Montag, 27. September 2010

Wie die Hieroglyphen entziffert wurden...


Auf den Tag genau 188 Jahre ist es her, dass Jean Francois Champollion am 27. September 1822 vor der französischen Akademie der Inschriften und der schönen Literatur in Paris bekannt gab, dass er mit Hilfe des Steins von Rosette das Geheimnis der Hieroglyphen entschlüsselt habe. Aus Anlass des Jahrestages hier ein kleiner (erweiterter) Auszug aus der Geschichte der Entschlüsselung der Hieroglyphen - ein Thema, zu dem ich auch im Rahmen einer kleinen Mediengeschichte in meinem Buch 'Digitale Kommunikation' geschrieben habe.

Nach der Schließung der letzten ägyptischen Tempel im 5. Jhd. nach Christus ging jegliches Wissen über die Funktion und Bedeutung der Hieroglyphenzeichen verloren. Späteren Entzifferungsversuchen stand zunächst stets die Fehleinschätzung im Wege, daß es sich bei den ”heiligen Zeichen“ um Bildzeichen, jedes mit einer speziellen, heiligen Bedeutung handelte. Bereits der Philosoph Plotin (202–270 n. Chr.) schrieb, daß jede Hieroglyphe eine komplexe Vorstellung wiedergebe. Auch der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1601–1980) scheiterte an ihrer Entzifferung, da er in ihnen Symbole sah, die jede für sich ”Einblicke in große Ideen und tiefe Geheimnisse beinhalten“ sollten. Die Situation änderte sich jedoch mit der Entdeckung eines Inschriftensteines aus schwarzem Basalt 1799 in Rosette (heute Raschid), einem Ort im westlichen Nildelta.

Im Jahre des Herrn 1798 landete Napoleons Expeditionskorps in Ägypten mit dem Ziel, strategisch wichtige Punkte entlang der lukrativen Handelsroute in den fernen Osten – zuerst Malta, dann Ägypten – in französischen Besitz zu bringen. Ein Offizier des Ingenieurkorps, Pierre Francois Xavier Buchard, fand den nach seinem Fundort benannten ”Stein von Rosette“ wohl eher aus Zufall bei der Beschaffung von Baumaterial für die Erweiterung einer Festungsanlage. Der Stein enthält drei Inschriften, die denselben Text – die Kopie eines Dekrets, erlassen von einer Priestersynode, in der sich diese beim Pharao Ptolemaios V. Epiphanes (204–180 v. Chr.) für dessen Großzügigkeit bedanken – in zwei Sprachen und drei Schriften
wiedergeben.

Das obere Drittel ist in Hieroglyphenschrift abgefasst, die Mitte in demotischer Schrift und der untere Teil in Griechisch. Der leicht lesbare griechische Text endete mit der Anweisung, das Dekret in den drei Schriften einzumeiseln. Daher mussten die drei Texte identisch sein. Der historische Wert des Steins wurde sofort erkannt und den französischen Wissenschaftlern, die Napoleon auf seinem Feldzug in Ägypten begleiteten, zur Verfügung gestellt. Nach der Kapitulation der Franzosen in Alexandria gelangte der Stein 1802 nach London ins Britische Museum, wo er noch heute ausgestellt ist.

In der Folgezeit entstand zwischen dem englischen Physiker Thomas Young (1773–1829), dem schwedischen Diplomaten Johann David Akerblad (1763-1819)und dem französischen Diplomaten und Linguisten Antoine Isaac Sylvestre de Sacy (1758-1838) ein erbitterter Wettbewerb um die Entzifferung der Hieroglyphen. Zwar konnten Übereinstimmungen einzelner Namen und Worte zwischen dem demotischen und dem griechischen Text schnell gefunden werden, doch eine vollständige Entzifferung blieb ihnen verwehrt, da es sich bei den Texten jeweils nicht um eine wortgetreue Übersetzung handelte und die Texte auf dem Stein nicht alle vollständig erhalten waren. Thomas Young gelang die Entzifferung einzelner Worte der Hieroglyphenschrift und er äußerte als erster die Vermutung, dass es sich bei diesen nicht ausschließlich um Wortsymbole sondern in einigen Fällen um einzelne Lautzeichen (Phonogramme) handeln könnte, doch der Erfolg blieb ihnen allen verwehrt.

Den richtigen Weg zur Entzifferung fand schließlich ein anderer, Jean Francois Champollion (1790–1832). Der ägyptenbegeisterte Champollion – ganz Frankreich wurde durch die Rückkehr des napoleonischen Expeditionskorps aus Ägypten in eine regelrechte Begeisterung für das Land und seine Kulturschätze gerissen – studierte bereits mit 13 Jahren neben Griechisch und Latein verschiedene orientalische Sprachen und wurde mit 19 zum Professor für alte Geschichte in Grenoble berufen, nachdem er sich in seiner Studienzeit (1807–1809) bereits erstmals – wenn auch erfolglos – an der Entzifferung des Steins von Rosette versuchte. In den Folgejahren wurde seine Arbeit durch die Wirren der Rückübernahme Frankreichs durch die Royalisten stark behindert. Als glühender Napoleon-Anhänger schrieb er Spottlieder auf die vom französischen Königsthron vertriebenen Bourbonen, die schnell sehr populär wurden. Nach Napoleons Verbannung und der Rückkehr der Bourbonen wurde Champollion zunächst nach Italien verbannt. 1821 konnte er schließlich nach Paris zurückkehren und beschäftigte sich von da an intensiv mit der Entschlüsselung des Steins von Rosette. Schließlich hatte er Erfolg und fand den Schlüssel zur Grundstruktur des hieroglyphischen Schriftsystems, d.h. er erkannte mit Hilfe quantitativer Symbolanalysen, dass es sich dabei um eine Kombination aus Bild und Lautzeichen handeln musste.
Die Ermittlung der ersten alphabetischen Lautwerte war ihm über die Schreibung des Königsnamens Ptolemaios gelungen, die im hieroglyphischen Textteil durch einen ringförmigen Rahmen, einer sogenannten Kartusche, hervorgehoben war. Er übertrug einfach den Lautwert der korrespondierenden griechischen Buchstaben und erfasste so die phonetische Bedeutung der entsprechenden Hieroglyphenzeichen. Dann überprüfte er die Deutung an der Namensschreibung anderer ptolemäischer und römischer Könige und Königinnen. In Philae fand man 1814 einen Obelisken mit einer zweisprachigen Inschrift in Griechisch und in Hieroglyphenschrift, der eine Kartusche mit dem Namen der ägyptischen Königin Kleopatra trug. Der Vergleich der Hieroglyphenzeichen der Namen Ptolemaios und Kleopatra führte Champollion auf die richtige Spur. Er erkannte, dass einzelne Hieroglyphen für Buchstaben standen, andere für Buchstabenkombinationen, ganze Wörter oder dass sie sogar kontextbestimmend eingesetzt waren. Der Schlüssel zur weiteren Entzifferung der Hieroglyphen war gefunden. Im September 1822 gelang es ihm, ein vollständiges System zur Entzifferung der Hieroglyphen aufzustellen.

Literatur:
  • C. Andrews: The Rosetta Stone, British Museum Press, London, 1981.
  • Ch. Meinel, H. Sack: Digitale Kommunikation, Springer, 2009.

Samstag, 25. September 2010

Philosophischer Rundumschlag - Aurelius Augustinus 'Bekenntnisse'

Wie kommt man eigentlich dazu, sich das anzutun, eine 1600 Jahre alte autobiografische Schrift zu lesen, durch und durch gefärbt von Platonismus und frühem Christentum, die zudem als eine der einflussreichsten der Weltliteratur zählt. Dass ich dazu die 1888 erschienene Reclam-Ausgabe in der Übersetzung von Otto Lachmann in Fraktur-Schrift gewählt habe, macht die Sache auch nicht einfacher. Aber nach gut 4 Wochen Lektüre war es geschafft und es stellt sich die Frage, war es den Aufwand wert? Die Antwort darauf versuche ich hier kurz zu begründen....

Aurelius Augustinus, geboren im Jahre des Herren 354 in Thagaste, Numidien (heute Algerien), schrieb etwa um das Jahr 400 herum seine 'Bekenntnisse' (Confessiones), in denen er seine Autobiografie vorlegt, d.h. seinen (langen) Weg zum Christentum erzählt, durchsetzt von zahlreichen philosophischen Betrachtungen des neuen Glaubens und reichlich Gotteslob und Bibelzitaten. Der Inhalt lässt sich daher recht leicht zusammenfassen:

Er startet mit seiner Kindheit und seinem Heranwachsen zum Knaben und leitet dabei aus seinen eigenen Erinnerungen und Beobachtungen Überlegungen zu den kognitiven und moralischen Fähigkeiten eines Kindes ab. Als Sohn einer wohlhabenden Familie (seine Mutter Monika war bereits Christin) musste er nie Hunger leiden. Dennoch, so erinnert er sich, beging er als Jugendlicher die Sünde des Diebstahls und fragt sich nach den Beweggründen, die ihn und seine Freunde zu diesen Taten getrieben haben. Er kommt nach Karthago, um dort Rechtswissenschaften und Rhetorik zu studieren, wo er in Kontakt mit dem Manichäismus kommt. Der Manichäismus ist eine sogenannte synkretistische Lehre, in deren Bestreben es lag, Weisheiten und Wissen aus anderen Religionen miteinander zu vereinen. Sie entstand im frühen 3. Jahrhundert und ist benannt nach ihrem Begründer, dem Perser Mani, dessen Lehre die Existenz eines Reich des Lichts (des Guten) dem der Finsterniss (des Bösen) entgegensetzte.

Im Alter von 29 Jahren kommt Augustinus nach Mailand. Dort lernt er den Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius kennen, der sein Mentor werden sollte und ihn auf den rechten Weg zu Gott und in die Gemeinschaft der Christenheit lenkt. Interessant fand ich hier die mir bereits zuvor bekannte Schilderung Ambrosius über die Art und Weise, wie in der Spätantike gelesen wurde:
"Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg." (6. Buch, 3. Kapitel)
Das stille Lesen für sich selbst war eher ungewöhnlich, in einer Zeit, da nur sehr wenige überhaupt lesen konnten und es üblich war, das Gelesene laut auszusprechen, und das nicht nur, damit es andere, die nicht des Lesens mächtig waren, mitlesen konnten (siehe dazu auch mein Artikel 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens').

Im Alter von 33 Jahren erst wird Augustinus schließlich getauft. Augustinus braucht recht lange dazu, diesen Schritt für sich selbst zu begründen und versucht es dem Leser in aller Ausführlichkeit zu erläutern. Der Tod seiner Mutter Monika lässt ihn seine rhetorischen Studien in Mailand beenden und wieder zurück in seine afrikanische Heimat ziehen. Zur Zeit der Abfassung des Textes ist Augustinus bereits Bischof von Hippo und schildert mit großer Genauigkeit seinen Gemütszustand, der in einer psychologischen Abhandlung über das Gedächtnis und die fünf Sinne mündet.

Das darauffolgende Kapitel ist dem Phänomen der Zeit und ihrer Bedeutung gewidmet, insbesondere auch ihrem Gegenteil, der Ewigkeit. Allgemein bekannt daraus ist die folgende vielzitierte Passage:
"Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht kann ich jedoch wenigstens sagen, daß ich weiß, daß wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wenn nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe..." (11. Buch, 14. Kapitel)
Danach weitet er seine Betrachtungen aus und reflektiert über das Buch Genesis, das er einer genauen sprachlichen Analyse unterzieht, um die Geschichte der Schöpfung besser zu verstehen. Das letzte Kapitel gipfelt dann in seinen Betrachtungen über das Wesen der Dreieinigkeit Gottes, die er abgrenzt von dem unserer menschlichen Erfahrungswelt zugänglichen Wissen:
"Sein, Wisen und Wollen. Ich bin, ich weiß, ich will; ich bin, der weiß und der will; ich weiß, daß ich bin und daß ich will; ich will sein und will wissen..." (13. Buch, 12. Kapitel)
Sprachlich etwas sperrig mit vielen Abschweifungen und philosophisch, logisch anspruchsvollen Passagen, aber immer wieder überraschend interessante Einsichten bietet dieses Buch. Im Gegensatz zu vielen Romanen eignet es sich durchaus als Bettlektüre, d.h. in kleinen Häppchen vor dem Schlafengehen genossen. Allerdings darf man dann nicht zu müde sein, denn sonst kommt man nicht mehr mit und verliert sich zwischen den Zeilen. Natürlich ist es an einigen Stellen für unseren heutigen Geschmack zu lang geraten. Allzuviel des Gotteslobes ermüden den ein oder anderen Leser und manche logische Schlussfolgerung und Beweisführung lässt sich nicht wirklich nachvollziehen. Dennoch kann ich das Buch guten Gewissens weiterempfehlen.

Fazit: Schwergewichtiges, sperriges und nicht einfach zu lesendes philosophisches Werk der Weltliteratur, das durchaus interessante Einsichten auch für den heutigen Leser bereithält. Aber Vorsicht: Nicht für jedermann!

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Sonntag, 22. August 2010

Großes Kino - Stendhal 'Die Kartause von Parma'


Wahrhaftig 'Großes Kino!' So und nicht anders würde ich diesen Roman Standhals zusammenfassen, wenn ich ihn in nur zwei Worten beschreiben sollte. Aber es gibt ja so viel mehr über diesen inhaltsschwangeren und facettenreichen großen Roman des 19. Jahrhunderts zu erzählen. Aber am besten erst einmal alles von Anfang an...

Vor gut drei Jahren hatte ich das Vergnügen, Stendhals "Rot und Schwarz" in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl zu lesen und zu rezensieren (damals noch in meinem Wissenschaftsblog 'more semantic...!'). Kurzum, ich war begeistert von diesem Roman, der Vielschichtigkeit und der lebhaften Schilderung der darin handelnden Charaktere, dass ich mich lange schon auf die Neuübersetzung von Stendhals letzten großen Roman 'Die Kartause von Parma' gefreut habe.

Die Handlung des Romans spielt in Italien, der 'Wahlheimat' des Autors Henri Beyle, der seine Werke unter dem Pseudonym 'Stendhal' veröffentlichte. Italien spielte für Stendhal immer eine ganz besondere Rolle. Als junger Mann lernte er es zuerst im Gefolge von Napoleons Italien-Feldzug kennen und später brachte er es sogar zum französischen Konsul in der Hafenstadt Civitavecchia im italienischen Kirchenstaat. Mit dieser 'italienischen Seite' hat er übrigens eine Gemeinsamkeit mit seinem älteren Zeitgenossen Johann Wolfgang v. Goethe, dessen 'Italienische Reisen' für ihn als Künstler prägend waren. Aber zurück zu unserem Roman...

Napoleon erreicht mit seiner Armee 1796 Oberitalien. Der Marchese del Dongo, ein Mailänder Adeliger im Dienste Österreichs muss in sein Schloss Grianta am Comer See fliehen. Seine Schwester, Gina del Dongo, schlägt eine lukrative Partie aus und heiratet zum Entsetzen ihres Bruders den mittellosen Grafen Pietranera, einen italienischen Parteigänger Napoleons. Fabrizio del Dongo ist der zweitgeborene Sohn des Marchese und seine Tante Gina ist in ihn vernarrt. Als Napoleon stürzt und nach Elba verbannt wird, wendet sich auch das Schicksal der Pietraneras: der Graf wird im Duell getötet. Der Marchese holt seine Schwester nach Schloss Grianta, wo sie von nun an großen Einfluss auf den jungen und hübschen Fabrizio, ihren Augenstern, ausübt.

(Gräfin Pietranera zu Fabrizio) "Sprechen Sie doch mit etwas mehr Achtung...von dem Geschlecht, dem Sie Ihr Glück verdanken werden; den Männern werden Sie nämlich missfallen, Sie haben zuviel Feuer für die prosaischen Seelen." (Seite 46)
Als die Nachricht eintrifft, Napoleon sei 1815 im Golf von Juan auf kontinentaleuropäischen Boden gelandet, kennt Fabrizios Begeisterung keine Grenzen mehr. Ausgerüstet mit den wenigen Mitteln seiner Mutter und seiner Tante macht er sich heimlich auf den Weg nach Paris, um mit seinem Helden Napoleon in die Schlacht zu ziehen. Aber so einfach gestaltet sich die Sache nicht. Der falsche Pass und sein fremdklingender Akzent sorgen schnell dafür, dass er für einen Spion gehalten und verhaftet wird. Nach einigen Irrungen und Wirrungen gelingt es ihm schließlich, sich bis nach Waterloo durchzuschlagen, wo er die große Entscheidungsschlacht erlebt, obwohl er sich am Ende gar nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt eine Schlacht gewesen war.

Die Schilderung dieser das Schicksal Europas entscheidenden Schlacht aus Fabrizios Perspektive ist etwas völlig neues für die Literatur des 19. Jahrhunderts. Es werden keine großen strategischen Schlachtbewegungen geschildert, sondern vielmehr das durch und durch konfuse Hetzen, Flüchten, Plündern und Überleben am Rande des großen Geschehens, gesehen mit Farizios Augen, der über das Schlachtfeld irrt. Sicher sind wir heutzutage ganz Anderes gewöhnt, denkt man an Erich Maria Remarques 'Im Westen nichts Neues' oder an Filme wie 'Saving Private Ryan'. Aber für die Menschen des 19. Jahrhunderts war diese Art der Schilderung etwas bis dato Unerhörtes. Und so kann sich etwa auch Honoré de Balzac gar nicht wieder bremsen, wenn er Stendhals Schlachtenschilderung als einmalig und nie dagewesen preist.

Als Fabrizio nach Italien zurückkehrt, wird er von seinem Vater verflucht und von der österreichischen Regierung auf die 'schwarze Liste' gesetzt, weil er in die Verschwörung von 1815 gegen die Sicherheit Europas verwickelt war. Mit der Hilfe seiner Tante Gina, die jetzt ihren zurückgekehrten Helden vergöttert, gelingt es ihm im Piemont unterzutauchen. Im Rahmen dieser Flucht trifft Fabrizio auf General Fabio Conti, einem 'Operettengeneral' aus der Armee des Fürsten von Parma und dessen reizende Tochter Clelia, bei der unser heldenhafter Fabrizio einen nicht unbedeutenden Eindruck hinterlässt.

Die schöne, aber immer noch mittellose Gräfin Pietranera geht nach Mailand, wo sie Graf Mosca della Roverre, den ersten Minister des Fürsten Ernesto IV. von Parma kennenlernt, der sich unsterblich in sie verliebt. Graf Mosca wird als der ideale, aufgeklärte Diplomat geschildert und ist laut Balzac dem Vorbild Fürst Metternichs bis ins kleinste nachempfunden.

"...nehmen Sie zur Kenntnis, Fürst, dass es in diesem Jahrhundert nicht mehr genügt, von der Vorsehung die Macht zu erhalten, man braucht viel Geist und einen großen Charakter, um mit Erfolg Despot zu sein." (Seite 396)
Graf Mosca gelingt es, die Gräfin Pietranera zu überreden, zu ihm in das Fürstentum Parma zu kommen. Aber der Graf ist bereits verheiratet und an Scheidung ist in den damaligen Zeiten und in Italien nicht zu denken. Sein Plan, mit dem es ihm gelingt, die Gräfin zu überzeugen, sieht eine (formelle) Heirat der Gräfin mit dem alten und karriereversessenen Herzog Sanseverina vor, der Graf Mosca verpflichtet ist. Auch für den in der Verbannung lebenden Fabrizio findet Graf Mosca eine Lösung, in die die Herzogin Sanseverina schlussendlich zustimmt: für ihn ist eine Kirchenkarriere geplant.

"Er (Fabrizio) beschloss, die Herzogin niemals zu belügen, und gerade weil er sie in diesem Augenblick abgöttisch liebte, schwor er sich, ihr niemals zu sagen, dass er sie liebe, niemals würde er ihr gegenüber das Wort Liebe aussprechen, denn die Leidenschaft, die man so nennt, war seinem Herzen nun einmal fremd." (Seite 205)
Der geneigte Leser dieser Rezension erkennt bereits jetzt, da sich gerade einmal die Ausgangssituation der sich nun entspannenden, verwinkelten Liebesgeschichte abzeichnet, zwischen Fabrizio und der jungen Clelia, der Herzogin Sanseverina, die sowohl ihren Neffen abgöttisch liebt als auch dem Grafen Mosca gegenüber aufrichtige Liebe empfindet, und dem Grafen Mosca, der seinerseits unsterblich in die Herzogin Sanseverina verliebt ist, aber vom Stachel der Eifersucht gequält wird, dass Stendhal hier einen prallgefüllten Roman vorgelegt hat, der eigentlich Stoff für zahlreiche weitere Bände geliefert hätte. Dabei wird Fabrizio noch einen Mord begehen, wird eingekerkert, aber durch die Hilfe Clelias und der Herzogin gelingt ihm seine Flucht. Seine kirchliche Laufbahn und die Heiratsverpflichtung Clelias gegenüber einem reichen Marchese verkomplizieren den weiteren Verlauf ihrer Liebesbeziehung zusehends. Zwar gelingt es Stendhal am Ende den Knoten zu lösen, aber dieses Ende erscheint dann doch etwas abrupt. Es geht das Gerücht, dass Stendhals Verleger zahlreiche Kürzungen durchgesetzt haben soll, damit die Ausgabe in zwei Bänden veröffentlicht werden konnte. Zudem hat Stendhal diesen knapp 700 Seiten langen Roman in nur gerade einmal 53 Tagen geschrieben bzw. diktiert. Eine unglaubliche Leistung.

Besonders hervorzuheben an der vorliegenden Ausgabe des Romans sind die zahlreichen mehr als 300 Seiten umfassenden Anhänge, die vielfältiges Material zur Entstehungsgeschichte des Werkes, zur Übersetzung und zur Rezeptionsgeschichte enthalten. Darunter auch eine 70(!)-seitige fulminante Rezension von Honoré de Balzac, mit der ich mich hier auf gar keinen Fall messen möchte, und ein Briefwechsel zwischen Stendhal und Balzac.

Vergleiche ich die 'Kartause' mit 'Rot und Schwarz', so fällt meine Präferenz eher für letzteres Werk aus, obwohl von vielen behauptet wird, die 'Kartause' sei der bessere Roman. Allerdings empfinde ich die am Ende doch stark komprimierte Auflösung der Handlung als etwas störend. Auch wenn beide Werke quasi mit einer Art 'moralinsauren Zeigefinger' enden, bleibt Stendhal ein großartiger Erzähler. Und dies hat er mit Sicherheit auch Elisabeth Edl zu verdanken. 'Die Kartause von Parma' liest sich zügig wie in einem Rausch und die 700 mit Handlung prallgefüllten Seiten hat man bereits nach kurzer Zeit verschlungen. Stendhals Figuren sind plastisch modelliert, eine jede mit Ecken und Kanten, die ihnen individuelle und unverwechselbare Züge verleihen. Ich bin sicher, dass ich dieses Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Fazit: Großartiger Roman in historischem Ambiente mit komplexer, aber nicht komplizierter Handlung und facettenreichen Charakteren. LESEN!

Nachschlag:
Übrigens, Stendhal schreibt in der 'Kartause von Parma' auch über den Einsatz von Kryptografie und verschlüsselter Kommunikation. Leider etwas dilettantisch, aber dazu mehr in meinem Blogbeitrag 'Schuster bleib bei deinen Leisten - Stendhal und die Kryptografie' in meinem wissenschaftlichen Blog '...more semantic!'.

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Sonntag, 8. August 2010

Auf den Spuren Prousts - Muriel Barbery 'Die letzte Delikatesse'

"Worüber man nicht reden kann, muss man schweigen." So zumindest sagt es uns Ludwig Wittgenstein. Stellen wir uns einmal vor, wir müssten jemanden unseren Lieblingsgeschmack beschreiben. Klingt einfach? Hmm... Wie können wir denn sicher sein, dass jemand das gleiche Geschmacks- und Geruchsempfinden hat, wie wir? Wie können wir sicher gehen, wenn wir sagen, etwas schmeckt nach "Huhn", dass unser Gegenüber die gleiche sensorische und geschmackliche Erinnerung heraufbeschwört bzw. erfahren hat, wie wir selbst? Noch schwieriger wird es mit abstrakten Geschmacksrichtungen: Der Wein schmeckt nach Spätsommer? OK...aber wie schmeckt eigentlich Spätsommer? Nichtsdestotrotz bedient sich der Gastronomiekritiker der wunderbarsten Metaphern, Bilder und Vergleiche, die das geschmackliche Sensorium auf alle unsere fünf Sinne inklusive des vielfältig facettenreichen menschlichen Gemüts- und Gefühlslebens abzubilden verstehen.

Und um so einen Gastronomiekritiker, genauer um den König der Gourmets, geht es in Muriel Barberys Roman 'Die letzte Delikatesse'. Der Inhalt des kurzen Bändchens ist schnell erzählt. Pierre Arthens, ein maßloser Gourmet und der König der Restaurantkritiker liegt im Sterben. Ihm bleiben nur noch 48 Stunden und er versucht in seinen Erinnerungen den einen und absoluten Geschmack heraufzubeschwören, um noch einmal das köstlichste, das er jemals genießen durfte, ein allerletztes mal zu kosten.
"Ich werde sterben, und es gelingt mir nicht, mich an einen Geschmack zu erinnern, der mir nicht aus dem Herzen will. Ich weiß, dass dieser Geschmack die erste und letzte Wahrheit meines Lebens ist, dass in ihm der Schlüssel zu einem Herzen verwahrt liegt, das ich seither zum Schweigen gebracht habe."(Seite 9)
Seine Suche nach diesem aboluten Geschmack führt uns durch verschiedene Stationen seines Gourmetlebens, von den allerersten Anfängen sinnlichen und geschmacklichen Erlebens über sein Debut als Kritiker bis hin zu seinen großen Erfolgen. Dabei wechseln sich Erinnerungskapitel jeweils mit Stimmen seiner Familie, seiner Bekannten, seiner Freunde und seiner Feinde ab, die alle noch ein letztes mal Stellung beziehen. Dabei wird eines klar: die allerstärksten Eindrücke hinterlässt nicht unbedingt das Raffinierteste, sondern vielmehr die einfachen Dinge, die uns bereits früh in unserem Leben geprägt haben.

Und hier gerät der Roman auch schon in den Dunstkreis von Marcel Proust, der über das Eintauchen eines Madeleines in Kräutertee und das Schlürfen der krümeligen Brühe das gesamte Universum seiner 'verlorenen Zeit' vor Augen geführt bekommt, worüber Pierre Arthens übrigens nur eine abfällige Bemerkung übrig hat aufgrund der 'Banalität' der Proustschen Geschmacksempfindung. Dagegen führt uns Muriel Barbery ein in ein wahres Geschmacksuniversum und führt uns die sensorischen Verführungskünste der einfachen, aber eben dadurch besonderen Dinge, wie Brot, Fleisch, Kräuter, Fisch, oder auch 'das Rohe' (nämlich Sushi) wortgewaltig vor Augen und Geschmacksknospen. Allerdings übertreibt sie es manchmal auch mit ihren Mammutsatz-Ungetümen und Adjektivgebirgen, so dass sich der wunderschön durchkomponierte, kurze Roman nicht unbedingt leicht von der Hand lesen lässt.

Am Ende wissen wir nicht, ob wir Pierre Arthens ob seines genussreichen Lebens beneiden oder aufgrund der damit verbundenen Opfer bedauern sollen. Denn auf Kosten des guten Geschmacks blieb so Einiges, insbesondere seine Kinder, auf der Strecke.
"...wenn ich es heute bedenke, denn was sind Kinder anderes als die monströsen Auswüchse unserer selbst, ein erbärmlicher Ersatz für unsere nicht verwirklichten Wünsche? Für jemanden wie mich, der im Leben schon Erfüllung gefunden hat, verdienen sie erst Interesse, wenn sie endlich weggehen und etwas anderes werden als Söhne und Töchter."(Seite 38)
Am Ende findet Pierre Arthens doch noch 'seinen einen Geschmack'. Aber zum Glück dauert es eben bis zum Ende des Romans und wir werden bei seiner Suche zu Zeugen und Mitwissern seiner unerhörten geschmacklichen Geheimnisse.

Fazit: Ein Buch für Liebhaber des 'guten Geschmacks', die sich nicht von Satzgebirgen abschrecken lassen und Freude an ausführlich geschilderten Geschmackserlebnissen haben.



Sonntag, 1. August 2010

Chemie, Schmandkuchen und tote Schnepfen - Alan Bradley: 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet'


Soviel schon einmal vorneweg: Wie schon so oft ärgere ich mich über die platte 'Titelübersetzung' des deutschen Verlages, was dem Buch -- Gottseidank -- erst einmal keinen Abbruch tut. Aber das deutsche Verlagswesen - und ihm voran immer wieder deutsche Filmverleihe und das deutsche Fernsehen - trauen es dem deutschen Leser bzw. Zuschauer nicht zu, einen vielleicht mehrdeutigen oder sich in Anspielungen ergehenden Titel zu verstehen. Nein. Für die Deutschen muss es anscheinend immer direkt und oberplatt sein. Und wenn es gar nicht anders geht, dann muss eben ein Bindestrichtitel herhalten, der einen Titel sinnreich untertitelt und den Inhalt des damit bezeichneten Werkes möglichst vollständig erklärt.

Das hat übrigens Tradition, denn bereits Grimmelshausens 1669 erschienener 'Simplicissimus' ist untertitelt mit
"Der Abentheuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch - Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines Seltzamen Vaganten genant Melchior Sternfels von Fuchshaim wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen was er darinn gesehen gelernet erfahren und außgestanden auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig und maenniglich nutzlich zu lesen."
Aber zurück zu unserem eigentlichen Untersuchungsgegenstand: Alan Bradleys 2009 erschienener und vielfach ausgezeichneter Roman 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet' oder aber besser im Original 'The Sweetness at the Bottom of the Pie'. Es handelt sich dabei um einen klassischen Kriminalroman, der im England der 1950er Jahre spielt, also keine Mobiltelefone, kein Internet und kein Fernsehen. Scheinbar ist es auch derzeit in Mode, halbwüchsige, aber nicht minder geniale Rotznasen zu Protagonisten in ausgefeilten Kriminal- und Abenteuerplots zu machen, wobei das Zielpublikum aber nicht unbedingt im selben Alter sein muss. Daher liegt der Vergleich mit Reiff Larsons 'Die Karte meiner Träume' (siehe biblionomicon Rezension: 'Kartenwahrheiten und andere Wahrheiten') oder Muriel Barberys 'Die Eleganz des Igels' (siehe biblionomicon Rezension: 'Eine unauffällige Perle') recht nahe.

Hauptperson des kurzweiligen Romans ist die 11-jährige Flavia de Luce, die zusammen mit ihren Schwestern Daphne (13 Jahre) und Ophelia (17 Jahre) im herrschaftlichen Anwesen der Familie de Luce lebt. Ihr Vater Colonel de Luce hat sich seit dem Tod der Mutter (das ist gut 10 Jahre her) in das Schneckenhaus seiner privaten Trauer zurückgezogen und findet Trost in seiner Leidenschaft, dem Briefmarkensammeln. Flavia ist für ihre 11 Jahre überaus frühreif, was ihre intellektuellen Fähigkeiten und Begabungen angeht. So verbringt sie die meiste Zeit im Obergeschoss des Herrenhauses, in dem ihr Ahnherr Tarquin de Luce ein voll ausgestattetes Chemielabor hat einrichten lassen. Der Kenner bemerkt natürlich sofort die Anspielung auf Sherlock Holmes und seine Leidenschaft für chemische Versuchsanordnungen.
"Das erste, was mir auffiel, war der Geruch. Es roch nach Kohl, Schaumgummikissen, Abwaschwasser und Tod. Unter dieser Mischung lag wie eine Grundierung der strenge Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem die Böden gewischt wurden. Ich tippte auf Dimethyl-Benzyl-Ammoniumchlorid, denn ich nahm einen Hauch von Bittermandelaroma wahr, das unverkennbar roch wie Blausäure - das Gas, mit dem in Amerikas Gaskammern Mörder hingerichtet wurden." (Seite 282)
Eines morgens in aller Herrgottsfrühe entdeckt Flavia im Garten (im Gurkenbeet) einen sterbenden Mann, der ihr mit seinem letzten Atemzug den lateinischen Abschiedsgruß 'Vale!' entgegenhaucht.
'Was hatte mir der Fremde ins Gesicht geröchelt? Richtig: Vale! Hastig blätterte ich die Seiten um: vakant...Vakuum...Vakzination...da war es: Vale: Gehab dich wohl, Auf Wiedersehen, Adieu. Imperativ des lateinischen Verbs valere: wohl ergehen.' (Seite 46)
Das übrigens ist die einzige Stelle im ganzen Roman, in der das Gurkenbeet eine irgendwie 'tragende' Rolle spielt und den deutschen Titel versucht zu rechtfertigen. Aber Hand aufs Herz: Wer kauft schon ein Buch, nur weil es verspricht, dass eine Leiche in einem Gurkenbeet auftauchen wird...? Tags zuvor wurde Flavia Zeuge, wie sich dieser Mann mit ihrem Vater, dem Colonel gestritten hatte. Worüber, das ist nicht klar. Aber ebenfalls am Vortag fand die Haushälterin eine tote Schnepfe auf der Türschwelle. Schnepfen sind nun einmal nicht typisch für diese Jahreszeit, und schon gar nicht, wenn sie eine Briefmarke aufgespießt auf ihrem Schnabel tragen. Was also hat das Ganze zu bedeuten?

Die Polizei staunt auf alle Fälle nicht schlecht, als eine 11-jährige anruft, um einen Mord zu melden. Leider zeigen alle Verdachtsmomente auf Flavias Vater, Colonel de Luce, und er wird schließlich verhaftet. Flavia beginnt mit ihren Nachforschungen, die sie in die Jugend ihres Vaters zurück in seine Internatszeit in den 1920er Jahren führen, als er einem magischen Zirkel angehörte und seine Leidenschaft für Briefmarken entdeckte. Und Briefmarken sollen auch noch eine ganz besondere Rolle im weiteren Verlauf der überaus spannenden und kurzweilig geschriebenen Handlung spielen.

Seinen besonderen Charme zieht der Roman auch aus der Zeit, in der die Handlung spielt. England, kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, die der 1938 geborene Autor Alan Bradley ungefähr im gleichen Alter wie Flavia erlebte. Eine gegenüber unserer heutigen Zeit um so vieles langsamere Zeit, dass man es sich als Jugendlicher heute kaum mehr vorstellen kann und als Erwachsener sofort in eine Art Nostalgie verfällt. Da kann man nicht einfach mal das Mobiltelefon aus der Tasche holen, um Kontakt aufzunehmen. Nein, man muss sogar in eine Bibliothek gehen -- die übrigens Samstags und Sonntags geschlossen ist -- um Informationen recherchieren zu können. Kein Internet, sondern nur das (gedruckte) Lexikon zuhause bleibt die einzig zuverlässige und kurzfristig erreichbare Informationsquelle.
"Scheibenkleister! schimpfte ich noch einmal. Dann würde ich meine Recherchen wohl auf ein anderes Mal verschieben müssen. Als ich dort in der Cow Lane vor verschlossener Tür stand, kam mir der Gedanke, dass die Büchereien im Himmel bestimmt rund um die Uhr offen hatten, und das sieben Tage die Woche!" (Seite 66)
Das Verhältnis der drei Schwestern untereinander ist eher stereotyp geschildert, d.h. ein beständiger Kriegszustand zwischen älterer (Ophelia) und jüngerer (Flavia) Schwester, mit einer Schwester in der Mitte, die sich als Dauerleser für nichts anderes als Literatur des 19. Jahrhunderts zu interessieren scheint. Aber Alan Bradley versteht es doch, seinen Figuren mit der Zeit etwas schärfere Ecken und Kanten mit auf den Weg zu geben, so dass man sie am Ende doch lieb gewinnen muss.
"Dass ein de Luce einem anderen sagt, dass er ihn liebt, ist so unwahrscheinlich, wie dass sich einer der Gipfel des Himalaya zur Seite neigt und seiner benachbarten Felsspitze etwas Nettes zuflüstert." (Seite 375)
Fazit: Ein äußerst kurzweiliger und liebevoll nostalgischer Kriminalroman aus einer ungewohnten, aber nicht minder interessanten Perspektive, der selbst mir als nicht unbedingt großem Krimiliebhaber viel Freude bereitet hat. Lesen!

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Mittwoch, 28. Juli 2010

Die absurd-komische Paradoxie des Krieges - Joseph Heller 'Catch 22'

Ein Paradoxon oder Paradox ist frei nach Wikipedia ein scheinbarer oder tatsächlich unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch. Darunter fallen auch Phänomene und Fragen, die dem menschlichen Verstand bzw. der Intuition widersprechen, oder aber auch eine rhetorische Stilfigur, die in scheinbaren Widersprüchen eine tiefere Wahrheit veranschaulichen will. Joseph Hellers Anti-Kriegsroman aus den 1960er Jahren ist prall angefüllt mit solchen Paradoxien und die tiefe Wahrheit, die es uns vermitteln will, liegt in der absoluten Sinnlosigkeit des Krieges. Ok, eigentlich habe ich damit das Wichtigste dieser mehr als 500 engbedruckten Seiten bereits in zwei Sätzen zusammengefasst. Was könnte uns sonst noch an diesem Roman interessieren?

Joseph Heller wurde 1923 geboren und nahm aktiv als gerade einmal 20-Jähriger als Bombenschütze eines auf Korsika stationierten Geschwaders der US Army Airforce am 2. Weltkrieg teil. Nach dem Krieg arbeitete er ab 1950 als Englisch-Professor an der Pennsylvania State University und wechselte bereits 2 Jahre später in die Werbung. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er Anfang der 1960er Jahre in seinem berühmtesten Roman 'Catch 22', der 1970 sehr erfolgreich mit Alan Arkin, Orson Welles, Anthony Perkins, Martin Sheen und Jon Voight verfilmt wurde.

"Jedesmal, wenn Du einen Einsatz fliegst, bist Du nur Zentimeter vom Tode entfernt. Wieviel älter kannst Du in Deinem Alter noch werden?..."(Seite 46)

Natürlich fragt man sich zuerst, was der Name 'Catch 22' wohl bedeutet. Im Deutschen lässt sich diese Redewendung wohl am Besten mit 'Dilemma' oder 'Zwickmühle' übersetzen und charakterisiert eine ausweglose, paradoxe Situation, der man -- egal wie man sich entscheidet -- nicht entrinnen kann. Hauptfigur des Romans ist der Bombenschütze Captain John Yossarian, stationiert mit seinem B-25 Bomberverband auf der fiktiven Mittelmeerinsel Pianosa. Yossarian setzt alles daran, keine weiteren Einsätze mehr fliegen zu müssen. Obwohl er bereits über fünfzig Einsätze hinter sich hat, erhöht ein karrieresüchtiger Colonel jedesmal erneut die Anzahl der notwendigen Einsätze, bevor ein Besatzungsmitglied verdientermaßen nach Hause geschickt werden kann. Yossarian täuscht ein schwer diagnostizierbares Leberleiden vor und verbringt viel Zeit auf der Krankenstation des Verbandes.

Als er dem selbst ständig kränkelnden Feldarzt Doc Daneka -- der viel lieber zu Hause seine Privatpatienten versorgen würde -- mitteilt, dass er sich fluguntauglich schreiben lassen möchte, weil er nicht mehr zurechnungsfähig sei, macht er erstmals Bekanntschaft mit der paradoxen Vorschrift (Catch 22). Diese besagt, dass nur derjenige fluguntauglich geschrieben und nach Hause geschickt werden darf, wer geisteskrank ist und sich selbst fluguntauglich meldet. Wer aber selbst verlangt, nach Hause geschickt zu werden, kann nicht geisteskrank sein und wird entsprechend nicht nach Hause geschickt. Schließlich ist der Wunsch, sein Leben durch die Verweigerung des Kriegsdienstes zu retten, ein Beweis für das tadellose Funktionieren des Verstandes. Ein Dilemma also, aus dem man nicht entkommt. Natürlich gibt es diese Vorschrift überhaupt nicht, was aber überhaupt keinen Unterschied macht, solange alle daran glauben.

"Der Mensch ist Materie...Man werfe ihn aus dem Fenster, und er wird fallen. Man zünde ihn an, und er wird brennen. Man begrabe ihn, und er wird faulen wie anderer Abfall auch. Vom Leben verlassen, ist der Mensch Abfall."(Seite 532)

Das Buch ist in einzelne Kapitel benannt nach den mitwirkenden Personen unterteilt, die in diesen Kapiteln jeweils näher vorgestellt werden. So möchte Colonel Cathcart unbedingt im Newsweek Magazin erwähnt werden und ersinnt überaus abstruse Pläne, wie dies zu bewerkstelligen sei (möglichst schmucke Bombenteppichmuster, ein gemeinsames Gebet vor dem Einsatz...nur kann es dabei nicht angehen, dass (a) Manschaften und Offiziere zusammen beten und (b) dann auch noch zum selben Gott, oder vervielfältigte Musterbriefe, die verschickt werden, sobald ein Geschwadermitglied nicht mehr aus dem Einsatz zurückkehrt...). General Peckem und General Dreedle, die sich nicht ausstehen können, und vorwiegend elaborierte Memoranden schreiben. So ist es z.B. das erklärte Ziel, die Kriegshandlungen unbedingt der Verantwortung der Truppenbetreuung unterstellen zu lassen. Ganz besonders hat mir aber der schüchterne Major Major gefallen, der eigentlich Major (Dienstgrad) Major M. (ajor) Major heißt, seinen Dienstgrad aber nur der Unfähigkeit einer Lochkartensortiermaschine verdankt, und bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster seines Bürozeltes verschwindet, um nur ja keine Entscheidungen treffen zu müssen.

"In Wirklichkeit war Major Major von einer IBM-Maschine befördert worden, die einen fast ebenso ausgeprägten Sinn für Humor besaß, wie sein Vater."(Seite 105)

Milo Minderbinder untersteht die Messe (Küche) und er nutzt seinen Posten, um ein international agierendes Schwarzmarktkartell unter Nutzung der von der Airforce gebotenen Infrastruktur aufzubauen, wobei er auch nicht davor zurückschreckt, mit dem Feind Geschäfte zu machen. Dies geht sogar so weit, dass er das eigene Geschwader (von eigenen Maschinen) bombadieren lässt, nur weil es ein gutes Geschäft war. Orr aber ist anscheinend der verückteste von allen. Nach außen ein harmloser, naiver Kerl, doch gelingt es ihm am Ende dem ganzen Kriegsirrsinn ein Schnippchen zu schlagen.

"Orr war imstande, sich mit der Sturheit und der Lautlosigkeit eines Klotzes in eine unbedeutende Arbeit zu vertiefen, ohne je ungeduldig zu werden oder das Interesse zu verlieren. Und dazu besaß er eine geradezu unheimlich anmutende Kenntnis der Natur, fürchtete sich weder vor Hunden noch Katzen, vor Käfern oder Motten und auch nicht vor Gerichten wie Kutteln oder Schwarzsauer."(Seite 380)

All diese liebevoll geschilderten, abstrusen und seltsam verrückten Gestalten sollen vor allen Dingen eines: die Absurdität des Krieges und die absolute Unfähigkeit des Militärs aufzeigen. Und das gelingt Heller dabei wirklich recht eindrucksvoll. Dabei ist der Roman prall gefüllt mit kleinen Anekdoten und eindringlich geschilderten, teils beklemmenden Momentaufnahmen und Bildern. Zum Teil versteht das Buch seinen Leser zu fesseln, an anderen Stellen jedoch geht Heller auch schon mal einen Schritt zu weit oder verliert sich im Abstrusen. Dies macht die Geschichte vor allen Dingen nicht leicht zu lesen und ich hatte zwischendurch des öfteren gute Lust, das Buch zur Seite zu legen. Aber letztendlich forderte es mich doch immer wieder von neuem heraus und auch wenn es mich fast einen ganzen Monat gekostet hat, so hat es sich am Ende doch gelohnt.

Fazit: Abstruser Anti-Kriegsroman mit skurilen Protagonisten, einigen Längen und Tiefgang. Ein Stück Weltliteratur, aber nichts für jedermanns Geschmack.

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Dienstag, 29. Juni 2010

Das hat die gute Jane nicht verdient - Jasper Fforde 'The Eyre Affair'

Man stelle sich vor, eine Welt, in der Literatur nicht nur bierernst genommen wird, sondern in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit vermischen. Das Ganze garniert mit einem Happen Zeitreisefolklore und alternativer Realität. Dann nehme man einen (oder mehrere) englische Klassiker der Literatur des 19. Jahrhunderts, rühre das Ganze kräftig herum und frage sich, was wohl Douglas Adams aus so einer Gemengelage hätte machen können...

Der walisische Autor Jasper Fforde ist ja eigentlich Kameramann (Kamera-Assistent um genau zu sein) und laut Wikipedia gar kein so unbekannter. Dort steht nämlich zu lesen, er habe z.B. in 'Goldeneye' oder 'The Saint' hinter der Kamera gestanden. Aber, er hat auch eine Figur und mit ihr verbunden eine alternative Welt erfunden, die es mittlerweile sogar auf mehrere Fortsetzungsbände gebracht hat: Thursday Next, die Literatur-Agentin. Nein, nicht wie wir das jetzt verstehen würden. Denn in Ffordes Welt, ist Literatur eine ernst zu nehmende Sache und Thursday Next ist Officer der paramilitärischen Special Ops Network Organisation. Eine ihrer vielen Unterabteilungen beschäftigt sich mit 'literarischen Verbrechen', so z.B. mit dem Aufspüren von illegal gedruckten oder gefälschten literarischen Werken. Laut Verlagstext handelt es sich bei Miss Next um eine krude Mischung aus Bridget Jones und Dirty Harry. Den etwas feinsinnigeren unter uns sträubt sich jetzt mit Sicherheit bereits das ein oder andere Nackenhaar...

Doch damit nicht genug. Jasper Fforde beschreibt uns eine Alternativwelt, in der England nicht das uns bekannte vereinigte Königreich darstellt, sondern eine geteilte Republik mit einem unabhängigen Wales ist, die sich seit mehr als einem Jahrhundert mit dem zaristischen Russland im noch nicht entschiedenen Krimkrieg befindet. Um es noch ein wenig weiter auf die Spitze zu treiben, sind Zeitreisen anscheinend nichts wirklich besonderes in dieser Welt, während auf der anderen Seite Überlandreisen mit der guten alten Eisenbahn oder in Luftschiffen unternommen werden, und dann auch noch Werwölfe, Vampire und Geister ein durch und durch reales Dasein fristen...

Doch es passieren dann doch wirklich 'unerhörte Dinge'. Alles fängt damit an, dass das Original Dickens-Manuskript des Romans 'Martin Chuzzlewit' gestohlen wird und dann noch tatsächlich eine anscheinend aus diesem Roman stammende Figur tot auf dem Seziertisch eines Polizeipathologen liegt und folglich auch nicht mehr weiter im Roman auftaucht, sondern verschwunden bleibt. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind auf einmal durchlässig geworden, dank einer genialen Erfindung von Thursdays Onkel Mycroft (ja, genau...so hieß übrigens auch der hochintelligente Bruder von Sherlock Holmes), einem verschrobenen Erfinder, Mathematiker und Physiker. Hades Acheron (was für ein dämlicher Name), ein unglaublich durchtriebener Schurke, ausgestattet mit übermenschlichen Kräften, erpresst das Land mit der Drohung, ein Nationalheiligtum Englands unwiderruflich zu zerstören: Er bringt Mycroft in seine Gewalt und entführt Jane Eyre mitten aus Charlotte Brontes gleichnamiger Geschichte (um genau zu sein irgendwo auf Seite 120) und da das Buch in Janes Ich-Erzählperspektive geschrieben ist, sind plötzlich alle nachfolgenden Seiten leer....

Klingt alles ziemlich aberwitzig? Ist es auch! Aber irgendwie konnte ich mit dieser Welt nicht wirklich warm werden. Letztendlich wurde es dann selbst mir zu 'seltsam'. Zeitreisen gepaart mit Vampiren, Shakespeare und Bronte ... das ist schon starker Tobak. Dabei ist die Grundidee, sich einen Klassiker herauszugreifen und etwas aus der Geschichte zu 'remixen' gar nicht so schlecht. Der Erfolg solcher literarischer Remixe, wie z.B. der Jane Austen-Verschnitt 'Stolz und Vorurteil und Zombies' scheint dem ganzen ja recht zu geben. Mögen muss man es dabei aber noch lange nicht.

Die Figuren des Romans waren mir allesamt zu plakativ und es fehlen die Erklärungen. Woher stammen die 'Superkräfte' des Ultrabösewichts? Warum ist er so geworden, wie er ist? Er war doch vorher anscheinend ein mehr oder wenig 'harmloser' Literaturdozent. Und überhaupt, warum ist Literatur in dieser Welt so ungeheuer wichtig? Vielleicht bieten ja die übrigen Thursday Next Bände hier weitere Aufschlüsse, aber ich habe erst einmal genug von dieser seltsamen Welt. Die einzigen guten Stellen des Romans waren die, in denen Fforde kräftig aus Charlotte Brontes Werk zitiert und mit der Geschichte spielt. Doch wahrscheinlich haben mir diese Stellen doch nur gefallen, weil ich 'Jane Eyre' so gerne habe (sie auch meine Rezension 'Aschenbrödel bekommt etwas lädierten Prinzen').

Fazit: Da versucht einer an Douglas Adams kruden Sinn für exzentrische Geschichten anzuknüpfen, hat eigentlich eine ganz gute Idee, schießt aber meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus. Weniger wäre wohl eher mehr gewesen.

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Sonntag, 6. Juni 2010

Furioses Finale mit kleinen Schwächen - Stieg Larsson 'Vergebung'

So...jetzt bin ich also durch mit der Millenium-Trilogie des schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson, die schon seit ich weiß nicht wann in den Top-Ten der Bestsellerlisten steht. Hat es sich tatsächlich 'gelohnt' diese insgesamt gut 2000 Seiten skandinavischer Kriminalliteratur zu lesen? Würde ich jetzt noch einen vierten Band lesen, so es denn noch einen gäbe? Hmm...da muss ich wohl etwas weiter ausholen, bevor ich eine abschließende Antwort geben kann.

Stieg Larsson ist ja mittlerweile ein Mythos der schwedischen Kriminalliteratur. 15 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Aber kommen wir als erstes auf den letzten Band 'Vergebung' zu sprechen, den ich hier im Biblionomicon nach den beiden anderen Bänden 'Verblendung' und 'Verdammnis' bewerten möchte. Band drei setzt nahtlos an die Handlung des zweiten Bandes an. Lisbeth Salander, die quasi-autistische Punk-Hackerin mit dem in Band 1 'gerechtfertigtermaßen' ergaunerten Milliardenvermögen, kommt mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Göteborg. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese schwerwiegende Verletzung, die ihr von ihrem Vater, den in den 70er Jahren geflohenen, kriminell gewalttätigen, russischen Agenten Zalatschenko, und ihrem Halbbruder, einem überdimensionalen, deutschstämmigen, brutalen Hühnen, beigebracht wurde. Zwar haben sich die schweren Anschuldigungen, die ihr in Band 2 zur Last gelegt wurden - dreifacher Mord usw. - als unhaltbar erwiesen, dennoch wird sie in ihrem Krankenzimmer während ihrer Rekonvaleszenz in Sicherheitsverwahrung genommen. Zalatschenkos Untaten wurden und werden von der 'Sektion', einer speziellen Abteilung des schwedischen Geheimdienstes, die eigentlich gar nicht existiert, gedeckt. Aus diesem Grund wurde Lisbeth bereits als Jugendliche mundtot gemacht, indem man sie nach einem Attentatsversuch auf ihren Vater in eine geschlossene Anstalt zwangseinwies. Doch jetzt scheint alles aus dem Ruder zu laufen.

Die Sektion lässt nichts unversucht, die neue Affäre zu vertuschen und schreckt in diesem Zusammenhang auch nicht vor schweren Straftaten zurück. Mikael Blomquist, bekannter Journalist der Zeitschrift Millenium und ebenfalls Held der letzten beiden Bände, muss seiner Freundin Lisbeth beistehen, um sie vor einer erneuten Verurteilung und Zwangseinweisung zu bewahren. Aber Lisbeth ist isoliert und kann von ihren Hacker-Fähigkeiten, die schon zur Aufklärung der ersten beiden Bände beigetragen haben, keinen Gebrauch machen.

Wie bei Kriminalromanen üblich, darf ich hier auf gar keinen Fall schon zuviel verraten, sondern gegebenenfalls höchstens etwas Appetit auf 'mehr' machen. Letztendlich - man kann es sich denken - geht natürlich alles gut aus. Aber halt! Lassen wir zunächst einmal das geschilderte Personal Revue passieren: Eine kurzgewachsene, autistisch veranlagte Punk-Hackerin, die zu kaum einer (positiven) Gefühlsneigung gegenüber anderen fähig ist (Sherlock Holmes und Mister Spock lassen grüßen), ein gewalttätiger, krimineller russischer Ex-Agent, ein (deutschstämmiger) Monsterbodybuilder (eventuell eine Anspielung auf Frankensteins Schöpfung?), der Leuten mit seinen bloßen Händen das Genick bricht....das klingt doch schon etwas extrem oder? Zudem bekommt der extrovertiert promiskuitiv lebende Mikael Blomquist alle Frauen in Null-komma-nix ins Bett - natürlich auch die blonde, 1,84m große, muskelbepakte Extremsportlerin, die den Fall von Seiten des Verfassungsschutzes unterstützt. Das klingt doch alles fast schon ein bißchen nach 'RTL Bielefeld-Premiere' und ist fern von dem, was ich sonst hier bespreche. Nicht umsonst habe ich für die gut 200 Seiten Jorge Luis Borges, die ich hier zuvor rezensiert habe, länger gebraucht als für die 800 Seiten Larsson.
"Lisbeth Salander markierte ihr privates Revier als feindliches Territorium. Die Nieten an ihrer Lederjacke waren ihm immer wie die Stacheln eines Igels vorgekommen. Es war ein Signal an die Umwelt: Versucht bloß nicht, mich zu streicheln. Ihr würdet euch bloß wehtun."(Seite 699)
Für den 'gemeinen Leser' bedeutet das aber: auch dieser Band ist wieder ein absoluter 'Pageturner'. Fängt man erst einmal an, stellt man fest, dass man unbedingt schnell weiterlesen muss, da der Spannungsbogen diesmal bis zum Schluss gehalten wird. Larssons Figuren werden einem nach dem dritten Band langsam vertraut, auch wenn sich diesmal keine neuen Akzente in deren Charaktereigenschaften offenbaren konnten. Würde ich also noch einen weiteren Band lesen wollen? Nur wenn sich einiges fundamental ändern würde. Stieg Larsson konnte fesselnde und spannende Kriminalromane schreiben, aber bitte nicht wieder mit exakt demselben Personal in der nächstbesten Variation sexuell motivierter Gewaltverbrechen.

Fast hätte ich's vergessen. Natürlich hatte ich mich schon über die Gestaltung der deutschen Titelübersetzungen in meinen Rezensionen zu 'Verblendung' und 'Verdammnis' geäußert. Aber 'Vergebung'....wie bitte soll ich denn jetzt das verstehen? Wer vergibt hier eigentlich wem? Das einzige, das der Vergebung bedarf, ist die seltsame Phantasie der deutschen Titelredakteure, lautet doch der übersetzte Originaltitel ''Das Luftschloss, das gesprengt wurde" (das übrigens einen direkten Bezug auf die bereits genannte 'Sektion' des schwedischen Geheimdienst hatte)...

Fazit: Wer schon die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der letzte Band natürlich ein 'Muss'. Sollte man sich an die gesamte Trilogie heranwagen? Nur dann, wenn man nicht zu hohen Anspruch und tiefgründige Charakterstudien erwartet. Alles in allem erwartet den Leser atemlose Spannung und leichtgewonnenes Lesevergnügen.

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Sonntag, 23. Mai 2010

Filigran, bizarr und faszinierend - Jorge Luis Borges 'Erzählungen II'

Sollte man nun ein Buch, nachdem man es gelesen hat, eine Weile ruhen und 'sich setzen' lassen, damit man das Gelesene besser 'verdaut', um es anschließend bar des aktuellen Kontextes wertefrei und objektiv beurteilen zu können? Oder sollte man, kaum dass man es aus der Hand gelegt hat, seine Eindrücke und Gefühle niederschreiben, solange diese noch frisch und präsent sind? Meiner Meinung nach wird man mit zunehmenden Abstand objektiver, aber auch 'gelassener', d.h. überschwängliche Freude oder Kritik verblassen im Lauf der Zeit. Aber auch die Erinnerung an manche bemerkenswerten Details geht verloren. Solange wir nicht über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, werden aktuelle Eindrücke immer wieder von neueren überschrieben, und wir müssen kräftig schaben, ehe das ewige Palimpsest unserer 'Höhlen der Erinnerung' (wie sie Borges in Anlehnung an Augustinus bezeichnet) die alten Aufzeichnungen wieder freigibt.

Jorge Luis Borges war eine faszinierende Persönlichkeit, die mich bereits als Jugendlicher in Erstaunen versetzte. Kennengelernt hatte ich den argentinischen Schriftsteller zuerst als Herausgeber der 'Bibliothek von Babel', einer 30-Bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, erschienen Anfang der 1980er Jahre bei Edition Weitbrecht, von denen er jeden Band gekonnt und liebevoll einzuleiten verstand. Bereits mit Mitte 30 begann sein Augenlicht zu verlöschen und mit 50 Jahren war er vollends erblindet. Als (blinder) Direktor der argentinischen Nationalbibliothek gab er auch das Vorbild zu Umberto Ecos grauer Eminenz 'Jorge von Burgos' aus dem 'Namen der Rose' - der Figur, die hinter den Kulissen der Klosterbibliothek die Fäden in diesem großartigen Roman zieht. Später im Studium lernte ich (wie übrigens viele andere Informatiker) dann auch Borges berühmte Erzählung 'Die Bibliothek von Babel' kennen, in der er das Universum als unendlich große Bibliothek beschreibt, in der alles, was jemals (mit Hilfe der Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen in unendlicher Kombination) geschrieben werden könnte, wohlorganisiert seine Aufstellung findet. Borges zeigt in seinen oft phantastischen Werken eine wahre Begeisterung für die Abgründe des 'Unendlichen', aber dazu später mehr.
"Schlafen ist bekanntlich die geheimste unserer Handlungen. Wir widmen ihm ein Drittel unseres Lebens und verstehen es nicht. Für einige ist es nichts als die Verdunkelung des Wachens; für andere ein komplexer Zustand, der zugleich das Gestern umfasst, das Jetzt und das Morgen; für dritte eine ununterbrochene Reihe von Träumen." (Seite 48)
Der Band mit Erzählungen, den ich heute kurz vorstellen möchte, fasst Texte aus dem Spätwerk des großen Schriftstellers zusammen, die vormals in Einzelzusammenstellungen unter den Namen 'David Brodies Bericht' (1970), 'Das Sandbuch' (1975) und 'Shakespeares Gedächtnis' (1980/83) erschienen sind. Jede einzelne dieser zum Teil durchaus bemerkenswerten Geschichten vorzustellen wäre ein mühseliges Unterfangen. Daher möchte ich nur einige zusammenfassende Bemerkungen unternehmen und ein paar Streiflichter setzen. Zuerst tat ich mich etwas schwer mit den Erzählungen in 'David Brodies Bericht', umfassten sie doch hauptsächlich anscheinend biografisch gefärbte Novellen und Begebenheiten aus dem Südamerika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir lernen die Welt der Gauchos und Machos kennen, in denen Männlichkeit, Ehre und Messerstechereien zum 'guten Ton' zählen. Eigentlich nicht wirklich meine Kragenweite. Doch dann kam 'Das Evangelium nach Markus'. Wieder eine Geschichte, die recht harmlos begann. Ein Gast auf einer Estancia nimmt in der Abwesenheit des Patrons dessen Stelle ein, als ein Unwetter das Gut von der Außenwelt abschneidet. Dann begeht er den Fehler, den weltfremden und ungebildeten Peones (=abhängige Bauern und Arbeiter) aus der Bibel vorzulesen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf....
"Der Buchdruck, der heute abgschafft ist, war eins der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Seite 157)
Im 'Sandbuch' befinden sich dagegen schon mehr Erzählungen, die der Phantastik zugerechnet werden können mit zum Teil philosophischen und tiefgreifenden Gedankenspielen über Doppelgänger, Paradoxien des Zeitreisens und der Grausamkeit des Unendlichkeitsbegriffs. Das 'Sandbuch' ist dabei auch Titel einer bemerkenswerten Erzählung über ein Buch mit unendlich vielen Seiten. Aber wenn man es erst einmal in seinen Besitz gebracht hat, kann es einen um den Verstand bringen. Also wie wird man es am Besten wieder los?
"Mir fiel ein, gelesen zu haben, dass das beste Versteck für ein Blatt der Wald ist." (Seite 182)
In 'Shakespeares Gedächtnis' finden wir erneut phantastische Erzählungen, von denen mir der 'Blaue Tiger' besonders gefallen hat. Die Erzählung handelt von einem Mathematikprofessor, der immer wieder von blauen Tigern träumt. Als er sich im Dschungel nach ihnen auf die Suche macht, findet er stattdessen seltsame blaue Steine, die sich auf unheimliche Weise vermehren und wieder dezimieren. Sie entziehen sich jeder Arithmetik, Mathematik und Logik. Der Besitz dieser Steine treibt den Professor beinahe in den Wahnsinn, bis er sie an einen Bettler weitergeben kann.

Der vorliegende Band ist Teil einer 12-bändigen Borges Gesamtausgabe des Hanser Verlages. Ausgestattet mit editorischen Notizen und Anmerkungen im Anhang, gebunden in hochwertiges Leinen und gedruckt auf feinem Papier bilden diese kleinen handwerklichen Kunstwerke heute eine wohltuende Ausnahme im etablierten Pappeinband-Dschungel der Verlagshäuser. Nein, ich glaube ich möchte Borges auch gar nicht erst auf einem eBook-Reader lesen müssen. Diese schön aufgemachten Bücher sind einfach dazu bestimmt, immer wieder in die Hand genommen und gelesen zu werden. Sicher war dieses Buch nicht das letzte, das ich aus dieser Ausgabe lesen werde. Leider sind heute nicht mehr alle Bände der 1999 begonnenen Gesamtausgabe im Druck...

Fazit: Ganz und gar ungewöhnliche Geschichten von einem der wohl ungewöhnlichsten Autoren des letzten Jahrhunderts. Zum Kennenlernen des berühmten 'blinden Bibliothekars' bestens geeignet, aber Vorsicht: wieder einmal nicht Lektüre für jedermann. Lesen!

Donnerstag, 6. Mai 2010

Hausbackene Verschwörungstheorie und Geheimwissenskrämerei - Dan Brown "Das verlorene Symbol"


Was war es nicht für ein Hype, der um dieses neueste Buch des Bestsellerautors Dan Brown losgebrochen ist. 6.5 Millionen Exemplare wurden in der englischsprachigen Erstauflage gedruckt (5 Millionen in den USA und 1.5 Millionen in UK). Mit einer Million verkauften Exemplaren am ersten Verkaufstag ging das Buch noch schneller und in weitaus größerer Stückzahl über die Verkaufstresen als Apples IPhone, IPod oder IPad. Folglich verkaufen sich Dan Browns literarische Machwerke besser als geschnittenes Brot. Aber kann ein mit so viel Vorschusslorbeeren bedachtes Werk auch den Erwartungen seiner Leser genügen?

Ja, ich gestehe, ich habe schon einige Romane von Dan Brown gelesen. Allerdings bislang immer in englischer Sprache. Daher existiert dazu auch nur ein einzelnes Review (ebenfalls in englischer Sprache) in meinem 'alten' moresemantic!-Blog (Conspiracy Ahead - Dan Brown: Angels and Demons). Aber es soll hier ja um den aktuellen Roman 'Das verlorene Symbol" gehen. Dieser stand im Bücherregal meiner Mutter, die ja bekanntlich eine Schwäche für Kriminalromane und Thriller hat, und so musste ich mir gar nicht erst die Originalversion besorgen. Genug der Vorrede. Worum geht es:

Prof. Robert Langdon spielt zum dritten Mal nach 'Da Vinci Code/Sakrileg' und 'Angel and Demons/Illuminati' die Hauptrolle in einem temporeichen und unterhaltsamen Roman, der aber seinen Vorgängern nicht mehr ganz das Wasser reichen kann. Das alte Handlungsmuster der Verschwörungstheorien hat eben langsam ausgedient. Da hatten wir die Tempelritter und Gralshüter im 'Sakrileg', die Illuminaten und die katholische Kirche in 'Illuminati'. Das macht alleine ja schon fast 70% aller Verschwörungsmythen aus. Was jetzt noch fehlt? Natürlich die "Freimaurer". Und wie ja jeder weiß, der schon einmal eine US-Dollar-Note in der Hand gehalten hat, auf der Vorderseite prangt George Washington (seines Zeichens erster Präsident der USA und praktizierender Freimaurer) und auf der Rückseite die große Pyramide mit dem allsehenden Auge - das Auge der Vorsehung -- an der Spitze, dem "alten Freimaurersymbol", das ebenfalls auf dem Siegel der USA prangt. Aber halt! Tappen wir nicht gleich in die erste Falle, die uns der Verschwörungstheoretiker stellt:
"Es ist ein allgemeines Missverständnis, dass das Auge der Vorsehung mit der unfertigen Pyramide den Einfluss der Freimaurerei in die Gründung der Vereinigten Staaten belegt. Obwohl der Freimaurer Benjamin Franklin eines der Mitglieder des Komitees war, welches das Siegel der Vereinigten Staaten entwarf, war er nicht für die Gestaltung und die Einführung dieses Symbols verantwortlich. Die erste offizielle freimaurerische Erwähnung auf das Auge der Vorsehung erfolgte 1797 in The Freemasons Monitor von Thomas Smith Webb, einige Jahre nachdem das Siegel entworfen wurde. Die freimaurerische Verwendung des Auges beinhaltet keine Pyramide, obwohl das umschließende Dreieck oft als solches fehlinterpretiert wird, selbst von Freimaurern." (Quelle: Wikipedia)
Und so geht es mit den meisten zitierten Indizien und Beweisen der großen Weltverschwörung, deren Eingeweihten Zugang zum "alten verlorenen Wissen der Menschheit" gewährt wird, das eine unendlich große Macht und ewiges Leben (oder ähnliches) verspricht.

Professor Langdon wird durch eine fingierte Nachricht nach Washington, der Zentrale des weltweiten Freimaurertums, gelockt. Um einen alten Freund aus der Gefahr zu helfen, soll er das verborgene Geheimnis der Freimaurer für einen unbekannten Erpresser entschlüsseln, der damit den Zugang zu göttlicher Macht zu erreichen sucht. Dabei spielen ebenfalls wieder Regierungsbehörden und Geheimdienste eine undurchsichtige Rolle, krude neuartige Technologien und Wissenschaft (Noetik - die Lehre vom 'geistigen Erkennen') kommen gepaart mit uralter Mystik zum Einsatz.
"Wenn es etwas gibt, das ich von Peter gelernt habe, dann dies: Wissenschaft und Mystik sind nah miteinander verwandt und unterscheiden sich nur durch ihren Ansatz. Das Ziel ist das Gleiche, nur der Weg dorthin ist ein anderer." (Seite 477)
132 kurze Kapitel halten den Leser auf über 750 Seiten in atemloser Spannung. Man jagt von Cliffhanger zu Cliffhanger und kann das Buch zum Ende hin nicht mehr aus der Hand legen. Solide Unterhaltung also, so sagen die Einen - immer wieder das Gleiche, so sagen die anderen. Zwar habe ich das Buch recht zügig und mit Interesse gelesen, aber es stellte sich sehr schnell ein Gefühl der Übersättigung bei mir ein. Nichts Neues, was die handelnden Charaktere angeht und die ständigen Griffe in die Verschwörungskiste nerven auf die Dauer.

Halten wir es doch ein für allemal fest: Indiana Jones hat die Bundeslade wiedergefunden, Robert Anton Wilson hat die Machenschaften der Illuminaten allesamt offenbart und Umberto Eco hat mit dem 'Foucaultschen Pendel' den ultimativen Verschwörungstheorieroman (und dazu noch einüberaus gelungenes Meisterstück) geliefert. Und damit haben wir den Hammer erst einmal recht hoch aufgehängt. Dan Brown hat gar nicht den Anspruch, literarisch Hochwertigeres zu schaffen. Warum auch? Der Erfolg gibt ihm Recht. Millionen Leser fühlen sich von ihm und seinen Werken gut unterhalten. Allerdings auf einen 4. Robert-Langdon-Roman kann ich erst einmal verzichten. Was soll jetzt auch noch kommen? Außerirdische, Nazis, der Jungbrunnen, Eldorado...? Alles schon gesehen, alles schon miteinander verknüpft (Akte-X sei dank...).

Einen letzten Kritikpunkt muss ich noch anmerken: Man möchte doch meinen, dass Dan Brown zumindest einige historische und bibliografische Fakten, mit denen er so reichlich in seinem neuen Buch prahlt, sorgfältig recherchiert hätte. Auf Seite 284 ist ihm allerdings ein Lapsus unterlaufen, der mir sofort ins Auge fiel:
"...und die Gutenberg-Bibel, eines der drei letzten vollständig erhaltenen Exemplare."
Hallo? Selbst die Wikipedia weiß es besser. Dort werden noch immerhin ganze 21 der insgesamt 48 heute noch erhaltenen Exemplare als vollständig geführt. Mein Rat an den geneigten Leser: einfach nicht immer alles glauben, insbesondere nicht, wenn es in einem Buch mit verschwörungstheoretischen Inhalt oder Anspruch steht.

Fazit: Massentaugliche spannende Unterhaltung, die bei manchem geneigten Leser doch einen etwas drögen Nachgeschmack hinterlassen mag. Lesen auf eigene Gefahr ;-)

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