heiraten, als der erwartete Ausbruch des Bürgerkrieges dem schönen Fest ein plötzliches Ende setzt.

Lange währt diese Ehe nicht, denn Charles erkrankt bereits im Ausbildungslager und stirbt an einer Lungenentzündung, ohne einen Fuß in eine Schlacht gesetzt zu haben. Scarlett, gerade einmal 16 Jahre alt, ist Witwe. Sie geht nach Atlanta zu ihrer Schwägerin Melanie und deren Tante Pittypat, aber das Leben als Witwe missfällt Scarlett zusehends, da sie sich bereits in jungen Jahren tot und begraben fühlt. Auf einem Wohltätigkeitsball trifft sie wieder mit Captain Butler zusammen, jetzt ein hochgefeierter Blockadebrecher, der die Gesellschaft von Atlanta mit Luxuswaren zu Wucherpreisen beliefert, während breite Teile der Bevölkerung und der Truppen bereits am kriegsbedingten Mangel leiden. Obwohl von seiner eigenen Familie in Charleston und von der Militärakademie verstoßen, verkehrt Butler von nun an im Hause der Damen und es entwickelt sich eine Art passionierter Hassliebe zwischen Scarlett und dem gut 20 Jahre älteren Rhett.

Als die Yankees vor Atlanta stehen, verhilft er Scarlett und der schwangeren Melanie zur Flucht und beschließt, sich noch im letzten Moment freiwillig zu den Truppen des Südens zu melden. Auf sich allein gestellt versucht Scarlett zusammen mit Melanie und der schwarzen Haushaltshilfe Prissie die heimatliche Plantage Tara zu erreichen, hoffend und bangend, ob diese nicht wie so viele andere auch von den Yankees gebrandschatzt und dem Erdboden gleich gemacht wurde. Hier beginnt die Läuterung der verwöhnten und immer nur auf ihr Vergnügen bedachten Scarlett zu einer erwachsenen Frau, die ihr eigenes Geschick und das der ihr Anvertrauten in die Hand nimmt und endlich erwachsen wird. Aber noch immer hängt der Schatten der ursprünglichen (und unerwiderten) Liebe zu Ashley über ihr. Nachdem sie in Tara wieder Fuß gefasst hat, kehrt eines Tages Ashley aus der Gefangenschaft in die Arme seiner geliebten Frau Melanie zurück und Scarlett muss erkennen, dass sie umsonst auf ihn gewartet hat. Sie stürzt sich erneut in eine Ehe -- diesmal, um Tara vor dem drohenden Ruin durch Steuerwucher zu retten und zieht wieder nach Atlanta.

Da sich Scarlett nicht in die ihr von der Gesellschaft vorgegebene Rolle zwingen lassen möchte, eckt sie mit dieser immer wieder an. Ihr Gatte Frank Kennedy -- eigentlich Verehrer Ihrer älteren Schwester Sue-Ellen -- muss sich ihrem Willen beugen und sie kauft von seinem Geld eine Sägemühle, deren Verwaltung sie selbst übernimmt, da Frank zu sehr Gentleman ist, um von seinen Schuldnern Geld einzutreiben. Wieder nur ist die Ehe von kurzer Dauer, Frank kommt bei einem Racheakt des Ku-klux-Klans ums Leben, während der Rest der "ehrenwerten" Gesellschaft -- einschließlich Ashley Wilkes -- durch eine List des geächteten Captain Butlers gerettet werden kann.

Endlich kommt es zur Heirat von Scarlett und Rhett, doch auch ihrem Glück wird nur eine kurze Dauer beschieden sein. Details möchte ich an dieser Stelle dem geneigten Leser (oder der geneigten Leserin) nicht verraten, damit das Ende spannend bleibt (auch wenn man es schon tausend mal im Film gesehen hat...).

Vom Winde verweht ist ein erzählgewaltiges Epos. Der alte Süden wird in prächtigen Farben geschildert und dessen Niedergang und der Einzug der "Neuen Zeit" nach dem Bürgerkrieg wird in eindringlichen Bildern wieder zum Leben erweckt. Dazu zeichnet Margaret Mitchell detaillierte Charakterskizzen der beteiligten Personen, die einem allesamt im Laufe des Romans ans Herz wachsen. Wirklich, ich war sehr überrascht .. und das von der positiven Seite. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Gefallen an diesem Werk finden würde, das ich jedem nur wärmstens weiterempfehlen und ans Herz legen möchte. Ganz besonders hat mir auch die etwas altbackene Sprache der alten deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach gefallen, die trotz einiger kleiner Fehler ganz wunderbar zu diesem Roman passt.

Ein Wort noch zu David O'Selznicks grandioser Verfilmung. Es ist geradezu phänomenal, mit wieviel Akribie der Stab um O'Selznick die Schauspieler nach Mitchells Vorlage ausgesucht und besetzt hat. Nicht zu vergessen, die opulente Ausstattung, die gewaltigen Bilder und das gekonnt zusammengefasste Drehbuch. Nicht umsonst hat dieser Film 1939 seine 10 Oscars bekommen und gilt bis heute als das kommerziell erfolgreichste Filmprojekt aller Zeiten (berücksichtigt man die Inflation). Mein Tip: Erst das Buch lesen und dann noch einmal den Film anschauen!!!

Fazit: Um es ganz kurz zu machen: LESEN!!!

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