Sonntag, 3. Januar 2010

Lieben heißt Loslassen können - Andrew Davidson 'Gargoyle'

Lieben heißt Loslassen können. Aber darauf kommt man erst einmal nicht, wenn man den Klappentext dieses Debutromans von Andrew Davidson gelesen hat und bestenfalls einen historischen Roman erwartet. Doch erst einmal entwickelt sich alles anders als erwartet, so dass dieses Werk aus dem traditionellen Rahmen historischer Romane fällt und sich beim Weiterlesen als eine Art Hommage an Dantes berühmtes Inferno entpuppt...

Ein Mann - seinen Namen werden wir nie erfahren - erleidet in einem durch Trunkenheit ausgelösten Autounfall schwerste Verbrennungen und kann dem Tod dabei nur knapp entrinnen. Mit zahlreichen unappetitlichen Details und erzählerischer Wucht werden die Wochen und Monate der ersten Rekonvaleszenz und das damit verbundene unsagbare Leid des Mannes geschildert, so dass ihm als einziger Ausweg aus seiner Lage der bei seiner Entlassung geplante Selbstmord erscheint.
"Ab und an ereilt das Unheil den Arglosen gewaltsam, wie die Liebe." (Seite 7)
Aber unser Protagonist war in seinem Leben vor dem Unfall alles andere als arglos. Die Mutter starb bei seiner Geburt, seine Großmutter, bei der er aufwächst, stirbt als er 6 Jahre alt ist unter einer Schaukel, und seine Zieheltern Debbie und Dwayne setzen seine knappe Waisenrente direkt in Drogen um. Nach dem (Drogen)tod seiner Zieheltern folgt ein Aufenthalt in einem Erziehungsheim, gefolgt von einer Karriere als kiffender Pornodarsteller und -produzent. Doch mit diesem Leben ist es erst einmal vorbei.
"Ich war ein ungeliebtes Monster. Niemand würde meinen Verlust betrauern; im Grunde war ich ja schon tot. Wer würde mich schon vermissen?" (Seite 64)
Eines Tages taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf, die behauptet ihn seit 700 Jahren zu kennen, dass sie einst ein Liebespaar gewesen wären, und so beginnt sie, ihm ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Marianne Engel - so ihr Name - wurde im frühen 14. Jahrhundert in einem Korb vor den Toren des Nonnenklosters Engelthal gefunden.
"Ein ausersehenes Kind, das Zehntgeborene einer guten Familie, unserem Heiland Jesus Christus und das Kloster Engelthal dargeboten. Man verfahre mit ihm, wie es Gott gefällt." (Seite 100)
Marianne wächst im Kloster auf und lässt schnell eine außergewöhnliche Sprachbegabung erkennen. Die Priorin verfügt sie in das Skriptorium des Klosters, das unter der Herrschaft von Schwester Gertrude steht, deren großes Lebensziel in einer eigenen deutschen Bibelübersetzung besteht, und die das Findelkind am liebsten direkt wieder hinauswerfen würde. Unterstützt von Schwester Agletrude, die im sprachbegabten Kind sofort den zukünftigen Konkurrenten um den begehrten Bibliothekarinnenposten sieht, machen sie Marianne das Leben schwer. Jahre später wird ein schwerverletzter Söldner (unser Protagonist) ins Hospital des Klosters gebracht. Ein Brandpfeil hat seine Kleidung entzündet. Nur einem kleinen Büchlein in seiner Brusttasche (just Dantes "Inferno") hat er es zu verdanken, dass der Pfeil nicht bis in sein Herz vorgedrungen ist und ihn getötet hat. Marianne pflegt den totgeweihten aufopferungsvoll und es gelingt ihr durch ihre Liebe zu ihm die schier unmöglich geglaubte Heilung. Gemeinsam fliehen sie aus dem Kloster und vor seiner lebenslangen Verpflichtung als Söldner.

Marianne (in der Jetztzeit) ist Bildhauerin und war ebenfalls Patientin des Krankenhauses und gilt als schizophren und manisch depressiv. Ihr favorisiertes Kunstobjekt sind Gargoyles und Grotesken, also Fabelwesen, wie sie auf Kirchen und alten Gebäuden als Wasserspeier verwendet werden. Ihr Körper ist von eigenartigen Tätowierungen bedeckt, aber sie ist der einzige Mensch, der den Verbrannten immer und immer wieder besucht und ihm schließlich eine Perspektive jenseits der Krankenhauswände bietet.
"Die Tätowierungen und ihr ekstatisches Gebaren machten sie zu einer Kombination aus Hildegard von Bingen und Yakuza." (Seite 288)
Neben ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt Marianne weitere Geschichten von unglücklichen Liebespaaren (Der gute Eisenwerker, Die Frau auf dem Kliff, die junge Glasbläserin und Sigurdrs Geschenk) und letztendlich verliebt sich der unglückliche Verbrannte in die seltsame verrückte Frau, die sich um ihn kümmert.
"Welch unerwartete Verkehrung des Schicksals: erst nachdem meine Haut weggebrannt war, vermochte ich endlich zu fühlen...ich nahm dieses grauenhafte Gesicht, diesen abscheulichen Körper an, weil sie mich zwangen, die Begrenzungen dessen, was ich bin, zu überwinden, während mein früherer Körper mir gestattete, mich darin zu verstecken."
Aber Marianne hat eine ihr gegebene Aufgabe zu erfüllen, die jenseits ihrer Liebe steht und die von ihrem Geliebten das höchste Opfer fordern wird. Auch steht dem Verbrannten während seines Morphiumentzugs eine Höllenfahrt frei nach Dante bevor. Doch entgegen dem Motto über Dantes Eingang zur Hölle ("Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!", Dante Inferno, 3. Gesang) siegt am Ende doch die Hoffnung.


Ich war ja anfänglich sehr skeptisch und war auf dem Weg, das Buch nach knapp 100 gelesenen Seiten wieder zurück ins Regal zu stellen, da mir die Schilderung der Rekonvaleszenz und dieses geradezu 'ekligen' Charakters nicht besonders gefallen haben. Aber nachdem die 'Verrückte' aufgetaucht war und ihre seltsamen Geschichten erzählte (das Buch ist jeweils aus der Ich-Erzählperspektive geschrieben), wurde das Ganze zusehends spannender und ich wollte wissen, wie es weiter geht. Und tatsächlich, ich wurde nicht enttäuscht. Gerade weil der Charakter des Helden so zwiespältig angelegt ist und weil man natürlich nicht sein Schicksal teilen möchte, kann man sich auch nicht mit ihm identifizieren. Das fällt weiblichen Lesern sicherlich einfacher, da Marianne zwar verrückt, aber eindeutig stets 'die Gute' ist. Dazu wird die Geschichte stetig mysteriöser. Dantes Inferno, das nur knapp vor dem Beginn des Erzählstranges aus dem 14. Jahrhundert entstanden ist, diente in vieler Hinsicht als Vorlage bzw. wird unvermutet oft zitiert. So fand der Unfall des Brandopfers an einem Karfreitag statt....just wie Dante am Karfreitag im Jahre 1300 geleitet von seinem Führer Vergil das Tor der Hölle durchschreitet. Dantes Hölle wird in allen Schattierungen geschildert und nacherzählt. Dazu lernt der Leser noch einiges über den deutschen Mystizismus des 13. und 14. Jahrhunderts (Kloster Engelthal, Meister Eckhart, Heinrich Seuse...), doch ist die geschilderte Handlung natürlich reine Fiktion.
"Rinne tensho. (japanisch: alles kommt wieder/das Leben wiederholt sich)" (Seite 554)
Kurze Bemerkung am Rande: Aufgefallen war mir das Buch im vergangenen Jahr in der englischsprachigen Originalausgabe und zwar durch seine ungewöhnliche Gestaltung. Es besitzt einen komplett schwarzen Beschnitt, d.h. die Buchseiten sind an allen drei von außen sichtbaren Kanten schwarz eingefärbt, gerade so, als wäre das Buch etwas angekokelt...
Dantes Inferno wird ja gerne zitiert bzw. als Romanthema aufbereitet, so z.B. auch in Matthew Pearls 'Dante Club', der hier im biblionomicon bereits besprochen wurde. Dort finden sich auch weitere, zum Teil lesenswerte Dante-Epigonen.

Fazit: Ein ungewohnt heftiges Buch, das gewissermaßen einen neuen Wind in die Tradition historischer (fantastischer) Romane bläst. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber mir hat es sehr gut gefallen. LESEN!

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