Sonntag, 9. November 2008

Michael Crichton: The Great Train Robbery - Der große Eisenbahnraub

Nein, es war keine Sache des Timings, dass ich ausgerechnet jetzt Michael Crichtons "Der große Eisenbahnraub" gelesen habe. Vergangene Woche, am 4. November 2008, ist der Bestseller Autor im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden verstorben. Er hinterlässt uns ein ganzes Arsenal an spannenden und mitunter intelligenten Thrillern, deren Thematik oft den Gegenstand aktueller Kontroversen aufgegriffen hat (z.B. Klonen, Nanotechnologie, Schwarmintelligenz, usw.).

Ganz anders "Der große Eisenbahnraub". Denn hier führt uns Michael Crichton zurück in das London des 19. Jahrhunderts. Wir schreiben das Jahr 1855, die industrielle Revolution ist voll im Gange, die englische Textilindustrie nutzt als erste die Möglichkeiten der industriellen Verarbeitung, und mit dem Einzug der Eisenbahn ist eine neue Epoche angebrochen. Nach und nach durchziehen die Schienenstränge das ganze Land. Die Entfernungen schrumpfen zusammen. Reisen, die vormals mehrere Tage in Anspruch nahmen, können in wenigen Stunden absolviert werden.

Das Britische Empire führt nach wie vor Kriege. Einen besonders verheerenden Krieg, eigentlich einer der ersten "neuzeitlichen" Kriege, wird an den Küsten des Schwarzen Meeres ausgetragen -- der Krimkrieg. Der Sold für das britische Expeditionscorps wird Monat für Monat mit der Eisenbahn von London nach Folkstone verbracht, bevor er seinen Weg weiter über den Ärmelkanal nach Frankreich und dann in Richtung der Halbinsel Krim nimmt. Der Fall, den Michael Crichton schildert, basiert auf der wahren Geschichte des "Great Train Robbery of 1855". 12.000 britische Pfund (entspricht einem aktuellen Gegenwert von ca. 9 Mio britischen Pfund), der gesamte monatliche Sold für den Krieg auf der Krim, wird aus einem Eisenbahnzug auf der Strecke London - Folkstone geraubt. Alle Eisenbahnräuber umweht stets eine ganz besondere Aura -- so auch die Beteiligten des großen Postzugraubs 1963 in England. Man denke nur daran, mit welch großen Presseecho einer der Drahtzieher Ronald Biggs, aus seinem brasilianischem Exil nach England zurückgekehrt ist....

Eine ebenso schillernde Persönlichkeit war Edward Pierce, das "Mastermind", das hinter dem großen Eisenbahnraub von 1855 stand. Pierce ist alles andere, als ein "gewöhnlicher" Krimineller. Nein, er tritt als Gentleman mit aristokratischem Gebahren, ausgestattet mit hinreichenden finanziellen Mitteln und immer äußerst diskret auf. Ihm gelingt, was seine Zeitgenossen für vollkommen unmöglich halten: unerkannt 12.000 Pfund in Gold aus einem fahrenden Zug, dazu aus einem als einbruchsicher geltenden Tressor zu stehlen.

Crichton füllt seinen spannenden Kriminalroman mit allerlei Zeitkolorit. Die Entwicklung der Eisenbahn im Lauf der industriellen Revolution im viktorianischen England, die im Wandel begriffenen gesellschaftlichen Verhältnisse des zur Millionenstadt herangewachsenen Londons, die Anfänge der Londoner Berufspolizei in Scotland Yard, alles fließt in die Schilderung der akribischen Vorbereitungen der Protagonisten mit ein, die in der Ausführung des unglaublichen Planes gipfeln. Anders als bei zeitgenössischen Autoren des 19. Jahrhunderts wird bei Crichton nichts beschönigt. Sozialromantik àla Dickens und Oliver Twist wird man nicht finden. Dafür schüttelt man öfters ungläubig den Kopf, wenn schonungslos über die unglaublichen sozialen oder hygienischen Zustände berichtet wird.

Anders als in sein en Romanen "Jurassic Park", "Next", oder "TImeline" ist der Plot dieses Romans konsequent in der Vergangenheit angesiedelt und verzichtet völlig auf phantastische Elemente. Nichtsdestotrotz liefert Crichton ein bis zur letzten Seite spannendes und unterhaltsames Werk ab, das 1979 kongenial von John Foreman mit Sean Connery und Donald Sutherland verfilmt wurde. Ich habe das Buch in der englischen Originalausgabe gelesen. Sieht man einmal von den englischen Slangausdrücken und der Gaunersprache des 19. Jahrhunderts ab, lässt sicht der Roman ohne größere Schwierigkeiten lesen, ohne dabei ständig auf ein Wörterbuch zurückgreifen zu müssen. Aber -- noch ungewöhnlicher war wahrscheinlich die Tatsache, das ich den Roman als eBook auf dem Bookeen CyBook gelesen habe (siehe meinen letzten Beitrag "Das Ende der Buchkultur"). Insgesamt hatte ich "trotz" des eBooks meinen Spaß an dem Roman. Es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, das ich mit dem Gerät lese. Über meine Erfahrungen werde ich an dieser Stelle in Zukunft weiter berichten....

Fazit: Äußerst spannende und kurzweilige Unterhaltung. Perfekt, um die Weihnachtsfeiertage mit einem ungewöhnlichen historischen Kriminalroman zu versüßen...

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1 Kommentar:

Leselöwin hat gesagt…

Hallo, habe mir den Blog abonniert. Und da ich selbst einen ähnlichen schreibe: würdest du mich verlinken: http://leseloewin.blogspot.com/.
Im Gegenzug versteht sich!
danke und grüße