Mittwoch, 14. Mai 2008

Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften

Gut zwei Monate ist es jetzt her, dass ich die letzten Zeilen hier im Blog hinterlassen habe. Zwei Monate und ein ganzer Stapel Bücher, über die ich jetzt alle schreiben kann....

Den Anfang macht der klassische Briefroman 'Gefährliche Liebschaften' von Cholderlos de Laclos, den man zumindest in seiner opulenten filmischen Umsetzung durch Stephen Frears mit einem genialischen John Malkovich und einer eiskalten wie skrupellosen Glen Close kennt. Damit ist die Handlung ja auch schon eigentlich erzählt. Denn gleich dem Film, dreht sich das Buch um die Machenschaften der Marquise de Merteuil, die mehr aus Langeweile gleichsam aus Sportsgeist ihre Mitmenschen verdirbt, betrügt, hintergeht oder intrigiert. Kurzum, die Marquise de Merteuil langweilt sich so sehr in ihrem aristokratischem Dasein, dass sie mit dem Leben anderer spielt, gleichwohl ihr bewusst ist, dass sie alleine schon mit einer geschickt platzierten Bemerkung ganze Lebensplanungen zerstören und ein Dasein vernichten kann.
Klingt übertrieben dekadent, aber Laclos zeichnet ein überspitzt dargestelltes Sittenbild des späten französischen Rokoko, das unweigerlich wenige Jahre später in der Revolution münden muss.

Der Roman -- und das macht ihn zu einem besonderen Genuss - ist als Briefroman angelegt. Die Briefe stammen von der Hand der Marquise de Merteuil, ihres Kompagnon und früheren Geliebten, des Vicomte de Valmont, der jungen und zunächst unschuldigen Cecile de Volange, ihres Verehers und Liebhabers, des Chevalier Danceny. Dazu kommen noch die Präsidentin de Trouvel, die das ausgemachte Ziel aller Wünsche Valmonts verkörpert, sowie einige weitere, weniger wichtige Personen. Valmont will die Präsidentin de Trouvel verführen, die als Tugendhaftigkeit in Person gilt, und deren Niederlage gegen Valmont von diesem zunächst aus rein sportlichem Interesse und reinem Ehrgeiz angestrebt wird. Die Marquise de Merteuil dagegen stachelt Valmont dazu an, die junge Cecile de Volanges zu verführen und zu verderben, um deren zukünftigen Ehemann -- der Comte de Gercourt, einem ehemaligen Geliebten der Merteuil -- zu demütigen. Derart ausgestattet entspannt sich der Reigen, doch entwickelt sich alles etwas anders als geplant, als Valmont tatsächliche Gefühle für die Präsidentin de Trouvel (Michelle Pfeiffer) entwickelt. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf....und obwohl man ja schon aus dem Film weiss, wie die Geschichte endet, ist das Büchlein ein wahrer Genuss - auch wenn die Schwülstigkeit und Ausführlichkeit der brieflichen Darstellungsform für viele etwas gewöhnungsbedürftig sein mag

Die größte und eindrucksvollste Szene für mich ist diejenige, in der Valmont, quasi erpresst von der Merteuil als Opfer seiner eigenen Ambitionen, mit der bereits verführten Präsidentin de Trouvel entgegen seiner Überzeugung und seiner wahren Gefühle brechen muss, um nicht das Gesicht gegenüber der Merteuil -- und seinen 'guten' Ruf -- zu verlieren. Dabei legt ihm die Merteuil die Worte in den Mund, die Malkovich im Film gleich einer unwilligen, aber zu ihrem eigenen Untergang verdammten Marionette abspult:


"Man bekommt alles einmal satt, mein Engel. Das ist ein Naturgesetz. Meine Schuld ist es nicht.
Wenn ich als heute eines Abenteuers überdrüssig bin, dass mich seit vier langweiligen, grässlichen Monaten ausschließlich in Anspruch genommen hat, so ist es nicht meine Schuld.
Wenn ich beispielsweise just so viel Liebe gehabt habe, wie du Tugend besaßest, und das will sicher viel besagen, so ist es nicht erstaunlich, dass die eine zur selben Zeit aufgehört hat wie die andere. Meine Schuld ist es nicht.
Daraus folgt, dass ich Dich seit einiger Zeit betrogen habe. Aber Deine erbarmungslose Zärtlichkeit hat mich gewissenmaßen auch dazu gezwungen! Meine Schuld ist es nicht!
Heute verlangt eine Frau, die ich über alles liebe, dass ich Dich aufgebe. Meine Schuld ist es nicht.
Ich fühle wohl, das wird eine schöne Gelegenheit abgeben, Zeter und Mordio wegen meines Eidbruchs zu schreien. Aber wenn die Natur den Männern nur Beständigkeit verliehen hat, während sie die Frauen mit hartnäckigerem Beharren begabte, so ist es meine Schuld nicht,
Glaube mir, wähle Dir einen anderen Liebhaber, wie ich eine andere Geliebte erkoren habe. Dieser Rat ist gut, sehr gut sogar. Findest Du ihn aber schlecht, so ist es meine Schuld nicht.
Leb wohl mein Engel, ich habe Dich mit Freuden genommen, ich verlasse Dich ohne Reue. Vielleicht komme ich einmal wieder zu Dir zurück. So ist der Lauf der Welt. Meine Schuld ist es nicht...."


Fazit: Ein opulentes Werk in Briefform über menschliches Begehren, Intrigenspiel, Liebe und Moral. Auch wenn sich die Zeiten seit de Laclos deutlich geändert haben, das Spiel der Liebe und Intrigen hat auch heute noch Bestand und ist so aktuell wie zuvor. Meine Schuld ist es nicht.....

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Freitag, 22. Februar 2008

500 Seiten und 50 Jahre später kriegen sie sich - Gabriel Garcia Marquez "Liebe in Zeiten der Cholera"


Eigentlich ist damit ja schon alles gesagt. Florentino Ariza und Fermina Daza sind ein mehr oder weniger "verhindertes" Liebespaar, dessen gemeinsames Glück mehr als 50 Jahre lang auf sich warten lässt. Doch Gabriel Garcia Marquez macht daraus einen großen Roman, der die beiden Liebenden über das Fin de Siecle hinweg bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts hinein begleitet.

Da bin ich also wieder bei einem lateinamerikanischen Autor gelandet. Nach Isabel Allende jetzt also der kolumbianische Nobelpreisträger Marquez. Und wenn man meint, die Allende könne schon recht gut erzählen, dann hat man noch nichts von Marquez gelesen. Aber - so zumindest mein Eindruck - man muss sich ein wenig an seinen Stil und seine Erzählweise gewöhnen, die nicht unbedingt für meine zügige Art zu lesen geeignet ist. Aber kommen wir zunächst erst einmal zur Geschichte.

Ein alter Schachspieler liegt tot in seinem Bett -- Selbstmord. Doktor Juvenal Urbino, der geachtete Mediziner und Patrizier, stellt ungerührt die Todesursache seines Schachpartners fest und veranlasst alles weitere, damit dieser schnell unter die Erde kommt. Juvenal Urbino, selbst schon ein alter Mann, überschätzt seine Kräfte und stürzt von der Leiter zu Tode, als er den entflogenen Papagei wieder einfangen möchte. Während der tote Doktor noch aufgebahrt in seinem Haus liegt, damit Angehörige und Freunde von ihm Abschied nehmen können, ist auch Florentino Ariza unter den Gästen und gesteht der frischgebackenen Witwe seine unvergängliche Liebe. Diese findet das natürlich alles andere als passend und wirft ihn kurzerand hinaus.

Doch die beiden sind einander keine Unbekannten. Bereits vor 50 Jahren hatten sich die beiden in der kolumbianischen Hafenstadt, in der die Geschichte spielt, ineinander verliebt, doch das Schicksal, die gesellschaftliche Ordnung und der nicht zu unterschätzende Eigensinn von Fermina Daza verhindern, dass daraus mehr als nur eine platonische Beziehung entsteht. Zwar werden unzählige Briefe geschrieben und ausgetauscht, aber Fermina Daza beendet schließlich diese "Beziehung". Beziehung ist wirklich ein eigenartiges Wort für das Verhältnis der beiden. Bis der allererste Kontakt zustande kommt, bis der erste Brief tatsächlich ausgetauscht wird und bis dieser von Fermina Dazas Seite erwidert wird....da gehen schon einmal ein knappes hundert Seiten ins Land. Marquez kostet es wahrlich aus, dass im 19. Jahrhundert die Uhren noch anders tickten, das Leben sozusagen "entschleunigt" ablief. Doch alles kommt natürlich anders. Schließlich heiratet Fermina Daza Doktor Juvenal Urbino, einen der begehrtesten Junggesellen der Stadt -- und das, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht liebt. Wieder ist auch dieses Verhältnis der beiden ein seltsames. Er liebt sie eigentlich auch nicht wirklich, aber irgendwie scheint eine Heirat "doch das Beste"....

Nun ja, Florentino Ariza kommt über Fermina Daza nicht hinweg. Daran können auch die vielen Kurzbekannt- und Liebschaften nichts ändern -- und es sind ihrer hunderte, die da über die Jahre zusammenkommen. Tatsächlich gipfelt das Ganze sogar darin, dass er ihr über 50 Jahre später nach der ersten verbrachten Liebesnacht gegenüber lamentiert, er habe sich für sie "aufgehoben" (die 622 Liebschaften und sexuellen Affären einmal ausgenommen...). Aber bis das passiert, da dauert es natürlich eine Weile -- und noch einmal über 140 Briefe, die Florentino Ariza nach seinem etwas deplatzierten Geständnis im Haus des toten Doktors an die Witwe Florentina Daza schreibt. "Liebe in unserem Alter", so Fermina Dazas Tochter "ist lächerlich. Doch in ihrem Alter", das der Mutter, "ist es eine Ferkelei." Ferkelei hin oder her, sie kriegen sich. Und da die gesellschaftlichen Konventionen noch immer nicht in der Moderne angekommen sind, wird der Flussdampfer, auf dem sie sich ihre Liebe gestanden haben für immer ihr Refugium bleiben. Mit gehißter Quarantäne-Flagge (-> die Cholera....) wird er noch heute zwischen den Anlegestellen kreuzen, ohne je wieder anzulegen......

Eingebettet ist das Ganze in das schillernde Zeitkolorit des ausgehenden 19. Jahrhunderts und dem Einzug der Moderne im Norden Südamerikas. Wir werden Zeugen des ersten Radios der Stadt, der ersten Luftpostzustellung Kolumbiens und die Geschichte seiner Befreiung und seiner Revolutionshelden. Marquez steht in seiner Erzähltradition im Reigen der großen südamerikanischen Autoren, die allesamt die Tragik des menschlichen Daseins stets mit einem kleinen Augenzwinkern zu schildern wissen Gerade das macht wohl auch den Reiz dieser Geschichten aus und gerade deshalb sollte man sich auch die dazu nötige Zeit nehmen.

Fazit: Eine wuchtige südamerikanische Erzählung, stets mit leichter Ironie, aber mit gewissen Längen, die aber eigentlich dazugehören. Marquez ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Beim Lesen habe ich mich des öfteren über diese Längen und die Langsamkeit beschwert. Aber im Nachhinein war es alle Mühe wert.

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Samstag, 9. Februar 2008

Geheimrat als Geheimagent - Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Man stelle sich vor, Goethe - jawohl, unser aller Deutschen Dichterfürst - im stattlichen Alter von 55 Jahren, begleitet von seinem Freund Schiller, den Dichterkollegen Achim von Arnim, Heinrich von Kleist und Bettine Brentano (später Bettine von Arnim), und dazu noch Alexander von Humboldt, auf einer tollkühnen Mission im napoleonisch besetzten Mainz, um den vermeintlichen letzten Erben der französischen Monarchie zu befreien. Klingt nach Räuberpistole? Ganz genau....

Aber alles von Anfang an. Wir schreiben das Jahr 1805. Geheimrat Goethe - man verwechsle diese Dienststellung, die einem Minister gleich kommt bitte nicht mit "Geheimagent" - wird also von seinem Herzog und Freund Carl-August mit der heiklen und bereits geschilderten Mission betraut. Als Motivation des Herzogs muss seine Sorge um das Wohlergehen seines "Thüringischen Athens" angenommen werden, da es Napoleons Eroberungsplänen leicht zum Opfer fallen könnte. (Tatsächlich ist Weimar später auch nur "um ein Haar" der Brandschatzung durch napoleonische Truppen entgangen...). Ziel des Herzogs ist vornehmlich die Restauration der Bourbonischen Monarchie, da es dem einzigen Sohn Ludwigs XVI., Louis-Charles, unter der Mithilfe des Polizeichefs Barras gelungen sein soll, unter Vortäuschung seines Todes aus der republikanischen Gefangenschaft zu entkommen.

Goethe stellt seine "Crew" zusammen: Sein enger Freund Friedrich von Schiller (erinnern wir uns....1805 war doch auch das Todesjahr Schillers...) und -- welch Zufall, da er doch gerade in Weimar weilt -- Alexander von Humboldt als Weltreise-erfahrenen "Scout". Unterwegs stoßen noch Achim von Arnim und dessen Zukünftige, Bettine Brentano zu der illustren Gesellschaft. Und da ist noch jener junge Soldat, der Goethe schon in Weimar nachstellt, um ihm sein Drama schmackhaft zu machen, auf dass Goethe es auf Weimars Theaterbühne groß herausbringe. Das Drama - wie sich später herausstellt -- ist kein geringeres als Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Und tatsächlich, Goethes immer wiederkehrende Schramme unter seiner Perücke erinnert doch fatal an Dorfrichter Adams Blessur, die von besagtem Krug her stammte....

Es gelingt den Dichtern und Denkern tatsächlich unerkannt in das besetzte Mainz einzudringen und den vermeintlichen Dauphin rasch zu befreien, doch gestaltet sich die anschließende Flucht um so schwieriger und langwieriger. Dass dabei natürlich nicht alles so "glatt" läuft wie gedacht und dass das Ende in Weimar natürlich noch nicht das Ende der Geschichte ist, macht diesen kurzweiligen Roman doch lesenswert.

Aber ein paar VIPs zusammengewürfelt mit ein paar literarischen Zitaten, verstrickt in eine abenteuerliche -- aber zugegebenermassen weit hergeholten -- Handlung machen noch keinen guten Roman aus. Natürlich ist es besonders schwer, diesen Ikonen der deutschen Geisteskultur Leben einzuhauchen. Doch die Charaktere sind mir persönlich bei Robert Löhr doch leider etwas zu blass geraten. Am Anfang wird uns kaum Zeit gelassen, die Hauptpersonen richtig kennenzulernen. Humboldt ist ein ganz besonders gutes Beispiel für dieses Manko. Vergleicht man seine Darstellung mit der aus Daniel Kehlmanns genialem Meisterwerk "Die Vermessung der Welt", hat man das Gefühl es hier nur mit einem nichtssagenden Abziehbild des Kehlmannschen Sonderlings und Ausnahmeforschers zu tun zu haben. Und überhaupt, wenn Goethe und Schiller fortwährend sich selbst zitieren, so mag das zwar für die Literaturrecherche des Autors spechen, macht aber die Dialoge nicht wirklich glaubwürdiger. Natürlich zaubert es uns ab und an ein Lächeln um die Lippen, wenn das ein oder andere Bonmot fällt, das uns noch aus zähen Deutsch- und Lektürestunden nachhängt. Aber näher bringt es uns die beiden nicht - und menschlicher macht sie das ganz und garnicht.

Nichtsdestotrotz habe ich die Lektüre dieses Buches sehr genossen. Kurzweilig geschrieben und spannend, so dass man einfach dranbleiben musste. Für einen derzeitigen Wahl-Weimarer (es heißt nicht "Weimaraner", denn das ist der Name für eine Hunderasse...) wie mich macht die Schilderung des Goetheschen Weimars und des thüringer Umlandes natürlich auch einen beträchtlichen Teil des Charmes dieses Buches aus.

Fazit: kurzweilige Lektüre für alle, denen Schiller und Goethe im Deutschunterricht immer fremd geblieben sind und eventuell eine Chance, diese erstmalig kennenzulernen....vielleicht auch, um tatsächlich einmal selbst einen Blick in deren reichhaltige Hinterlassenschaft zu werfen....

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Freitag, 1. Februar 2008

Aschenbrödel bekommt etwas lädierten Prinzen - Charlotte Bronte: Jane Eyre

Es gilt vielen ja als eine Art "Kultklassiker" des Feminismus, andere (wohl eher Vertreter des männlichen Geschlechts) sehen in der biographischen Geschichte des Waisenkindes Jane Eyre eher eine "Schmonzette" allererster Güte. Aber beide haben meines Erachtens nach Unrecht. Jane Eyre ist ein ganz besonderer Roman, der mich schwer beeindruckt hat, und ich werden gleich ausführen, warum.

1847 ist das Buch von Charlotte Brontë erschienen, im selben Jahr übrigens, in dem ihre Schwester Emily ihre weltbekannte "Sturmhöhe" veröffentlichte. Um sich als Frau nicht den Vorurteilen der frühviktorianischen Kritiker und Rezensenten auszusetzen, veröffentlichte Charlotte ihr Werk zunächst unter dem unverfänglichen Pseudonym "Currer Bell". Die Brontë-Schwestern (Charlotte, Emily, Anne und es gab da auch noch mindestens einen Bruder -Branwell...) sind eine interessante literarische Erscheinung des 19. Jahrhunderts, die die Belletristik ihrer Zeit nachhaltig geprägt haben.

Aber kommen wir zuerst auf die Geschichte "Jane Eyres" zurück. Jane wächst als kleines Mädchen bei ihrer Tante, der Witwe Reed und deren drei Kindern auf. Auf dem Sterbebett nahm ihr der seelige Mr. Reed das Versprechen ab, das Kind seiner verstorbenen Schwester, das unter seiner Obhut stand, aufzunehmen und zu pflegen, als wäre es ihr eigenes Kind. Aber wie es meistens ist, natürlich wird das Waisenkind nicht mit der gleichen Liebe umsorgt, eher das Gegenteil ist der Fall. Die kleine Jane, gerade einmal 10 Jahre alt, ist allerhand Schikanen ausgesetzt, die darin gipfeln, dass ihre Tante beschließt, das Kind in das strenge Internat "Lowood" abzugeben, was für Jane aber eher eine Erleichterung zu versprechen scheint.

Noch glaubt sich Jane dem unerfreulichen Hause Reed entronnen, doch Mr. Bocklehurst, Geistlicher und Kurator Lowoods, brandmarkt Jane gleich am ersten Tag vor den Lehrerinnen und allen anderen Mitschülerinnen als Lügnerin. Bei ihren Mitschülerinnen allerdings verschafft die erniedrigende Strafmaßnahme für Jane sogar Pluspunkte. Die Mädchen müssen -- auf Bocklehursts Geheiss -- in Lowood mit altertümlicher und unzulänglicher Kleidung vorlieb nehmen. Schlechtes und knapp gehaltenes Essen und die Kälte rufen schließlich eine Typhus-Epidemie hervor und Herr Bocklehurst, dessen Frau und Tochter im strengen Gegensatz zu den Schülerinnen Lowoods in Prunk und Protz auftreten, muss als Kurator zurücktreten. Jane gewinnt eine liebenswerte und intelligente Freundin, die allerdings schon bald von der Schwindsucht dahingerafft wird. Schließlich findet sie in der Erzieherin Miss Temple ein Vorbild, das sie verehrt und dem sie nacheifern kann. So wird sie am Ende sogar selbst Lehrerin.

Als Miss Temple heiratet und die Schule verlässt, hält es auch Jane nicht mehr in Lowood und sie bewirbt sich auf eine Stellenanzeige als Gouverante in einem vornehmen Haushalt. "Thornfield" ist der Name des Herrenhauses, das einen neuen Abschnitt in Janes Leben einläutet. Dort soll sie sich um das Mündel des unverheirateten Mister Rochester kümmern, den sie zunächst erst einmal nicht zu Gesicht bekommt. Als er auf der Bildfläche erscheint, wird er als roh und mürrisch, von athletischer Statur und im eigentlichen Sinne alles andere als "schön" beschrieben. Aber es wäre ja auch ein Wunder, wenn es der klugen Jane nicht gelänge, auch den spröden Mister Rochester für sie einzunehmen. Als eine vornehme Gesellschaft für einige Zeit in Thornfield zu Gast ist, erlebt Jane, wie Mr. Rochester dem schönen Fräulein Ingram den Hof macht und jeder glaubt, dass sie es sein wird, die einmal die zukünftige Mrs. Rochester werden wird. Währenddessen gehen aber auch geheimnisvolle Dinge vor. Stimmen aus dem Obergeschoss, Mr. Rochesters Bett wird von einem Unbekannten in Brand gesetzt und Jane gelingt seine Rettung in letzter Sekunde. Ein alter Freund von Mr. Rochester wird von einer Person aus den oberen Stockwerken schwer verletzt. Eine verzwickte Situation, deren Aufklärung sich lange hinzieht, die aber nichts desto trotz in einem Eklat mündet, der Janes Leben wieder in eine völlig neue Richtung wirft.

Wieder beginnt sie ein neues Leben und wieder gelingt es ihr, eine neue Situation zu meistern. Aber diesen und den noch folgenden Teil der Geschichte darf ich an dieser Stelle nicht preisgeben, da ich sonst die Spannung völlig zunichte machen würde.

Was mich nachhaltig an Charlotte Brontës Roman begeistert hat, ist die Liebe zum Detail, mit der sie ihre Figuren zu gestalten weiß. Ausgefeilte Dialoge, emotionale Schilderungen von Situationen und Geschehnissen, eine ausgesuchte Sprache und die wunderbare Langsamkeit der viktorianischen Erzählkultur. Dabei weht auch ein gehöriges Stück von "Gothic Novel" durch die Seiten, auch wenn bis auf eine "Telepatie-Episode" (zugegebenermassen ist meine Benennung dieser Szene etwas weit hergeholt...) am Ende alles eigentlich mit "rechten" Dingen zugeht. Man fiebert in allen Umständen zusammen mit der unscheinbaren, explizit als "nicht hübsch" dargestellten, aber intelligenten Jane mit, die es immer wieder schafft, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Niemand soll über sie und ihr Leben bestimmen, wenn sie es nicht will, und das auch nur zu ihren Bedingungen. Hart....zugegeben....aber konsequent. Dazu kommen natürlich allerlei glückliche Fügungen und zum Ende gar ein 'viktorianisch' übliches Happy Ending. Aber obwohl Handlung und Figuren in einer uns allzu fernen Epoche spielen, erscheint uns Jane als "eine von uns". Sie ist emanzipiert (auch wenn es das Wort in diesem Zusammenhang zu dieser Zeit noch gar nicht gab) und das Buch kommt auch keineswegs moralisierend oder mit allzuviel and Gesellschaftskritik oder Zeitkolorit daher. Vielmehr ist es eine mehr oder minder zeitlos schöne Geschchte.

Fazit: Ein beeindruckendes Buch, für das man sich Zeit und Muse nehmen sollte. Speziell etwas für Leseratten und tatsächlich ein wahres Kontrastprogramm zu den "Sturmhöhen" der Schwester Emily. Lesen!!

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Sonntag, 27. Januar 2008

Schein oder Sein - Ian McEwan: Abbitte

Alles ist nur eine Frage des Standpunkts. Eine Frage des Blickwinkels und des sich daraus ergebenden Kontextes. So kommt es auch, dass das Schicksal zweier Menschen einen dramatisch anderen Verlauf nimmt, da vom Standpunkt eines Kindes aus gesehen, die zugegebenermassen unglückliche Verkettung der Umstände und Dinge 'auf 'falsche' Weise interpretiert wurden.

Briony Tallis ist der Name des Mädchens, das die Schuld an der ganzen 'Misere' trägt, die sich im Verlauf der Handlung von Ian McEwans Roman 'Abbitte' ergibt. Die Handlung spielt in den 30er Jahren der Vorkriegszeit in England. Wir erleben einen Sommertag auf dem Anwesen der Familie Tallis. Briony verzweifelt an den Vorbereitungen der Inszenierung eines selbstgeschriebenen Theaterstücks (ein kitschiges und naives Ritter-rettet-und-heiratet-schöne-Maid-Drama), das anlässlich des Besuchs ihres Bruders Leon von Briony, ihren beiden Cousins und ihrer Cousine Lola aufgeführt werden soll. Aber Briony hat sich zu viel vorgenommen. Lola und ihre beiden Brüder wurden bei der Familie Tallis untergebracht, da sich ihre Eltern gerade in der Trennungsphase befinden. Dementsprechend angespannt stellt sich das Nervenkostüm der Kinder dar und Briony muss schließlich ihre Pläne für den Abend aufgeben. Fau Tallis, Brionys Mutter, liegt mit Migräne im Bett und verfolgt die Vorgänge im Haus blind im Dunkeln und ausschließlich aus den Geräuschen heraus, die sie von ihrer Ruhestätte wahrnimmt. Brionys Vater, ein hoher Regierungsangestellter, verbringt seine Tage in London, vermutlich mit einer Geliebten.

Von ihrem Zimmer aus beobachtet Briony eine Szene am Brunnen im Garten zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und Robby, dem Sohn einer Hausangestellten. Cecilia möchte eine kostbare, ererbte Vase am Brunnen mit Wasser füllen, die im Laufe des Disputs mit Robby (der schon lange in Cecilia verliebt ist) zu Bruch geht. Cecilia lehnt Robbies weitere Hilfe entschieden ab, und entledigt sich zur Bergung der kostbaren Scherben ihrer Kleidung, um in nahezu durchsichtiger Unterwäsche in den Brunnen zu steigen und unterzutauchen. In Brionys überspannter Phantasie gibt es für das Gesehene zunächst keine Erklärung.

Auch Robbie, der zusammen mit den Tallis-Kindern Cecilia, Briony und Leon aufgewachsen ist, ist zum Abendessen im Hause Tallis eingeladen. Um sich zu entschuldigen will Robby einen Brief schreiben, den er Cecilia noch vor dem Abend zukommen lassen will. Aber er tippt auf seiner Schreibmaschine nicht nur einen Entschuldigungsbrief. Die erste Fassung vielmehr ist in kurzen, nahezu brutalen Worten Ausdruck seines Verlangens und seiner Begierde nach Cecilia. Natürlich verwirft er diesen Brief und tippt noch eine gesellschaftlich 'korrekte' Version. Aber mit der Verwechslung der beiden Briefe nimmt das Drama seinen Lauf.

Auf dem Weg vom Gärtnerhaus zum Herrschaftshaus trifft Robbie Briony und übergibt ihr den Brief an ihre Schwester. Aber Briony öffnet den Brief und ist von seinem Inhalt schockiert. Robbie erscheint ihr als 'gefährliches Monster', das gestoppt werden muss. Aber sie gibt den Brief ihrer Schwester. Anstelle sich schockiert abzuwenden, findet sich Cecilia in ihrer Liebe zu Robbie bestätigt...auch wenn dieser Mesalliance keine große Zukunft beschieden sein wird. Währenddessen beginnt das Abendessen. Zu Gast ist auch noch ein Freund Leons, ein steinreicher Schokoladenfabrikant. Aber da sind auch noch die Zwillinge und Lola. Aus Verzweiflung über die bevorstehende Trennung ihrer Eltern beschließen die Zwillinge fortzulaufen und die abendliche Gesellschaft bricht zu einer Suchaktion auf, in deren Verlauf es zur Katastrophe kommt. Lola wird vergewaltigt und Briony glaubt - auch wenn sie den Täter nicht wirklich erkennen kann, dass Robbie, das 'Monster', der Täter sein muss.

Robbie wird verhaftet, Cecilia bricht mit ihrer Familie, Robbie wird als einfacher Soldat in den Kriegsdienst verpflichtet. Und hier wirft uns der Autor direkt in das von den Deutschen eroberte Frankreich. Die englische Armee befindet sich im verzweifelten Rückzug nach Dünnkirchen und Robbie erlebt das Grauen des Krieges.Inzwischen ist auch Briony erwachsen geworden. Anstelle wie ihre Schwester zu studieren, verpflichtet sie sich als Krankenschwester.....um 'Abbitte' zu leisten. Auch sie hat erkannt, dass sie mit ihrer falschen Aussage damals ein großes Unglück heraufbeschworen hat.....

Natürlich werde ich hier nicht verraten, wie und ob sich der Knoten löst und wie die Geschichte enden wird. Ian McEwan ist auf alle Fälle ein bemerkenswerter Roman gelungen. Das besondere daran war für mich die Darstellung des Geschehenen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Kleine Indizien bilden für alle Beteiligten einen Kontext, der das Gesehene in völlig unterschiedlichem Licht erscheinen lässt. McEwans Figuren sind fein und mit großer Sorgfalt gezeichnet. Seine Sprache ist anspruchsvoll und wunderschön zu lesen (vielen Dank an die Übersetzer!). Und die Geschichte zieht einen schon nach wenigen Seiten ganz in ihren Bann. Der Leser fiebert mit den Figuren mit, versucht das Geheimnis dieser einen Nacht zu ergründen aus den Wahrnehmungen und Eindrücken der Beteiligten und versucht zu verstehen. Nicht umsonst gewann die Verfilmung kürzlich einen Golden Globe und errang eine Oscar-Nominierung.

Fazit: Eine großartig erzählte Geschichte, aber Vorsicht! Wer einfache und leicht zu lesende Lektüre erwartet, der muss sich hier schon ein wenig anstrengen. Dafür wird man aber mit einem Leseerlebnis erster Güte belohnt. Ein Roman, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe...

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Donnerstag, 24. Januar 2008

Kurze Kulturgeschichte des Lesens

Du bist, was Du liest. Zumindest möchte uns das die Verlagsindustrie glauben machen und heizt dazu die Leselust (wohl besser die Kauflust) ihrer Konsumenten an. Lesen ist heute natürlich "Lifestyle", d.h. die einen schmücken -- wie schon der Bildungsbürger früherer Jahrhunderte -- ihre Regale mit gewichtigen, aber oft ungelesenen Meisterwerken, die anderen stellen sich die aktuellen Bestseller ins Regal, um den Eindruck des intellektuellen, fortschrittlichen, kultivierten, hippen, zeitkritischen, emanzipierten oder einfach nur informierten Zeitgenossen zu erwecken.....und der damit verbundene Geschmack der 'Massen', der kann ja nicht so sehr daneben liegen.... Aber abgesehen davon, dass heute mehr Bücher gedruckt und verkauft werden, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, was wird denn tatsächlich noch gelesen....und wie lesen wir überhaupt?

Lesen heute orientiert sich -- und das weiss jeder aus eigener Erfahrung -- oftmals an anderen antrainierten Konsumgewohnheiten. Das Massenmedium Fernsehen mit seinen hunderten Kanälen wird heute anders konsumiert als zu der Zeit, als nur drei Kanäle zur Auswahl standen. Das 'Zappen' steht im Vordergrund und so haben wir auch das Lesen auf unzählige kleinste Happen aufgeteilt, die wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Zubettgehen oder in anderen spärlichen 'freien' Minuten zu Gemüte führen. Ein Buch 'am Stück' durchzulesen ist ein Luxus, den wir uns höchstens noch im Urlaub leisten können (außer, wir sind Lektor und werden dafür bezahlt). Aber das Lesen, wie wir es heute kennen, war nicht immer so, sonder hat sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr gewandelt. Grund genug, heute einmal einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte des Lesens zu werfen....


Ganz anders als wir es heute gewohnt sind, leise und im Stillen für uns alleine zu lesen, liegen die Ursprünge unserer an sich bürgerlichen Lesekultur im rezitativen, lauten Vorlesen. So war es zumindest seit der Antike im hellenistischen Zeitalter um das 3./4. Jahrhundert v. Chr. üblich. Zuvor galten Schriften höchstwahrscheinlich ausschließlich als reine Gedächtnisstütze. Die griechischen und römische Autoren der Antike beschreiben uns anschaulich die damalige Praxis eines langsamen und lauten Vorlesens, das aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen 'in Gesellschaft', d.h. zusammen mit anderen vorbehalten war.
So galt lange Zeit eine Anekdote aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus als Beleg dafür, dass das individuelle, leise Lesen nicht als 'normal' galt. Augustinus berichtet, dass er seinen Mentor, den Bischof Ambrosius beim leisen Lesen ertappt hätte, "wobei dessen Augen über die Zeilen geglitten seien, die Stimme jedoch habe geschwiegen (vox autem et lingua quiescebant)". Er drückt sein Erstaunen darüber aus und sucht nach Erklärungen. Allerdings gilt es heute immer noch als umstritten, ob Augustinus sich über das leise Lesen an sich oder nur darüber wundert, dass Ambrosius in Gegenwart seiner Schüler leise liest, obwohl diese sich von ihm Anweisung und Leitung erhofften.

Erst ab dem Hochmittelalter tritt eindeutig die Wende hin zum stillen, individualisierten Lesen ein. Einige Autoren stellen zwischen diesem stillen Lesen und den in diese Zeit fallenden, ersten Universitätsgründungen einen Zusammenhang her. Nicht nur, dass man durch das stille Lesen andere Kommilitonen in ihrer Arbeit nicht mehr stört, wichtiger vielleicht war die Tatsache, dass man niemandem mehr preisgeben musste, was man las.

In die Zeit des Spätmittelalters fällt auch die Erfindung der ersten Lesebrillen.
Waren bis zu diesem Zeitpunkt ältere Zeitgenossen auf das Wohlwollen und Vorlesen durch die Jüngeren angewiesen, konnten sie sich jetzt mit der neuen Sehhilfe ausgestattet, wieder selbst an das Lesen der Schriftwerke machen. In der Regel wurden Bücher zu dieser Zeit in lateinischer Sprache geschrieben. In der jeweiligen Volkssprache geschriebene Bücher bildeten eine rare Ausnahme. Daher zählten zu den ersten eifrigen Lesern der Stand der Geistlichkeit, da diese sich des Lateinischen für die gesamte Kirchenliturgie bedienten. Erst ab dem 16. Jahrhundert konnte sich langsam das Publizieren landessprachlicher Werke durchsetzen.

Danach setzte sich das Lesen zuerst in den Städten durch. Kaufleute, Akademiker und Juristen sahen es als eines ihrer Privilegien an, das sie vor der 'tumben' Landbevölkerung auszeichnete. Allerdings las man nur wenige Bücher, diese aber dafür oft ein Leben lang immer wieder. Zum bevorzugten Lesestoff zählte dabei natürlich besonders die Bibellektüre neben anderen erbaulichen Werken, denen vor allen Dingen eine auf das eigene Leben anwendbare Moral abgewonnen werden sollte.

Erst im 18. Jahrhundert kann ein Trend weg von den religiösen Titeln hin zur Belletristik (von [franz.] les belles lettres) beobachtet werden. Der Lesegeschmack veränderte sich hin zu weltlicher Thematik und es kam zu ersten Fällen attestierter "Lesewut", ein Übergang von der vormals intensiven Lektüre hin zu extensivem Leseverhalten, das im Lesehabitus des Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt findet.

Doch die Monopolstellung des Buches beginnt zunehmend zu schwinden.
Neue Medien -- Fotografie und Phonograph -- erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bildfläche, das Kino, Radio und insbesondere das Fernsehen schwächen zunehmend die Leselust. Die Vormacht des Papiers scheint fast vergessen, auch wenn heute mehr neue Bücher pro Jahr verlegt werden als jemals zuvor.

Weiterführende Literatur:

  • Hans-Joachim Griep: Geschichte des Lesens: von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005.

  • Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000.

  • Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006./li>


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Samstag, 19. Januar 2008

Zitierte Postmoderne - Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks

Eigentlich haben wir das alles doch schon mal irgendwo gelesen. Nein halt - das soll auf keinen Fall ein Verriss werden. Es geht vielmehr um die Tatsache, "dass jede Geschichte bereits schon mal erzählt" wurde und wenn wir eine neue Geschichte lesen, erkennen wir diese Versatzstücke wieder, aus denen der Autor schöpft, oder in denen wir eine andere Geschichte zu erkennen glauben, die wir schon gelesen haben und letztendlich erkennen wir vielleicht sogar uns selbst.

Marisha Pessls Erstlingswerk "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist eine wahre Schatzgrube an Zitaten und Referenzen - und das keinesfalls auf versteckte Art und Weise. Nein, Marisha Pessl folgt vielmehr dem Muster wissenschaftlicher Arbeiten und zitiert und referenziert was das Zeug hält. Abbildungen (selbstgezeichnete) sind sauber durchnummeriert und im Text wird jeweils darauf Bezug genommen und bald jeder dritte Satz endet mit einer (geklammerten) bibliografischen Angabe. Das klingt nicht unbedingt nach Lesevergnügen, sondern vielmehr nach einem anstrengenden und ermüdenden, immerwährenden Vor- und Zurück. Aber halt (schon wieder!), das Buch von Marisha Pessl ist wirklich etwas Besonderes! ... und dazu ein Lesevergnügen aller erster Güte!!

Aber worum geht es eigentlich? Blue van Meer (natürlich erinnert mich bereits der Name an Jan Vermer, diesen barocken Ausnahmemaler, der mit seiner Exaktheit der Lichtführung, der Farben und der Details jedesmal Erstaunen hervorruft...schon wieder ein Zitat) Blue van Meer ist ein Teenager im letzten Highschool-Jahr. Ihre Mutter starb bei einem tragischen Unfall als Blue noch ein kleines Kind war. Seither zieht sie mit ihrem Vater - Universitätsprofessor und Herzensbrecher - von einer Gastprofessur zur nächsten quer durch die Vereinigten Staaten. Natürlich fragt man sich, warum dieses ständige Umherziehen denn wirklich nötig sei.....aber wir werden sehen. Gleich zu Beginn erfahren wir -- eigentlich ist der Roman ja als Rückblick angelegt -- vom Tod einer Freundin -- Hannah Schneider -- die sich (anscheinend) selbst erhängt hat. Warum es soweit kam -- eigentlich werden wir es nie "vollständig" erklären können, aber wir werden Zeuge der Ereignisse aus Blues Sicht. Alles beginnt wie immer. Stockton, North Carolina, der Einzug in ein neues Haus, der erste Tag in der neuen Schule, Blue ist wieder einmal "die Neue". Allerdings mit einer ganzen Menge Vorschusslorbeeren, schließlich war sie bislang immer Klassenbeste. Nicht ohne Grund, denn wer hat schon einen Professor für Politikwissenschaft zum Vater, der die meiste Zeit damit verbringt, mit seiner Tochter durchs Land zu fahren und mit ihr die Literaturlisten seiner Vorlesungen und die Arbeiten seiner Studenten zu besprechen. Schon am ersten Tag in Stockton begegnen die beiden Hannah in einem Supermarkt. Wie sich später herausstellt, unterrichtet Hannah Filmgeschichte (wieder Stoff für endlose Zitate) an Blues Schule. Hanna hat einen illustren kleinen Zirkel von Schülern um sich geschart, die "Bluebloods", in den sie Blue einführt. Eigentlich passiert erst einmal recht herzlich wenig und man hat schon das Gefühl, man wäre in einer etwas besseren Version von "Beverly Hills 90210" gelandet, immer mit der Tendenz hin zu einer Art "Der Fänger im Roggen" (jawohl....schon wieder bibliografische Referenzen).

Aber bald schon wird alles anders und es gibt den ersten Toten, der Kopfunter in einem Swimmingpool treibt (...kennt Ihr den Anfang von Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung"?). Und ab jetzt wird alles mysteriös. Niemand ist eigentlich mehr ganz der, der er vorgibt zu sein. Jeder hat ein Geheimnis. Blues Freunde, Hannah....und natürlich auch Blues Vater. Alles gipfelt letztendlich in einem Camping-Ausflug der "Bluebloods" in einem Naturpark mit dem eingangs geschilderte Selbstmord Hannahs (oder war es etwa Mord...?!). Die Bluebloods machen schließlich Blue für den Tod Hannahs verantwortlich, aber gegen Ende gelingt es Blue, Irrungen und Wirrungen (zumindest teilweise) aufzulösen....und irgendwie passt dann auch alles wieder zueinander. Wie.....das sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Marisha Pessls Buch besticht durch seine sprachliche Qualität, die ihre deutsche Übersetzerin Adelheid Zöfel kongenial umzusetzen verstand. Statt einem Inhaltsverzeichnis der einzelnen Kapitel steht dem Buch eine Lektüreliste voran. Die einzelnen Kapitel des Buches sind mit den Büchern der Lektüreliste überschrieben. Ob man dabei die jeweiligen Bücher als Voraussetzung zum Verständnis der Kapitel betrachtet oder als interessante Ergänzung sei jedem Leser selbst überlassen. Zuminest besteht natürlich ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Kapitelüberschrift, Kapitelinhalt und dem jeweiligen Buchinhalt, sodass die Lektüreliste auf alle Fälle Lust auf das Lesen der vielleicht noch unbekannten literarischen Werke macht. Um dem Stil treu zu bleiben endet das Buch mit einem "Examen", das in Form eines Tests die wichtigsten Teile des Inhalt zusammenfasst und den Leser (humorvoll) auf die Probe stellt. Allerdings übertreibt es Frau Pessl manchmal mit ihren Metaphern, die eher an eine Fleissarbeit eines Kurses in "kreativem Schreiben" erinnern.
Mit der gleichen Unschuld, mit der sich die Trojaner um das eigenartige hölzerne Pferd scharten, das vor den Toren der Stadt stand, um dieses Wunderwerk der Handwerkskunst zu bestaunen, fuhr Hannah am Freitag, dem 26. März, unseren gelben Mietwagen auf den ungepflegten Parkplatz des Sunset Views Encampment und parkte auf Nummer 52.

Wenn man sich erst einmal auf Marisha Pessls Stil eingelassen hat, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir hat es auf alle Fälle einige spannende Tage in den Weihnachtsferien verschafft.

Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das den geneigten Leser voll in seinen Bann ziehen kann. Ein Zitatenfeuerwerk, das umso mehr gefällt, je mehr der zitierten Werke man tatsächlich kennt, und ein Werk, das Lust auf mehr macht und dem Leser auch gleich die entsprechende Lektüreliste (siehe Links) mitliefert. Lesen!

Links (Lektüreliste in Auswahl...):

Samstag, 5. Januar 2008

Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander -- Isabel Allende: Fortunas Tochter

Die Zeit um die Weihnachtsfeiertage herum lässt einem -- neben dem allgegenwärtigen Rummel mit der Verwandtschaft -- reichlich Zeit für die Lektüre. Das Buch, um das sich mein heutiger Beitrag dreht, hatte ich schon in der Vorweihnachtswoche angefangen und an den Feiertagen beendet, wobei es eigentlich dazu einlädt, die ganze Geschichte möglichst an einem Stück oder verteilt auf nur wenige Tage zu lesen...

Isabel Allende sollte ja nun jedem zumindest dem Namen nach ein Begriff sein. Die Nichte des ehemaligen, chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende gilt als eine der erfolgreichsten und meistgelesenen lateinamerikanischen Autoren. Für mich war "Fortunas Tochter" eine Premiere, denn zuvor kannte ich Allendes Romane nur aus dem Bücherregal meiner Mutter und stempelte diese generell erst einmal als "Frauenliteratur" ab. Daran konnte auch die wirklich packende und preisgekrönte Verfilmung des "Geisterhauses" (mit einem fabelhaften Jeremy Irons) nichts ändern. Aber, "Fortunas Tochter" kam kurz vor Weihnachten wieder zurück in unsere vier Wände, nachdem unsere Freundin Ellen damit recht stürmische Urlaubstage (Hurrican Noel) in der Dominikanischen Republik verbracht hatte. Nach den englischen Kurzgeschichten kam mir eine langer, unterhaltsam erscheinender, historischer Roman zur Abwechslung gerade recht.

Die Handlung beginnt in Valparaiso in Chile in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Findelkind Eliza wird von den Geschwistern Jeremy und Rose Sommers aufgenommen und erfährt eine wohlbehütete Erziehung. Bereits hier wächst Eliza zwischen den Kulturen auf. Auf der einen Seite die beiden englischen Emigranten: Jeremy, der lokale Repräsentant der British Trading Company, der für sich beschlossen hat, das Leben als Junggeselle zusammen mit seiner Schwester Rose im selbstgewählten Exil zu verbringen, nachdem Rose eine stürmische Liebesaffäre mit einem bekannten (aber verheirateten) Opernsänger zum Anlass genommen hatte, unverheiratet dem Schicksal einer alten Jungfer entgegenzusehen und jeden noch so attraktiven Freier abzuweisen. Rose nimmt das vermeintliche Indio-Mischlingsbaby Eliza bei sich auf Mama Fresia, die eingeborene Köchin auf der anderen Seite, sorgt dafür, dass Eliza die Welt ihres indianischen Ursprungs nicht vergisst.
Als eines Tages der kleine Angestellte der British Trading Company Joaquin Andieta eine Lieferung zu den Sommers überwacht, verliebt sich die 17-jährige Eliza in den mittellosen Jüngling...und es kommt, wie es kommen musste. Eliza wird schwanger, ohne dass Andieta etwas davon erfährt (...natürlich war er daran beteiligt...), da er versucht, sein Glück im gerade ausgebrochenen kalifornischen Goldrausch zu machen. Zu einer versuchten Abtreibung kommt es nicht und in ihrer Verzweiflung setzt Eliza alles auf eine Karte, um heimlich ihrem Geliebten in das verheissungsvolle Goldland zu folgen.
Die nächste Kultur, auf der wir im Buch stoßen wird von dem jungen, chinesischen Heilkundigen Tao Chien verkörpert, der seine früh seine Frau verloren hat und auf abenteuerliche Weise zum Koch auf einem Hochseeschiff "entführt" wurde. Eliza gelingt es, ihn anzuheuern, damit er ihr als blinden Passagier die heimliche Passage nach Kalifornien ermöglicht, wo sie sich auf die Suche nach ihrem Geliebten begeben will. Doch San Franzisko, der Schmelztigel, in dem 1848 all die Glücksritter der unterschiedlichsten Kulturen zusammenkommen, ist ein Tollhaus. Frauen gelten als eine Art Weltwunder, und um nicht Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, verkleidet sich Eliza als Mann und beginnt zunächst zusammen mit Tap Cjien ihre nahezu aussichtslose Suche. Weitere Stationen ihrer Reise sind gerade entstehende Goldgräberstädte und ein fahrendes Bordell in dem sie die Aufgabe des Klavierspielers und Koch übernimmt, bis sie nach langen Irrungen und Wirrungen wieder zurück nach San Franzisko findet, wo Tao Chien als Arzt praktiziert und Eliza ein Restaurant eröffnen wird.
Ob sie ihren Joaquin finden wird und wie die Geschichte endet, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Also, das Buch lässt einen wirklich an der Geschichte dranbleiben. Isabell Allende versteht etwas von der Erzählkunst, die ich auch schon bei einigen anderen lateinamerikanischen Autoren entdeckt habe (allen voran Mario Vargas Llossa, der mit seiner Tante Julia (Tante Julia und der Kunstschreiber, -> Lesebefehl!!) ein unvergessliches und augenzwinkerndes, abstruses und verwirrendes Meisterwerk geschaffen hat). Und Erzählen kann sie wirklich! Insbesondere die Schilderung der Wirren rund um den kalifornischen Goldrausch und die "forty-niner" haben mich in ihren Bann gezogen. Leider schafft sie es nicht, diesen Schwung bis ans Ende durchzuhalten. Das letzte Drittel des Romans erscheint vage, als hätte die Autorin keine rechte Lust mehr daran, ausführlich zu schildern, sondern als wäre sie nur noch bestrebt, die Geschichte endlich zu Ende zu bringen. Am Anfang nimmt sie sich noch die Zeit, die oft widersprüchlichen Facetten ihrer Figuren ausführlich zu charakterisieren. Gegen Ende jagt ein marginales Ereignis das andere, die zeitlichen Abstände der Kapitel werden immer größer. Aber trotz dieser Schwäche, macht die Lektüre dieses historischen Romans großen Spaß.

Mein Fazit: Ein prima Roman für eine regnerische und dunkle Woche, den man mit einer Tasse Tee und reichlich süßem Gebäck genießen kann. Zwar ist es nicht unbedingt der "große Wurf", aber es lohnt sich alle mal!

Links:

Montag, 31. Dezember 2007

Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson

Heute möchte ich mal eine Lanze brechen für eine Buchreihe, die mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Die wunderbaren Bändchen der Sammlung Dieterich aus der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung in LEIPZIG. Die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung ist Trägerin eines der ältesten Verlagsnamens Deutschlands. Sie wurde 1765 von Johann Christian Dieterich in Göttingen gegründet und konnte mit Johann Christoph Lichtenberg einen der bedeutendsten und bekanntesten Autoren seiner Zeit verpflichten.1937 begann Wilhelm Klemm, der das Verlagshaus 1927 erwarb, in Zusammenarbeit mit dem Philologen Rudolf Marx die Herausgabe der "Sammlung Dieterich", die nach dem 2. Weltkrieg in geteilter Form in Leipzig und Wiesbaden/Bremen weiter erschien.1982 erfolgte dann die Wiederbegründung der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung in Mainz.

Die englischen Kurzgeschichten (Band 56 der Sammlung Dieterich, die "schönen Taschenbände der Weltliteratur"), stammen aus der Leipziger Zeit, erschienen 1948. Die Bände haben ein ausgesprochen handliches Format (knapp größer als die bekannten Manesse-Bändchen), gebunden in Leinen mit Goldprägung und Lesebändchen, also wirklich sehr schön! Heute kann man die Bände in jedem ordentlichen Antiquariat finden, so auch z.B. bei den online-Antiquariaten ZVAB, booklooker oder aber auch besonders günstig bei ebay.

Bleiben wir aber bei den englischen Kurzgeschichten. Generell lese ich Kurzgeschichten, Short Stories, Novellen und andere epische Kurzformen ganz gerne. Die Kürze der Darstellungsform zwingt den Autor dazu, den Leser mit möglichst wenigen Worten mitten in das zu berichtende Geschehen hineinzuversetzen (Hemingway ist der absolute Großmeister der "wenigen Worte"...). Leider ist diese Gabe nicht jedem Autor gegeben, daher sind die wirklich guten Kurzgeschichten auch dünn gesäht. Der vorliegende Band mit 22 Kurzgeschichten chronologisch geordnet von Sir Walter Scott bis Robert Louis Stevenson bietet einen reichen Querschnitt der englischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter auch in Deutschland weniger bekannte Autoren, wie z.B. Thomas Crofton Crocker, Thomas Hood, Charles James Lever oder Richard Harris Barham. Allen voran aber Charles Dickens, der Meister der Schilderung mit der "Geschichte eines Handlungsreisenden", William Makepeace Thackeray, Antony Trollope, William Wilkie Collins oder aber auch Oscar Wilde. Viele der Geschichten machen vor allem Appetit auf mehr (insbesondere werde ich mir in nächster Zeit mal Wilkie Collins mit seiner "Frau in Weiß" und dem "Monddiamanten" vornehmen). Abgerundet wird das Ganze mit einem kleinen Anhang mit Anmerkungen und Erklärungen zu den einzelnen Geschichten. Neben den englischen Kurzgeschichten gibt es natürlich auch noch Bände mit französischen, amerikanischen und deutschen Kurzgeschichten, auf die ich bei Gelegenheit noch einmal zurückkommen werde.


Links:

  • Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson, Sammlung Dieterich Band 56, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung bei booklooker

  • Meine Bücher bei booklooker

Sonntag, 30. Dezember 2007

Barocker Bildungsthriller, die Zweite...

Die Zeit "zwischen den Jahren" verläuft glücklicherweise meist ziemlich ruhig. Die letzten Spuren des weihnachtlichen Familienchaos sind beseitigt und man macht sich so seine Gedanken über das zurückliegende Jahr. Meine Güte, es ist schon über einen Monat her, dass ich das letzte mal hier einen Beitrag verfasst habe...und ich bin dazu schon wieder drei Bücher im "Rückstand"...

Das letzte große Werk, dass ich noch vor Weihnachten beendet hatte, war Monaldis & Sortis "Secretum.", der zweite Band um das ereignisreiche Leben und die Abenteuer des Atto Melani, Kastrat und Geheimagent im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Große Erwartungen waren bereits durch die Lektüre des ersten Bandes "Imprimatur." geweckt, und wie so oft hat es ein Folgewerk schwer, diese hochgesteckten Ziele zu erfüllen. Aber dem will ich erst einmal nicht vorweg greifen.

Wir schreiben das Jahr 1700. Rom feiert (ein weiteres) heiliges Jahr, abertausende von Pilgern aus ganz Europa strömen in die heilige Stadt. Kardinal Spada, Staatssekretär des Kirchenstaates, richtet in seiner prachtvollen Villa die Hochzeit seines Neffen aus und unter den illustren Gästen finden wir auch den gealterten Atto Melani. Die schwere Krankheit des Papstes und das aus diesem Grunde bevorstehende Konklave machen dieses gesellschaftliche Ereignis zu einem politischen Event erster Güte, und Atto Melani versucht geschickt im Sinne seines Auftraggebers, des französischen Königs, die Fäden zu ziehen. Ebenfalls der namenlose kleinwüchsige Erzähler aus dem ersten Band findet sich als Gärtnergehilfe und Vogelmeister (der sich um die prächtigen Volieren des Kardinals kümmert) inmitten des Geschehens wieder. Melani heuert ihn als Gehilfen an, lässt ihn aber wie stets über seine wahren Absichten im Dunkeln. Neben der bevorstehenden Papstwahl geht es zudem auch noch um die spanische Erbfolge. Der spanische König liegt kinderlos auf dem Sterbebett und sowohl Kaiser Leopold (des heiligen römischen Reiches deutscher Nation) und der Sonnenkönig erheben Anspruch auf den spanischen Thron. Wir geraten erneut in eine wilde Verschwörung, bei der seltsame -- aber wohlorganisierte -- Bettlersekten, korrupte Polizisten, ein sprechender Papagei und eine Spukvilla den Rahmen für eine mitunter turbulente Handlung bieten.

Erneut ist die Handlung in den fiktiven Rahmen einer Korrespondenz zwischen dem (ehemaligen) Bischof Lorenzo dell'Agio, jetzt strafversetzt nach Rumänien (-> Anspielung auf Ovid) und dem Sekretär der Kongregation für die Heiligsprechung eingebettet (man verdächtigte den Bischof von Como, er hätte das Manuskript zu "Imprimatur" heimlich und ohne Zustimmung der Kirche veröffentlicht) und wieder geht es um ein Manuskript, das dem Bischof von seinen untergetauchten "Autorenfreunden" zugesandt wurde. Einheit des Ortes und Einheit der Zeit scheinen dem Autorenduo Monaldi und Sorti am Herzen zu liegen, beschränkt sich die Handlung erneut auf gerade einmal 10 Tage und der Ort des Geschehens ist größtenteils das Anwesen der Villa Spada und diesmal das "oberirdische" Rom. Die Protagonisten sind ebenfalls größtenteils bereits aus dem ersten Band bekannt, auch wenn dessen Handlung bereits 17 Jahre zurück liegt. Ebenfalls wird der Band mit HInweisen zu Originaldokumenten abgeschlossen, die die Authentizität der behandelten Fakten belegen sollen und zudem sehr interessant sind.

Eines muss man den Autoren lassen. Wenn sie etwas schreiben, dann schreiben sie es gründlich -- wie der geneigte Leser auf den mehr als 1000 Seiten des Romans erfahren mag. Durchaus kommt es diesmal auch zu einigen Längen. Natürlich sind die historisch untermauerten Schilderungen oft hochinteressant, aber einige "schräge" Details waren dann auch mir zuviel. So etwa der sprechende Papagei -- der natürlich auch nur spricht, wenn der Erzähler zugegen ist -- der der Richtung der Handlung mehrmals eine neue Ausrichtung gibt (...bei Raumschiff Enterprise waren diese "Kunstkniffe", die die Handlung an einem toten Punkt weiter bringen sollten, üblicherweise das "Beamen" oder eine "Subraumanomalie"...). Andererseits auch die seltsamen "Phantome" der Geistervilla, die als "il Nave" (das Schiff) bezeichnet wird mit ihrem seltsamen Bewohner, dem holländischen Geiger, der immer nur ein einziges Stück, eine "Folia" (Verrücktheit), spielt. So auch die Verschwörungstheorie mit den "Carretanern" (Bettler oder Ketzer....wer weiss), die für anscheinend jede Untat in der heiligen Stadt verantwortlich zeichnen. Alles eben durch und durch "barock".... Aber für mich diesmal ein wenig zuviel des guten. Bot der erste Band noch atemlose Spannung plus detaillierte Schilderungen des barocken Roms, fällt es den Autoren diesmal ziemlich schwer, die Spannung zu halten. Hinter der prallen und farbenfrohen Welt des barocken Roms bleiben leider erneut die Figuren leidlich blass. Insgesamt ist die Serie auf sieben Bücher angelegt, der dritte Band "Veritas" ist bereits erschienen. Allerdings hoffe ich, dass die Folgebände wieder etwas an Profil zulegen können. Zunächst einmal ist mein Bedarf an historischen Kriminalromanen für einige Zeit gestillt...

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