Dienstag, 14. Juni 2011

Auftakt zur Revolution - Antal Szerb 'Das Halsband der Königin'

Zwar hatte ich eigentlich einen historischen Roman erwartet, doch dann entpuppte sich Antal Szerbs Geschichte um das sagenumwobene Schmuckstück als minutiöser Essay, in dem der Literaturprofessor, dessen Pendragon-Legende (hier im Biblionomicon besprochen) mich bereits neugierig gemacht hatte, die Geschichte des wohl größten Hofskandals zur Zeit des Ancien Régimes in unterhaltsamer Weise pointiert und detailverliebt nacherzählt. Dabei entfaltet sich für uns das Panorama einer Epoche, deren Prunk und Verschwendungssucht ebenso wie der bereits drohende Umbruch uns auch heute noch in Erstaunen versetzen. Doch am Besten wieder einmal alles der Reihe nach....

Frankreich wähnt sich an der Schwelle eines neuen, glorreichen Zeitalters, als Ludwig XVI. 1774 den Thron besteigt. Dabei ist Frankreich jetzt - nach England - das wohlhabendste Land der Welt. Die junge Industriekultur beginnt zu blühen: Eisengießereien in Elsaß-Lothringen, Textil-Spinnereien, Porzellanmanufakturen (Sèvres), Saint-Gobain-Glas, Baccarat-Kristall, Fayencen aus Rouen und Nevers. Schlüsselindustrien entstehen, der Wohlstand wächst. Marseilles wird zu einem der größten Häfen der Welt. Die Pariser Börse floriert. Dennoch steuert der Staat zusehends auf eine Finanzkrise zu, da schlicht mehr ausgegeben wird, als hereinkommt.

Doch kommen wir zur Geschichte des ominösen "Halsbands". Niemand hat es je getragen und nur wenige sollen es überhaupt zu Gesicht bekommen haben. Auch soll es, Erzählungen zur Folge, nicht sonderlich schön gewesen sein, sondern vor allen Dingen eines: protzig. Das wohl teuerste Schmuckstück der Welt zu schaffen, nichts weniger war der Plan der beiden Pariser Juweliere Boehmer und Bassenge, die dafür auch bereits den idealen Käufer auserkoren hatten: Ludwig XV. Doch leider war dieser bereits 1774 (unter dem Jubel des Volkes) verstorben und Ludwigs Mätresse, Madame Dubarry, saß ins Kloster verbannt im Exil. Noch nicht einmal der spanische König, der als der reichste Mann der Welt galt, konnte für die Kostbarkeit begeistert werden, sie sei einfach zu kostspielig. Also setzten die beiden Juweliere ihre ganze Hoffnung auf die neue Königin Marie Antoinette, die junge österreichische Gemahlin Ludwigs XVI., deren Extravaganz und luxuriöses Leben sie zur idealen Kundin erhoben.

Dies also ist die Ausgangssituation für eine ausgefuchste Intrige, in der sich die Schicksale der unglücklichen Königin und Ihres Gemahls, des überaus ehrgeizigen Kardinals Louis de Rohan, der Betrügerin Jean de la Motte und des gleichermaßen zwielichtigen wie schillernden Hochstaplers, des Grafen Cagliostros kreuzen (die Lebensgeschichte des Letzteren hatten wir hier bereits im Biblionomicon besprochen). Nichts ahnend, dass die dadurch ausgelöste Staatskrise gleich einem Sargnagel das Schicksal des alten Regimes besiegeln und Frankreich zusehends in Richtung Revolution treiben sollte. Antal Szerb versteht es in seiner Erzählung 'Das Halsband der Königin' meisterlich, dieses unerhörte Ereignis aus allen Perspektiven zu beleuchten und überaus spannend zu erzählen. Insbesondere die vielen kleinen Details, die er über das Leben des französischen Adels zusammengetragen hat, setzen uns heute aufgrund ihrer Extravaganz in Erstaunen.

Auch ist es eine Zeit der immensen Beschleunigung. Die industrielle Revolution wirft bereits ihre Schatten voraus, genauso wie moderne Kommunikation und der vermeindlich schnelle Profit an der Börse. Wen wundert es da in dieser Zeit, dass Abenteurer auf den Plan treten, die versuchen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, auch wenn es nur auf Lug und Betrug gebaut sein sollte. Denn die Gesellschaft will ja betrogen werden, und sie erhält, was sie verdient.
"Wer an die Zukunft denkt, ist kein wirklicher Abenteurer. Abenteuer geschehen von einem Augenblick auf den nächsten. Wer an morgen denkt, führt das Leben eines Spießers."(Seite 151)
Übrigens wurde das Collier bis zum heutigen Tage noch nicht bezahlt, so dass einzig die beiden überaus geschäftstüchtigen Juweliere die Geprellten blieben...

Fazit: Unterhaltsame Geschichtsstunde, eine Anekdote der Weltgeschichte und zugleich eine unerhörte Begebenheit mit fataler Wirkung, präzise, schlüssig, mit spöttischem Charme und einem kleinen Augenzwinkern erzählt. Lesen!

Links:

Antal Szerb: Das Halsband der Königin
Deutscher Taschenbuch Verlag (2005)
288 Seiten, 9,50 Euro.








Keine Kommentare: