Sonntag, 27. Januar 2008

Schein oder Sein - Ian McEwan: Abbitte

Alles ist nur eine Frage des Standpunkts. Eine Frage des Blickwinkels und des sich daraus ergebenden Kontextes. So kommt es auch, dass das Schicksal zweier Menschen einen dramatisch anderen Verlauf nimmt, da vom Standpunkt eines Kindes aus gesehen, die zugegebenermassen unglückliche Verkettung der Umstände und Dinge 'auf 'falsche' Weise interpretiert wurden.

Briony Tallis ist der Name des Mädchens, das die Schuld an der ganzen 'Misere' trägt, die sich im Verlauf der Handlung von Ian McEwans Roman 'Abbitte' ergibt. Die Handlung spielt in den 30er Jahren der Vorkriegszeit in England. Wir erleben einen Sommertag auf dem Anwesen der Familie Tallis. Briony verzweifelt an den Vorbereitungen der Inszenierung eines selbstgeschriebenen Theaterstücks (ein kitschiges und naives Ritter-rettet-und-heiratet-schöne-Maid-Drama), das anlässlich des Besuchs ihres Bruders Leon von Briony, ihren beiden Cousins und ihrer Cousine Lola aufgeführt werden soll. Aber Briony hat sich zu viel vorgenommen. Lola und ihre beiden Brüder wurden bei der Familie Tallis untergebracht, da sich ihre Eltern gerade in der Trennungsphase befinden. Dementsprechend angespannt stellt sich das Nervenkostüm der Kinder dar und Briony muss schließlich ihre Pläne für den Abend aufgeben. Fau Tallis, Brionys Mutter, liegt mit Migräne im Bett und verfolgt die Vorgänge im Haus blind im Dunkeln und ausschließlich aus den Geräuschen heraus, die sie von ihrer Ruhestätte wahrnimmt. Brionys Vater, ein hoher Regierungsangestellter, verbringt seine Tage in London, vermutlich mit einer Geliebten.

Von ihrem Zimmer aus beobachtet Briony eine Szene am Brunnen im Garten zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und Robby, dem Sohn einer Hausangestellten. Cecilia möchte eine kostbare, ererbte Vase am Brunnen mit Wasser füllen, die im Laufe des Disputs mit Robby (der schon lange in Cecilia verliebt ist) zu Bruch geht. Cecilia lehnt Robbies weitere Hilfe entschieden ab, und entledigt sich zur Bergung der kostbaren Scherben ihrer Kleidung, um in nahezu durchsichtiger Unterwäsche in den Brunnen zu steigen und unterzutauchen. In Brionys überspannter Phantasie gibt es für das Gesehene zunächst keine Erklärung.

Auch Robbie, der zusammen mit den Tallis-Kindern Cecilia, Briony und Leon aufgewachsen ist, ist zum Abendessen im Hause Tallis eingeladen. Um sich zu entschuldigen will Robby einen Brief schreiben, den er Cecilia noch vor dem Abend zukommen lassen will. Aber er tippt auf seiner Schreibmaschine nicht nur einen Entschuldigungsbrief. Die erste Fassung vielmehr ist in kurzen, nahezu brutalen Worten Ausdruck seines Verlangens und seiner Begierde nach Cecilia. Natürlich verwirft er diesen Brief und tippt noch eine gesellschaftlich 'korrekte' Version. Aber mit der Verwechslung der beiden Briefe nimmt das Drama seinen Lauf.

Auf dem Weg vom Gärtnerhaus zum Herrschaftshaus trifft Robbie Briony und übergibt ihr den Brief an ihre Schwester. Aber Briony öffnet den Brief und ist von seinem Inhalt schockiert. Robbie erscheint ihr als 'gefährliches Monster', das gestoppt werden muss. Aber sie gibt den Brief ihrer Schwester. Anstelle sich schockiert abzuwenden, findet sich Cecilia in ihrer Liebe zu Robbie bestätigt...auch wenn dieser Mesalliance keine große Zukunft beschieden sein wird. Währenddessen beginnt das Abendessen. Zu Gast ist auch noch ein Freund Leons, ein steinreicher Schokoladenfabrikant. Aber da sind auch noch die Zwillinge und Lola. Aus Verzweiflung über die bevorstehende Trennung ihrer Eltern beschließen die Zwillinge fortzulaufen und die abendliche Gesellschaft bricht zu einer Suchaktion auf, in deren Verlauf es zur Katastrophe kommt. Lola wird vergewaltigt und Briony glaubt - auch wenn sie den Täter nicht wirklich erkennen kann, dass Robbie, das 'Monster', der Täter sein muss.

Robbie wird verhaftet, Cecilia bricht mit ihrer Familie, Robbie wird als einfacher Soldat in den Kriegsdienst verpflichtet. Und hier wirft uns der Autor direkt in das von den Deutschen eroberte Frankreich. Die englische Armee befindet sich im verzweifelten Rückzug nach Dünnkirchen und Robbie erlebt das Grauen des Krieges.Inzwischen ist auch Briony erwachsen geworden. Anstelle wie ihre Schwester zu studieren, verpflichtet sie sich als Krankenschwester.....um 'Abbitte' zu leisten. Auch sie hat erkannt, dass sie mit ihrer falschen Aussage damals ein großes Unglück heraufbeschworen hat.....

Natürlich werde ich hier nicht verraten, wie und ob sich der Knoten löst und wie die Geschichte enden wird. Ian McEwan ist auf alle Fälle ein bemerkenswerter Roman gelungen. Das besondere daran war für mich die Darstellung des Geschehenen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Kleine Indizien bilden für alle Beteiligten einen Kontext, der das Gesehene in völlig unterschiedlichem Licht erscheinen lässt. McEwans Figuren sind fein und mit großer Sorgfalt gezeichnet. Seine Sprache ist anspruchsvoll und wunderschön zu lesen (vielen Dank an die Übersetzer!). Und die Geschichte zieht einen schon nach wenigen Seiten ganz in ihren Bann. Der Leser fiebert mit den Figuren mit, versucht das Geheimnis dieser einen Nacht zu ergründen aus den Wahrnehmungen und Eindrücken der Beteiligten und versucht zu verstehen. Nicht umsonst gewann die Verfilmung kürzlich einen Golden Globe und errang eine Oscar-Nominierung.

Fazit: Eine großartig erzählte Geschichte, aber Vorsicht! Wer einfache und leicht zu lesende Lektüre erwartet, der muss sich hier schon ein wenig anstrengen. Dafür wird man aber mit einem Leseerlebnis erster Güte belohnt. Ein Roman, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe...

Links:

Donnerstag, 24. Januar 2008

Kurze Kulturgeschichte des Lesens

Du bist, was Du liest. Zumindest möchte uns das die Verlagsindustrie glauben machen und heizt dazu die Leselust (wohl besser die Kauflust) ihrer Konsumenten an. Lesen ist heute natürlich "Lifestyle", d.h. die einen schmücken -- wie schon der Bildungsbürger früherer Jahrhunderte -- ihre Regale mit gewichtigen, aber oft ungelesenen Meisterwerken, die anderen stellen sich die aktuellen Bestseller ins Regal, um den Eindruck des intellektuellen, fortschrittlichen, kultivierten, hippen, zeitkritischen, emanzipierten oder einfach nur informierten Zeitgenossen zu erwecken.....und der damit verbundene Geschmack der 'Massen', der kann ja nicht so sehr daneben liegen.... Aber abgesehen davon, dass heute mehr Bücher gedruckt und verkauft werden, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, was wird denn tatsächlich noch gelesen....und wie lesen wir überhaupt?

Lesen heute orientiert sich -- und das weiss jeder aus eigener Erfahrung -- oftmals an anderen antrainierten Konsumgewohnheiten. Das Massenmedium Fernsehen mit seinen hunderten Kanälen wird heute anders konsumiert als zu der Zeit, als nur drei Kanäle zur Auswahl standen. Das 'Zappen' steht im Vordergrund und so haben wir auch das Lesen auf unzählige kleinste Happen aufgeteilt, die wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Zubettgehen oder in anderen spärlichen 'freien' Minuten zu Gemüte führen. Ein Buch 'am Stück' durchzulesen ist ein Luxus, den wir uns höchstens noch im Urlaub leisten können (außer, wir sind Lektor und werden dafür bezahlt). Aber das Lesen, wie wir es heute kennen, war nicht immer so, sonder hat sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr gewandelt. Grund genug, heute einmal einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte des Lesens zu werfen....


Ganz anders als wir es heute gewohnt sind, leise und im Stillen für uns alleine zu lesen, liegen die Ursprünge unserer an sich bürgerlichen Lesekultur im rezitativen, lauten Vorlesen. So war es zumindest seit der Antike im hellenistischen Zeitalter um das 3./4. Jahrhundert v. Chr. üblich. Zuvor galten Schriften höchstwahrscheinlich ausschließlich als reine Gedächtnisstütze. Die griechischen und römische Autoren der Antike beschreiben uns anschaulich die damalige Praxis eines langsamen und lauten Vorlesens, das aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen 'in Gesellschaft', d.h. zusammen mit anderen vorbehalten war.
So galt lange Zeit eine Anekdote aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus als Beleg dafür, dass das individuelle, leise Lesen nicht als 'normal' galt. Augustinus berichtet, dass er seinen Mentor, den Bischof Ambrosius beim leisen Lesen ertappt hätte, "wobei dessen Augen über die Zeilen geglitten seien, die Stimme jedoch habe geschwiegen (vox autem et lingua quiescebant)". Er drückt sein Erstaunen darüber aus und sucht nach Erklärungen. Allerdings gilt es heute immer noch als umstritten, ob Augustinus sich über das leise Lesen an sich oder nur darüber wundert, dass Ambrosius in Gegenwart seiner Schüler leise liest, obwohl diese sich von ihm Anweisung und Leitung erhofften.

Erst ab dem Hochmittelalter tritt eindeutig die Wende hin zum stillen, individualisierten Lesen ein. Einige Autoren stellen zwischen diesem stillen Lesen und den in diese Zeit fallenden, ersten Universitätsgründungen einen Zusammenhang her. Nicht nur, dass man durch das stille Lesen andere Kommilitonen in ihrer Arbeit nicht mehr stört, wichtiger vielleicht war die Tatsache, dass man niemandem mehr preisgeben musste, was man las.

In die Zeit des Spätmittelalters fällt auch die Erfindung der ersten Lesebrillen.
Waren bis zu diesem Zeitpunkt ältere Zeitgenossen auf das Wohlwollen und Vorlesen durch die Jüngeren angewiesen, konnten sie sich jetzt mit der neuen Sehhilfe ausgestattet, wieder selbst an das Lesen der Schriftwerke machen. In der Regel wurden Bücher zu dieser Zeit in lateinischer Sprache geschrieben. In der jeweiligen Volkssprache geschriebene Bücher bildeten eine rare Ausnahme. Daher zählten zu den ersten eifrigen Lesern der Stand der Geistlichkeit, da diese sich des Lateinischen für die gesamte Kirchenliturgie bedienten. Erst ab dem 16. Jahrhundert konnte sich langsam das Publizieren landessprachlicher Werke durchsetzen.

Danach setzte sich das Lesen zuerst in den Städten durch. Kaufleute, Akademiker und Juristen sahen es als eines ihrer Privilegien an, das sie vor der 'tumben' Landbevölkerung auszeichnete. Allerdings las man nur wenige Bücher, diese aber dafür oft ein Leben lang immer wieder. Zum bevorzugten Lesestoff zählte dabei natürlich besonders die Bibellektüre neben anderen erbaulichen Werken, denen vor allen Dingen eine auf das eigene Leben anwendbare Moral abgewonnen werden sollte.

Erst im 18. Jahrhundert kann ein Trend weg von den religiösen Titeln hin zur Belletristik (von [franz.] les belles lettres) beobachtet werden. Der Lesegeschmack veränderte sich hin zu weltlicher Thematik und es kam zu ersten Fällen attestierter "Lesewut", ein Übergang von der vormals intensiven Lektüre hin zu extensivem Leseverhalten, das im Lesehabitus des Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt findet.

Doch die Monopolstellung des Buches beginnt zunehmend zu schwinden.
Neue Medien -- Fotografie und Phonograph -- erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bildfläche, das Kino, Radio und insbesondere das Fernsehen schwächen zunehmend die Leselust. Die Vormacht des Papiers scheint fast vergessen, auch wenn heute mehr neue Bücher pro Jahr verlegt werden als jemals zuvor.

Weiterführende Literatur:

  • Hans-Joachim Griep: Geschichte des Lesens: von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005.

  • Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000.

  • Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006./li>


Links:

Samstag, 19. Januar 2008

Zitierte Postmoderne - Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks

Eigentlich haben wir das alles doch schon mal irgendwo gelesen. Nein halt - das soll auf keinen Fall ein Verriss werden. Es geht vielmehr um die Tatsache, "dass jede Geschichte bereits schon mal erzählt" wurde und wenn wir eine neue Geschichte lesen, erkennen wir diese Versatzstücke wieder, aus denen der Autor schöpft, oder in denen wir eine andere Geschichte zu erkennen glauben, die wir schon gelesen haben und letztendlich erkennen wir vielleicht sogar uns selbst.

Marisha Pessls Erstlingswerk "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist eine wahre Schatzgrube an Zitaten und Referenzen - und das keinesfalls auf versteckte Art und Weise. Nein, Marisha Pessl folgt vielmehr dem Muster wissenschaftlicher Arbeiten und zitiert und referenziert was das Zeug hält. Abbildungen (selbstgezeichnete) sind sauber durchnummeriert und im Text wird jeweils darauf Bezug genommen und bald jeder dritte Satz endet mit einer (geklammerten) bibliografischen Angabe. Das klingt nicht unbedingt nach Lesevergnügen, sondern vielmehr nach einem anstrengenden und ermüdenden, immerwährenden Vor- und Zurück. Aber halt (schon wieder!), das Buch von Marisha Pessl ist wirklich etwas Besonderes! ... und dazu ein Lesevergnügen aller erster Güte!!

Aber worum geht es eigentlich? Blue van Meer (natürlich erinnert mich bereits der Name an Jan Vermer, diesen barocken Ausnahmemaler, der mit seiner Exaktheit der Lichtführung, der Farben und der Details jedesmal Erstaunen hervorruft...schon wieder ein Zitat) Blue van Meer ist ein Teenager im letzten Highschool-Jahr. Ihre Mutter starb bei einem tragischen Unfall als Blue noch ein kleines Kind war. Seither zieht sie mit ihrem Vater - Universitätsprofessor und Herzensbrecher - von einer Gastprofessur zur nächsten quer durch die Vereinigten Staaten. Natürlich fragt man sich, warum dieses ständige Umherziehen denn wirklich nötig sei.....aber wir werden sehen. Gleich zu Beginn erfahren wir -- eigentlich ist der Roman ja als Rückblick angelegt -- vom Tod einer Freundin -- Hannah Schneider -- die sich (anscheinend) selbst erhängt hat. Warum es soweit kam -- eigentlich werden wir es nie "vollständig" erklären können, aber wir werden Zeuge der Ereignisse aus Blues Sicht. Alles beginnt wie immer. Stockton, North Carolina, der Einzug in ein neues Haus, der erste Tag in der neuen Schule, Blue ist wieder einmal "die Neue". Allerdings mit einer ganzen Menge Vorschusslorbeeren, schließlich war sie bislang immer Klassenbeste. Nicht ohne Grund, denn wer hat schon einen Professor für Politikwissenschaft zum Vater, der die meiste Zeit damit verbringt, mit seiner Tochter durchs Land zu fahren und mit ihr die Literaturlisten seiner Vorlesungen und die Arbeiten seiner Studenten zu besprechen. Schon am ersten Tag in Stockton begegnen die beiden Hannah in einem Supermarkt. Wie sich später herausstellt, unterrichtet Hannah Filmgeschichte (wieder Stoff für endlose Zitate) an Blues Schule. Hanna hat einen illustren kleinen Zirkel von Schülern um sich geschart, die "Bluebloods", in den sie Blue einführt. Eigentlich passiert erst einmal recht herzlich wenig und man hat schon das Gefühl, man wäre in einer etwas besseren Version von "Beverly Hills 90210" gelandet, immer mit der Tendenz hin zu einer Art "Der Fänger im Roggen" (jawohl....schon wieder bibliografische Referenzen).

Aber bald schon wird alles anders und es gibt den ersten Toten, der Kopfunter in einem Swimmingpool treibt (...kennt Ihr den Anfang von Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung"?). Und ab jetzt wird alles mysteriös. Niemand ist eigentlich mehr ganz der, der er vorgibt zu sein. Jeder hat ein Geheimnis. Blues Freunde, Hannah....und natürlich auch Blues Vater. Alles gipfelt letztendlich in einem Camping-Ausflug der "Bluebloods" in einem Naturpark mit dem eingangs geschilderte Selbstmord Hannahs (oder war es etwa Mord...?!). Die Bluebloods machen schließlich Blue für den Tod Hannahs verantwortlich, aber gegen Ende gelingt es Blue, Irrungen und Wirrungen (zumindest teilweise) aufzulösen....und irgendwie passt dann auch alles wieder zueinander. Wie.....das sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Marisha Pessls Buch besticht durch seine sprachliche Qualität, die ihre deutsche Übersetzerin Adelheid Zöfel kongenial umzusetzen verstand. Statt einem Inhaltsverzeichnis der einzelnen Kapitel steht dem Buch eine Lektüreliste voran. Die einzelnen Kapitel des Buches sind mit den Büchern der Lektüreliste überschrieben. Ob man dabei die jeweiligen Bücher als Voraussetzung zum Verständnis der Kapitel betrachtet oder als interessante Ergänzung sei jedem Leser selbst überlassen. Zuminest besteht natürlich ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Kapitelüberschrift, Kapitelinhalt und dem jeweiligen Buchinhalt, sodass die Lektüreliste auf alle Fälle Lust auf das Lesen der vielleicht noch unbekannten literarischen Werke macht. Um dem Stil treu zu bleiben endet das Buch mit einem "Examen", das in Form eines Tests die wichtigsten Teile des Inhalt zusammenfasst und den Leser (humorvoll) auf die Probe stellt. Allerdings übertreibt es Frau Pessl manchmal mit ihren Metaphern, die eher an eine Fleissarbeit eines Kurses in "kreativem Schreiben" erinnern.
Mit der gleichen Unschuld, mit der sich die Trojaner um das eigenartige hölzerne Pferd scharten, das vor den Toren der Stadt stand, um dieses Wunderwerk der Handwerkskunst zu bestaunen, fuhr Hannah am Freitag, dem 26. März, unseren gelben Mietwagen auf den ungepflegten Parkplatz des Sunset Views Encampment und parkte auf Nummer 52.

Wenn man sich erst einmal auf Marisha Pessls Stil eingelassen hat, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir hat es auf alle Fälle einige spannende Tage in den Weihnachtsferien verschafft.

Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das den geneigten Leser voll in seinen Bann ziehen kann. Ein Zitatenfeuerwerk, das umso mehr gefällt, je mehr der zitierten Werke man tatsächlich kennt, und ein Werk, das Lust auf mehr macht und dem Leser auch gleich die entsprechende Lektüreliste (siehe Links) mitliefert. Lesen!

Links (Lektüreliste in Auswahl...):

Samstag, 5. Januar 2008

Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander -- Isabel Allende: Fortunas Tochter

Die Zeit um die Weihnachtsfeiertage herum lässt einem -- neben dem allgegenwärtigen Rummel mit der Verwandtschaft -- reichlich Zeit für die Lektüre. Das Buch, um das sich mein heutiger Beitrag dreht, hatte ich schon in der Vorweihnachtswoche angefangen und an den Feiertagen beendet, wobei es eigentlich dazu einlädt, die ganze Geschichte möglichst an einem Stück oder verteilt auf nur wenige Tage zu lesen...

Isabel Allende sollte ja nun jedem zumindest dem Namen nach ein Begriff sein. Die Nichte des ehemaligen, chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende gilt als eine der erfolgreichsten und meistgelesenen lateinamerikanischen Autoren. Für mich war "Fortunas Tochter" eine Premiere, denn zuvor kannte ich Allendes Romane nur aus dem Bücherregal meiner Mutter und stempelte diese generell erst einmal als "Frauenliteratur" ab. Daran konnte auch die wirklich packende und preisgekrönte Verfilmung des "Geisterhauses" (mit einem fabelhaften Jeremy Irons) nichts ändern. Aber, "Fortunas Tochter" kam kurz vor Weihnachten wieder zurück in unsere vier Wände, nachdem unsere Freundin Ellen damit recht stürmische Urlaubstage (Hurrican Noel) in der Dominikanischen Republik verbracht hatte. Nach den englischen Kurzgeschichten kam mir eine langer, unterhaltsam erscheinender, historischer Roman zur Abwechslung gerade recht.

Die Handlung beginnt in Valparaiso in Chile in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Findelkind Eliza wird von den Geschwistern Jeremy und Rose Sommers aufgenommen und erfährt eine wohlbehütete Erziehung. Bereits hier wächst Eliza zwischen den Kulturen auf. Auf der einen Seite die beiden englischen Emigranten: Jeremy, der lokale Repräsentant der British Trading Company, der für sich beschlossen hat, das Leben als Junggeselle zusammen mit seiner Schwester Rose im selbstgewählten Exil zu verbringen, nachdem Rose eine stürmische Liebesaffäre mit einem bekannten (aber verheirateten) Opernsänger zum Anlass genommen hatte, unverheiratet dem Schicksal einer alten Jungfer entgegenzusehen und jeden noch so attraktiven Freier abzuweisen. Rose nimmt das vermeintliche Indio-Mischlingsbaby Eliza bei sich auf Mama Fresia, die eingeborene Köchin auf der anderen Seite, sorgt dafür, dass Eliza die Welt ihres indianischen Ursprungs nicht vergisst.
Als eines Tages der kleine Angestellte der British Trading Company Joaquin Andieta eine Lieferung zu den Sommers überwacht, verliebt sich die 17-jährige Eliza in den mittellosen Jüngling...und es kommt, wie es kommen musste. Eliza wird schwanger, ohne dass Andieta etwas davon erfährt (...natürlich war er daran beteiligt...), da er versucht, sein Glück im gerade ausgebrochenen kalifornischen Goldrausch zu machen. Zu einer versuchten Abtreibung kommt es nicht und in ihrer Verzweiflung setzt Eliza alles auf eine Karte, um heimlich ihrem Geliebten in das verheissungsvolle Goldland zu folgen.
Die nächste Kultur, auf der wir im Buch stoßen wird von dem jungen, chinesischen Heilkundigen Tao Chien verkörpert, der seine früh seine Frau verloren hat und auf abenteuerliche Weise zum Koch auf einem Hochseeschiff "entführt" wurde. Eliza gelingt es, ihn anzuheuern, damit er ihr als blinden Passagier die heimliche Passage nach Kalifornien ermöglicht, wo sie sich auf die Suche nach ihrem Geliebten begeben will. Doch San Franzisko, der Schmelztigel, in dem 1848 all die Glücksritter der unterschiedlichsten Kulturen zusammenkommen, ist ein Tollhaus. Frauen gelten als eine Art Weltwunder, und um nicht Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, verkleidet sich Eliza als Mann und beginnt zunächst zusammen mit Tap Cjien ihre nahezu aussichtslose Suche. Weitere Stationen ihrer Reise sind gerade entstehende Goldgräberstädte und ein fahrendes Bordell in dem sie die Aufgabe des Klavierspielers und Koch übernimmt, bis sie nach langen Irrungen und Wirrungen wieder zurück nach San Franzisko findet, wo Tao Chien als Arzt praktiziert und Eliza ein Restaurant eröffnen wird.
Ob sie ihren Joaquin finden wird und wie die Geschichte endet, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Also, das Buch lässt einen wirklich an der Geschichte dranbleiben. Isabell Allende versteht etwas von der Erzählkunst, die ich auch schon bei einigen anderen lateinamerikanischen Autoren entdeckt habe (allen voran Mario Vargas Llossa, der mit seiner Tante Julia (Tante Julia und der Kunstschreiber, -> Lesebefehl!!) ein unvergessliches und augenzwinkerndes, abstruses und verwirrendes Meisterwerk geschaffen hat). Und Erzählen kann sie wirklich! Insbesondere die Schilderung der Wirren rund um den kalifornischen Goldrausch und die "forty-niner" haben mich in ihren Bann gezogen. Leider schafft sie es nicht, diesen Schwung bis ans Ende durchzuhalten. Das letzte Drittel des Romans erscheint vage, als hätte die Autorin keine rechte Lust mehr daran, ausführlich zu schildern, sondern als wäre sie nur noch bestrebt, die Geschichte endlich zu Ende zu bringen. Am Anfang nimmt sie sich noch die Zeit, die oft widersprüchlichen Facetten ihrer Figuren ausführlich zu charakterisieren. Gegen Ende jagt ein marginales Ereignis das andere, die zeitlichen Abstände der Kapitel werden immer größer. Aber trotz dieser Schwäche, macht die Lektüre dieses historischen Romans großen Spaß.

Mein Fazit: Ein prima Roman für eine regnerische und dunkle Woche, den man mit einer Tasse Tee und reichlich süßem Gebäck genießen kann. Zwar ist es nicht unbedingt der "große Wurf", aber es lohnt sich alle mal!

Links:

Montag, 31. Dezember 2007

Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson

Heute möchte ich mal eine Lanze brechen für eine Buchreihe, die mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Die wunderbaren Bändchen der Sammlung Dieterich aus der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung in LEIPZIG. Die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung ist Trägerin eines der ältesten Verlagsnamens Deutschlands. Sie wurde 1765 von Johann Christian Dieterich in Göttingen gegründet und konnte mit Johann Christoph Lichtenberg einen der bedeutendsten und bekanntesten Autoren seiner Zeit verpflichten.1937 begann Wilhelm Klemm, der das Verlagshaus 1927 erwarb, in Zusammenarbeit mit dem Philologen Rudolf Marx die Herausgabe der "Sammlung Dieterich", die nach dem 2. Weltkrieg in geteilter Form in Leipzig und Wiesbaden/Bremen weiter erschien.1982 erfolgte dann die Wiederbegründung der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung in Mainz.

Die englischen Kurzgeschichten (Band 56 der Sammlung Dieterich, die "schönen Taschenbände der Weltliteratur"), stammen aus der Leipziger Zeit, erschienen 1948. Die Bände haben ein ausgesprochen handliches Format (knapp größer als die bekannten Manesse-Bändchen), gebunden in Leinen mit Goldprägung und Lesebändchen, also wirklich sehr schön! Heute kann man die Bände in jedem ordentlichen Antiquariat finden, so auch z.B. bei den online-Antiquariaten ZVAB, booklooker oder aber auch besonders günstig bei ebay.

Bleiben wir aber bei den englischen Kurzgeschichten. Generell lese ich Kurzgeschichten, Short Stories, Novellen und andere epische Kurzformen ganz gerne. Die Kürze der Darstellungsform zwingt den Autor dazu, den Leser mit möglichst wenigen Worten mitten in das zu berichtende Geschehen hineinzuversetzen (Hemingway ist der absolute Großmeister der "wenigen Worte"...). Leider ist diese Gabe nicht jedem Autor gegeben, daher sind die wirklich guten Kurzgeschichten auch dünn gesäht. Der vorliegende Band mit 22 Kurzgeschichten chronologisch geordnet von Sir Walter Scott bis Robert Louis Stevenson bietet einen reichen Querschnitt der englischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter auch in Deutschland weniger bekannte Autoren, wie z.B. Thomas Crofton Crocker, Thomas Hood, Charles James Lever oder Richard Harris Barham. Allen voran aber Charles Dickens, der Meister der Schilderung mit der "Geschichte eines Handlungsreisenden", William Makepeace Thackeray, Antony Trollope, William Wilkie Collins oder aber auch Oscar Wilde. Viele der Geschichten machen vor allem Appetit auf mehr (insbesondere werde ich mir in nächster Zeit mal Wilkie Collins mit seiner "Frau in Weiß" und dem "Monddiamanten" vornehmen). Abgerundet wird das Ganze mit einem kleinen Anhang mit Anmerkungen und Erklärungen zu den einzelnen Geschichten. Neben den englischen Kurzgeschichten gibt es natürlich auch noch Bände mit französischen, amerikanischen und deutschen Kurzgeschichten, auf die ich bei Gelegenheit noch einmal zurückkommen werde.


Links:

  • Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson, Sammlung Dieterich Band 56, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung bei booklooker

  • Meine Bücher bei booklooker

Sonntag, 30. Dezember 2007

Barocker Bildungsthriller, die Zweite...

Die Zeit "zwischen den Jahren" verläuft glücklicherweise meist ziemlich ruhig. Die letzten Spuren des weihnachtlichen Familienchaos sind beseitigt und man macht sich so seine Gedanken über das zurückliegende Jahr. Meine Güte, es ist schon über einen Monat her, dass ich das letzte mal hier einen Beitrag verfasst habe...und ich bin dazu schon wieder drei Bücher im "Rückstand"...

Das letzte große Werk, dass ich noch vor Weihnachten beendet hatte, war Monaldis & Sortis "Secretum.", der zweite Band um das ereignisreiche Leben und die Abenteuer des Atto Melani, Kastrat und Geheimagent im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Große Erwartungen waren bereits durch die Lektüre des ersten Bandes "Imprimatur." geweckt, und wie so oft hat es ein Folgewerk schwer, diese hochgesteckten Ziele zu erfüllen. Aber dem will ich erst einmal nicht vorweg greifen.

Wir schreiben das Jahr 1700. Rom feiert (ein weiteres) heiliges Jahr, abertausende von Pilgern aus ganz Europa strömen in die heilige Stadt. Kardinal Spada, Staatssekretär des Kirchenstaates, richtet in seiner prachtvollen Villa die Hochzeit seines Neffen aus und unter den illustren Gästen finden wir auch den gealterten Atto Melani. Die schwere Krankheit des Papstes und das aus diesem Grunde bevorstehende Konklave machen dieses gesellschaftliche Ereignis zu einem politischen Event erster Güte, und Atto Melani versucht geschickt im Sinne seines Auftraggebers, des französischen Königs, die Fäden zu ziehen. Ebenfalls der namenlose kleinwüchsige Erzähler aus dem ersten Band findet sich als Gärtnergehilfe und Vogelmeister (der sich um die prächtigen Volieren des Kardinals kümmert) inmitten des Geschehens wieder. Melani heuert ihn als Gehilfen an, lässt ihn aber wie stets über seine wahren Absichten im Dunkeln. Neben der bevorstehenden Papstwahl geht es zudem auch noch um die spanische Erbfolge. Der spanische König liegt kinderlos auf dem Sterbebett und sowohl Kaiser Leopold (des heiligen römischen Reiches deutscher Nation) und der Sonnenkönig erheben Anspruch auf den spanischen Thron. Wir geraten erneut in eine wilde Verschwörung, bei der seltsame -- aber wohlorganisierte -- Bettlersekten, korrupte Polizisten, ein sprechender Papagei und eine Spukvilla den Rahmen für eine mitunter turbulente Handlung bieten.

Erneut ist die Handlung in den fiktiven Rahmen einer Korrespondenz zwischen dem (ehemaligen) Bischof Lorenzo dell'Agio, jetzt strafversetzt nach Rumänien (-> Anspielung auf Ovid) und dem Sekretär der Kongregation für die Heiligsprechung eingebettet (man verdächtigte den Bischof von Como, er hätte das Manuskript zu "Imprimatur" heimlich und ohne Zustimmung der Kirche veröffentlicht) und wieder geht es um ein Manuskript, das dem Bischof von seinen untergetauchten "Autorenfreunden" zugesandt wurde. Einheit des Ortes und Einheit der Zeit scheinen dem Autorenduo Monaldi und Sorti am Herzen zu liegen, beschränkt sich die Handlung erneut auf gerade einmal 10 Tage und der Ort des Geschehens ist größtenteils das Anwesen der Villa Spada und diesmal das "oberirdische" Rom. Die Protagonisten sind ebenfalls größtenteils bereits aus dem ersten Band bekannt, auch wenn dessen Handlung bereits 17 Jahre zurück liegt. Ebenfalls wird der Band mit HInweisen zu Originaldokumenten abgeschlossen, die die Authentizität der behandelten Fakten belegen sollen und zudem sehr interessant sind.

Eines muss man den Autoren lassen. Wenn sie etwas schreiben, dann schreiben sie es gründlich -- wie der geneigte Leser auf den mehr als 1000 Seiten des Romans erfahren mag. Durchaus kommt es diesmal auch zu einigen Längen. Natürlich sind die historisch untermauerten Schilderungen oft hochinteressant, aber einige "schräge" Details waren dann auch mir zuviel. So etwa der sprechende Papagei -- der natürlich auch nur spricht, wenn der Erzähler zugegen ist -- der der Richtung der Handlung mehrmals eine neue Ausrichtung gibt (...bei Raumschiff Enterprise waren diese "Kunstkniffe", die die Handlung an einem toten Punkt weiter bringen sollten, üblicherweise das "Beamen" oder eine "Subraumanomalie"...). Andererseits auch die seltsamen "Phantome" der Geistervilla, die als "il Nave" (das Schiff) bezeichnet wird mit ihrem seltsamen Bewohner, dem holländischen Geiger, der immer nur ein einziges Stück, eine "Folia" (Verrücktheit), spielt. So auch die Verschwörungstheorie mit den "Carretanern" (Bettler oder Ketzer....wer weiss), die für anscheinend jede Untat in der heiligen Stadt verantwortlich zeichnen. Alles eben durch und durch "barock".... Aber für mich diesmal ein wenig zuviel des guten. Bot der erste Band noch atemlose Spannung plus detaillierte Schilderungen des barocken Roms, fällt es den Autoren diesmal ziemlich schwer, die Spannung zu halten. Hinter der prallen und farbenfrohen Welt des barocken Roms bleiben leider erneut die Figuren leidlich blass. Insgesamt ist die Serie auf sieben Bücher angelegt, der dritte Band "Veritas" ist bereits erschienen. Allerdings hoffe ich, dass die Folgebände wieder etwas an Profil zulegen können. Zunächst einmal ist mein Bedarf an historischen Kriminalromanen für einige Zeit gestillt...

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Donnerstag, 22. November 2007

Arthur Schnitzler meets Stanley Kubrick

Im Rahmen der Stanley Kubrick Reihe zeigt arte heute abend (20.40 uhr) Kubricks letzten Film 'Eyes Wide Shut'. Wie eigentlich bei allen Kubrick-Filmen spaltet auch dieser das Publikum und wie bei vielen anderen Kubrick-Filmen auch, hat sich der Regisseur ein überaus interesantes Werk der Weltliteratur herausgepickt und verfilmt: Arthur Schnitzlers Traumnovelle.
Ich hatte schon einmal eine Kritik (allerdings in englischer Sprache) zu diesem Buch geschrieben, die ich anlässlich des heutigen Programms auf arte übersetzen (und überarbeiten) möchte.

Ich glaube, ich kam eigentlich nur auf die Idee, dieses Buch zu lesen, weil ich den Film damals im Kino gesehen hatte...aber wie schon so oft, nachdem ich das Buch gelesen hatte, musste ich feststellen, das das Buch eigentlich ja noch viel besser ist als der Film.

Ähnlich wie im Film dreht sich das Buch um ein Ehepaar, das allerdings im Wien der Jahrhundertwende, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt. Der Ehemann ist von Beruf Arzt und die Geschichte startet auf einem Ball, den die beiden besuchen -- also ganz ähnlich wie im Film. Wieder zu Hause zurück, erzählt die Frau ihrem Gatten von einem Traum und von einem Zwischenfall während des letzten gemeinsamen Urlaubs. Im Hotel ihres Urlaubsort gab es einen Fremden, zu dem sich die Frau stark hingezogen fühlte...und -- so sagt sie -- er hätte nur ein einziges Wort sagen müssen und sie wäre mit ihm gegangen und hätte ihren Mann verlassen ohne Rücksicht auf irgendwelche Konsequenzen. Aber sie tat es (natürlich) nicht.
Der Arzt ist wie vor den Kopf gestoßen und kann diese Enthüllung von Seiten seiner Frau gar nicht fassen. Da wird er in das Haus eines Sterbenden gerufen, aber er kommt zu spät, sein Patient ist bereits verstorben. Als er wieder gehen will, eröffnet ihm die Tochter des Verstorbenen (mit Tränen der Trauer in den Augen und ihrem Verlobten wartend im Nachbarzimmer...), dass sie ihn liebt. Noch eine Enthüllung, die ihn sehr bewegt. Er wandert durch die nächtlichen Straßen Wiens und möchte noch nicht nach Hause gehen, immer noch in Gedanken auf irgendeine Art von "Rache" sinnend, wie er seiner Frau den "imaginären" Fehltritt heimzahlen könnte.

Er folgt einer Prostituierten in ihre Wohnung, aber bevor sie "zur Sache" kommen können, ist er schon wieder aufgebrochen. In einer Bar trifft er einen lange verscholenen alten Freund, der seinen Lebensunterhalt jetzt mit Klavierspielen verdient. Der erzählt ihm, dass er an einem geheimen Ort eingeladen sei, um dort Klavier zu spielen, und dass die Gesellschaft dort irgendwelche seltsamen Praktiken und Rituale vollführte. Der Arzt überredet seinen Freund, ihn in die Gesellschaft hineinzuschmuggeln. Allerdings benötigt er dazu eine Maske, um seine Identität zu verbergen. Also macht er sich auf den Weg (mitten in der Nacht), um in einem Geschäft eine Maske zu leihen (und wieder entspinnt sich eine obskure Geschichte um einen Geschäftsmann, der seine Tochter als Prostituierte verkauft..).
Letztendlich gelingt es dem Arzt mit Hilfe der Maske Zugang zur geheimen Gesellschaft zu erlangen, doch eine seltsam schöne (und überaus nackte) Frau erkennt ihn als Außenstehenden, der an diesem Ort nichts zu suchen hat. Sie warnt ihn, aber er läßt sich nicht einschüchtern. Als auch andere Mitglieder misstrauisch werden und er die Frage nach dem Passwort nicht zufriedenstellend beantworten kann, soll er "bestraft" werden. Doch die seltsame Schöne steht für ihn ein, die für ihn bestimmte Strafe auf sich zu nehmen.
Am nächsten Tag erfährt er von einem obskuren Mord an einer Adligen in einem Hotel letzte Nacht und er beschließt, auf eigene Faust herauszufinden, ob die beiden Fälle -- der Mord und die Bestrafung -- miteinander zusammenhängen.

..Ok, ich werde das Ende nicht verraten. Aber wer "Eyes Wide Shut" gesehen hat, der kann sich denken, wie das Buch ausgeht. Aber ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen, insbesondere glaube ich, wem der Film gefällt, der wird das Buch erst recht lieben! Schnitzler ist ein Meister des Unbewußten und der Andeutung. So überlässt er es gerne dem Leser, sich selbst ein Bild von den geschilderten Umständen zu machen....und Kubrick verstand diese meisterhaft in Szene zu setzen. Wie bei jedem Film kann man auch hier behaupten, der Film sei nur eine ganz bestimmte Lesart des Regisseurs und nicht jeder ist vielleicht mit dessen Interpretation einverstanden. Kubrick's Umsetzung aber ist brilliant.....nur, ich kann Tom Cruise nun mal nicht leiden (der einzige Film, in dem ich ihn gut fand, war Magnolia...aber auch in diesem Film wurde er von Philip Seymour Hoffman an die Wand gespielt).

Fazit: Lest das Buch! Es eröffnet über Kubricks Film hinaus neue Möglichkeiten, wie eure Fantasie mehr Licht in diese seltsame und obskure Geschichte bringen könnte....Eine absolute Empfehlung. Dazu ist es auch nicht allzu dick, so dass man es bequem auf einer längeren Zugfahrt (oder an einem dieser langen Novemberabende) an einem Stück lesen kann...

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Montag, 5. November 2007

Schön wie ein Traum - Michael Ondaatje 'Der englische Patient'

Ich glaube dies. Wenn wir denen begegnen, in die wir uns verlieben, hat unser Geist etwas von einem Historiker, ein wenig von einem Pedanten, der sich ein Zusammentreffen vorstellt oder sich an eines erinnert, bei dem der andere arglos seines Weges gegangen war ... Aber alle Teile des Körpers müssen für den anderen bereit sein, alle Atome müssen in eine Richtung drängen, damit Begehren entsteht. Ich habe jahrelang in der Wüste gelebt, und nun glaube ich an dergleichen.


Es stand schon lange im Regal, und endlich habe ich mich entschlossen es herauszuholen. Wir alle haben den Film gesehen, 9 Oscars (12 Nominierungen), und fast jeder war von der Wucht der Bilder und der wunderbaren Geschichte beeindruckt. Schwierige Situation, erst den Film gesehen zu haben und danach das Buch zu lesen. Jede Figur hat bereits ihr Gesicht, die Szenerie entsteht nicht beim Lesen, sondern wird wiedererkannt. Jeder Handlungsstrang wird mit den Bildern des Films automatisch synchronisiert. Trotzdem war dieses Buch wunderschön -- auch wenn sich die Handlung nicht geradelinig, sondern vielmehr in Kreisen und Spiralen um sich selbst entwickelt und das Lesen damit nicht einfacher macht.

Aber erst einmal kurz zur (eigentlich allbekannten) Handlung: Michael Ondaatje versetzt uns in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Vier Personen treffen sich in einer zerbombten toskanischen Villa, in der zuvor ein alliiertes Lazarett einquartiert war. Nach dem Abzug des Lazaretts bleibt die junge kanadische Krankenschwester Hannah mit einem nicht transportfähigen englischen Patienten, der bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste Afrikas schwerste Verbrennungen erlitten hat, zurück. Nicht zufällig trifft auch dort David Caravaggio ein, ein alter Freund von Hannas Vater, dem als Spion der Alliierten von den Deutschen beide Daumen abgetrennt worden sind. Dazu gesellt sich später noch der indische Pionier Kirpal Singh -- genannt Kip -- der im Auftrag der britischen Armee Bomben entschärft.

Alle vier tragen sie sichtbare Spuren des Krieges mit sich und versuchen mit ihrer Vergangenheit zurecht zu kommen. Caravaggio glaubt die wahre Identität des englischen Patienten zu kennen und ihm diese unter Morphiumgaben zu entlocken. Er ist ein ungarischer Graf (Laszlo de Almásy -- den es tatsächlich gab), der für die Deutschen spionierte. Aber vielmehr kommt dabei die verzweifelt tragische Liebesgeschichte zwischen dem englischen Patienten und Catherine, der Frau eines Forscher-Kollegen zu Tage, die sich in den Jahren kurz vor dem Krieg in Ägypten und der lybischen Wüste zugetragen hatte.

Kip und Hannah verlieben sich ebenfalls ineinander. Aber der Pionier, der jeden Tag erneut sein Leben beim Entschärfen der unzähligen, vom Krieg übrig gebliebenen Mienen und Bomben aufs Spiel setzt, verzweifelt, als er die Nachricht vom amerikanischen Atombombenabwurf auf seinem Heimatkontinent Asien erfährt.

Ondaatje erzählt die Geschichte in einzelnen, oft unverbundenen Episoden und Rückblenden. In einem Interview zu seinem Schreibstil befragt, bekannte er, dass er einfach darauf los schreiben würde, ohne sich vorher ein vollständiges Konzept für einen Roman zurechtzulegen. Im Laufe des Schreibens gewönnen seine Figuren dann an Farbe und Charakter, so dass sie eine Art Eigenleben entwickeln. Zum Glück für den Lesen sind diese oftmals kurzen Fragmente aber nicht vollkommen zusammenhangslos. Man sollte aber nicht versuchen, das Buch in kurze Happen für das Lesen vor dem Zubettgehen zu zerteilen, da man sonst tatsächlichh Gefahr läuft, den Faden zu verlieren.
Ondaatje wechselt oft die Erzählperspektive, die Zeiten und die handelnden Personen, aber der Reichhaltigkeit der Schilderung ihres Gefühlslebens tut dies keinen Abbruch.

Und natürlich ist 'Der englische Patient' wieder ein Buch, das vom Reichtum bereits erzählter Bücher lebt. Die ganze Handlung ist auf Motiven aus Herodots 'Historien' aufgebaut und entwickelt sich um diese herum. Kiplings 'Kim' wird ebenso zitiert wie Stendhals 'Kartause von Parma' oder John Miltons 'Das verlorene Paradies'. Zudem werden wir Zeugen der Vorgehensweise beim Entsch"arfen von Bomben und Blindg"angern, der Erforschung der lybischen Wüste, das Leben englischer Exilanten im ägyptischen Kairo der 30er Jahre und der Musik von Django Reinhardt. Wir lernen sogar etwas über einen 'Semaphor'. Wirklich, das allererste mal, dass ich diesen Begriff in einem Roman gefunden habe. Bisher dachte ich, dass damit Wissenschaftshistoriker und Informatiker etwas anfangen könnten ;-)

Fazit: Ein wirklich unglaublich schöner Roman, sehr poetisch, nicht allzu einfach zu lesen, aber allemal der Mühe Wert. Auch für alle, die bereits den Film gesehen haben, eine absolute Empfehlung! Nehmt euch einen dieser trüben dunklen Novembertage und macht es euch mit einer guten Tasse Tee und diesem Roman auf der Couch bequem. Ihr werdet es nicht bereuen....

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Mittwoch, 31. Oktober 2007

Gerichtsthriller im alten Rom - Robert Harris 'IMPERIUM'

"Einen Idioten erkennt man sofort. Es ist der Mann, der immer genau weiß, wie eine Wahl ausgeht. Aber eine Wahl ist ein lebendiges Wesen -- man könnte fast sagen, sie ist das vitalste Lebewesen überhaupt: mit Abertausenden von Gehirnen, Gliedmaßen und Augen, mit Abertausenden von Gedanken und Sehnsüchten; es windet und wendet sich und schlägt unvorhersehbare Richtungen ein, und das manchmal nur spaßeshalber, um den Schlaubergern zu zeigen, wie falsch sie liegen...."


Zwar beziehen sich diese Zeilen aus Robert Harris' Roman 'Imperium' auf die Konsulatswahlen des Jahres 63. v. Chr., aber ich musste unfreiwillig sofort an die letzten Bundestagswahlen (im Jahr 2005) und den etwas "uneinsichtigen" Ex-Bundeskanzler denken....
Aber es geht heute um Cicero. Marcus Tullius Cicero - ein Homo Novus - der sich anschickt, das höchste Amt der römischen Republik zu erreichen, das Konsulat. Cicero war seiner Abstammung nach ein einfacher Ritter (Eques), zwar eigentlich der zweithöchste Stand in der römischen Republik, aber eben kein 'richtiger' Aristokrat von altem Adel. Alles, was er erreicht hat, erreichte er aus eigener Kraft und Antrieb -- eben ein typischer Homo Novus (und als solcher auch Vorbild für den späteren idealtypischen Renaissance-Menschen). Cicero - der Name leitet sich wahrscheinlich vom lateinischen 'cicer' ( = Kichererbse) her -- ist vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannt. Auch ich habe weite Passagen der Rede gegen Verres, der Verschwörung Catilinas (Coniuratio Catilinae) oder aus seiner Redekunst (De Oratore) lesen und übersetzen müssen.

Aber zurück zu Robert Harris Roman. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von Tiro, Ciceros Privatsekrätar, der am Ende seines fast 100 Jahre zählenden Lebens eine Biographie Ciceros schreibt (die zwar historisch von Plutarch erwähnt wurde, aber bei den Wirren während des Unterganges des römischen Reiches wie viele andere Schriften auch verloren ging). Wir verfolgen Ciceros politische Karriere in den Jahren 70 v. Chr - 63. v. Chr. Da ihm zum Eintritt in den römischen Senat das notwendige Geld fehlte (Voraussetzung dazu waren wohl eine Million Sesterzen Privatvermögen), heiratet Cicero die vermögende Patriziertochter Terentia. Cicero ist Anwalt, ein Beruf in dem ihm sein Rednertalent sehr von Vorteil ist. Seine Klienten verteidigt er -- ohne tatsächliche Schuld oder Unschuld abzuwägen -- stets mit größtem Eifer - und Erfolg. Eine moralische Eigenschaft, die ihm vom großen Historiker Theodor Mommsen (einem Cäsar-Bewunderer erster Güte) sehr übel genommen wurde.

Cicero startet seine Ämterlaufbahn (Cursus Honorum) als Quästor in Sizilien, wo er bedingt durch seine Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit bei den Einheimischen einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. So kommt es auch, dass ihn eines morgens in Rom der Sizilianer Sthenius aufsucht und von ihm Beistand als Anklagevertreter gegen den korrupten und verbrecherischen Statthalter Siziliens Gaius Verres zu erbitten. Zuerst wenig begeistert erkennt Cicero aufgrund der erdrückenden Beweislast gegen Verres schnell, dass ein Sieg in diesem Prozess seiner politischen Laufbahn äußerst vorteilhaft sein könnte. Also erhebt er Anklage und erhält 110 Tage Zeit, um in Sizilien alle Beweise gegen Verres zu sichern und um den Prozess vorzubereiten. Sein Gegner vor Gericht, der Vertreter der Verteidigung von Gaius Verres ist niemand anderes als der Patrizier Quintus Hortensius Hortalus, der als größter Redner Roms gilt. Es wird ihm nicht gerade leicht gemacht, da die aristokratischen Senatoren Verres als einen der Ihren betrachten. Aber sein exzellentes dramaturgisches Geschick und die erdrückende Beweislast gegen Verres verhelfen Cicero zu einem fulminanten Sieg. Seiner Kandidatur als Ädil und anschließend als Prätor scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Wären da nicht Pompeius und Crassus. Gnaeus Pompeius Magnus, als siegreicher Feldherr aus den spanischen Provinzen zurückgekehrt feiert seinen Triumphzug durch Rom, während sein Rivale, der unglaublich reiche Marcus Licinius Crassus, für seinen Sieg im Sklavenaufstand des Spartacus (die Via Appia mit 6000 ans Kreuz geschlagenen Sklaven zu 'verschönern' war übrigens Crassus' Idee), die zweite Geige spielen muss. Cicero gerät in das politische Intrigenspiel der beiden Rivalen, schlägt sich notgedrungen auf Pompeius Seite und wird von beiden zu ihren Zwecken mißbraucht. Als Cicero schließlich seine Kandidatur als Konsul beschließt, der Krönung der politischen Ämterlaufbahn in Rom, scheint ein Sieg aussichtslos, da er dahinterkommt, dass das Amt durch zwei von Crassus gekauften Marionetten besetzt werden soll. Crassus unermesslicher Reichtum sichert ihm die Stimmen der Konsulen, allen zehn Volkstribunen, mehreren Prätoren, Ädilen und Senatoren. Zudem schickt er sich an, die Stimmen der wahlberechtigten römischen Bürger zu kaufen. Eine fast aussichtslose Situation für Cicero....

Da sich Robert Harris Roman weitgehend an die historischen Fakten hält, weiss man aber auch jetzt schon, dass Cicero in 'seinem Jahr' (suo anno, d.h. zum frühesten dafür möglichen Zeitpunkt mit 42 Jahren) 63 v. Chr. siegreich aus den Konsulatswahlen hervorgehen wird. Aber der Weg dorthin wird äußerst spannend und abwechslungsreich geschildert. Robert Harris lässt in seinem Roman das alte Rom in den letzten Jahren der römischen Republik wieder auferstehen. Wir lernen Persönlichkeiten wie Cicero, Verres, Catilina, Cäsar, Pompeius und Crassus aus der Nähe kennen. Dabei kommt etwa Gaius Iulius Cäsar, der von Mommsen noch als strahlender Held verklärt wird, ziemlich schlecht weg. Vom Ehrgeiz zerfressen, immer in finanziellen Schwierigkeiten, hochintelligent, 'notgeil' und stets auf seinen Vorteil bedacht - insgesamt kein allzu liebenswerter Zeitgenosse. Harris ist selbst studierter Historiker und hat den Roman gewissenhaft recherchiert -- auch wenn mir zwei kleinere Fehler bereits aufgefallen sind. So liegen in einer Anfangsszene 'Bücher' aufgeschlagen auf einem Schreibtisch (Bücher wie wir sie heute kennen, also sogenannte römische Codices kommen erst ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert mit Ausbreitung des Christentums in Mode. Zu Ciceros Zeiten müsste es sich vielmehr um Schriftrollen handeln, die dann eben aufgerollt werden.) Zudem spricht der Erzähler Tiro vom Monat "Juli" in einer Zeit, als dieser noch als fünfter Monat des römischen Jahres den Namen "Quintilis" besaß und erst im Jahre 44 v. Chr. zu Ehren Cäsars in "Juli" umbenannt wurde. Aber das sind nur Kleinigkeiten am Rande, die dem Lesegenuss absolut keinen Abbruch tun.

Das Buch selbst ist in einem einfachen, aber fesselnden Stil geschrieben (zumindest in der deutschen Übersetzung) und entwickelt die historische Handlung im Stile eines packenden Gerichtsthrillers á la John Grisham. Schade nur, dass das Buch mit Ciceros Erreichen des Konsulats schon endet. Ein Jahr danach nämlich gelingt es Cicero, den Umsturzversuch seines Erzfeindes Lucius Sergius Catilina -- die Catilinarische Verschwörung -- aufzudecken und zu vereiteln ("quo usque tandem Catilina, abutere patienta nostra...."). Später wird Cicero aufgrund seiner Abrechnung mit den Catilinariern sogar ins Exil geschickt, von Cäsar aber wieder zurückgeholt und bleibt -- auch während Cäsars Diktatur -- ein brennender Verfechter der Ideale der römischen Republik. An Cäsars Ermordung soll er nicht beteiligt gewesen sein. Doch macht er sich die Mitglieder des zweiten Triumvirat (Marcus Antonius, Octavian und Gaius Lepidus) zum Feind, allen voran Marcus Antonius, den er in seinen als "Philippika" bekannt gewordenen Reden geschmäht und verunglimpft hat. In den folgenden Proskriptionen steht Ciceros Name ganz oben auf den Todeslisten und schließlich fällt er diesen im Jahre 43 v. Chr. zum Opfer.

Als historischer Roman aus der Zeit der römischen Antike konkurriert Harris mit großen Autoren wie Ranke-Graves ('Ich Clausius, Kaiser und Gott'...absolut fabelhaft, unbedingt lesen(!), Rezension folgt), Bulwer-Lytton ('Die letzten Tage von Pompeji'), Wallace ('Ben Hur') oder aber auch Thornton Wilder. Letzterer hat in seinem Briefroman 'Die Iden des Märzes' die letzten Monate vor dem Tyrannenmord an Cäsar in eindrucksvoller Weise mit einem psychologischen Meisterwerk zum Leben erweckt (unbedingt lesenswert!). An Tiefe können es Harris' Figuren leider nicht mit denen von Ranke Graves oder Wilder aufnehmen, deren Zerissenheit und Vielfältigkeit beispielhaft geschildert werden. Dennoch wirken Cicero, Cäsar oder der 'schleimige' Crassus recht echt. Schade, dass uns -- wenn ich an meinen Lateinunterricht zurückdenke -- unsere Lehrer nicht die mitunter schmerzhaften Übersetzungsstunden mit derart spannenden Geschichten versüßt haben...

Fazit: Ein packender Gerichtsthriller in historischem Gewand! Manchmal wünschte man sich etwas mehr Tiefgang und vor allen Dingen nicht ein so rasches Ende. Aber Robert Harris zweiter Ausflug in die römische Geschichte (nach dem Erfolg von 'Pompeji') verspricht ebenfalls kurzweiligen Lesegenuss -- und wieder einmal Lust auf mehr. Vielleicht lässt uns Robert Harris ja nicht im Stich und wir dürfen uns auf eine Fortsetzung des spannenden politischen Lebens Ciceros freuen. Ich würde es mir wünschen.
Links:


  • Die römische Antike bei booklooker (antiquarische Bücher, u.a. mit E. Bulwer-Lytton, L. Wallace, Horaz, Sallust, Catull, u.v.m.)

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Ein bibliophiler Höllentrip - Matthew Pearls 'Dante Club'

Die Hölle -- so sagt eine Redensart -- das sind wir selbst. Vielmehr noch finden wir sie oft in uns selbst oder wir bereiten sie uns und anderen. Unsere Vorstellung von der Hölle ist geprägt von Dante Alighieris berühmter Schilderung aus dem ersten Teil seiner Göttlichen Kommödie, der ' Divina Commedia', diesem epischen Meisterwerk der italienischen Renaissance, das auch im Zentrum des Romans 'Der Dante Club' von Matthew Pearl steht.

Boston, 1865, der US-amerikanische Bürgerkrieg ist seit einem knappen Jahr zu Ende. Präsident Lincoln wurde von dem verwirrten Schauspieler John Wilkes Booth mit den Worten "Tod den Tyrannen" im Theater hinterrücks ermordet. Die immer noch junge USA ist gerade dabei, ihre kulturelle Identität zu finden. Die Kulturschaffenden, das sind in erster Linie die Dichter und Literaten. Allen voran, Henry Wadsworth Longfellow, ehemaliger Harvard-Literaturprofessor, der es sich zur Aufgabe erkoren hat, das größte literarische Werk der Menschheit -- Dante Alighieris 'Göttliche Kommödie' -- möglichst werkgetreu ins Englische zu übersetzen und damit die erste amerikanische Version der 'Commedia' zu schaffen. Bei dieser übersetzerischen Großtat unterstützen ihn die beiden Professoren und Dichter James Russel Lowell und Oliver Wendel Holmes, ihr Verleger J.T. Fields und der Historiker George Washington Greene. Um ihr gemeinsames Unternehmen in die Tat umzusetzen, gründeten die illustren Herren den Dante Club, der sich zu wöchentlichen Sitzungen trifft, bei denen die Übersetzungsvorschläge Longfellows kritisch diskutiert werden. So weit bewegen wir uns auf dem Boden der geschichtlichen Tatsachen.

Eine abscheuliche Mordserie an bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erschüttert Boston. Insbesondere die Grausamkeit der Todesumstände und die damit verbundenen Leiden der einzelnen Opfer geben der zur damaligen Zeit recht unorganisierten Polizei Rätsel auf. Zudem kämpft die Polizei ebenso um die Akzeptanz der ersten farbigen Polizeibeamten -- sowohl in den eigenen Reihen als auch in der Bevölkerung. Doch den Professoren des Dante Clubs wird schnell klar, dass sich der Täter anscheinend Dantes Werk als Handlungsanleitung erkoren hat. Doch -- und das macht die Sache rätselhaft -- in den USA existieren bislang noch so gut wie keine (damals nur britischen) Übersetzungen von Dantes Schriften. Es muss sich also aller Wahrscheinlichkeit nach entweder um einen Sprachexperten oder eben um einen Muttersprachler handeln, der nicht nur der alten italienischen Sprache Dantes mächtig ist, sondern zudem auch noch ein Experte des Werkes selbst ist -- so wie gerade auch die Mitglieder des Dante Clubs. Die Professoren sind nun erst einmal alles andere als die geborenen Detektive -- und das vermag Matthew Pearl sehr gut darzustellen. Alle kämpfen sie mit ihren privaten Problemen: Longfellow mit dem tragischen Verlust eines geliebten Kindes (und seiner Frau), Professor Lowell mit dem Harvard-Aufsichtsgremium, das seine Dante-Vorlesungen als papistische Propaganda verunglimpft und verbieten möchte, und Professor Holmes mit großen Selbstzweifeln und einem gebrochenem Verhältnis zu seinem als Kriegsheld heimgekehrten Sohn, der zu allem Ärger auch noch Jura studiert.

"Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt" -- so heisst es am Anfang von Dantes Kommödie. In dieser Situation sehen sich die Protagonisten des Buches ebenso mit dem eigenen Fehlen konfrontiert. Die Morde sind tatsächlich schrecklich und den Visionen Dantes nachempfunden. Dante denkt sich in seinem 'Inferno' für jede Sünde die passende Strafe, den sogenannten 'Contrapasso' (Wiedervergeltung) aus. Dieser Contrapasso besteht darin, dass die Tat des Sünders in gewisser Weise gegen ihn selbst umgekehrt wird. Die Simonisten etwa -- also Priester, die sich haben bestechen lassen oder die Kirchengelder für private Zwecke veruntreut haben -- trifft der Dichter kopfüber im Boden eingegraben und wie lebendige Kerzen an den Füßen brennend. Ein Schicksal, das auch eines der Opfer im Buch teilen wird.

Wir werden Zeuge der professoralen Schnitzeljagd nach dem dantesquen Mörder, aber der Mörder scheint unserem Dichterkreis immer einen Schritt voraus zu sein. Nicolas Rey, Bostons erster farbiger Polizist, ist ebenfalls hinter dem Täter her und gerät schließlich auf die Spur unserer Professoren. Er wird zum Verbündeten, aber die Dante-Jünger geraten von einer Sackgasse in die nächste. Matthew Pearl schildert das Leben in der winterlichen Metropole des 19. Jahrhunderts in sehr eindringlicher Weise. Die aus dem Bürgerkrieg heimgekehrten Veteranen können sich ebenso wenig leicht wieder in ihr bisheriges Leben integrieren, wie dies den Vietnam-Heimkehrern oder den Veteranen des Irak-Krieges heute gelingen mag. Die Schrecken des Krieges, sie waren damals wie heute im Stande, einem Menschen für immer um den Verstand zu bringen. Und ebenso gibt es und gab es in Amerika Rassismus. Die eingewanderten Iren hetzen gegen die Italiener und die Farbigen aus dem Süden, weil sie ihnen die wenigen Jobs wegnehmen. Auch waren nicht alle Nordstaatler tatsächlich auch Gegner der Sklaverei. Ebenso gibt es Spannungen zwischen den (meist irischen) Katholiken und den vorherrschenden protestantischen Unitaristen. All diese Gegensätze vermag der ebenfalls in Harvard studierte Autor treffend und lebhaft in Szene zu setzen.

Ich habe das Buch in der englischen Originalausgabe gelesen und kann daher erst einmal nichts zur sprachlichen Qualität der deutschen Übersetzung sagen. Im Original wechselt Pearl zwischen dem damaligen Slang der einfachen Leute und Kriminellen und der professoralen Hochsprache. Etwas gewöhnungsbedürftig und wirklich gar nicht so einfach zu verstehen. Im Gegensatz zu den letzten beiden englischsprachigen Büchern, die ich gelesen und hier besprochen habe ('A Short History of Everything' und 'Jonathan Strange & Mr. Norrel') ist der Dante Club sprachlich anspruchsvoller. Die Auflösung der Mordfälle werde ich an dieser Stelle nicht liefern, um dem zukünftigen Lesern die Spannung nicht zu verderben. Im Gegensatz zu den akuellen Bestseller-Thrillern von Dan Brown oder Michael Crichton herrscht hier nicht atemlose, hektische Spannung und eine beständige Abfolge von Cliffhangern, sondern es wird die Psychologie der Beteiligten ausgiebig ausgelotet. Für die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts erschien diese Zeit der Industrialisierung und der frühen Moderne als ebenso hektisch und atemlos wie uns die heutige. Aber -- und das ist gut so -- Matthew Pearl nimmt sich Zeit für seine Figuren, die man beim Lesen schnell lieb gewinnt und die auch für manche Überraschung gut sind.

Andererseits macht das Buch Appetit auf deutlich mehr Dante. Sei es, diesen einmal wieder zu lesen bzw. auch ihn das erste mal richtig kennen zu lernen. Als Jugendlicher hat mich vor allem der erste Teil von Dantes Kommödie, das Inferno, begeistert. Ein architektonischer Entwurf einer jenseitigen Welt, in der man seinen Sünden entspechend bestraft wird -- und das für alle Ewigkeit. Dante und sein Führer Vergil durchmessen sämtliche Höllenkreise (die Hölle ist angelegt im Stil eines Trichters aus neun konzentrischen Kreisen, je tiefer man hineingerät, desto härtere Strafen erwarten die Sünder) und Dante setzt seinen Weg fort, (im 2. und dritten Teil) über den Läuterungsberg (Purgatorio) schließlich hinauf in himmlische Sphären (Paradiso). Dabei bekommt der Leser viele Zeitgenossen Dantes zu Gesicht, denen er einen wohlbedachten Platz in seiner Nachweltarchitektur hat zukommen lassen. Da der Leser von heute aber weder mit den Lebensumständen des 14. Jahrhunderts noch mit Dantes Zeitgenossen vertraut sein wird, ist jede Ausgabe der Kommödie üblicherweise mit tonnenschweren Fußnoten und Erklärungen versehen -- was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch tut. Viele Zeitgenossen Dantes sahen in der Kommödie kein fiktives Werk, sondern waren von der Realität von Dantes Reise durchaus überzeugt. Aber Dantes Reise ist auch eine Reise in die Abgründe des eigenen Ichs. Und das ist es, was uns dieses Werk auch heute noch so nahebringt.
Als Jugendlicher habe ich übrigens nicht mit Dantes Original angefangen, sondern bin über eine Science Fiction Geschichte überhaupt erst zum Thema gekommen. Larry Nivens und Jerry Pournelles 'Das zweite Inferno' (leider nicht mehr im Handel erhältlich...), eine an die Realität der 70er Jahre angepasste Version von Dantes Inferno. Sicher mehr oder weniger Trivialliteratur, aber doch ein erster Einblick in die Welt Dantes garniert mit Aktualisierungen für unsere heutige Zeit.

(Nachtrag: ebenfalls als von Dante inspiriertes Werk gibt es hier im biblionomicon noch eine Rezension zu Andrew Davidsons 'Gargoyle')

Fazit: Der Dante Club ist wieder mal ein Professorenroman par excelence, diesmal in Gestalt eines Thrillers, der sich nicht mythologischen oder historischen Motiven annimmt, sondern das Werk Dantes im Spiegel des 19. Jahrhunderts Revue passieren lässt und uns den großen amerikanischen Dichter Longfellow und seine Dichterfreunde näherbringt. Die Handlung entwickelt sich überaus spannend und man wird mit zahlreichen Informationen aus der Zeit und dem Werk Dantes sowie mit dem Boston des 19 Jahrhunderts auf unterhaltsame Weise vertraut gemacht. Das richtige Buch für lange dunkle Winterabende.....und natürlich zu lesen im Original!

Links:

  1. Dantes 'Göttliche Kommödie' in deutscher Übersetzung, vollständiger Text bei Projekt Gutenberg (Übersetzung: Karl Steckfuß)

  2. Die Werke von Henry Wadsworth Longfellow, im Original bei Project Gutenberg

  3. Henry Wadsworth Longfellows Übersetzung von Dantes Göttlicher Kommödie bei Project Gutenberg

  4. Matthew Pearls Homepage

  5. Book Reviews zu 'The Dante Club' bei reviewsofbooks.com

  6. Buchrezension zum Dante Club aus der New York Times



sonstige Links: