Sonntag, 15. Mai 2011

Liebesleid und Standesschranken - Theodor Fontane 'Irrungen Wirrungen'

Ja, ich habe einmal wieder ganz tief in den Bücherschrank gegriffen und ein altes Buch hervorgeholt, von dem ich mir überhaupt nicht sicher war, dass ich es lesen sollte. Zugegeben, nach Fontanes 'Effie Briest', die mir tatsächlich gut gefallen hatte, war ich ob der Schaffensfülle dieses Autors doch etwas erschlagen. Außerdem sei ja Fontane, der übrigens approbierter Apotheker war, nach Aussage eines guten (nichtgenannten) Bekannten der wohl am meisten überschätzte Autor deutscher Sprache. Bevor aber nun die gesammelten Werke im Bücherschrank verrotten müssen oder schlussendlich bei ebay für einen Euro über den Tresen gehen, habe ich mir eines der dünneren Bändchen herausgesucht, um meine Meinung in dieser Hinsicht vervollständigen zukönnen....

So geht es also diesmal um Theodor Fontanes 'Irrungen und Wirrungen', erschienen 1888, eine Geschichte über die nichtstandesgemäße Liebe des Barons Botho von Rienacker zur kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene Nimptsch. Klingt kitschig, aber wir werden sehen...

Die Geschichte spielt in der Gründerzeit in Berlin in den 1870er Jahren. Lene lebt zusammen mit ihrer alten Pflegemutter in einem kleinen Häuschen bei einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Im Sommer hatte Sie bei einer Kahnpartie den Baron Botho von Rienäcker kennen und lieben gelernt. Doch anders als andere Romanheldinnen zu dieser Zeit ist sie realistisch genug einzusehen, dass der Standesunterschied alle romantischen Pläne zunichte machen wird, und das ganz im Gegensatz zum schwärmerischen und unreifen Botho.
"Jeder Stand hat seine Ehre" (Seite 27)
"Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen, und vor allem ich selber nichts weismachen."(Seite 41)
Bothos Familie aber hat andere Pläne mit ihm. Finanzielle Schwierigkeiten, so legt ihm sein Onkel nahe, lassen sich am besten lösen, wenn er endlich die reiche Cousine Käthe heiratet, die ihm ja eigentlich schon so gut wie versprochen wäre. So soll denn eine gemeinsame Landpartie zum letzten Höhepunkt in der Beziehung zwischen Lene und Botho werden, doch machen ihnen drei Regimentskameraden mit ihren Geliebten, die unangemeldet in die Zweisamkeit der beiden platzen, einen Strich durch die Rechnung. Der Standesunterschied wird nur allzu deutlich, so dass ein weiterer Umgang miteinander in der Öffentlichkeit ausgeschlossen scheint.
"Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte...Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen." (Seite 62)
Botho resigniert und trennt sich von Lene. Aber Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, zeigt Verständnis für Botho und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die oberflächliche Cousine und alles verläuft wieder in konventionellen Bahnen. Lene, die ihren ehemaligen Geliebten beim Gang durch die Stadt sieht, beschließt diesem jetzt besser aus dem Weg zu gehen. Ihrer "Vorgeschichte" zum Trotze findet Lene doch noch einen ehrlichen Mann, den Laienprediger und Fabrikmeister Gideon Franke. Franke sucht Botho auf, um sich über Lenes Beziehung zu ihm Klarheit zu verschaffen. Daraufhin verbrennt Botho alle alten Briefe Lenes, erkennt aber, dass er seine romantischen Erinnerungen und Gefühle dadurch nicht los werden kann...
"Er wog das Päckchen in den Händen und sagte, während er den Faden ablöste: Viel Freud, viel Leid, Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." (Seite 197)
"Und was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu Grunde gehen, aber er geht besser zu Grunde als der, der ihm widerspricht. (Seite 116)
Naja, wieder so eine Schmonzette aus dem 19. Jahrhundert mag man jetzt denken. Aber der Roman enthält für die damalige Zeit einiges an gesellschaftlichen Sprengstoff. Nicht notwendigerweise die damals als freizügig erachtete Liebesgeschichte, die die Standesdünkel in Frage stellt und ihnen widerspricht. Vielmehr ist es die moralisch überlegene Sichtweise des aus der sozialen Unterschicht stammenden Mädchens gegenüber dem standeshöheren Baron, die die Gemüter erregte. Dennoch wirkt die Geschichte heute etwas altbacken, da unsere Lebensrealität das Standesdenken der damaligen Zeit trotz aller heute noch bestehenden sozialen Gegensätze nicht mehr ganz nachvollziehen kann und die geschilderte Sozialromantik auf die Dauer etwas anstrengt. Was den kleinen Roman für mich aber doch wieder interessant gemacht hat, das war das Berliner Lokalkolorit, das dem Ortsansässigen von heute eine ganz andere Sichtweise auf die Stadt und ihre nähere Umgebung eröffnet.

Fazit: Nicht ganz zeitgemäße Liebesgeschichte, voll von Sozialkritik und Lokalkolorit. Interessant, aber sich nichts für jedermann.

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Freitag, 29. April 2011

Liebe, Tod und Zwillinge - Audrey Niffenegger 'Die Zwillinge von Highgate'

Also die 'Frau des Zeitreisenden', der letzte Roman von Audrey Niffenegger, war wirklich ein Sahneschnittchen im grauen Meer der Bücherbrühe, die mir in den letzten Jahren so um die Ohren geschwappt ist (die Rezension dazu gabs hier im Biblionomicon: 'Lost in Time'). Da waren die Erwartungen natürlich ganz beträchtlich, als ich vom Nachfolgeroman hörte. Aber da ich ja weiß, dass allzu große Erwartungen meist gar sehr enttäuscht werden, schwand mir die eigentliche Lust, das Werk zu lesen. Als dann der Zufall - sprich Weihnachten - das Buch auf den Gabentisch meiner Liebsten spülte, wuchs auch in mir wieder die Neugier, doch einmal einen Blick in das Buch zu riskieren....

Tja, wer einen großen Wurf vorlegt, hat es meist schwer, an den Erfolg anzuknüpfen, zumindest was die Qualität des Geschriebenen angeht, die ja nicht immer mit den erzielten Verkaufszahlen korrespondieren muss. Also wagte sich Audrey Niffenegger nach der verschwurbelten, kreuz und quer durch die Zeit erzählten, spannenden und liebevoll gestrickten Zeitreiseliebesgeschichte 'Die Frau des Zeitreisenden' in ihrem neuen Roman 'Die Zwillinge von Highgate' an ein neues Thema: Zwillinge(!).

Klingt jetzt nicht sonderlich spannend? Naja, es geht ja auch gleich um 2 Zwillinge. Nein, ich weiß, Zwillinge sind ja immer zu zweit. Es geht um zwei Zwillingspärchen: Elspeth und Edwina, sowie Edwinas Töchter Valentina und Julia. So. Und was erzählt man gerne, wenn es um Zwillinge geht? Geistergeschichten?!? Quatsch! Verwechslungsgeschichten á la Kästners 'Das doppelte Lottchen'. Naja....oder im vorliegenden Falle doch vielmehr beides. Aber alles erst einmal der Reihe nach.

Die Zwillinge Elspeth und Edwina leben seit vielen Jahren jeder ihr eigenes Leben, Elspeth in ihrer Heimat London und Edwina mit ihren beiden Töchtern Valentina und Julia in den USA, als Elspeth stirbt. In ihrem Testament vermacht Elspeth ihr am Londoner Highgate Friedhof (dort liegt übrigens auch Karl Marx begraben) gelegenes Haus samt bescheidenem Vermögen ihren beiden Nichten, den Zwillingen Valentina und Julia unter der Bedingung, dass die beiden für ein Jahr zusammen in Elspeths Wohnung leben müssen, die ihre Eltern (also Edwina) unter keinen Umständen während dieser Zeit betreten dürfen. So beginnt für das Zwillingspaar ein neues, aufregendes Leben in Übersee, d.h. in London, das so ganz anders ist als ihre gewohnte kulturelle Heimat in den USA.

Elspeth ist zwar tot, aber nicht ihr Geist, der an die engen Grenzen der eigenen, ehemaligen Wohnung gebunden versucht, sich mit dem 'neuen Leben' als gegenstandsloses Etwas zu arrangieren. Die Interaktionsmöglichkeiten mit der realen Welt gestalten sich für Elspeth als überaus schwierig, wenn nicht gar vollkommen unmöglich. Im Haus am Highgate Friedhof gibt es aber auch noch einige lebende Mitbewohner: Da ist an erster Stelle zunächst einmal Robert, Elspeths trauernder Lebensgefährte, der mit ihrem Tod nicht zurecht kommt und sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Dann das Pärchen Mareike und Martin. Mareike verlässt den hochgradig neurotischen Martin, der seit über einem Jahr keinen Fuß mehr über die Türschwelle der gemeinsame Wohnung nach draußen gesetzt hat und dessen Leben fast nur noch aus Zwangshandlungen und neurotischen Ticks besteht.

In diesen seltsamen Mikrokosmos geraten die beiden nicht minder seltsam anmutenden Schwestern Valentina und Julia, die ihre Tante zu Lebzeiten nie kennengelernt hatten. Dabei stoßen die beiden auf die Spur eines unerhörten Familiengeheimnisses, das verantwortlich dafür war, dass sich Elspeth und Edwina so plötzlich voneinander lossagen mussten.

Was mir an dem Roman gefallen hat, waren vor allen Dingen die reichlich kruden Charaktäre. 'Normal' ist hier eigentlich keiner. Elspeth ist ein Geist, der mit seinem aktuellen Zustand nicht wirklich zurecht kommt. Robert richtet sich vor Trauer fast zu Grunde und schlittert gleich ins nächste Wechselbad der Gefühle, als er sich in eine der Zwillingsschwestern verliebt. Martin scheitert an der 'normalen' Außenwelt und möchte seine Mareike zurück haben. Dabei kann er aber nicht -- was notwendig wäre -- über seinen eigenen Schatten springen. Und die beiden Zwillinge Valentina und Julia, die sind wirklich seltsam. Nichts können sie zunächst für sich alleine machen. Das komplette Leben erfolgt für sie stets im Doppelpack, auch wenn sich das Ganze zusehends problematischer gestaltet.

Diese Melange garniert Niffenegger mit einer skurilen Geisterliebesgeschichte und der Jagd nach einem Familiengeheimnis, das sich aber als irdischer erweist, als man zunächst meinen möchte. Alles in allem wird daraus ein athmosphärisch stimmiger, mit seiner Leichtigkeit bestechender Roman, der einem einen Besuch in London und insbesondere das Bummeln über alte Friedhöfe schmackhaft macht. Auch wenn das Buch gegen Ende hin zur Auflösung des Rätsels einige Schwächen zeigt, bleibt der Spaß am Lesen erhalten und man kann Frau Niffenegger bescheinigen, dass ihr ein hinreichend guter und nicht wirklich enttäuschender Nachfolger ihres großen Wurfs gelungen ist.

Fazit: Das 'doppelte Lottchen' meets 'Ghost', eine Zwillings-Geister-Liebesgeschichte mit skuril und liebevoll gezeichneten Charaktären, die durchaus lesenswert ist.


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Freitag, 15. April 2011

Kurze Geschichte des Buchdrucks (4): Der Buchdruck macht Geschichte

Würden sich die Auswirkungen von Gutenbergs Erfindung lediglich auf den philologischen und wissenschaftlichen Bereich erstrecken, würden wir heute wohl kaum von einer medientechnischen Revolution sprechen, die die Erfindung des Buchdrucks ausgelöst hat. Vielmehr war es die politische Instrumentalisierung des neuen Mediums, die nahezu verzugslos einsetzte, die zu einer die Geschichte umwälzenden, revolutionären Erneuerung und Veränderung führte.

Schon sehr früh wurde die gerade erst entwickelte Drucktechnik auch zum Zwecke politischer Propaganda eingesetzt. So erschien 1455 eine Flugschrift von sechs Seiten Umfang, der sogenannte Türkenkalender (”Eine Mahnung der Christenheit wider die Türcken“), in dem zu einem Kreuzzug gegen die Türken aufgerufen wurde, die kurz zuvor unter Sultan Mehmed II. im Jahre 1453 das vormals christliche Konstantinopel erobert hatten.

Ein besonders zahlungskräftiger Auftraggeber für auflagenstarke Kleinpublikationen war vor allem die katholische Kirche und die von ihr ausgegebenen Ablassbriefe. Durch den Verkauf dieser Schriftstücke versuchte die Kirche im 15. Jahrhundert ihre Finanzkasse aufzubessern, indem Sie gegen die Zahlung einer individuellen Gebühr den Ablass (die Vergebung) der begangenen Sünden versprach und mit dem offiziellen Ablassbrief besiegelte. Der Ablassbrief wurde dann bei der nächsten Beichte vorgelegt und erwirkte einen vollkommenen Erlass der auferlegten Sündenstrafen.
„Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt.“ (Johann Tetzel, 1460-1519), Ablassprediger)

Diese aus dem heutigen Blickwinkel fragwürdige Praxis stellte einen der Hauptkritikpunkte der Reformatoren - allen voran Martin Luther (1483–1546) - dar. Der Ablassbrief selbst war ein vorgedrucktes Formular, lediglich der Name des Sünders sowie Datum und Unterschrift des Ablassverkäufers wurden nachträglich von Hand eingesetzt (irgendwie erinnert mich das Ganze an die heute noch existierenden Vordrucke zur Einkommensteuererklärung...). Damit war dieses Schriftstück geradezu ideal geeignet für eine massenhafte Vervielfältigung. Frühe Ablassbriefe erreichten Auflagen von mehreren Tausend bis hin zu über Hunderttausend.

"Man lehre die Christen, daß wer dem Armen gibt oder dem Bedürftigen leiht, besser handelt, als wer Ablaß löst." (Martin Luther, These 43)

Die Reformation gilt als eine der Hauptprofiteure an der Erfindung des Buchdrucks. Insbesondere die Verbreitung der in die Volkssprache übersetzten heiligen Schrift spielte dabei eine entscheidende Rolle. Die erste vollständige deutschsprachige Bibel erschien bereits 1466 und stammte aus der Werkstatt des Straßburger Druckers Johannes Mentelin . Allerdings handelte es sich bei dieser ersten deutschsprachig gedruckten Bibel um eine eng an der lateinischen Vorlage angelehnten Übersetzung, die eigentlich nur mit Hilfe profunder Kentnisse der lateinischen Grammatik verstanden werden konnte. Insgesamt erschienen vor Luthers Bibelübersetzung 18 deutschsprachige Bibelausgaben, die allerdings nur eingeschränkte Verbreitung fanden. Dies lag sowohl an dem recht hohen Preis der einzelnen Ausgaben, sowie an der für viele unverständlichen, sich eng an die lateinische Vorlage anschließenden Übersetzungsart ”verbum e verbo“ (wörtwörtlich).

Zudem erhob die Kirche den alleinigen Anspruch auf die rechte Auslegung der heiligen Schrift und sprach diese den Laien ab. Erst die mit Luthers schöpferischer Kraft geschaffene, seinen eigenen Worten zur Folge sinngemäßen Übersetzung ("Non verbum e verbo, sed sensum e sensu") und seiner Aufforderung an die Laien, selbst die Bibel zu lesen, um zwischen der in der Bibel offenbarten Wahrheit und dem Handeln der katholischen Kirche unterscheiden zu können, verhalfen seiner Bibelübersetzung zu ungeahnter Resonanz. Von 1522 an bis zu Luthers Tod 1546 wurden mehr als 300 Bibelausgaben in deutscher Sprache mit einer Gesamtauflage von über 500.000 Exemplaren gedruckt. Damit entfiel ein Großteil der gesamten Buchproduktion jener Zeit einzig und allein auf Luthers Bibel. Zudem wurden seine reformatorischen Thesen und Schriften in Buchform und auf zahllosen Flugblättern gedruckt, so dass sich seine Ideen in Windeseile verbreiten konnten. Luthers Flugschriften wurden zwar lediglich in einer damals üblichen Auflagenstärke von ca. 500 Exemplaren gedruckt, sie fanden aber dennoch weitaus größere Verbreitung, da einzelne Exemplare an alle Städte und Gemeinden verteilt wurden und dort durch öffentliche Vorleser allen Interessierten zugänglich gemacht wurden.

Natürlich erkannte man schnell die ungeheuere Macht des neuen Mediums. Die Idee der Zensur und des damit verbundenen Publikationsverbots führte bald zum "Index", der Liste der verbotenen Bücher, von der hier im Biblionomicon bereits die Rede war ("Eine kurze Geschichte der verbotenen Bücher - Index Librorum Prohibitorum", 15. Nov. 2010).

[Weiter geht es hier demnächst mit Teil 5: Von der Inkunabel zum Bestseller]


Bibliografische Links:

Sonntag, 3. April 2011

Das Malen scheint genauer betrachtet weniger spannend als man allgemein meinen möchte - Elizabeth Kostova "Schwanendiebe"

Was habe ich mich gefreut, als ich den neuen Roman von Elizabeth Kostova schon vor einiger Zeit im Regal entdeckt hatte. Nach dem wirklich großartig gelungenen und atemberaubend spannenden 'Historiker' (hier im Biblionomicon besprochen "Wie Umberto Eco Unsterblichen bei der Berufswahl unter die Arme greifen würde...") nun ein weiterer Roman, der sogleich große Erwartungen weckte: "Die Schwanendiebe", eine Geschichte über....naja, anscheinend über Maler...

Soweit, so gut. Malen ist ja nicht für jedermann ein wirklich spannendes Thema. Und spannend möchte der Roman "Die Schwanendiebe" aber eigentlich auch gar nicht sein, und wenn doch...naja, dann hat Frau Kostova es leider nicht ganz geschafft, diese Spannung über die fast 700 Seiten der Geschichte wirklich zu halten. Spannung geht anders...und ich weiß, was spannend ist. Aber zuerst einmal zum Inhalt: Der Psychiater Andrew Marlow (erster Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Namen eventuell um eine Anspielung auf den berühmten Namensvetter handeln soll, mit der ev. sogar schon Spannung aufgebaut wird) ist ein verkappter Maler, d.h. eigentlich ist er ein ganz hervorragender Psychologe, aber die Malerei hat es ihm angetan und für einen Dilettanten malt er recht passabel. Ein Kollege bittet ihn darum, den Fall des hochbegabten Malers Robert Oliver zu übernehmen, der in der National Art Gallery in Washington mit einem Messer auf ein Bild losgehen wollte, aber noch rechtzeitig dabei durch das beherzte Eingreifen des Wachdienstes gestoppt werden konnte. Aber der Patient ist alles andere als kommunikativ und zeichnet in der Psychiatrie wie besessen immer wieder nur das Bild einer einzigen unbekannten Frau. Aufgrund der Besonderheit des Falls und Marlows Vorliebe für die Malerei, beschließt er, anders als für seine übrigen Patienten dataillierte Nachforschungen über das Leben Robert Olivers anzustellen, um hinter sein Geheimnis zu kommen.
"Es kommt mir so vor", sagte mein Vater und betupfte sich die Lippen mit seiner blauen Papierserviette, "als wären all die Bilder, die er malt, Teil seiner Buße. Vielleicht entschuldigt er sich bei ihr?" (Seite 388)
Ein zweiter Erzählstrang spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dreht sich um die nahezu unbekannte Malerin Beatrice de Clerval und ihren um viele Jahre älteren Onkel und Mentor Olivier Vignot, deren kurze Schaffensperiode genau an der Grenze zur Entstehung der neuen Bewegung des Impressionismus liegt und diese in ihrem Werk bereits vorwegnimmt. Robert Oliver ist im Besitz von Beatrices privaten Briefen und so werden ihrer beiden Geschichten fortlaufend immer enger miteinander verwoben. Marlow versucht Robert Olivers Geheimnis mit Hilfe der Exfrau Kate und der ehemaligen Geliebten Mary zu lüften und Stück für Stück - aber oft leider viel zu träge - setzt sich das Puzzle vor den Augen des Lesers wieder zusammen.
"Olivier tut alles mit Anmut. Er ist ein Mann, der seinen Körper seit langem kennt und es gewohnt ist, die Dinge auf seine eigene, ruhige Weise zu erledigen. Sie sieht ihm zu und begreift in einem plötzlichem Taumel, wenn sie ihm nicht irgendwie Einhalt gebietet, wird sie sich am Ende nackt in seinen Armen wiederfinden, hier in dieser Stadt. Das ist ein erschreckender Gedanke, aber jetzt, da sie ihn einmal gedacht hat, lässt er sich nicht wieder wegschieben. Sie wird die Kraft für dieses Wort finden müssen: Non...." (Seite 472)
Dabei erfährt man überbordend viel über den allgemeinen Betrieb des Kunststudiums an mittelgroßen US-amerikanischen Colleges, den Impressionismus an und für sich sowie den Symbolismus seiner Motive in der Kunst, die Position der (verheirateten) Frau in der von Männern geprägten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, über extrem reiche (und uninteressante) Kunstsammler und den Schwan in der Malerei. Klingt interessant? Hätte es auf alle Fälle auch werden können, wenn Elizabeth Kostova vielleicht etwas straffer zur Sache gekommen wäre und sich nicht immer wieder in völligen Nebensächlichkeiten verfangen hätte - und ich meine hier nicht die mitunter interessanten historische Details, sondern z.B. die immer wieder in stetiger Wiederholung wiederkehrenden psychischen Probleme des Malers Robert Oliver und wie er diese durch exzessive Malerei kompensiert. Keine Frage, der Roman ist gut durchkonstruiert und die zwei Erzählstränge sind gekonnt miteinander verwoben. Aber die aufgebaute Spannung gleitet Kostova immer wieder aus den Händen und geht komplett verloren. Das Ende kommt dann nach zähem Ringen sehr, sehr plötzlich und der Patient wird - oh Wunder - nach zwei Sätzen des Psychiaters als 'geheilt' entlassen. Ich bin ja ein sehr geduldiger Leser, aber wenn ich etwas nicht nicht mag, dann sind es Ungereimtheiten, die beim Lesen wie ein bitterer Geschmack auf der Zunge zurückbleiben, so dass ich dieses Buch wirklich nur bedingt und wenn, dann wenn möglich nur an 'Hobbymaler', weiterempfehlen kann.

Fazit: Große Erwartungen über die Gebühr ausgereizt und breit getreten. Wie sagt schon Goethe: 'Getretner Quark wird breit, nicht stark'. Nur bedingt weiterzuempfehlen....

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Montag, 28. März 2011

Kurze Geschichte des Buchdrucks (3): Gutenbergs Meisterstück

Im Mittelpunkt des letzten Teils dieser 'kurzen Geschichte des Buchdrucks' stand die historische Figur des Mainzer Goldschmieds Johannes Gutenberg und seine durch die Erfindung des Buchdrucks ausgelöste medientechnische Revolution. Allerdings ist es vor allen Dingen auch einer einzelnen, besonders waghalsigen Unternehmung Gutenbergs zuzuschreiben, dass der Buchdruck tatsächlich den Siegeszug antreten konnte, mit dem er die geschichtliche Entwicklung ein für allemal verändert hat: Gutenbergs 42-zeilige Prachtbibel - Ein Monumentalprojekt.

Das Projekt, das Gutenbergs Druckkunst schließlich zum großen Durchbruch verhelfen sollte, war seine Vision einer großformatigen, lateinischen Bibel, die sich in ihrer Qualität nicht nur mit den in aufwändiger Handarbeit erstellten Prachtbibeln vergleichen, sondern diese sogar noch übertreffen sollte. Dabei sollte die Bibel in der für die damalige Zeit enormen Auflage von gut 200 Bänden - 150 Exemplare in günstigerem Papierdruck und 35 auf feinem Pergament - entstehen. Der geplante Umfang war schlichtweg gigantisch. Die geplante Bibel umfasste 1.282 Seiten mit jeweils 42 Zeilen, insgesamt also etwa 3,5 Millionen Buchstaben. Für die Herstellung aller Exemplare benötigte Gutenberg trotz seiner bahnbrechenden und effizienten Technik annähernd drei Jahre. Vier bis sechs Setzer arbeiteten parallel am Satz der einzelnen Druckbögen, zwölf Drucker zusammen mit einigen Hilfskräften übernahmen die eigentliche, kürzere Druckarbeit, die an sechs Druckerpressen von Statten ging. Die Setzer arbeiteten mit 290 verschiedenen Zeichen und die Tagesleistung eines Setzers entsprach jeweils einer zweispaltigen Seite der 42-zeiligen Bibel (die daher auch als B42 bezeichnet wird).

Die Produktion dieses Prachtwerks verschlang nahezu 100.000 Drucktypen, 48.000 Papierbögen a 16 Seiten und für die Pergamentausgaben die Häute von 3.200 Tieren. Insgesamt waren 230.760 Arbeitsgänge an der Druckerpresse notwendig, was im günstigsten Fall 330 Tage erforderte. Allerdings war damals durch die große Anzahl an Feiertagen die Zahl der Arbeitstage auf 200 pro Jahr beschränkt. Anschließend erhielten die mechanisch erstellten Bände noch manuell aufwändig von Illuminatoren und Rubrikatoren ausgestaltete Initialen und Satzanfänge.

Benötigte ein Schreiber zur Abschrift einer kompletten Bibel etwa drei Jahre, konnte Gutenberg in derselben Zeit fast 200 Exemplare produzieren. Im Vergleich zu traditionellen Handwerkern waren Gutenbergs speziell ausgebildeten Arbeitskräfte sehr teuer und das bereitzustellende Rohmaterial kostete ein Vermögen, das Gutenberg alleine nicht in der Lage war aufzubringen. So musste er für die aus Italien importierten Papierbögen (in Deutschland konnten zu diese noch nicht in ausreichender Zahl und Qualität produziert werden) 600 Gulden und für das Pergament etwa 400 Gulden auslegen, so dass er sich zunächst bei einem Verwandten und anschließend mit gut 1.000 Gulden bei seinem kapitalkräftigen Geschäftspartner Johannes Fust verschuldete.

Für den Kredit waren selbstverständlich Sicherheiten zu hinterlegen und so setzte Gutenberg den Grundstock seines gesamten Unternehmens - Druckerpressen und Setzkästen - als Pfand ein. Zwar konnte Gutenberg sein Bibel-Projekt im Jahre 1454 erfolgreich beenden, doch trotz eines sehr zügigen Absatzes der prachtvollen Bibeln, die zudem etwa 75 % preiswerter angeboten werden konnten als traditionell gefertigte, kalligrafische Werke, konnte er den angesammelten Schuldenberg von über 2.000 Gulden (was etwa dem Gegenwert von vier Mainzer Stadthäusern entsprach) nicht zurückzahlen. Es kam zum Prozess und Gutenberg verlor sein Hab und Gut. Johannes Fust übernahm den Betrieb und Gutenberg sollte anschließend nie wieder in der Lage sein, sich in geordnete Verhältnisse zu bringen. 1468 starb Gutenberg in Mainz.

"Anno Domini 1468 uf Sankt-Blasius-Tag starb der ehrsam Meister Henne Gensfleisch, dem Gott gnade."
Beerdigt wurde Gutenberg in der Mainzer Franziskanerkirche, die nach zahlreichen Umbauten im 18. Jahrhundert abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde. Sein Grab ist nicht mehr auffindbar. Dafür existieren heute von den knapp 200 Exemplaren seiner Prachtbibel noch ganze 49, die aber teilweise nur noch einbändig bzw. in Fragmenten vorliegen.

[Weiter geht es hier demnächst mit Teil 4: Der Buchdruck macht Geschichte]
Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:


Bibliografische Links:

Donnerstag, 10. März 2011

Segen und Fluch einer Fortsetzung - Gordon Dahlquist 'Das Dunkelbuch'

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es diesmal um eine Romanfortsetzung und die sich daraus für mich ergebenden Überlegungen über Sinn und Unsinn von Fortsetzungen im Allgemeinen sowie im Speziellen. Doch alles der Reihe nach (sic!). Im Jahr 2008 brillierte der amerikanische Bühnenautor und -regisseur Gordon Dahlquist mit seinem Erstlingswerk "Die Glasbücher der Traumfresser" mit einer Art Steampunk-Persiflage auf den Abenteuer-Fantasy-Groschenroman der viktorianischen Ära (hier im Biblionomicon besprochen). Irgendwie hatte man nach diesem fulminanten Auftakt der Geschichte das Gefühl, dass diese noch nicht ganz zu Ende erzählt worden wäre...

... und prompt hat der Autor mit dem 'Dunkelbuch' eine Fortsetzung vorgelegt, die sich allerdings etwas schwer tut, die Latte, die mit dem ersten Band der Geschichte recht hoch gelegt wurde, wieder zu erreichen. Um eines schon einmal vorweg zu nehmen:
Lesen Sie das Buch auf gar keinen Fall, wenn Sie den ersten Band nicht gelesen haben! Sollte Ihnen der erste Band nicht gefallen haben, wird Ihnen der zweite mit absoluter Sicherheit erst recht nicht gefallen!
Gordon Dahlquist hat eine fiktive Welt des 19. Jahrhunderts geschaffen, die sich unter dem Begriff "Steam-Punk" ganz gut zusammenfassen lässt. Abgrundtief böse und durchtriebene Schurken, Geheimgesellschaften, latent verborgene Sexualität und viktorianische Prüderie, kombiniert mit Versatzstücken aus Kriminalroman, Fantasy-Erzählung, Science Fiction und Schnitzeljagd. Der Plot der Fortsetzung setzt nahtlos an die vorangegangene Geschichte an. Eine Geheimgesellschaft schickt sich an, die Fäden der Macht in England und dem europäischen Ausland (warum ausgerechnet Mecklenburg?!?) an sich zu reisen. Dies gelingt durch eine bahnbrechende Erfindung/Entdeckung: Die Glasbücher. Gebrannt aus einem speziellen raren Indigo-Lehm haben diese "Bücher" die unglaubliche Eigenschaft, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle eines Menschen aufzuzeichnen und durch bloße Berührung wiederzugeben. Auf dem Weg, ihre Macht in Richtung Kontinentaleuropa auszubreiten, stürzt das Luftschiff der Verschwörer am Ende des ersten Bandes in die See und nur die Helden unserer Geschichte scheinen sich gerade noch ans sichere Ufer retten zu können.

Aber weit gefehlt. Die ursprünglichen Feinde sind nicht alle ums Leben gekommen und versuchen ihre Verschwörung dennoch fortzusetzen. Wir treffen fast alle Protagonisten des ersten Bandes wieder und setzen von Neuem zu einer atemberaubenden Schnitzeljagd an. Beim titelgebenden "Dunkelbuch" handelt es sich aber um ein ganz spezielles Glasbuch: Es enthält die letzten Erinnerungen des sterbenden Erfinder und Schöpfer der bahnbrechenden Glasbuchtechnologie, aufgezeichnet im Augenblick des Todes. Derjenige, der sich diese Technologie zu eigen machen möchte, indem er das Dunkelbuch "liest", nimmt damit aber auch den Schatten des Todes und des nahenden Verfalls mit in sich auf. Klingt wie eine ganz schlimme Räuberpistole, ist es aber auch.

Gordon Dahlquist liefert rein handwerklich ein solides Stück Unterhaltungsliteratur ab, wobei die wechselnden Erzählperspektiven ebenso wie im ersten Band einen Großteil des Reizes der Geschichte ausmachen. Allerdings hat man das Gefühl, es will ihm nicht so recht gelingen, der Geschichte und seinen Figuren auch tatsächlich noch neue Seiten abzugewinnen. So wird aus dem "Dunkelbuch" tatsächlich eine zweitklassige Fortsetzung der ursprünglich skurilen Geschichte mit Wiederholungen und zwischenzeitlichen Längen. Schlägt man die letzte Seite um und schließt den Buchdeckel, stellt sich irgendwie ein leeres Gefühl ein und man fragt sich, ob es den ganzen Aufwand wirklich wert war.

Aber die Fortsetzung einer erfolgreichen Geschichte an sich birgt ja schon immer die Gefahr des Scheiterns. Die Erwartungen sind meist einfach viel zu hoch gesteckt. Jetzt kann der geneigte Leser gerne auch Goethes "Faust 2" zitieren, der ja nun wirklich nur etwas für die eingefleischten Goethe-Afficionados oder auch aufgesetzten Bildungsbürgertümler ist. Ich glaube, Goethe war sich schon bewusst, dass sein überaus erfolgreicher erster Teil nur schwer zu überbieten war. Darum hat er sich wohl aber auch zwischen den beiden Dramen über 30 Jahre Zeit gelassen.

Fazit: Eine turbulent-skurile Fortsetzungsgeschichte nur für wirkliche Liebhaber des ersten Teils geeignet, zu lesen auf eigene Verantwortung und am Besten mit nicht allzu hoch gesteckten Erwartungen.


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Samstag, 26. Februar 2011

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde - José Saramago "Die Reise des Elefanten"

Wieviele Inder gab es wohl im 16. Jahrhundert in Europa? Oder besser noch die Frage, wieviele indische Elefanten gab es wohl im Europa der Renaissance. Die Antwort lautet wohl KEINE ... oder allerhöchstens einige wenige, wenn überhaupt. Nun, EINEN Elefanten samt Mahut (denn nur mit einem Mahut ist der indische Nutz-Elefant komplett) gab es anscheinend nachweislich wirklich. Und ebendieser eine Elefant und sein Mahut zogen im Jahre 1551 als Geschenk des portugiesischen Königs an den zukünftigen Kaiser von Lissabon aus nach Wien...

Dies ist in wenigen Worten zusammengefasst die Geschichte, die der im vergangene Jahr verstorbene portugiesische Altmeister der Erzählkunst und Literaturnobelpreisträger in seinem Buch "Die Reise des Elefanten" erzählt. König Johann der III. von Portugal sucht ein Geschenk für den Erzherzog Maximilian von Österreich, der sich gerade im spanischen Valladolid aufhält, und erinnert sich dabei an den Elefanten Salomon und seinen Mahut Subhro. Das exotische Tier fristet ein trostloses Dasein am königlichen Hofe, da er nicht zur Arbeit eingesetzt wird und seit 2 Jahren nutzlos dahinvegetiert. Also beschließt man, den Elefanten auf die Reise zu schicken. Zuerst zusammen mit einer Abordnung der portugiesischen Armee in Richtung spanische Grenze, damit ihn dort die Soldaten Maximilians in Empfang nehmen können und weiter nach Valladolid bringen. Von dort aus dann soll er zusammen mit der kaiserlichen Entourage nach Wien verbracht werden. Hört sich einfach an, ist es aber nicht.
"Lässt man der Zeit nur Zeit, werden alle Dinge des Universums sich ineinanderfügen" (Seite 17)
Und so begeben sich Salomon und Subhro auf ihre abenteuerliche Reise. Natürlich ruft Salomon allenortes Erstaunen hervor, denn wer hat in Europa schon im 16. Jahrhundert von der Existenz eines Elefantens gehört geschweige denn einen gesehen. So kommt es auch zu allerlei skurilen Szenen, angefangen von Teufelsaustreibungen bis hin zur Instrumentalisierung des Elefanten als katholisches Wunder und antiprotestantische Propaganda. Alles gipfelt in der gefährlichen Überquerung der Alpen und endet unspektakulär in Wien, wo sich die Spuren unserer Helden dann auch im Dunkel der Zeit verlieren.
"Die Vergangenheit ist eine riesige Steinwüste, die viele am liebsten wie auf einer Art Autobahn durchquerten, während andere geduldig von Stein zu Stein wandern und jeden einzelnen hochheben, weil sie wissen müssen, was sich darunter befindet." (Seite 31)
José Saramago schlägt beim Erzählen dieser unerhörten Geschichte eher die leisen Töne an und immer wieder schimmert nurmehr eine Art Altersweisheit durch die Zeilen. Mit einem leicht zwinkernden Auge tritt er immer wieder einen Schritt aus seiner Erzählung zurück und kommentiert die Vorkommnisse mit philosophischer Weitsicht. Dabei legt er großen Wert auf den Charakter seiner Figuren und die innere Entwicklung seines Helden Subhro.
"Wir müssen an dieser Stelle zugeben, dass der leicht ironische Ton, der sich auf diesen Seiten stets eingeschlichen hat, wenn von Österreich und seinen Bewohnern die Rede war, nicht nur aggressiv, sondern auch eindeutig ungerecht war..." (Seite 162)
Manchmal geraten seine Überlegungen zum Sinn des Lebens stellenweise etwas lang, andererseits rücken sie die Erzählung in die ihr angemessene Perspektive und verschaffen dem knappen Novellenstoff einen soliden Unterbau. Interessantes Indiz am Rande ist der wahrscheinlich gezielt laxe Umgang mit Satzzeichen. Über weite Stellen fehlen diese sogar vollständig und machen so dem Leser bewusst, dass das Lesen eines Textes üblicherweise vom Rhythmus der Interpunktion bestimmt wird. Fehlt diese fehlen dem Auge auch die Orientierungspunkte und man ist gezwungen, genauer hinzusehen. Erinnert hat mich die Geschichte sehr an Lawrence Norfolks fulminantes und weit unterschätztes Werk "Ein Nashorn für den Papst", in dem ebenfalls die Geschichte eines exotischen Tieres erzählt wird, das als Geschenk an den Hof eines Renaissance-Papstes gebracht werden soll. Das sollte ich unbedingt mal wieder lesen....

Fazit: Eine Novelle in ganz besonders leisen Tönen, die von einer unerhörten Begebenheit in einer fremden, vergangenen Zeit auf unterhaltsame Weise berichtet. Lesen!

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Samstag, 19. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (2) Gutenbergs (R)evolution

Im vorangegangenen Teil dieser kleinen Serie über die 'Geschichte des Buchdrucks' wurde zunächst ein Augenmerk auf die Zeit vor Gutenberg und seiner Revolution der Buchdruckkunst gelegt. Gutenberg war natürlich nicht der erste Mensch, der je ein Buch gedruckt hat. Die Geschichte der Drucktechnik reicht weit zurück bis in das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung und startete im fernen Osten. Aber auch in Europa war die Technik des Holzschnitt-Drucks bereits vor Gutenberg in Gebrauch. Dieser Teil der Geschichte beleuchtet den zeitlichen Abschnitt während Gutenbergs Lebzeiten, des 15. Jahrhunderts, das zum Ausgangspunkt der wohl wichtigsten Entwicklung im Zuge der Menschheitsgeschichte werden sollte....

Die Entwicklung des Buchdrucks wird oft als initiales Ereignis gewertet, das den Menschen in eine Epoche der für jedermann zugänglichen und massenhaft verbreiteten Information führte. Seine Auswirkungen lassen sich kaum unterschätzen. So sahen es bereits die Zeitgenossen als ausgemachte Sensation, insbesondere die kirchlichen und weltlichen Machthaber, Information tausendfach und in Windeseile mit Hilfe der neuentwickelten Drucktechnik zu vervielfältigen.

Dem Kaumannssohn Johannes Gensfleisch zum Gutenberg (1397–1468), einem einfallsreichen Goldschmied, der den Hof zum Gutenberg in Mainz bewohnte, erfand ein neues Gießverfahren für bewegliche Lettern (Stempel) von hoher Präzision, das einen massenhaften Druck überhaupt erst ermöglichte. Ein sehr praktisches Folgeprodukt - also quasi die "Teflonpfanne" zu seiner epochalen Erfindung - stellt die dazu notwendige Normierung unserer Schrift dar, die heute oft übersehen wird. Gutenberg war seit 1434 nachweislich in Straßburg tätig, wo er bereits mit dem Typenguss und mit beweglichen Drucklettern experimentierte. Aus der Zeit davor gibt es nur wenige Quellen über ihn. Die Universität Erfurt rühmt sich der Immatrikulation eines ”Johannes de Alta villa“ für das Sommersemester 1418. Da Gutenberg nahe Verwandte in Eltville hatte und seine Familie aufgrund von Auseinandersetzungen mit den Mainzer Zünften die Heimatstadt mehrfach verlassen musste, geht man davon aus, dass er sich - wie damals üblich - unter seinem Vornamen, gefolgt von seinem Herkunftsort in das Matrikelbuch eingeschrieben hatte. Bekannt ist, dass er selbst auch als bücherkopierender Verlagsschreiberarbeitete, wobei er auch die sogenannten Blockbücher kennenlernte, die in einem einfachen, auf dem Holzschnitt beruhenden Stempelverfahren hergestellt wurden.

Allerdings erforderte die Produktion jeder einzelnen Seite eines Blockbuchs einen gewaltigen Aufwand und war daher der traditionellen Kalligrafie, die von ganzen Hundertschaften von Schreibern ausgeführt wurde, weit unterlegen. Hinter Gutenbergs bahnbrechender Entwicklung stand die einfache Idee, das Problem der mechanischen Vervielfältigung von Schriftgut mit Hilfe der Drucktechnik analytisch anzugehen, d.h. das Problem als Ganzes erst einmal auseinanderzunehmen in seine einzelnen Teile, um zu verstehen, dass alles, was der menschliche Geist mit Hilfe von Worten auszudrücken vermag, lediglich auf den 24 bekannten Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen beruht. Gutenbergs theoretische Lösung des Druckproblems bestand darin, gleichartige Stempel für Einzelzeichen in großer Zahl zu produzieren, die nach einer Drucklegung immer wieder für weitere Drucke verwendet werden konnten. Das wahrscheinlich schwierigste Problem, das er dabei zu lösen hatte, bestand darin, Druckstempel mit möglichst geringen Fertigungstoleranzen herzustellen. Bereits geringe Unterschiede in der Höhe der Drucktypen hatten zur Folge, dass einige Buchstaben stärker, andere nur recht schwach oder sogar überhaupt nicht auf der Druckseite erschienen. Da die Druckfläche vollkommen eben sein muss, müssen alle Drucktypen dieselbe Höhe haben. Dasselbe gilt ebenfalls für die Dimensionen Länge und Breite, da sich hier Abweichungen sogar aufsummieren und das Druckbild völlig zerstören können. Die größtmögliche Präzision erreichte Gutenberg letzendlich, indem er alle Drucklettern aus Metall herstellte, die alle mit Hilfe der gleichen Form gegossen wurden.

Daneben wandelte er auch das bislang gängige Druckverfahren ab: anstelle die Farbe durch Abreiben auf das Papier aufzutragen, wie es bei Holzschnitten üblich war, verwendete Gutenberg eine Druckerpresse, um die Farbe durch gleichmäßigen, hohen Druck auf das Papier zu übertragen. Um 1437 ließ er durch den Mainzer Drechsler Konrad Saßbach eine Drucker- presse nach seinen Entwürfen bauen, die ihrem Äußeren nach eher an eine Weinpresse erinnerte. Zur Produktion seiner Drucktypen ging Gutenberg folgendermaßen vor: Als erstes wurde auf der Stirnseite eines Stahlstabes der betreffende Buchstabe seitenverkehrt und erhaben als sogenannte "Patrize" eingraviert. Dann wurde der Stahlstab mit einem Hammer in weicheres Kupfer getrieben, wobei ein seitenrichtiger, vertiefter Abdruck des Buchstabens entstand, die so genannte "Matrize". Die Matrize diente als Gussform für die eigentliche Drucktype. Dazu musste sie exakt in ein Gießgerät einjustiert werden und wurde mit einer Bleilegierung (etwa 83% Blei, 9% Zinn, 6% Antimon und jeweils 1% Kupfer und Eisen) ausgegossen. Wichtig bei der Wahl der Legierung war, dass diese einerseits nach dem Guss schnell erkaltete, um so eine zügige Produktion zu gewährleisten, und andererseits nicht an den Seitenwänden der Gussform oder an der Matrize kleben blieb. Hierbei konnte Gutenberg auf seine Berufserfahrung als Goldschmied mit Metallen und Metallbearbeitung zurückgreifen. Das von ihm entwickelte Handgießinstrument war dann in der Lage, stündlich bis zu 100 Satzlettern zu produzieren.

Zum Erstellen der Druckvorlage wurden vom Setzer zunächst die Typen für eine einzelne Zeile in einem Winkelhaken zusammengetragen. Um zu gewährleisten, dass alle Zeilen in etwa die gleiche Länge aufweisen, wurde so genanntes Blindmaterial zwischen die Typen eingebracht, um so die Abstände zwischen ihnen auszugleichen und um einen Blocksatz zu erzielen. Die einzelnen Zeilen wurden in einem Setzschiff zu Spalten bzw. zu ganzen Seiten zusammengefasst. Dabei wurde der Zeilenabstand durch weiteres Blindmaterial korrigiert. Der fertig gesetzte Druckstock wurde dann mit Druckerschwärze (auch eine eigenständige Entwicklung Gutenbergs, hergestellt aus Lacken, Ölen, Holz, Lampenruß, Pech und Firniss) mit Hilfe eines ledernen Farbballens eingefärbt und in die Presse gelegt, in der ein befeuchteter Papierbogen bedruckt wurde. Dazu wurde der Papierbogen mittels Nadeln (Punkturen) in einem klappbaren Deckel fixiert, über den zum Druck noch ein weiterer Rahmen geklappt wurde, damit die nicht zu bedruckenden Seitenanteile nicht beschmutzt werden.

In der Zeit um 1450 entstand der erste Gutenberg zugeschriebene Druck (wenn auch Datierung und Zuordnung kontrovers diskutiert werden), der nur in einem kleinem Fragment erhalten geblieben ist: ein Gedicht vom Weltgericht in deutscher Sprache nach einem um 1360 in Thüringen verfassten Sibyllenbuch. Es folgen die Mainzer Ablassbriefe, eine Schulgrammatik des Donnatus, ein astrologisches Blatt der Planetenkonstellationen und andere Druckwerke, die jedoch in ihrer Datierung ebenfalls umstritten sind. Gutenbergs erstes repräsentatives Druckwerk, das ihn weit bis über seinen Tod hinaus berühmt machen sollte - die 42-zeilige lateinische Bibel (B42) - entstand in den Jahren 1452–1456. Dabei sollte die für die damalige Zeit schier unglaubliche Zahl von 189 Bibeln gedruckt werden, jede davon mit mehr als 1.200 Seiten Umfang. Erst der Erfolg dieses gigantischen Vorhabens sollte Gutenberg und mit ihm der Drucktechnik den großen Durchbruch ermöglichen.

[Weiter geht es hier mit Teil 3: Gutenbergs Meisterstück]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links:

Sonntag, 13. Februar 2011

Übermut tut selten gut - Chris Priestley 'Uncle Montague's Tales of Terror'

Wenn es mich einmal in eine Buchhandlung verschlägt, und das tut es aufgrund der Ausmaße meines Stapels ungelesener Bücher aktuell nicht allzu oft, habe ich so meine Schwierigkeiten (a) überhaupt wieder meinen Weg hinaus zu finden und (b) dabei nicht allzu viele neue Bücher einzukaufen. Wenn man so durch die Regale und Büchertische schlendert, fallen einem natürlich zuerst alle möglichen Buchcover ins Auge. Zwar darf man ja - wir wissen es alle - ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen, doch trifft diesen - neben zahlreichen weiteren Faktoren - ein nicht unbedeutener Anteil daran, dass einem ein Buch überhaupt erst ins Auge fällt und dass man sich für seinen Inhalt zu interessieren beginnt. So geschehen auch im Dezember vergangenen Jahres, als ich seit längerer Zeit wieder einmal durch die Etagen des Berliner KulturKaufhauses Dussmanns streifte....

Zu allererst fiel mir dieses wirklich wunderbar von David Roberts gestaltete Cover ins Auge. Als ich das kleine Taschenbuch dann in der Hand hatte und den faszinierend vielversprechenden Titel 'Uncle Montague's Tales of Terror' las, fing ich an zu blättern und war um so freudiger überrascht, als ich feststellen musste, dass Chris Priestleys Buch noch zahlreiche weitere Tusche-Illustrationen des Zeichners enthielt. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Edgar besucht gerne seinen Onkel Montague, der zusammen mit dem Diener Franz ein altes Haus hinter dem Wald bewohnt. Wir wissen nicht, ob es aus übertriebener Sparsamkeit geschieht, aber das Haus ist meist nicht sonderlich gut beleuchtet. Im Kamin brennt ein flackerndes Feuer und die spärlich zum Einsatz kommenden Kerzen sorgen gemeinsam mit den vielen Schatten und seltsamen Geräuschen des alten Hauses von Anfang an für eine ziemlich schaurige Atmosphäre.

Edgar und sein Onkel Montague sitzen dann am Feuer, trinken Tee und Onkel Montague beginnt damit, kuriose Geschichten zu erzählen, in denen Kinder meist aufgrund mysteriöser und zwielichtiger Umstände in eine für sie meist schlimme Lage geraten, an der sie selbst aber auch nicht ganz unschuldig sind. Im Zuge des Nachmittages senken sich immer weiter die Schatten, das Haus und seine vermeintlichen Bewohner entwickeln im trüben Dämmerlicht ein zusehends beängstigendes Eigenleben, und bevor es gänzlich dunkel wird, rät Onkel Montague Edgar dringend zum Aufbruch. Als Edgar dann im Dunkeln auf seinem Weg durch den Wald verfolgt wird rettet Onkel Montague die Situation und erzählt Edgar die letzte und vermutlich schaurigste all seiner Geschichten, nämlich seine eigene....

Im englischen Original liest sich das Buch flüssig und stellt sprachlich keine allzu großen Herausforderungen an den Nichtmuttersprachler, da es vermutlich auf junge Erwachsene als Leserkreis zugeschnitten ist. Die kleinen Geschichten sind einfach ideal, um vor dem Einschlafen einen schaurig-schönen Happen der Erzählkunst Onkel Montagues (Chris Priestleys) zu genießen. David Roberts genial getroffenen Tusche-Illustrationen unterstreichen den Charakter dieser einzigartigen kleinen erzählerischen Perle. Ich hoffe, es gelingt auch der deutschen Übersetzung diese schaurig-schönen Stimmungen so stilsicher und punktgenau herüberzubringen. Ein wenig habe ich mich beim Lesen an die kuriosen Schauergeschichten des englischen Großmeisters der Erzählkunst Roald Dahl erinnert gefühlt, die Chris Priestley gekonnt fortspinnt. Sehr schön auch der Warnhinweis auf der Rückseite des Buches:
"This is a seriously scary book - younger readers be warned!"
Fazit: Schaurig schöne Kurzgeschichten im Stil von Roald Dahl, kongenial illustriert und in einem maßgeschneiderten erzählerischen Rahmen zusammengefasst. Dieses Buch muss man im Original gelesen haben!

Links:




Freitag, 4. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (1) Drucktechnik vor Gutenberg

Gestern, am 3. Februar vor genau 543 Jahren starb Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der uns allen dem Namen nach bekannte Erfinder des Buchdrucks. Nicht von ungefähr wurde er aufgrund seiner epochalen und die Neuzeit einläutenden Erfindung 1999 zum "Mann des Jahrtausends" gekürt. Doch lag sein geniales Unternehmen vor allem in der Kombination bereits bekannter Techniken mit neuen Verfahrensweisen. Vor allem aber war es seine unternehmerische Großtat, die in der für die damalige Zeit wahnwitzigen Idee bestand, mehr als 100 Prachtbibeln zu produzieren, die es in ihrer Ausstattung mit den prächtigsten Handschriften aufnehmen konnten, die seinen Ruhm noch heute unter Beweis stellen.

Die Geschichte der Druckkunst lässt sich bis in das 9. Jahrhundert in China zurückverfolgen. Der älteste erhaltene Buchdruck stammt aus den buddhistischen Mönchshöhlen Dun-Huang im westchinesischen Turkestan. Es handelt sich um ein buddistisches Sutra mit Illustrationen, das im Jahre 868 hergestellt wurde, gut 100 Jahre nachdem man schon in Japan (heute allerdings verschollene) Bücher gedruckt hatte.Zudem sind bereits hölzerne Druckstöcke aus China bekannt, die bereits aus dem 6. Jahrhundert stammen. Sie wurden von buddistischen Priestern hergestellt, die religiöse Darstellungen in Holz schnitten, einfärbten und auf Seide oder Hadernpapier druckten. Als Stempel dienten dabei hölzerne Würfel und Täfelchen. Es ist überliefert, dass die Druckstöcke jeweils direkt und ohne Vorlage geschnitten wurden, so dass der Drucker erst am fertigen Ergebnis die Qualität seiner Arbeit begutachten konnte. Eine nachträgliche Korrektur des Druckstocks war nicht mehr möglich. Diese Technik des Holzschnitts gilt als das älteste grafische Druckverfahren.

In der chinesischen T'ang-Zeit (615--906 n. Chr.) kam man im 9. Jahrhundert erstmals die Idee auf, ganze Bücher zu drucken. Da man an der Authentizität alter überlieferten Texte zu zweifeln begann, beschloss man, die als zweifelsfrei echt anerkannten Fassungen dauerhaft in Stein zu gravieren. Dem bereits bekannten Holzdruck folgend wurden anschließend auch Druckplatten in Spiegelschrift gefertigt, um die kulturell bedeutsamen Schriften entsprechend vervielfältigen zu können. Zu einer ersten regelrechten Blüte des Buchdrucks kam es in China dann ab dem 10. Jahrhundert.

Der Druck mit beweglichen, aus Ton geformten Lettern geht auf den chinesischen Alchimisten und Drucker Pi Sheng zurück, der in den Jahren 1041--1049 seine Kunst ausübte. Die fehlerlose Übertragung der Texte auf den Druckstock war dabei von erheblicher Bedeutung. Ein einzelner Schnitzfehler machte einen der traditionellen aus einem Holz- oder Steinblock gefertigten Druckstock unbrauchbar. Pi Sheng kam daher auf die Idee, einen Schriftsatz aus Standardtypen zu entwickeln, die in Serienfertigung herstellen ließen. Dabei wurden jeweils einzelne Ideogramme der chinesischen Schrift aus Lehm in negative Formen gepresst und anschließend gebrannt. Die fertigen Typen wurden in einem Eisenrahmen zu ganzen Sätzen zusammengefasst, die mit einer klebrigen Masse zu einer vollständigen Seite fixiert wurden.

Beim bereits zu dieser Zeit auch in Europa bekannten Holzschnitt handelt es sich dagegen um eine sogenannte Hochdrucktechnik, d.h. die erhabenen Teile des Druckstocks werden eingefärbt und auf den zu bedruckenden Stoff abgerieben. Zur Herstllung des dazu benötigten Druckstocks wurde ein Holzblock in eine 2--4 Zentimeter starke Platte geschnitten, deren Faser in Richtung der Bildfläche verlaufen musste (Langschnitt), die anschließend sorgfältig gehobelt, geschliffen und geglättet wurde. Nachdem zuerst seitenverkehrt eine Vorzeichnung auf den hölzernen Druckstock aufgebracht wurde, erfolgte die Eintiefung der nichtdruckenden Teile des Bildes. Dabei wurden die vorgezeichneten Linien mit verschiedenen Messern möglichst exakt umschnitten. Die übrig gebliebenen Holzstege des Bildes wurden mit Hilfe eines mit Farbe getränkten Ballens oder durch Überrollen mit einer Walze eingefärbt und auf einen ungeleimten, leicht befeuchteten Papierbogen gedruckt, der über den Druckstock gelegt und mit einem Stoffballen abgerieben wurde.

Meist wurden die Holzschnitte nur einseitig bedruckt, da die Farbe durch das zum Drucken befeuchtete Papier durchschlug. Ein einmal geschnittener Holzstock konnte so bis zu mehrere hundert Male zum Drucken verwendet werden. Wurden mehrere Einzelblattdrucke zu einem kleinen Buch zusammengefügt, so entstand ein so genanntes Blockbuch.

Als im 14. Jahrhundert in Europa das Papier als kostengünstiger und massenhaft produzierbarer Beschreibstoff aufkam (siehe Biblionomicon 'Eine kurze Geschichte des Papiers') wurde mit diesem auch die Technik des Holzschnitts importiert. Dargestellt wurden darin häufig biblische oder theologische Themen, allerdings meist in bildhafter Form, da der Großteil der damaligen Bevölkerung des Lesens und Schreibens nicht mächtig war (siehe Biblionomicon 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens'). So wurden in Zeiten der Pest sogenannte "Pestblätter"gedruckt, auf denen die als Pesthelfer verehrten Heiligen zusammen mit Gebetstexten und medizinischen Ratschlägen abgebildet waren. Daneben spielten als Holzdruck produzierte Flugblätter in der Zeit vor Gutenbergs Erfindung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten. Aber auch nach der durch Gutenberg ausgelösten Druckrevolution verlor der Holzschnitt zunächst nichts von seiner Bedeutung, da er immer häufiger zur Buchillustration eingesetzt wurde. So beinhaltet die 1493 erschienene "Schedelsche Weltchronik" des Nürnberger Druckers Anton Koberger knapp 2.000 Holzschnittillustrationen.

Seinen ersten künstlerischen Höhepunkt in Europa erreichte der Holzschnitt mit den Werken Albrecht Dürers (1471--1528), der den Holzschnitt von der reinen Buchillustration befreite und mit bis dato nicht gekannter technischer Reife als eigenständiges Kunstmedium etablierte.
Die im 15. Jahrhundert aufkommende Tiefdrucktechnik des Kupferstichs erlaubte dann auch eine stärkere Differenzierung der Tonwertstufen des dargestellten Bildes und damit eine nuanciertere künstlerische Darstellung.

[Weiter geht es hier mit Teil 2: Die Gutenberg'sche Druckrevolution]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links: