Samstag, 17. März 2012

Kraut und Rüben - Pierre David und Martine Willemin 'Der Küchengarten des Königs'

Heute wieder ein Gastbeitrag aus Claudias Feder zu einem außergewöhnlichen Gartenbuch. Ich freue mich wirklich sehr darüber, das Biblionomicon auch einmal nicht nur mit der üblichen literarischen Kost zu bestücken und hoffe es ergeht den Lesern ebenso, denen ich das heute beschriebene Buch nur wärmstens ans Herz legen kann...


Versailles 1678 Jean-Baptiste de La Quintine spaziert durch das mehr als 100 Hektar große Areal, das ungefähr 20 Kilometer westlich von Paris liegt und lässt seinen Blick über den neu gestalteten Park schweifen. Das von Ludwig XIII. als Jagdschloss erbaute Gebäude hat sich längst zur repräsentativen Residenz seines Sohnes gemausert. Der Park entspricht den Vorstellungen des Barock, ist opulent, verspielt, überschwänglich. Alle Elemente, die wir noch heute mit barocker Gartenarchitektur verbinden, scheinen genau an diesem Punkt ihren Ursprung zu nehmen. Die besten Ingenieure und Künstler wurden bei diesem großen Projekt mit dem Ziel vereint, dass ganz Frankreich die Strahlkraft dieses Ortes wahrnehmen sollte. Terrassen für höfische Gelegenheiten, ein Wasserkanal auf dem eine Miniaturflotte Seeschlachten austragen konnte, eine Orangerie in der exotische Früchte wuchsen, ein Labyrinth in dem man sich gern verlief, kunstvoll und symmetrisch angelegte Parterren, Bosketten für diverse Vergnügungen, zahlreiche Brunnen und vielfältige Skulpturen.

Der Garten diente nicht ausschließlich der Zerstreuung und Lustbarkeit, vielmehr stellte er eine Spiegelung des geltenden Ordnungsprinzips dar. Ludwig der XIV., seines Zeichens „Sonnenkönig“, setzte sich mit dem griechischen Gott Apollon gleich und das nicht nur aus mythologischen Gründen, sondern aus politischem Kalkül. Apollon, als Führer der neun Musen und Stifter einer universellen Harmonie, repräsentierte zugleich die politischen Ziele des Königs: Ludwig als Haupt einer christlichen Welt, die er befriedete und beherrschte. Der Garten spiegelte dieses Ordnungsprinzip wieder und war somit weit mehr als die Summe seiner – in diesem Fall botanischen – Teile.

Die Ikonographie barocker Gartenarchitektur, insbesondere die der Versailler Ausführungen, ist ein umfangreiches Thema, über das seitenweise referiert wurde. Aber ich schweife ab - dabei sind wir doch aus einem anderen Grund hier. Zurück also zu La Quintine. Mit all dem Prunk und Gloria des Parks, den Lustbarkeiten der Labyrinthe und Bosketten, hatte er wenig zu tun. Er kümmerte sich seit 1670 eher um das leibliche Wohl seines Königs, denn er war der „Direktor der Obst- und Gemüsegärten der königlichen Schlösser“.

Alte Obstspalierformen (wikipedia)
Wer jetzt darüber verwundert ist, dass es im barocken Park von Versailles auch Gemüse gibt, dem geht es wie mir. Und wer sich nun Streuobstwiesen und Beerensträucher vorstellt, hat weit gefehlt. Der Küchengarten des Königs ist ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht. Auf neun Hektar erstreckt sich der Obst- und Gemüsegarten, dessen Grundriss auch heute noch kaum von den Plänen La Quintines abweicht. Um ein rundes Becken in der Mitte, formieren sich 16 Beete, in denen Gemüse und alte Gewürze neben modernen Erdbeerpflanzen gedeihen. Eingefasst sind die Beete von Birnbäumen – an dieser Stelle muss der Begriff „Birnbaum“ neu definiert werden. Die Birnbäume des Königs sind als Spaliere aufgebunden, wobei der Obstbaumschnitt auf eine neue Stufe gestellt wurde. La Quintine war ein großer Verfechter des Obstbaumschnittes und Meister dieses Fachs. Er begründet das Formen von Spalieren folgendermaßen:
„Der erste ist sicher, eine größere Fülle an schönen Früchten und diese sogar früher ernten zu wollen. Der zweite Grund ist, dass bei jedem Wetter der Baum viel angenehmer anzusehen sei, als wen er überhaupt nicht beschnitten wäre.“ (S. 36) 
(Foto: Carsten Balke)
In der Tat habe ich so etwas zuvor nicht in dieser Vielfalt und Pracht gesehen. Der beschriebene innere Teil des Küchengartens, der hortus conclusus, ist umgeben von einer hohlen Mauer, wo z.B. kriechende Früchte wie Melonen und Kürbisse wachsen und in Kübeln Feigen gepflanzt sind. Das Prädikat „Gesamtkunstwerk“ hat auch der Bildband verdient, der den königlichen Küchengarten so wunderschön in Szene setzt. Allein das Format (beinahe A3) ist imposant. Pierre David und Martine Willemin verfassten die Texte über die Entstehung und die Geschichte des Gartens und erklären, wie die Gärtner es bewerkstelligt haben – und es bis heute tun - derart kunstvolle Gewächse zu züchten, wie z.B. die beschrieben Birnbäume. Dabei greifen sie auf zahlreiche historische Abbildungen und Zitate zurück. Darüber hinaus liefern sie uns über jedes einzelne Kraut und jede Beerensorte spannende, überaus wissenswerten Details:
„Die Erdbeere ist eine Scheinfrucht aus der Familie der Rosaceae (Rosengewächse). Aus botanischer Sicht gehört sie nicht zu den Beeren, sondern zu den Nüsschen (...). Lange Zeit im wilden Zustand verblieben, war die Erdbeere noch im Mittelalter wenig geschätzt, wie jede Frucht, die sehr nah am Boden wächst. Karl V. führte jedoch den Anbau von Erdbeeren im Garten des Louvre zu Dekorationszwecken ein. In der Renaissance beginnen die Menschen sie in der Kombination mit Wein zu schätzen. In dieser Zubereitungsweise hat der Sonnenkönig eine große Menge gegessen (...). La Quintine musste ganzjährig Erdbeeren für die Tafel des Königs liefern.“ (S. 57) 
(Foto: Carsten Balke)
Die liebevoll erzählten Anekdoten und das botanische Wissen vermitteln die beiden Autoren auf eine Art und Weise, die mich immer wieder in diesem großformatigen Band versinken lässt. Aber - ohne diesen Teil des Buches in irgendeiner Form schmälern zu wollen - wäre es ohne die fabelhaften Bilder von Gilles Mermet nur halb so beeindruckend. Beim ersten Blick auf den Einband – er zeigt einen Birnbaum in der Form „Verrier-Palmette mit sechs Ästen“ als Contrespalier, also freistehend – habe ich gedacht, ich sähe eine Zeichnung. Anfangs erinnert diese unglaublich umfangreiche Sammlung an die Darstellung idealisierter Wunschvorstellungen gärtnerischer Perfektion. Es dauert einen Moment, bis der Betrachter die Abbildungen als Fotografien erkennt und erstaunt feststellt, dass er es mit realen Obstbäumen in mannigfaltigen Wuchsformen zu tun hat, die sich vorzustellen er nie gewagt hätte. Mermet setzt Obst, Gemüse und Kräuter ins rechte Licht und macht Äpfel und Erbsenschoten zu Hauptakteuren. Kraut und Rüben, wie man sie noch nie gesehen hat. Er vergisst aber auch diejenigen nicht, die dieses Wuchswunder erst möglich machen und die uralten Bäume und Sträucher mit Hingabe hegen und pflegen. Nach dem Lesen oder auch nur dem Ansehen des Bandes werden Sie die nächste Kartoffel nicht mehr achtlos in die heiße Pfanne werfen, sondern sie mit anderen Augen sehen – zumindest für einen kurzen Moment.

Fazit: Der „Küchengarten des Königs“ ist ein wunderbarer Fundus an Informationen, die nicht nur das Gärtnerherz erfreuen, sondern jedem Leser tiefe Einblicke in die Geschichte dieses großen Gartens ermöglichen. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen muss, um Ausflüge in die Botanik zu unternehmen.



Pierre David, Martine Willen
Der Küchengarten des Königs
Dumont Buchverlag (2011)
208 Seiten
49,95 Euro

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