Mittwoch, 10. August 2011

Wo steckt eigentlich Dr. Evil? - Frank Schätzing 'Limit'

Ja, das fragt man sich tatsächlich, wenn man sich erst einmal in Frank Schätzings schwergewichtige Weltraum-Oper 'Limit' vertieft und hoffentlich nicht den Faden verloren hat, angesichts der eng bedruckten 1328 Seiten...Wo steckt eigentlich Dr. Evil? Denn auf diese tragikomische Gestalt wartet man eigentlich die ganze Zeit über, in der diese Mega-Story (was den Umfang betrifft) abrollt, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würde. Schön, dass der Erfolgsautor Schätzing nach seinem Ozean-Erfolg 'Der Schwarm' in den Weltraum und damit in die nahe Zukunft wechselte, aber musste die Geschichte unbedingt so lang geraten....?

Wir schreiben das Jahr 2025. Julien Orley, Selfmade-Milliardär -- irgendwie erinnert er mich an eine Mischung aus Richard Branson (Virgin Galactic) und Tim O'Reilly (Web 2.0) -- , hat der Menschheit mit der Kernfusion eine neue und annähernd grenzenlose Energiequelle geschenkt. Was man dazu braucht, ist das Isotop Helium-3, das in ausreichenden Mengen auf unserem Erdtrabanten, dem Mond, vorkommt. Aber um da heran zu kommen, muss auch die Weltraumfahrt revolutioniert werden. Und zu diesem Zweck hat Orley einen Weltraumfahrstuhls konstruiert, wie ihn der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke bereits 1978 in einer Geschichte aufgegriffen und öffentlich bekannt gemacht hatte (übrigens hatte Clarke auch 1945 die Idee der geostationären Satelliten vorweggenommen). Der Weltraumlift bietet eine preiswerte und rentable Möglichkeit, Personen und Fracht ins All bzw. von dort zur Erde zu transportieren.
"Wie eigenartig. Selbst so etwas Exotisches wie Raumfahrt schien nur in der Kultivierung irdischer Mythen zu funktionieren, einfach, indem man Kletterhaken des Gewohnten in das Fremdartige trieb." (Seite 1136)
Um sein Unternehmen im großen Stil weiter auszuweiten und zu expandieren lädt Orley eine illustre Gruppe von einflussreichen Größen aus Wirtschaft und Unterhaltung ein, sein neues Hotel auf dem Mond zu eröffnen. Das Unternehmen soll den Investoren durch ein Erlebnis der besonderen Art schmackhaft gemacht werden und so erleben wir die Fahrt im Weltraumlift und den anschließenden Transport zum Mond hautnah und aus verschiedenen Perspektiven mit.
Zur gleichen Zeit wird der private Cyber-Ermittler Owen Jericho von seinem chinesischen Freund Tu Tian um einen Gefallen gebeten. Er soll die verschwundene Dissidentin Yoyo aufspüren. Dabei geraten alle drei in den Dunstkreis einer weltweiten Verschwörung, deren Angriffsziel die Unternehmungen Orleys darstellen, da sie die bestehende Welt- und Energiewirtschaft auf den Kopf stellen und so die gewohnte Weltordnung in Frage stellen.

Interessanter Fakt, die 1328 Seiten lassen sich tatsächlich inhaltlich recht knapp zusammenfassen. Eigentlich ist die Story ja auch ziemlich spannend, sie hätte sich aber auch mit gut 500 Seiten weniger erzählen lassen, ohne dass man dann den Eindruck gewinnen würde, dass etwas fehlt. Schätzing gestaltet die nicht allzu ferne Zukunft überaus interessant mit kleinen aber gewichtigen Innovationen, wie z.B. (halb-)autonome Fahrzeuge, 3D-Displays ohne Brillen (gibt es übrigens schon), aber auch den großen Themen Kernfusion, Mondprogramm und Weltallfahrstuhl. Besonders interessant auch zu lesen die wachsende Dominanz Chinas und dessen kultureller Einfluss selbst auf Alltägliches im ganzen Rest der Welt. Allerdings gerät dabei die ein oder andere gesamtwirtschaftliche oder politische Darstellung viel zu ausführlich. Schätzing verfolgt ganz ähnlich wie im "Schwarm" die Strategie, den Lesern quasi in Dialogform komplexe Entwicklungsprozesse vor Augen zu führen, die dann doch aber oft etwas aufgepfropft wirken und über weite Strecken den ein oder anderen Leser nur langweilen. Hier wäre eine etwas knappere, kondensierte Form dem Lesegenuss wohl eher entgegengekommen. Insbesondere, wenn man danach dann immer wieder auf Groschenroman-Metaphern stößt wie diese:
"Die Partei war von Geheimdiensten durchzogen wie der Gorgonzola von Schimmel" (Seite 445)
Überhaupt, wie ja schon anfänglich behauptet, entwickelt sich die ganze Geschichte tatsächlich wie einer dieser James-Bond-Filme: da haben wir die Jet-Set Superreichen, den coolen Cyber-Cop als einsamen Wolf, die vom Vater unverstandene Hacker-Dissidentin und einen ultrabrutalen Erz(!)schurken, auf dessen verdeckt operierende Hintermänner der Leser gespannt lauert. Dazu kommt dann noch das ganze Arsenal technologischer Gadgets, die allesamt in den Bereich der nahen Zukunft gehören. Eigentlich wartet man die ganze Zeit förmlich darauf, einen gesetzteren Mann mit Glatze, Mao-Anzug und Katze auf dem Schoß vorzufinden, der heimtückisch grinsend den kleinen Finger zum Mund bewegt....

Fazit: Etwas für hartgesottene Fans, die nicht davor zurückschrecken, auch einmal ein paar uninteressante Seiten zu überblättern. Ansonsten zwischendurch ganz interessant und ab und an auch spannend...


Frank Schätzing:
Kiepenheuer & Witsch (2009)
1328 Seiten
26,00 Euro (Hardcover)

Kommentare:

Leselöwin hat gesagt…

Ich habe mich bisher nicht an diesen "Schinken" rangetraut - aufgrund der Länge. Nun bin ich noch weniger motiviert und widme mich lieber Romanen, die mir mehr liegen. Vielen Dank für deine Meinung!

Andrea hat gesagt…

Bin etwas hin und her gerissen. Einerseits haben mir die Bücher von Schätzing bisher alle sehr gut gefallen, auch wenn sie sehr ausführlich sind, "Limit" schiebe ich nun auch schon seit Wochen vor mir her. Die Dicke des Buches schreckt doch schon etwas ab. Andererseits liest sich der Plot ziemlich interessant... mal sehen. Danke für die schöne Rezension!

Harald Sack hat gesagt…

Mit etwas Abstand betrachtet, war 'Limit' gar nicht so schlimm, wie ich es vielleicht oben dargestellt habe. Natürlich habe ich mich etwas über Herrn Schätzings erziehungsdidaktischen Zeigefinger geärgert, ebenso über seine damit verbundene Weit- und Langatmigkeit, dieses zu Papier zu bringen....aber man erinnert sich nach einiger Zeit dann doch eben eher an die positiven Seiten ;-)