Samstag, 19. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (2) Gutenbergs (R)evolution

Im vorangegangenen Teil dieser kleinen Serie über die 'Geschichte des Buchdrucks' wurde zunächst ein Augenmerk auf die Zeit vor Gutenberg und seiner Revolution der Buchdruckkunst gelegt. Gutenberg war natürlich nicht der erste Mensch, der je ein Buch gedruckt hat. Die Geschichte der Drucktechnik reicht weit zurück bis in das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung und startete im fernen Osten. Aber auch in Europa war die Technik des Holzschnitt-Drucks bereits vor Gutenberg in Gebrauch. Dieser Teil der Geschichte beleuchtet den zeitlichen Abschnitt während Gutenbergs Lebzeiten, des 15. Jahrhunderts, das zum Ausgangspunkt der wohl wichtigsten Entwicklung im Zuge der Menschheitsgeschichte werden sollte....

Die Entwicklung des Buchdrucks wird oft als initiales Ereignis gewertet, das den Menschen in eine Epoche der für jedermann zugänglichen und massenhaft verbreiteten Information führte. Seine Auswirkungen lassen sich kaum unterschätzen. So sahen es bereits die Zeitgenossen als ausgemachte Sensation, insbesondere die kirchlichen und weltlichen Machthaber, Information tausendfach und in Windeseile mit Hilfe der neuentwickelten Drucktechnik zu vervielfältigen.

Dem Kaumannssohn Johannes Gensfleisch zum Gutenberg (1397–1468), einem einfallsreichen Goldschmied, der den Hof zum Gutenberg in Mainz bewohnte, erfand ein neues Gießverfahren für bewegliche Lettern (Stempel) von hoher Präzision, das einen massenhaften Druck überhaupt erst ermöglichte. Ein sehr praktisches Folgeprodukt - also quasi die "Teflonpfanne" zu seiner epochalen Erfindung - stellt die dazu notwendige Normierung unserer Schrift dar, die heute oft übersehen wird. Gutenberg war seit 1434 nachweislich in Straßburg tätig, wo er bereits mit dem Typenguss und mit beweglichen Drucklettern experimentierte. Aus der Zeit davor gibt es nur wenige Quellen über ihn. Die Universität Erfurt rühmt sich der Immatrikulation eines ”Johannes de Alta villa“ für das Sommersemester 1418. Da Gutenberg nahe Verwandte in Eltville hatte und seine Familie aufgrund von Auseinandersetzungen mit den Mainzer Zünften die Heimatstadt mehrfach verlassen musste, geht man davon aus, dass er sich - wie damals üblich - unter seinem Vornamen, gefolgt von seinem Herkunftsort in das Matrikelbuch eingeschrieben hatte. Bekannt ist, dass er selbst auch als bücherkopierender Verlagsschreiberarbeitete, wobei er auch die sogenannten Blockbücher kennenlernte, die in einem einfachen, auf dem Holzschnitt beruhenden Stempelverfahren hergestellt wurden.

Allerdings erforderte die Produktion jeder einzelnen Seite eines Blockbuchs einen gewaltigen Aufwand und war daher der traditionellen Kalligrafie, die von ganzen Hundertschaften von Schreibern ausgeführt wurde, weit unterlegen. Hinter Gutenbergs bahnbrechender Entwicklung stand die einfache Idee, das Problem der mechanischen Vervielfältigung von Schriftgut mit Hilfe der Drucktechnik analytisch anzugehen, d.h. das Problem als Ganzes erst einmal auseinanderzunehmen in seine einzelnen Teile, um zu verstehen, dass alles, was der menschliche Geist mit Hilfe von Worten auszudrücken vermag, lediglich auf den 24 bekannten Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen beruht. Gutenbergs theoretische Lösung des Druckproblems bestand darin, gleichartige Stempel für Einzelzeichen in großer Zahl zu produzieren, die nach einer Drucklegung immer wieder für weitere Drucke verwendet werden konnten. Das wahrscheinlich schwierigste Problem, das er dabei zu lösen hatte, bestand darin, Druckstempel mit möglichst geringen Fertigungstoleranzen herzustellen. Bereits geringe Unterschiede in der Höhe der Drucktypen hatten zur Folge, dass einige Buchstaben stärker, andere nur recht schwach oder sogar überhaupt nicht auf der Druckseite erschienen. Da die Druckfläche vollkommen eben sein muss, müssen alle Drucktypen dieselbe Höhe haben. Dasselbe gilt ebenfalls für die Dimensionen Länge und Breite, da sich hier Abweichungen sogar aufsummieren und das Druckbild völlig zerstören können. Die größtmögliche Präzision erreichte Gutenberg letzendlich, indem er alle Drucklettern aus Metall herstellte, die alle mit Hilfe der gleichen Form gegossen wurden.

Daneben wandelte er auch das bislang gängige Druckverfahren ab: anstelle die Farbe durch Abreiben auf das Papier aufzutragen, wie es bei Holzschnitten üblich war, verwendete Gutenberg eine Druckerpresse, um die Farbe durch gleichmäßigen, hohen Druck auf das Papier zu übertragen. Um 1437 ließ er durch den Mainzer Drechsler Konrad Saßbach eine Drucker- presse nach seinen Entwürfen bauen, die ihrem Äußeren nach eher an eine Weinpresse erinnerte. Zur Produktion seiner Drucktypen ging Gutenberg folgendermaßen vor: Als erstes wurde auf der Stirnseite eines Stahlstabes der betreffende Buchstabe seitenverkehrt und erhaben als sogenannte "Patrize" eingraviert. Dann wurde der Stahlstab mit einem Hammer in weicheres Kupfer getrieben, wobei ein seitenrichtiger, vertiefter Abdruck des Buchstabens entstand, die so genannte "Matrize". Die Matrize diente als Gussform für die eigentliche Drucktype. Dazu musste sie exakt in ein Gießgerät einjustiert werden und wurde mit einer Bleilegierung (etwa 83% Blei, 9% Zinn, 6% Antimon und jeweils 1% Kupfer und Eisen) ausgegossen. Wichtig bei der Wahl der Legierung war, dass diese einerseits nach dem Guss schnell erkaltete, um so eine zügige Produktion zu gewährleisten, und andererseits nicht an den Seitenwänden der Gussform oder an der Matrize kleben blieb. Hierbei konnte Gutenberg auf seine Berufserfahrung als Goldschmied mit Metallen und Metallbearbeitung zurückgreifen. Das von ihm entwickelte Handgießinstrument war dann in der Lage, stündlich bis zu 100 Satzlettern zu produzieren.

Zum Erstellen der Druckvorlage wurden vom Setzer zunächst die Typen für eine einzelne Zeile in einem Winkelhaken zusammengetragen. Um zu gewährleisten, dass alle Zeilen in etwa die gleiche Länge aufweisen, wurde so genanntes Blindmaterial zwischen die Typen eingebracht, um so die Abstände zwischen ihnen auszugleichen und um einen Blocksatz zu erzielen. Die einzelnen Zeilen wurden in einem Setzschiff zu Spalten bzw. zu ganzen Seiten zusammengefasst. Dabei wurde der Zeilenabstand durch weiteres Blindmaterial korrigiert. Der fertig gesetzte Druckstock wurde dann mit Druckerschwärze (auch eine eigenständige Entwicklung Gutenbergs, hergestellt aus Lacken, Ölen, Holz, Lampenruß, Pech und Firniss) mit Hilfe eines ledernen Farbballens eingefärbt und in die Presse gelegt, in der ein befeuchteter Papierbogen bedruckt wurde. Dazu wurde der Papierbogen mittels Nadeln (Punkturen) in einem klappbaren Deckel fixiert, über den zum Druck noch ein weiterer Rahmen geklappt wurde, damit die nicht zu bedruckenden Seitenanteile nicht beschmutzt werden.

In der Zeit um 1450 entstand der erste Gutenberg zugeschriebene Druck (wenn auch Datierung und Zuordnung kontrovers diskutiert werden), der nur in einem kleinem Fragment erhalten geblieben ist: ein Gedicht vom Weltgericht in deutscher Sprache nach einem um 1360 in Thüringen verfassten Sibyllenbuch. Es folgen die Mainzer Ablassbriefe, eine Schulgrammatik des Donnatus, ein astrologisches Blatt der Planetenkonstellationen und andere Druckwerke, die jedoch in ihrer Datierung ebenfalls umstritten sind. Gutenbergs erstes repräsentatives Druckwerk, das ihn weit bis über seinen Tod hinaus berühmt machen sollte - die 42-zeilige lateinische Bibel (B42) - entstand in den Jahren 1452–1456. Dabei sollte die für die damalige Zeit schier unglaubliche Zahl von 189 Bibeln gedruckt werden, jede davon mit mehr als 1.200 Seiten Umfang. Erst der Erfolg dieses gigantischen Vorhabens sollte Gutenberg und mit ihm der Drucktechnik den großen Durchbruch ermöglichen.

[Weiter geht es hier mit Teil 3: Gutenbergs Meisterstück]


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