Samstag, 29. September 2007

Särge in Leinen und Leder - Reclam vs. Werksausgabe

Unglaublich, aber ich hänge einmal wieder 2 Wochen hinter der aktuellen Ausgabe der ZEIT zurück. Aber besser zu spät als nie. Ulrich Greiner beschreibt in seiner den Literaturteil einleitenden Glosse 'Särge in Leinen und Leder' (Die ZEIT, 38/2007) das 'Drama' der deutschen Gesamtausgaben. Kein deutscher Dichter und Autor (zum Teil auch schon die lebenden) ohne -- mitunter historisch-kritisch kommentierter -- Gesamtausgabe seiner Werke. Sie sind -- so Greiner -- der ganze Stolz ihrer Herausgeber, Verleger, aber auch Besitzer. Allerdings eignen sie sich nicht unbedingt als leichte Reiselektüre oder Reclamheftersatz für die Schullektüre der Tochter.

Zwiespältige Sache, aber im Bücherschrank macht sich das Prunkstück natürlich recht gut aus. Doch -- und das scheint das Schicksal der meisten Gesamtausgaben -- dient sie Zeit ihres Lebens doch eher als Repräsentations- und Dekorationsobjekt (siehe Möbelhäuser, Stichwort 'hohle' Gesamtausgaben), denn als Lektüre. Druckfrische Gesamtausgaben -- ebenso wie besonders prächtig ausgestattete -- haben in der Regel ihren (nicht zu unterschätzenden) Preis. Daher stammt eventuell wohl auch die Scheu, die Wertanlage durch häufiges Lesen zu 'zerlesen'. Ich würde auf alle Fälle einer Tochter den Band aus Lessings in Leder gebundener Gesamtausgabe (wohlmöglich noch mit Goldschnitt, etc.) nicht als Schullektüre mit auf den Weg geben. Erinnern wir uns doch mal an unsere Schullektüren. Die ganz vorsichtigen Zeitgenossen unter uns unterstrichen und kommentierten diese lediglich mit Bleistift. Aber welche Blüten die oft im Deutschunterricht gepflegte Langeweile treibt, zeigen die folgenden Cover-Kunstwerke aus dem Deutschunterricht aus der Ausstellung "Von Theodor Fontane zu Theodors Fontäne" (aus der Frankfurter Rundschau).

Andererseits, wer nicht unbedingt die aktuellste (historisch kritisch kommentierte) Gesamtausgabe eines (am besten schon verblichenen) Autors erwerben möchte, um diese tatsächlich zu lesen, dem sei -- wenn er seine Geldbörse schonen möchte und eventuell auch keine Bedenken gegenüber (ideologisch unbelasteter) Frakturschrift hat -- die Kategorie 'Bücher - Buchpakete, Werkausgaben, etc.' bei Ebay anempfohlen. Sicher, eine derzeit noch im Handel befindliche Gesamtausgabe wird auch nicht bei Ebay automatisch zum Schnäppchen. Gibt man sich aber mit einer zwischen 1900 und 1950 erschienenen Ausgabe zufrieden (wobei dann natürlich die noch lebenden Autoren ausscheiden müssen), gelingt es einem leicht, eine günstige Gesamtausgabe zu erwerben. Oftmals sind dann dabei die Portokosten höher als der Auktionspreis ;-)

Naja...ist das gute Stück erst einmal erworben, dann sollte es denn auch gelesen werden. Denn als Repräsentations- und Dekorationsobjekt sind Bücher doch viel zu schade...und das wissen auch die Möbelhäuser, denn dort sind die Dekostücke -- wie schon bemerkt -- innen hohl....

Samstag, 22. September 2007

Wie alt ist eigentlich die Welt..? - Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

Tja...wie alt ist denn nun eigentlich die Welt...? Und vor allem, wie kann man das überhaupt herausfinden? Wie kommt man darauf, ob es sich um tausende, millionen oder gar um milliarden Jahre handelt...? Dies ist eine der Ausgangsfragen, denen sich Bill Bryson -- eigentlich ja ein Reiseschriftsteller -- in seinem Bestseller 'A Short History of Nearly Everything / Eine kurze Geschichte von fast allem' widmet -- und diesmal nimmt er uns mit auf eine Bildungsreise. Fragen, die für ein grundlegendes Verständnis unserer Welt - und der Naturwissenschaften - unerlässlich sind, um deren Antwort wir uns in unserem Alltag aber kaum scheren.

Aber halt, das Buch bietet ja noch viel mehr. Es fängt tatsächlich mit DER WELT als Ganzes an, d.h. dem Kosmos (den schon Alexander von Humboldt als Titel für sein epochales Werk wählte...übrigens auch sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang auch Daniel Kehlmanns Roman 'Vermessung der Welt', der hier schon besprochen wurde). Es beginnt also mit dem Universum, unserem Sonnensystem, unserer und der Geschichte ihrer Entdeckung und 'Vermessung'. Wie groß ist die Welt? Eratosthenes von Kyrene lag im 3. Jahrhundert vor Chr. mit seiner ersten Abschätzung -- er verglich den Schattenwurf an zwei verschiedenen Orten und schloß darauf auf den Erdumfang -- gar nicht so schlecht. Von der Astronomie und Astrophysik führt uns Bryson auch in die Welt der kleinsten Dinge. Moleküle (und die Gesetzmäßigkeiten der Chemie), Atome, Quarks und Quantenmechanik sind ebenso dabei wie Einsteins Relativitätstheorie. Wir werden Zeuge der Entwicklung der Geologie als Wissenschaft und schließlich gelingt es uns sogar nachzuvollziehen, wie das Alter der Erde (und des uns bekannten Universums) abgeschätzt bzw. bestimmt werden kann. Eine kleine Frage zu deren Beantwortung diverse Wissenschaftsdisziplinen beitragen mussten, um sie zu beantworten.

Aber neben den Wissenschaften der unbelebten Dinge steht auch das Leben ansich auf dem Programm. Wie kommt es dazu, dass aus unbelebter Materie Leben entstehen kann und wie verlief die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten? Biologie und Paläontologie stehen ebenso auf dem Programm wie Carl von Linnés Taxonomie des Lebens (hier ein Blogbeitrag zum Thema aus more semantic...!) mit der er die systematische Erforschung der Vielfalt und des Artenreichtums unseres Planeten ermöglichte.

Und schließlich der Mensch. Darwin, der über seine Arbeiten über die Entwicklung der Arten die Grundlagen der Evolutionstheorie legte und der daraus entstehende Disput, ob der Mensch vom Affen abstammt. Auch der Neanderthaler und andere Vorfahren des Menschen werden uns nähergebracht. Aber das Buch versäumt auch nicht den mahnenden Zeigefinger zu heben, wenn im letzten Kapitel die vom Menschen verursachte Ausrottung ganzer Spezies angeprangert wird. Der Dodo auf Mauritius, dessen Existenz Ende des 17. Jahrhunderts ohne triftigen Grund komplett ausradiert wurde, so dass heute nurmehr 'Knochenfragmente' und ein Ei von ihm erhalten sind. Aber auch die zahllosen anderen Arten, die tagtäglich und ohne großes Aufsehen von unserem Planeten -- durch unsere eigene Schuld -- verschwinden. Nach der Lektüre des Buches sollte klar sein, dass man solch ein einmaliges und fragiles System wie unsere Welt mit Sorgfalt behandeln sollte, denn sonst sind wir vielleicht selbst schon bald Geschichte...

Eigentlich klingt die Beschreibung dieses Buches bis jetzt als wäre es nichts anderes als wieder einmal eine populärwissenschaftliche Darstellung der kompletten Naturwissenschaften. Aber Bill Bryson gelingt dies auf eine äußerst unterhaltsame Weise. Immer wieder werden wir aus der geschichtlichen Perspektive an die einzelnen Themen herangeführt. Und die Geschichte(n) einer Entdeckung oder Entwicklung sind mindestens genauso spannend wie diese selbst. Mehr noch, aus dieser historischen Perspektive erlebt man den Prozess der Entstehung neuer Wissenschaften und Theorien mit und verfolgt diese vom Standpunkt der Zeitgenossen aus. Das trägt zum einen wesentlich zum Gesamtverständnis bei und sorgt zudem auch noch für Unterhaltung -- zumal Bryson immer wieder mit entsprechenden (humorvollen) Anekdoten für Abwechslung sorgt. Besonders gefallen hat mir dabei immer die Beschreibung der (vornehmlich britischen) Exzentriker, die nebenbei auch noch große Naturwissenschaftler waren. Dabei lernen wir auch noch verstehen, dass jeder neue Theorie -- und sei sie noch so offensichtlich -- zunächst immer Steine in den Weg gelegt werden -- und das aus den verschiedensten Gründen.
Um noch einmal auf Alexander von Humboldt zurückzukommen...ihm zur Folge durchläuft jede wissenschaftliche Entdeckung drei Phasen: Als erstes wird allgemein abgestritten, dass sie wahr sein könnte, dann wird geleugnet, dass die Entdeckung irgendwie bedeutend sein könnte, und zu guter letzt wird sie der falschen Person angerechnet, die dafür gefeiert wird....

Fazit: Wenn man sich schon immer mal einen Überblick über die Naturwissenschaften verschaffen wollte -- und dabei auch an den beteiligten Wissenschaftlern als Person interessiert ist -- aber auch wenn man wissenschaftliche Anekdoten liebt, ist man mit diesem Buch gut beraten. Zudem -- und das ist bei populärwissenschaftlichen Büchern eher selten -- wartet das Buch mit einer fundierten Bibliografie auf. Ich selbst habe die englische Originalversion gelesen und fand sie wirklich sehr unterhaltsam. Also, auf alle Fälle lesen!

Links:

  1. more semantic...! : Taxonomy...it's a battleground

  2. more semantic...!: Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

  3. Rezension zu Bill Brysons Kurze Geschichte von fast allem in Literaturschock

  4. Rezension zu Bill Brysons Kurze Geschichte von fast allem bei perlentaucher.de


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Montag, 17. September 2007

Edgar Allan Poe: Das verräterische Herz

Schon immer haben mich die Geschichten von Edgar Allan Poe fasziniert. Schon als Kind, als ich sie noch gar nicht selbst gelesen hatte. Interessanterweise kam ich zu Poe über das Plattenregal im Kaufhaus. Dort stand nämlich ein überaus interessantes Album...ja, damals gab es noch 'Langspielplatten' (LPs) und anstelle des kleinen 'CD-Booklet' (in Zeiten von iTunes sicher auch bald nur noch eine schattenhafte Erinnerung...) war deren Verpackung oft wesentlich aufwändiger gearbeitet. So manches Album konnte man aufklappen und durchblättern. So auch dieses von 'The Alan Parsons Project' mit dem Namen 'Tales of Mystery and Imagination' (natürlich in Anlehnung an die Geschichten von Poe...übrigens ist dort Orson Welles zu hören, wie er Poe rezitiert...). Was mich daran faszinierte war weniger die Musik als die Fotos und die literarischen Referenzen im 'Album-Booklet', die allesamt auf berühmte Poe-Geschichten verwiesen. Auf alle Fälle für mich ein Glücksgriff, da ich daraufhin unsere Stadtbücherei nach allem auffindbaren Gedruckten von Edgar Allan Poe durchpflügte...

Das verräterische Herz ist dabei eine überaus spannende und emotional mitreisende Geschichte. Der Ich-Erzähler erzählt uns von einem Mord an einem alten Mann und wie er die Leichenteile -- insbesondere das Herz -- unter den Dielen des Hauses versteckt. Als die Polizei eintrifft, um Erkundigungen über ein eventuell begangenes Verbrechen einzuholen, kommt es zur Katastrophe....

Eine der eindringlichsten Geschichten Poes, die es auch schon als One-Man-Show im Theater zu sehen gab, und die auch als Hörbuch sehr zu empfehlen ist (insbesondere die in der Originalversion vorliegende 'Edgar Allan Poe Collection' [siehe unten] mit den beiden grandiosen wie genialen Sprechern Basil Rathbone und Vincent Price [der auch in zahlreichen Poe-Verfilmungen von Roger Corman gespielt hat]).

Der Grund, warum ich diese Geschichte heute als erste aufgreife, ist ein Foto-Projekt zum Thema Poe, das ich zusammen mit Anja im Oktober vergangenen Jahres begonnen habe. Es geht darum, die Geschichten Poes in Szene zu setzen. Aber natürlich nicht nur irgendwie... ;-) Die Idee dahinter ist die folgende: Nehmen wir das 'Verräterische Herz'. Der Ich-Erzähler wird von allen immer als 'männlich' gesehen, da die Geschichte ja auch von einem Mann geschrieben wurde. Aber das muss nicht so sein. Warum nicht einmal -- neben Poes bekannten Frauenfiguren -- auch die anderen Geschichten mit Frauen als Protagonisten umsetzen...? So geschehen mit der ersten Geschichte 'The Tell-Tale Heart' im August mit unserem Model Sara, die es verstand, trotz der Widrigkeiten (ein 2 kg Rinderherz, jede Menge Filmblut....und schließlich auch noch eine Blasenentzündung), die Stimmung congenial umzusetzen (siehe Foto).
...Wer mich auch jetzt noch für wahnsinnig hält, wird den Gedanken endgültig aufgeben müssen, wenn ich ihm erzähle, mit welch weiser Vorsicht ich den Körper verbarg. Die Nacht begann zu schwinden, und ich arbeitete in schweigender Hast...
Weitere interessante Kurzgeschichten stehen noch auf dem Programm und ich werde berichten....

Links:

  1. E. A. Poe: Das verräterische Herz in deutscher Übersetzung bei Projekt gutenberg.de

  2. E. A. Poe: The Tell-Tale Heart im Original

  3. The Tell-Tale Heart im 'The Poe Decoder' inkl. Interpretation, Materialien, weiterführender Literatur...


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Mittwoch, 12. September 2007

Wie Umberto Eco Unsterblichen bei der Berufswahl unter die Arme greifen würde: Elisabeth Kostova - Der Historiker

Es wird Herbst. Irgendwie führt jetzt kein Weg daran mehr vorbei. Alles Ignorieren hat ein Ende, wenn der (sonst gepflegte) Rasen in einem braunen Blättermeer zu ertrinken droht und die überreifen Eicheln und Kastanien es nahelegen, die (manchmal noch sonnigen) Alleen nur noch mit Schutzhelm entlang zu schlendern (...ihr glaubt gar nicht, was für eine Gewalt in solch einer herabfallenden Eichel -- Eichen können ziemlich hoch werden -- steckt...so geschehen an meinem ersten Tag hier in Potsdam...). Aber irgendwie passt dieses Wetter und diese Stimmung gut zu dem Roman, den ich heute besprechen möchte: Elisabeth Kostovas "Der Historiker".
Vollmündig als 'Bester Historienthriller seit Umberto Ecos Name der Rose' angekündigt hatte ich natürlich große Erwartungen in das Erstlingswerk Elisabeth Kostovas gesetzt, das den Mythos 'Draculas' in neuem Gewand erzählt.

Eigentlich beginnt alles recht harmlos. Die Erzählerin schildert Begebenheiten aus ihrer Kindheit in den 70er Jahren, in denen Sie mit ihrem Vater, einem Historiker, quer durch Europa reist. Als sie beim Stöbern in der väterlichen Bibliothek auf ein Bündel alter Briefe stößt (Bram Stoker lässt grüßen...), die mit den Zeilen "An meinen bedauernswerten Nachfolger" beginnen, gerät sie einem Geheimnis auf die Spur, das sie Zeit ihres Lebens verfolgen soll. Es geht zunächst um die Geschichte ihres Vaters, wie er in den 50er Jahren als Student versucht, dem mysteriösen Verschwinden seines Doktorvaters Professor Rossi (von dem die besagten Briefe stammen) unterstützt von dessen Tochter auf die Spur zu kommen. Als Historiker kam Prof. Rossi bereits in den 30er Jahren (3. Handlungsstrang) bei seinen Forschungsarbeiten mit der Geschichte um 'Vlad Tepes', dem Wojwoden der Walachei, dem Schrecken der Türken, genannt 'Vlad der Pfähler' besser bekannt als 'Vlad Dracula' in Berührung und geriet auf die Spur eines verhängnisvollen Geheimnisses...

Elisabeth Kostova führt uns bei ihrer 'Schnitzeljagd' quer durch Osteuropa. Jugoslawien, Ungarn, Bulgarien und die Türkei stehen auf dem Programm und man merkt deutlich, wie sehr der Autorin diese Weltgegend und ihre Bewohner ans Herz gewachsen sind. Dabei beschränkt sich die jeweilige Schilderung (mit Ausnahme des Handlungsstranges in den 30er Jahren) auf die kommunistische Ära, was sie nicht weniger liebenswürdig macht. Auch wartet der Roman mit einer Vielzahl (anscheinend wohlrecherchierter) historischer Fakten und Geschichten rund um Konstantinopel (die Eroberung der Stadt durch die Türken im Jahre 1453) und das alte Byzantinische Reich (als legitimer Nachfolger Roms) auf, die heute nicht unbedingt mehr zu unserem Bildungskanon zählen und daher mitunter hochinteressant sind.

Der fantastische Anteil des Romans (es geht ja schließlich um Vampire) hält sich dabei sehr in Grenzen, ebenso wie der Roman ohne großes Blutvergießen auskommt. Hauptgegenstand und Leitmotiv ist die 'Schnitzeljagd' nach Draculas Grab durch Bibliotheken, Klöster und Archive, die die Protagonisten aller Handlungsstränge und Zeiten durch ganz Osteuropa treibt und (Gott sei Dank) dabei (mehr oder weniger) auf dem Boden der Realität bleibt. Dennoch -- und das macht die ganze Sache sehr spannend -- geschehen mysteriöse Dinge, deren Aufklärung der Leser entgegenfiebert.

Dracula wird als historische Persönlichkeit geschildert ebenso wie der tatsächlich existierende und in Osteuropa beheimatete Vampyrglaube (Untote, die an sich kein 'Blut' trinken sondern eher den Hinterbliebenen in der Art eines Albtraums erscheinen...siehe hierzu auch einen hervorragenden Vortrag aus der Abteilung Slawistik).
(ACHTUNG SPOILERWARNUNG:::JETZT NICHT WEITERLESEN) Als Dracula dann endlich in Erscheinung tritt.....wen wundert's.....ist er ebenfalls ein 'Historiker'. Womit sonst auch soll ein Untoter (=Unsterblicher) seine Zeit verbringen, als sich mit (teils erlebter) Geschichte zu befassen und dabei seiner Sammel- und Archivleidenschaft zu fröhnen. (SPOILERENDE:::HIER WIEDER WEITERLESEN)
Aber keine Sorge, es wird noch weitaus dramatischer.

Das Buch ist überaus unterhaltsam geschrieben, auch wenn mich dieses Cliffhanger-Konzept beim Abwechseln der unterschiedlichen Handlungsstränge irgendwann mal in den Wahnsinn treibt. Aber -- Kostova hat ganze Arbeit geleistet. Alle Handlungsstränge und Knoten werden zuverlässig und widerspruchsfrei aufgelöst -- eine Kunst, die nur die wenigsten Autoren mit solcher Leichtigkeit vollbringen, wie es hier der Fall ist. Das Buch macht eigentlich Lust auf mehr, d.h. auch auf einen Besuch in den dort geschilderten Metropolen Osteuropas (insbesondere Budapest und Istanbul). Der Vergleich mit Umberto Eco ist nicht ganz verkehrt. Kostova gelingt eine gute Mischung zwischen Thriller und Historie -- auch wenn sie es nicht mit Ecos sprachlicher Gewandheit und philosophischem Hintergrund aufnehmen kann. Aber das Buch hat keine Fußnoten (was ich persönlich bedaure, da ich ein großer Fan von Fußnoten bin und Hinweise auf Quellen und Fakten -- auch wenn sie manchmal wie bei Eco lediglich erfunden sind -- liebe).

Fazit: Der Historiker ist ein verdammt spannender Historien-Thriller nicht nur für Liebhaber des Phantastischen und verspricht auf alle Fälle einige lange (aber bestimmt nicht langweilige) Herbstabende. LESEBEFEHL! ... am Besten bei trüben Regenwetter vor dem offenen Kamin.

Links:

Sonntag, 9. September 2007

Bibliotheken als Kathedralen des Wissens

Im vorangegangenen Beitrag stand der verherende Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek mit ihrem weltberühmten dreigeschossigen Rokokosaal vor drei Jahren im Mittelpunkt. Aber rund um den Globus existieren zahlreiche weitere 'Büchertempel' in denen der bibliophilen und bibliothekarischen Leidenschaft Tribut gezollt wird. Im 'Librophiliac Love Letter' wurde eine ganze Foto-Galerie wunderschöner alter Bibliotheksbauten zusammengetragen, die einen ins Schwärmen geraten lassen.

Auch wenn ich nur die wenigsten dieser 'Kathedralen des Wissens' mit eigenen Augen gesehen habe, stehen sie doch als 'must-see' auf alle Fälle auf dem Besuchsprogramm, sollte es mich in einen der genannten Orte verschlagen...

Suzallo Library, Seattle, Washington

Biblioteca di Belle Arti Milano

Trinity College Library,
aka 'The Long Room', Dublin, Ireland
Biblioteca Geral de Universidade de Coimbra, Coimbra, Portugal

weitere Links:
  1. Das Buch und sein Haus - Mitteleuropäische Bibliotheksbauten von von Engelbert Plassmann, Christoph Seelbach und Philipp Mayr
  2. Ein Bildband der Fotografin Candida Höfer zum Thema BIBLIOTHEKEN (das Ganze auch noch garniert mit einem Vorwort von Umberto Eco):
    Candida Höfer, Umberto Eco: Bibliotheken, Schirmer/Mosel (2007), 272 Seiten (2009)
Kleiner Nachtrag:
Herzogin Anna Amalia Bibliothek,
Weimar (Foto: Bundesarchiv)
Am 24. Oktober 2007 wurde das historische Bibliotheksgebäude der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, das seit dem Brand am 2. September 2004 restauriert und neu eingerichtet wurde, wieder eröffnet. Zugleich stand der berühmte Rokokosaal ab Dezember 2007 wieder zur regelmäßigen Besichtigung offen. Bis allerdings die beschädigten Bücher restauriert bzw. wiederbeschafft werden können, soll es noch 30 Jahre dauern...

'Über die Vergänglichkeit des gedruckten Wortes', zum Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, aus dem Biblionomicon (03.09.2007)

Montag, 3. September 2007

Über die Vergänglichkeit des gedruckten Wortes...

Fast genau auf den Tag ist es jetzt drei Jahre her, dass am 2. September 2004 die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gebrannt hat. Es war ein lauer, spätsommerlicher Abend. Ich saß im Arbeitszimmer und habe an irgend einem Text gearbeitet, als ich einen Feuerwehr-Löschzug nach dem anderen durch die Stadt jagen hörte. Aber erfahren vom Brand habe ich erst durch Freunde am darauf folgenden Morgen, als Asche und halbverbrannte Blätter vom Wind in die Gärten geweht wurden. Eine der schönsten Bibliotheken der Welt und mit ihr zahlreiche Ölgemälde und über 50.000 Bücher sind im größten Bibliotheksbrand (in Deutschland) nach dem zweiten Weltkrieg verbrannt oder beschädigt worden. Zusätzlich kommen noch durch die Löschaktion verursachte Wasserschäden (34000 Bände mit Wasser- und Hitzeschäden, 28000 Bände mit Brandschäden, 46000 mit Ruß- und Rauchschäden...).

Just diesen Tag hat eine Allianz von mehr als 40 Bibliotheken jetzt zum »1. Nationalen Aktionstag zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts« ausgerufen. Doch nicht nur Feuer wird den Archivbeständen gefährlich. Vielmehr sind es Schimmel, Rost, Schädlinge, Säurefraß und andere chemische Vorgänge, die dafür sorgen, dass Schriftträger wie Papier oder aber auch neuerdings Datenträger (die zusätzlich auch noch von einer anderen Art der 'technologischen Amnesie' betroffen sind) dem 'Zahn der Zeit' zum Opfer fallen.

Bibliotheken seien -- so Goethe -- »Schatzkammern des Geistes« und ein »Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet«. Daher sollten wir dieses Kapital bewahren und dafür Sorge tragen, dass wir nicht eines Morgens aufwachen und mit leeren Taschen dastehen....

siehe auch:

Donnerstag, 30. August 2007

Famous First Words....

Vor einiger Zeit fand ich bei 'DIE ZEIT' (zum Glück steht das in Anführungszeichen...sonst wäre mir ein Platz bei Zwiebelfisch gewiss) ein elektronisches Quiz, das den Grad der literarischen Bildung (also die 'Belesenheit') testen sollte. Dazu werden der Testperson 22 Romananfänge in Form des jeweils ersten Satzes des betreffenden Romans präsentiert und es musste unter verschiedenen Alternativen der passende Roman dazu ausgewählt werden.
-> hier gehts zum ZEIT-Quiz

O.k. ... natürlich hat der erste Satz eines jeden Werkes eine besondere Bedeutung. Jeder Autor fängt nicht einfach an zu schreiben. Nein, meines Erachtens sind die ersten Sätze stets wohlüberlegt und wohlgewählt -- daher auch oft prägnant und populär.
Zumindest kennt doch jeder (Leser) die folgende Situation. Man steht in der Buchhandlung, in den Händen das Buch, von dem man irgendwo schon einmal gehört/gelesen hat bzw. das einem gerade ins Auge gefallen ist. Wie findet man etwas darüber heraus? Der Klappentext: in verkürzter Form wird hier eine Art plakativer 'Appetizer' abgefeuert, der einem den Mund wässrig machen soll und Lust auf das Lesen (respektive Kaufen) wecken soll. Naja ... natürlich kann man auf diese Weise etwas über das Thema und die (oftmals stereotypen) handelnden Figuren erfahren, aber einen richtigen Vorgeschmack gewinnt man damit noch lange nicht. Also......reinlesen. Manch einer schlägt zu diesem Zweck das Buch einfach mal in der Mitte auf und liest einige Absätze. Zugegebenermassen kann man dabei auch die langweiligste Stelle des Buches erwischen. Allerdings gewinnt man dennoch einen Eindruck vom Sprachgefühl des Autors (kann man es lesen / ist es zu flach / bleibt man ständig hängen / etc.).

Kompromiss: Der Anfang! Hier versucht der Autor den Leser zu fesseln und fährt gleich starkes Geschütz auf. Schließlich heist es ja 'dranbleiben' und lesen. Liest man den Anfang (also am besten gleich einige Seiten) des Romans bekommt man (a) einen Eindruck von den sprachlichen Fähigkeiten des Autors und (b) vom dramaturigischen Geschick des selben.
Der erste Satz selbst, der ist 'für die Ewigkeit' (zumindest kann er das sein, insofern er bei kulturellen Meilensteinen sogar zum geflügelten Wort avancieren kann).

Kommen wir auf das Quiz der ZEIT zurück. Leider -- so muss ich zu meiner Schande gestehen -- habe ich nur gut die Hälfte der dort abgefragten Romane gelesen. Und selbst bei den gelesenen konnte ich nicht immer eine korrekte Zuordnung treffen. BTW, der mir geläufigste Erstsatz aus dem Quiz war 'Nennt mich Ismael'....

Manchmal braucht es aber auch mehr als nur einen Satz....und manchmal wäre für ein solches Quiz der erste Satz auch zu verräterisch, da er den Titel bereits enthält. Daher war wohl auch der folgende außen vor (der mich, als ich ihn in einer Buchhandlung das erste Mal las, erst einmal tief Luft holen ließ...):
"Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.
Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita."


Links:

  1. englische Version des Quiz 'Famous Opening Lines' bei Microsoft Encarta
  2. Literatur in der ZEIT

  3. Vladimir Nabokovs 'Lolita' in der englisch-sprachigen Wikipedia

  4. 'Nennt mich Ismael' -- der Anfang von Herman Melvilles 'Moby Dick'



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Dienstag, 28. August 2007

Mehr Licht.... - Goethe hat Geburtstag


Johann Wolfgang von Goethe, Dichter, Theaterleiter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann, der bekannteste Vertreter der Weimarer Klassik feiert heute (28. August 2007) seinen 258. Geburtstag (zudem in seinem 175. Todesjahr). 


Grund genug für mich als 'Wahl-Weimarer' (Achtung, bloß nicht verwechseln: es heist nicht 'Weimaraner', denn das wäre die bekannte Hunderasse...) mich heute kurz dem Jubeltag unseres lokalen Dichterfürsten (der ja eigentlich aus Frankfurt kam) zu widmen. In Weimar stolpert ja man quasi bei jedem Schritt über etwaige Hinterlassenschaften des Gleichnamigen. Vom Goethe-Wohnhaus am Frauenplan über das Goethe-Gartenhaus im Ilmpark (von dem im Kulturhauptstadtjahr tatsächlich eine zusätzliche exakte Kopie angefertigt worden ist, da man befürchtete, das über 200 Jahre alte Original könnte die Besuchermassen nicht verkraften...wo steht die heute überhaupt??), Goethe hier und Goethe da. Selbst an einem Restaurant, das Goethe NICHT zu Lebzeiten besucht hat steht auf einer Tafel zu lesen: 'Goethe hat hier zwar nicht gegessen, das Bier schmeckt aber trotzdem'. Gibt es 'Goethe' eigentlich schon als eingetragenes Markenzeichen?

Meine erste Begegnung mit Goethe fand vor langer Zeit im deutschen Fernsehen (zu einer Zeit als es tatsächlich nur 3 Programme gab) statt. Friedrich Wilhelm Murnaus genialer Stummfilm 'Faust - eine deutsche Volkssage' weckte das Interesse an diesem phantastischen Stoff des 'Dr. Faustus' und seinem 'Erfinder'. Dabei -- und ich war ziemlich enttäuscht das zu erfahren -- stammte der Sagenstoff gar nicht von Goethe selbst sondern geht auf alte Volkssagen zurück. Zudem soll Goethe in seiner Jugend bereits Christopher Marlowes Dramatisierung des Dr. Faustus selbst im Theater gesehen (und sich ihrer bedient) haben (BTW, erfolgreich den Bogen zu Christopher Marlowe geschlagen ;-) wir haben im Urlaub das Hörbuch zu Leslie Silberts 'Marlowe-Code' gerhört...Rezension folgt). In der Schule musste ich mich -- wie sicher viele andere auch -- mit Goethes Gedichten aus 'Sturm und Drang' und 'Klassik' auseinandersetzen (Bedecke Deinen Himmel Zeus, mit Wolkendunst....). Mit Goethes Allzeit-Bestseller 'Werther' konnte ich mich lange nicht anfreunden. Zu getragen und aufgesetzt empfand ich dessen überschwängliche Gefühlswallungen (und zu dämlich sein selbstgewähltes Ende). Aber eigentlich ist der in wunderbarer Briefform geschriebene Roman wirklich ein 'großer Wurf'. In jungen Jahren konnte ich mich nicht in das Gefühlsleben des in etwa gleichaltrigen Werthers hineinversetzen. Zu verschieden und zu weit entfernt sind die Umstände der Zeit. Im vergangenen Jahr erlebte ich eine ausschnittsweise Lesung des Romans von und mit Andre Eisermann. Wirklich, der Mann versteht sein Handwerk. Nachhaltig bin ich von seinem Vortrag (und daher auch vom Werther) begeistert! Natürlich sollte an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass vor einigen Wochen Ulrich Plenzdorf, der Schöpfer der 'Neuen Leiden des jungen W.' (a.k.a. der 'rote' Werther, "Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen...") gestorben ist.

Nun denn, auch wenn Goethe und Schiller vor dem Weimarer Nationaltheater (...genau genommen ja vor dem Stumpf einer deutschen Eiche, die man auf der Rückseite des Denkmals bewundern kann...) derzeit aufgrund von Instandsetzungsarbeiten à la Christo verhüllt bleiben müssen (Foto folgt....was machen nun eigentlich all die Touristen, die sich sonst immer vor den beiden ablichten lassen), warten wir geduldig auf das nächste Jubiläum. 2009 feiert Friedrich Schiller seinen 250. ...

Links:

Mittwoch, 22. August 2007

Der Schlaf der Vernunft gebiert Monstren - Lion Feuchtwangers 'Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis'

Seit Jahren schon stand der etwas angestaubte Band in meinem Bücherregal (eine Ausgabe des Europäischen Buchclubs aus den 50er Jahren ...). Ziemlich dick - zugegebenermaßen...und nie brachte ich die rechte Muse auf, mich daran zu wagen. Als im vergangenen Jahr Milos Formans 'Goyas Geister' in den Kinos lief (und der Film in der 'Kulturstadt Weimar' anscheinend mal wieder überhaupt nicht auf dem Programm stand) nahm ich mir vor, die Lektüre nicht mehr weiter vor mir herzuschieben....und wurde mit einem äußerst kurzweiligen, interessanten und lehrreichen historischen Roman belohnt...
(...der neben dem Thema 'Goya' und den Umständen der Zeit nur wenig mit dem o.a. Film zu tun hat).

Francisco José De La Goya y Lucientes gilt als Wegbereiter der Moderne in der Malerei. Und Goyas Malerei bildet einen zentralen Bestandteil, um den sich dieser historische Roman herum entwickelt. Der Roman umfasst einen Zeitraum beginnend in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts bis hinein in das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Die französische Revolution und mit ihr der Geist der Aufklärung und Erneuerung treffen auf das rückschrittliche in seinen mittelalterlichen Traditionen verwurzelte Spanien. Aberglaube und Inquisition prägen noch immer das tägliche Leben.

Diese widersprüchliche Situation wird auch im Innenleben des Malers Goya offenbar. Seine innere Zerissenheit läßt ihn schwanken zwischen Verzweiflung und neuem Lebensmut, aus ihr bezieht er auch die Kraft für seine Malerei. Und er ist dabei eben diese auf den Kopf zu stellen mit seiner Wiederentdeckung der Farben und des Lichts. Aber es ist nicht die Malerei alleine, von der das Buch erzählt. Goyas zerstörerische wie leidenschaftliche Liebe zur Herzogin von Alba, ebenfalls von Höhen und Tiefen geprägt, seine Stellung als "Erster Hofmaler" Karls IV, die ihm (zunächst widerwillig) Einflussnahme auf Politik und Weltgeschehen gestattet und ihn in (nicht immer ungefährliche) Intrigen verwickelt, das Verhältnis zu seinen Freunden und der sich langsam einschleichende Wahnsinn in Gestalt von Visionen und Monstren.

Er ist ein sehr eigensinniger und komplizierter Mensch, dieser Goya, den Feuchtwanger in zahlreichen Details und Schattierungen schildert. Aber nicht nur er selbst, auch die anderen Hauptfiguren des Romans spiegeln diese 'Zerissenheit' wider. Die Herzogin von Alba - gleichzeitig eine strahlende Schönheit und bösartige Hexe, eine Grandessa des spanischen Hochadels und gleichzeitig die lebenslustige und erotische Maja. Die spanische Königin Maria Luise von Bourbon-Parma, die Gegenspielerin der Alba - hochintelligent aber mit den Gaben der Schönheit nur allzu spärlich ausgestattet - lenkt die eigentlichen Geschicke Spaniens und beherrscht damit auch ihren (als etwas vertrottelt beschriebenen) Gatten Karl IV. Manuel de Godoy, Goyas herzöglicher Freund und Gönner ist der Geliebte der Königin, mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den Vorteil Spaniens und seines Volkes...

Aber über allem stehen Goyas innere Konflikte und die Entwicklung seiner Malerei. Seine Auftragsportraits entsprechen nicht der zeitgenössischen Manier und haben vielfach eine verstörende Wirkung. Dennoch gewährt ihm seine Kunst Zutritt in die Kreise des spanischen Hochadels. Zunächst hat Goya kein Interesse an der Politik. Aber auf Drängen seines Assistenten Augustin willigt er ein, seinen Einfluss als Hofmaler auch für politische Ziele einzusetzen. Es ist seine Malerei, mit deren Hilfe er die die Missstände im Spanien der Inquisition quasi mit einem 'idioma universal' - einer Sprache, die von jedermann verstanden wird - anprangert.

Als die Beziehung zur Herzogin von Alba im Streit auseinanderbricht, verliert Goya sein Gehör. Isoliert von seiner Umwelt, eingeschlossen in seiner inneren Welt und ihren Monstren, findet er zu neuer Kunst abseits der herrschenden Tradition und verleiht dieser Ausdruck. Den Höhepunkt seines neuen Schaffens bilden die Caprichos - zahlreiche Radierungen, die als Karikatur verkleidet die Anmassungen und den Hochmut des spanischen Adels und die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der spanischen Inquisition anprangern. Natürlich gelangen die Caprichos in die Hände der Inquisition, die schon lange darauf bedacht ist, Goya ihrer Rechtsprechung zu unterwerfen....

Goya zählt als eines der Spätwerke Lion Feuchtwangers, das im amerikanischen Exil 1951 entstand. Eigentlich war noch ein weiterer Teil des Romans geplant, der jedoch nie erschien.
Persönlich hat mich der Roman sehr bewegt, da es Feuchtwanger meisterhaft versteht, die Entwicklung von Goyas inneren Konflikten, seinem Genie und Wahnsinn, derart plastisch zu schildern. Man wird zurückversetzt in das Spanien der Zeit der französischen Revolution und Napoleons. Hautnah erlebt man die verzweifelten Bemühungen eines Häufleins Wagemutiger, die sich dem Kampf der Aufklärung gegen die dunklen Schrecken der Inquisition verschrieben haben - und erlebt auch ihr Scheitern. Man wird Zeuge des Entstehens vieler Bilder und Radierungen Goyas und erlangt damit ein tieferes Verständnis und eine (zumindest für mich) neue Sichtweise seines Werkes. Zudem ist das Buch in einer herrlichen Sprache geschrieben.
Fazit: Ein großartiger (und anspruchsvoller) historischer Roman. Alles in allem kann ich das Buch allen nur wärmstens ans Herz legen!

Links:
  1. Goya im WebMuseum
  2. Goya im Prado
  3. Website zu Leben und Werk Goyas
  4. Feuchtwanger Memorial Library
  5. Rezension in Textem



Freitag, 10. August 2007

Harry Potter trifft Jane Austen und J.R.R. Tolkien - Susanna Clarke 'Jonathan Strange & Mr. Norrell'

Man stelle sich eine Welt vor, in der Zauberei nicht ungewöhnlicher wäre als der Anblick einer Dampflokomotive zur Zeit der industriellen Revolution. England gilt als die Wiege der Zauberei, die Ihren Höhepunkt im späten Mittelalter mit der Ankunft des 'Raven Kings' und seiner beinahe 300-jährigen Regentschafft erlebte. Dann -- so heisst es in den Chroniken -- kehrte dieser England den Rücken, und von da an ging es mit der Zauberei bergab. 


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die Zeit also, in die uns Susanna Clarke entführt, gibt es noch Zauberer in England ... aber dabei handelt es sich nur mehr um 'theoretische' Zauberer, d.h. man studiert die 'Geschichte der englischen Zauberei' genauso wie etwa Geschichtswissenschaften. Echte 'praktische' Zauberer, die existieren lediglich als windige Jahrmarktsattraktionen, die vornehmlich den Leuten das Geld mit Betrügereien und falschen Prophezeiungen aus der Tasche ziehen. 


In diese Zeit, in der 'wahre' Zauberei lediglich noch in Legenden und Mythen existiert, versucht der Sonderling Gilbert Norrell -- wie er ständig betont -- die Grundlagen einer 'modernen' englischen Zauberei zu etablieren. Norell ist ein seltsamer Kauz. Echte Zauberei lernt er vornehmlich aus Büchern, die er Dank eines ererbten Vermögens im ganzen Land nahezu restlos aufkauft. Nur sich selbst sieht er als berufen an, die schwierige Aufgabe als 'einziger' Zauberer Englands zu bewältigen -- und dass es dabei bleibt, dafür wird er mit Nachdruck sorgen. Aber Norell kann nicht verhindern, dass noch andere Zeitgenossen auftauchen, die eine gewisse 'Begabung' für Zauberei ihr Eigen nennen. Jonathan Strange, gut 20 Jahre jünger und das absolute Gegenteil Norrells entscheidet sich -- aus Ermangelung anderer Alternativen, inspiriert durch eine krude Prophezeiung...und um vor seiner Zukünftigen eine gute Figur zu machen -- ebenfalls dafür, sein Leben der altehrwürdigen Kunst der Zauberei zu widmen, und so kommt das ungleiche Paar -- Jonathan Strange und Mr. Norrell -- schließlich als Lehrer und Schüler zusammen.

Wirklich, man hat das Gefühl, einen der großen Romane Jane Austens zu lesen. So sehr gelingt es Susanna Clark, die Atmosphäre der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Zeit der napoleonischen Kriege und die Gesellschaft der englischen Aristokratie wiederaufleben zu lassen. Zugleich entführt sie uns in eine magische Parallelwelt, in der der 'Raven King' seine drei Königreiche -- in der diesseitigen Welt, dem Feenreich und am 'anderen Ende der Hölle' -- regiert. Aber die Moderne wirft bereits ihre Schatten voraus. Lange schon sind die Brücken in die anderen Welten abgebrochen, bis schließlich Mr. Norrell und Jonathan Strange die Türen eher notgedrungen und widerwillig wieder aufstoßen. Zauberei -- wenn sie denn tatsächlich zur Ausführung gelangt -- hat hier stets einen bitteren Beigeschmack. Ähnlich wie die Moderne und die Industrialisierung ihre Schattenseiten offenbaren, ebenso sind die Kollateralschäden und Abfallprodukte der Zauberei in der Welt und zollen ihren Tribut.

Als besonders gelungen empfinde ich die charakterliche Differenziertheit und Vielfältigkeit der von Susanna Clark beschriebenen Figuren. Alles ist vielschichtig, alles kann von zwei Seiten gesehen werden, nichts ist einseitig nur gut oder nur böse. Den Leser erwartet eine wunderbare Welt, die fest im Gefüge des 19. Jahrhunderts verankert steht. Historische Persönlichkeiten (Wellington und Napoleon) und Begebenheiten (napoleonischen Kriege, Kontinentalsperre, Waterloo) tragen wesentlich zum Verlauf der Handlung bei und werden originell und sorgfältig in das Geschehen eingebettet.
Am Ende, auch wenn die 'große Schlacht' erfolgreich geschlagen scheint, bleibt doch stets ein etwas bitterer Nachgeschmack auf der Zunge und Susanna Clarke entlässt ihre Helden in eine ungewisse Zukunft.

Ich kann das Buch (in der englischen Originalversion) nur wärmstens empfehlen! Leider kenne ich die deutsche Übersetzung nicht -- aber ich gehe einmal davon aus (bzw. hoffe sehr), dass der (oder die) Übersetzer(in) das Sprachgefühl Susanna Clarks übernommen und entsprechend ins Deutsche übertragen haben (Kommentare sind an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht!).

Fazit: Wer die Romane der Brontës oder Jane Austens liebt und sich auf diese vielschichtig gezeichnete Parallelwelt der Zauberei einlässt, für den wird der Roman zu einem wahren 'Lesefest'!

Links:
  1. Jonathan Strange's Website (deutsche Version)
  2. The Daily Raven, newspaper from March 9th, 1809, (THE OFFICIAL PAPER OF RECORD TO JONATHAN STRANGE AND MR NORRELL)
  3. Susanna Clarke at Bloomsbury Website
  4. The friends of English Magic (Forum)