Sonntag, 3. Oktober 2010

Was macht den Mensch zum Menschen? - T.C.Boyle 'Das wilde Kind'

Ist der Mensch von Natur aus gut? Das fragte sich der Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau, oder wird er dies erst durch seine Erziehung? Für den Denker und Theoretiker Rousseau war der Mensch seiner ursprünglichen Bestimmung nach gut. Um dies in der Praxis überprüfen zu können, bedurfte es eines Wilden. Diesen sollte man beobachten, wie er in Kontakt zur 'zivilisierten' Gesellschaft kommt und wie diese auf ihn und sein Inneres wirkt. Der unerhörte Fall von Victor von Aveyron, dem berühmten französischen "Wolfskind" kommt da den Aufklärern wie gerufen, um die Thesen Rousseaus in der Praxis zu testen...

T.C. Boyle erzählt in seiner Novelle 'Das wilde Kind' die Geschichte des 'Wolfskindes' Viktor von Aveyron, der 1797 von Jägern in Südfrankreich gefunden oder wohl besser 'gefangen genommen' wurde. Mehrfach gelingt es dem Kind sich zunächst seiner Gefangenschaft wieder zu entziehen, bis es schließlich um 1800 in die Obhut des jungen Pariser Arztes Itard gelangt, der mit 'Victor' ein groß angelegtes pädagogisches Experiment im Sinne Rousseaus startet.
"Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben...Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Maße zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren Übel zuzufügen." (Jean-Jacques Rousseau, Zweiter Diskurs)
Aber der Junge widersetzt sich seiner Domestizierung. Als man ihn einfing, war er nackt, verdreckt, stumm und anscheinend taub. Er ernährt sich hauptsächlich von Eicheln, Nüssen, Mäusen und Fröschen, die er roh verschlingt. Er wird in eine Taubstummenschule gebracht, in der sich der ehrgeizige Arzt Itard bemüht, den Jungen zu zivilisieren und zu erziehen. Aber auch Jahre intensiver Bemühungen scheinen vergebens. Als es Itard gelingt, dem Jungen mit unendlicher Geduld eine erste Lautäußerung -- den Vokal 'O' -- zu entringen, hört er von nun an auf den Namen 'Victor'. Aber das grundsätzlich 'Menschliche', also Mitleid oder Gerechtigkeitsempfinden bleiben ihm fremd. Zwar wird der irgendwann halbwegs domestizierte Wilde zur Attraktion der Pariser Salons, doch schläft das Interesse an ihm auch schnell wieder ein...und damit auch langfristig die Finanzierung des großen Experiments. Zum Problem letztendlich wird Victor als er in die Pubertät kommt und Interesse für das andere Geschlecht entwickelt. Das Experiment -- soviel sei schon an dieser Stelle verraten -- schlägt fehl. Victor verbleibt in der Pflegschaft des Hausmeisterehepaars der Taubstummenschule, wo er den Rest seines kurzen Lebens verbringen wird.

Auf nur knappen 100 Seiten schildert T.C. Boyle Victors kurzes Leben im Stile einer typischen Novelle. Die unerhörte Begebenheit, eben das Auffinden eines wilden Kindes, das von verarmten Bauern im Wald ausgesetzt wurde und wie durch ein Wunder dort auf sich selbst gestellt überlebte, macht nachdenklich und lenkt unseren Blick auf Rousseaus Fragestellung, ob der Mensch grundsätzlich gut sei und was ihn eigentlich vom Tier unterscheidet. Itard zur Folge, findet der Mensch seine herausragende Stellung nur in der Zivilisation. Ohne diese, sei er eines der schwächsten und unverständigsten Tiere. Er verteidigte seine Meinung auch dann noch gegen alle Einwände, als alle seine Versuche, Victor in die menschliche Gesellschaft einzugliedern, voll und ganz gescheitert waren. Diese historische Begebenheit versteht es T.C. Boyle auf prägnante Art mit einem melancholischen Unterton zu schildern. Was ist es eigentlich, das den Mensch zum Menschen werden lässt?

Darüber hinaus war ich verblüfft, dass in der Wikipedia 53 historische Fälle dieser 'Wolfskinder' verzeichnet sind, von denen Victor eines war, und sie reichen bis in unsere heutigen Tage. Nur 30 Jahre nach Victor wurde auch in Deutschland ein berühmtes wildes Kind gefunden: Kaspar Hauser, ein Findling, um den sich lange Zeit das Gerücht rankte, er sei Abkömmling einer badischen Fürstenfamilie, der als Kind über Jahre bei Wasser und Brot in Einzelhaft gehalten wurde, bis im seine Flucht gelang und er am 26. Mai 1828 plötzlich in Nürnberg auftauchte. Auch in der Literatur stößt man auf weitere berühmte wilde Kinder, so etwa auf Mowgli aus Rudyard Kiplings 'Dschungelbuch' oder Edgar Rice Burroughs 'Tarzan'.

Fazit: Eine kurze Novelle über das traurig stimmende Schicksal eines Menschenkindes, das grundsätzliche philosophische Fragen aufwirft.

Links:







Kommentare:

Bücherfluchten hat gesagt…

Ich würde deinen Beobachtungen nur ein paar Informationen und Betrachtungen hinzufügen:

Die Erzählung ["novella-length", so Boyles Aussage] "The Wild Child" ist einem Erzählband entnommen (erschienen: 21. Januar 2010, bei Viking Adult), die Übersetzung weiterer Texte dieses Bandes sei, so der Hanser-Verlag, "in Vorbereitung" (auf S.3 in "Das wilde Kind" vermerkt). Der eine oder andere wird das sehr ärgerlich finden, die Verlagspolitik dahinter einen Erfolgsautor zu vermarkten und kommerziell zu vewerten, in dem eine Geschichte - als Hardcover für 12,90 Euro - einzeln veröffentlicht wird, ist nur allzu offensichtlich.

Noch eine weitere Information: der Stoff [entwicklungspsychologische Aspekte, sprachliche und soziale Entwicklung unter isolierten Voraussetzungen, "Wolfskinder"] ist ein Bereich, den Boyle schon in "Talk Talk" bearbeitet hat. In einem Interview sagte er: "... that I didn’t write “Wild Child” but rather that it was written by Dana Halter, the deaf heroine of my 2006 novel, Talk Talk. I’d thought of appending it to that novel so that the reader could have a further experience of Dana, but abandoned the idea." (Quelle: Penguin.com - A CONVERSATION WITH T.C. BOYLE)

Er sagt weiterhin: "[It's] a throwback to the time when we lived close to the earth, when the forest primeval hemmed us in and the creatures and spirits of the forest were real and palpable..." Dieser eher romantisch klingende Ansatz findet einen eher zivilisations- und gesellschaftskritischen Ansatz in "The Wild Child" bzw. einen wissenschaftskritischen Aspekt (Sind die Wissenschaftler, auch Lehrer wirklich positive Kräfte für Viktor? Welches Interesse haben sie an diesem Wesen - und sind die (egoistischen - eigenen) Motive nicht eher eine Behinderung im Zugang zum "Wolfsjungen" als das Kind selbst?) auf der Metaebene des Textes.

Der Stil ist eher nüchtern gehalten, teilweise sehr distanziert, wobei das dem dokumentarischen Charakter geschuldet ist, dem die Erzählung innewohnt. Es mag für diesen Themenkomplex [entwicklungspsychologische Aspekte, kulturelle und soziale Bedingungen des Aufwachsens und Entwickelns] aktuellere Lektüren geben, dennoch entwickelt Boyle ein interessantes Porträt einer Gesellschaft bzw. einen durchaus würdigen Einblick in den Widerstreit zwischen positivistisch-philosophischen ("Der Mensch ist von jeher gut.") und entwicklungspsychologischen Ansätzen ("Was braucht der Mensch um zum Menschen zu werden?").

Harald Sack hat gesagt…

Besten Dank für Deinen informativen Beitrag und die inhaltlichen Ergänzungen! Du hast Recht, wenn Du Boyles Stil in dieser Novelle als distanziert nüchtern und eher dokumentarisch beschreibst. Genau dieser nüchterne, lakonische Ton aber ließ mir die Novelle sehr melancholisch, d.h. am Ende ohne Hoffnung erscheinen....

Cara hat gesagt…

Danke! Der Tipp ist super!

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