Samstag, 1. Januar 2011

Eine Pilgerreise als Ausgangspunkt der englischsprachigen Literaturgeschichte - Geoffrey Chaucer 'Canterbury-Erzählungen'

Es wird höchste Zeit. Leider wird dieselbige immer knapper, wenn einem ein Verlagstermin im Rücken sitzt. Schreibt man ein eigenes Buch, fehlt einem dann gerade auch die Zeit, Rezensionen zu fremden Büchern zu schreiben. Um aber nicht allzu sehr gegenüber meinem Stapel bereits gelesener Bücher in Rückstand zu kommen, muss ich mir heute etwas Zeit nehmen, um über Geoffrey Chaucers 'Canterbury-Erzählungen' zu schreiben, die ich gegen Ende November mit großer Ausdauer gelesen habe. Entstanden ist dieser Band mit Erzählungen aus dem alten England vor über 600 Jahren und es stellt sich die Frage, warum sollte das heute noch jemand lesen wollen....?

Gute Frage. Insbesondere, da ich die Geschichten gegen Ende hin wirklich nicht mehr als besonders amüsant, geistreich oder interessant empfand. Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf. Im 14. Jahrhundert verfasste Geoffrey Chaucer, der Sohn einer reichen Londoner Weinhändlerfamilie, eine Sammlung von Geschichten und Erzählungen, zusammengefasst durch die Rahmenhandlung einer Pilgerreise nach Canterbury zu den Reliquien des heilig gesprochenen Thomas Becket. Jeder der Teilnehmer aus der 30-köpfigen Pilgergruppe, die sich bunt aus allen Ständen des damaligen Engands zusammensetzt, soll je vier Geschichten (zwei auf der Hin- und zwei auf der Rückreise) erzählen, um sich die Zeit während der Reise zu vertreiben und um einen Wettbewerb um die beste Erzählung auszufechten. Dazu zählen sowohl humorvolle als auch erbauliche und belehrende Erzählungen, bei denen es um (höfische) Liebe, Freundschaft, Verrat, Heiligenerzählungen oder Habsucht geht. Allerdings liegen uns nur 24 der ursprünglich geplanten 120 Erzählungen vor.

Insgesamt erinnert mich das Ganze sehr an Giovanni Boccaccios 'Decamerone', an dessen Vorbild sich Chaucer auch orientiert haben soll. Auch Boccaccios Rahmenhandlung seiner berühmten Sammlung von Erzählungen dreht sich um eine Gruppe Reisender, die sich allerdings im Gegensatz zu Chaucers Erzählenden auf der Flucht vor der Pest befinden und nicht auf einer frommen Pilgerreise. Neben den eigentlichen Geschichten, die Chaucer meist nicht selbst erfunden, sondern älteren Quellen entnommen und bearbeitet hat, sind vor allem die Charakterbilder der Mitreisenden und ihre Dialoge sehr interessant, da sie uns vom Verhältnis und dem Miteinander der einzelnen Stände, von Adeligen, Rittern, Klerikern und Bauern des spätmittelalterlichen Englands erzählen, die für uns heute oft seltsam und fremdartig erscheint. Fragt man nach dem bleibenden Einfluss Chaucers auf die Literaturgeschichte, so liegt dieser weniger in den von ihm erzählten Inhalten als in der Tatsache, dass er sein Werk damals untypischerweise in der englischen Volkssprache (Mittelenglisch) und nicht in Französisch oder auf Latein verfasst hat, und damit dazu beigetragen hat, das Englische zur Literatursprache herauszubilden.

Meine Ausgabe aus dem Manesse Verlag, ins Deutsche übersetzt von Detlef Droese und mit Illustrationen nach alten Holzschnitten, besticht durch vor allem durch ihre Ausstattung. Das handliche Manesse-Format und das verwendete Dünndruckpapier lassen die mehr als 500 Seiten bequem als Reiselektüre durchgehen. Dazu wurde in der vorliegenden Übersetzung zu Gunsten der Lesbarkeit auf die Versform verzichtet. Wer aber einen Eindruck von der ursprünglichen Fassung gewinnen möchte, dem seien für einen ersten Blick die unten als Links genannten online-Texte anempfohlen.

Fazit: Literaturgeschichtlich bedeutsam, aber in der Gesamtheit nur für die wirklich Interessierten ein Vergnügen. Also wieder einmal etwas nicht für jedermanns Geschmack und auch für mich eine mitunter anstrengende, aber ab und an sehr unterhaltsame Lektüre.


Links:



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