Samstag, 26. Februar 2011

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde - José Saramago "Die Reise des Elefanten"

Wieviele Inder gab es wohl im 16. Jahrhundert in Europa? Oder besser noch die Frage, wieviele indische Elefanten gab es wohl im Europa der Renaissance. Die Antwort lautet wohl KEINE ... oder allerhöchstens einige wenige, wenn überhaupt. Nun, EINEN Elefanten samt Mahut (denn nur mit einem Mahut ist der indische Nutz-Elefant komplett) gab es anscheinend nachweislich wirklich. Und ebendieser eine Elefant und sein Mahut zogen im Jahre 1551 als Geschenk des portugiesischen Königs an den zukünftigen Kaiser von Lissabon aus nach Wien...

Dies ist in wenigen Worten zusammengefasst die Geschichte, die der im vergangene Jahr verstorbene portugiesische Altmeister der Erzählkunst und Literaturnobelpreisträger in seinem Buch "Die Reise des Elefanten" erzählt. König Johann der III. von Portugal sucht ein Geschenk für den Erzherzog Maximilian von Österreich, der sich gerade im spanischen Valladolid aufhält, und erinnert sich dabei an den Elefanten Salomon und seinen Mahut Subhro. Das exotische Tier fristet ein trostloses Dasein am königlichen Hofe, da er nicht zur Arbeit eingesetzt wird und seit 2 Jahren nutzlos dahinvegetiert. Also beschließt man, den Elefanten auf die Reise zu schicken. Zuerst zusammen mit einer Abordnung der portugiesischen Armee in Richtung spanische Grenze, damit ihn dort die Soldaten Maximilians in Empfang nehmen können und weiter nach Valladolid bringen. Von dort aus dann soll er zusammen mit der kaiserlichen Entourage nach Wien verbracht werden. Hört sich einfach an, ist es aber nicht.
"Lässt man der Zeit nur Zeit, werden alle Dinge des Universums sich ineinanderfügen" (Seite 17)
Und so begeben sich Salomon und Subhro auf ihre abenteuerliche Reise. Natürlich ruft Salomon allenortes Erstaunen hervor, denn wer hat in Europa schon im 16. Jahrhundert von der Existenz eines Elefantens gehört geschweige denn einen gesehen. So kommt es auch zu allerlei skurilen Szenen, angefangen von Teufelsaustreibungen bis hin zur Instrumentalisierung des Elefanten als katholisches Wunder und antiprotestantische Propaganda. Alles gipfelt in der gefährlichen Überquerung der Alpen und endet unspektakulär in Wien, wo sich die Spuren unserer Helden dann auch im Dunkel der Zeit verlieren.
"Die Vergangenheit ist eine riesige Steinwüste, die viele am liebsten wie auf einer Art Autobahn durchquerten, während andere geduldig von Stein zu Stein wandern und jeden einzelnen hochheben, weil sie wissen müssen, was sich darunter befindet." (Seite 31)
José Saramago schlägt beim Erzählen dieser unerhörten Geschichte eher die leisen Töne an und immer wieder schimmert nurmehr eine Art Altersweisheit durch die Zeilen. Mit einem leicht zwinkernden Auge tritt er immer wieder einen Schritt aus seiner Erzählung zurück und kommentiert die Vorkommnisse mit philosophischer Weitsicht. Dabei legt er großen Wert auf den Charakter seiner Figuren und die innere Entwicklung seines Helden Subhro.
"Wir müssen an dieser Stelle zugeben, dass der leicht ironische Ton, der sich auf diesen Seiten stets eingeschlichen hat, wenn von Österreich und seinen Bewohnern die Rede war, nicht nur aggressiv, sondern auch eindeutig ungerecht war..." (Seite 162)
Manchmal geraten seine Überlegungen zum Sinn des Lebens stellenweise etwas lang, andererseits rücken sie die Erzählung in die ihr angemessene Perspektive und verschaffen dem knappen Novellenstoff einen soliden Unterbau. Interessantes Indiz am Rande ist der wahrscheinlich gezielt laxe Umgang mit Satzzeichen. Über weite Stellen fehlen diese sogar vollständig und machen so dem Leser bewusst, dass das Lesen eines Textes üblicherweise vom Rhythmus der Interpunktion bestimmt wird. Fehlt diese fehlen dem Auge auch die Orientierungspunkte und man ist gezwungen, genauer hinzusehen. Erinnert hat mich die Geschichte sehr an Lawrence Norfolks fulminantes und weit unterschätztes Werk "Ein Nashorn für den Papst", in dem ebenfalls die Geschichte eines exotischen Tieres erzählt wird, das als Geschenk an den Hof eines Renaissance-Papstes gebracht werden soll. Das sollte ich unbedingt mal wieder lesen....

Fazit: Eine Novelle in ganz besonders leisen Tönen, die von einer unerhörten Begebenheit in einer fremden, vergangenen Zeit auf unterhaltsame Weise berichtet. Lesen!

Links:



Samstag, 19. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (2) Gutenbergs (R)evolution

Im vorangegangenen Teil dieser kleinen Serie über die 'Geschichte des Buchdrucks' wurde zunächst ein Augenmerk auf die Zeit vor Gutenberg und seiner Revolution der Buchdruckkunst gelegt. Gutenberg war natürlich nicht der erste Mensch, der je ein Buch gedruckt hat. Die Geschichte der Drucktechnik reicht weit zurück bis in das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung und startete im fernen Osten. Aber auch in Europa war die Technik des Holzschnitt-Drucks bereits vor Gutenberg in Gebrauch. Dieser Teil der Geschichte beleuchtet den zeitlichen Abschnitt während Gutenbergs Lebzeiten, des 15. Jahrhunderts, das zum Ausgangspunkt der wohl wichtigsten Entwicklung im Zuge der Menschheitsgeschichte werden sollte....

Die Entwicklung des Buchdrucks wird oft als initiales Ereignis gewertet, das den Menschen in eine Epoche der für jedermann zugänglichen und massenhaft verbreiteten Information führte. Seine Auswirkungen lassen sich kaum unterschätzen. So sahen es bereits die Zeitgenossen als ausgemachte Sensation, insbesondere die kirchlichen und weltlichen Machthaber, Information tausendfach und in Windeseile mit Hilfe der neuentwickelten Drucktechnik zu vervielfältigen.

Dem Kaumannssohn Johannes Gensfleisch zum Gutenberg (1397–1468), einem einfallsreichen Goldschmied, der den Hof zum Gutenberg in Mainz bewohnte, erfand ein neues Gießverfahren für bewegliche Lettern (Stempel) von hoher Präzision, das einen massenhaften Druck überhaupt erst ermöglichte. Ein sehr praktisches Folgeprodukt - also quasi die "Teflonpfanne" zu seiner epochalen Erfindung - stellt die dazu notwendige Normierung unserer Schrift dar, die heute oft übersehen wird. Gutenberg war seit 1434 nachweislich in Straßburg tätig, wo er bereits mit dem Typenguss und mit beweglichen Drucklettern experimentierte. Aus der Zeit davor gibt es nur wenige Quellen über ihn. Die Universität Erfurt rühmt sich der Immatrikulation eines ”Johannes de Alta villa“ für das Sommersemester 1418. Da Gutenberg nahe Verwandte in Eltville hatte und seine Familie aufgrund von Auseinandersetzungen mit den Mainzer Zünften die Heimatstadt mehrfach verlassen musste, geht man davon aus, dass er sich - wie damals üblich - unter seinem Vornamen, gefolgt von seinem Herkunftsort in das Matrikelbuch eingeschrieben hatte. Bekannt ist, dass er selbst auch als bücherkopierender Verlagsschreiberarbeitete, wobei er auch die sogenannten Blockbücher kennenlernte, die in einem einfachen, auf dem Holzschnitt beruhenden Stempelverfahren hergestellt wurden.

Allerdings erforderte die Produktion jeder einzelnen Seite eines Blockbuchs einen gewaltigen Aufwand und war daher der traditionellen Kalligrafie, die von ganzen Hundertschaften von Schreibern ausgeführt wurde, weit unterlegen. Hinter Gutenbergs bahnbrechender Entwicklung stand die einfache Idee, das Problem der mechanischen Vervielfältigung von Schriftgut mit Hilfe der Drucktechnik analytisch anzugehen, d.h. das Problem als Ganzes erst einmal auseinanderzunehmen in seine einzelnen Teile, um zu verstehen, dass alles, was der menschliche Geist mit Hilfe von Worten auszudrücken vermag, lediglich auf den 24 bekannten Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen beruht. Gutenbergs theoretische Lösung des Druckproblems bestand darin, gleichartige Stempel für Einzelzeichen in großer Zahl zu produzieren, die nach einer Drucklegung immer wieder für weitere Drucke verwendet werden konnten. Das wahrscheinlich schwierigste Problem, das er dabei zu lösen hatte, bestand darin, Druckstempel mit möglichst geringen Fertigungstoleranzen herzustellen. Bereits geringe Unterschiede in der Höhe der Drucktypen hatten zur Folge, dass einige Buchstaben stärker, andere nur recht schwach oder sogar überhaupt nicht auf der Druckseite erschienen. Da die Druckfläche vollkommen eben sein muss, müssen alle Drucktypen dieselbe Höhe haben. Dasselbe gilt ebenfalls für die Dimensionen Länge und Breite, da sich hier Abweichungen sogar aufsummieren und das Druckbild völlig zerstören können. Die größtmögliche Präzision erreichte Gutenberg letzendlich, indem er alle Drucklettern aus Metall herstellte, die alle mit Hilfe der gleichen Form gegossen wurden.

Daneben wandelte er auch das bislang gängige Druckverfahren ab: anstelle die Farbe durch Abreiben auf das Papier aufzutragen, wie es bei Holzschnitten üblich war, verwendete Gutenberg eine Druckerpresse, um die Farbe durch gleichmäßigen, hohen Druck auf das Papier zu übertragen. Um 1437 ließ er durch den Mainzer Drechsler Konrad Saßbach eine Drucker- presse nach seinen Entwürfen bauen, die ihrem Äußeren nach eher an eine Weinpresse erinnerte. Zur Produktion seiner Drucktypen ging Gutenberg folgendermaßen vor: Als erstes wurde auf der Stirnseite eines Stahlstabes der betreffende Buchstabe seitenverkehrt und erhaben als sogenannte "Patrize" eingraviert. Dann wurde der Stahlstab mit einem Hammer in weicheres Kupfer getrieben, wobei ein seitenrichtiger, vertiefter Abdruck des Buchstabens entstand, die so genannte "Matrize". Die Matrize diente als Gussform für die eigentliche Drucktype. Dazu musste sie exakt in ein Gießgerät einjustiert werden und wurde mit einer Bleilegierung (etwa 83% Blei, 9% Zinn, 6% Antimon und jeweils 1% Kupfer und Eisen) ausgegossen. Wichtig bei der Wahl der Legierung war, dass diese einerseits nach dem Guss schnell erkaltete, um so eine zügige Produktion zu gewährleisten, und andererseits nicht an den Seitenwänden der Gussform oder an der Matrize kleben blieb. Hierbei konnte Gutenberg auf seine Berufserfahrung als Goldschmied mit Metallen und Metallbearbeitung zurückgreifen. Das von ihm entwickelte Handgießinstrument war dann in der Lage, stündlich bis zu 100 Satzlettern zu produzieren.

Zum Erstellen der Druckvorlage wurden vom Setzer zunächst die Typen für eine einzelne Zeile in einem Winkelhaken zusammengetragen. Um zu gewährleisten, dass alle Zeilen in etwa die gleiche Länge aufweisen, wurde so genanntes Blindmaterial zwischen die Typen eingebracht, um so die Abstände zwischen ihnen auszugleichen und um einen Blocksatz zu erzielen. Die einzelnen Zeilen wurden in einem Setzschiff zu Spalten bzw. zu ganzen Seiten zusammengefasst. Dabei wurde der Zeilenabstand durch weiteres Blindmaterial korrigiert. Der fertig gesetzte Druckstock wurde dann mit Druckerschwärze (auch eine eigenständige Entwicklung Gutenbergs, hergestellt aus Lacken, Ölen, Holz, Lampenruß, Pech und Firniss) mit Hilfe eines ledernen Farbballens eingefärbt und in die Presse gelegt, in der ein befeuchteter Papierbogen bedruckt wurde. Dazu wurde der Papierbogen mittels Nadeln (Punkturen) in einem klappbaren Deckel fixiert, über den zum Druck noch ein weiterer Rahmen geklappt wurde, damit die nicht zu bedruckenden Seitenanteile nicht beschmutzt werden.

In der Zeit um 1450 entstand der erste Gutenberg zugeschriebene Druck (wenn auch Datierung und Zuordnung kontrovers diskutiert werden), der nur in einem kleinem Fragment erhalten geblieben ist: ein Gedicht vom Weltgericht in deutscher Sprache nach einem um 1360 in Thüringen verfassten Sibyllenbuch. Es folgen die Mainzer Ablassbriefe, eine Schulgrammatik des Donnatus, ein astrologisches Blatt der Planetenkonstellationen und andere Druckwerke, die jedoch in ihrer Datierung ebenfalls umstritten sind. Gutenbergs erstes repräsentatives Druckwerk, das ihn weit bis über seinen Tod hinaus berühmt machen sollte - die 42-zeilige lateinische Bibel (B42) - entstand in den Jahren 1452–1456. Dabei sollte die für die damalige Zeit schier unglaubliche Zahl von 189 Bibeln gedruckt werden, jede davon mit mehr als 1.200 Seiten Umfang. Erst der Erfolg dieses gigantischen Vorhabens sollte Gutenberg und mit ihm der Drucktechnik den großen Durchbruch ermöglichen.

[Weiter geht es hier mit Teil 3: Gutenbergs Meisterstück]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links:

Sonntag, 13. Februar 2011

Übermut tut selten gut - Chris Priestley 'Uncle Montague's Tales of Terror'

Wenn es mich einmal in eine Buchhandlung verschlägt, und das tut es aufgrund der Ausmaße meines Stapels ungelesener Bücher aktuell nicht allzu oft, habe ich so meine Schwierigkeiten (a) überhaupt wieder meinen Weg hinaus zu finden und (b) dabei nicht allzu viele neue Bücher einzukaufen. Wenn man so durch die Regale und Büchertische schlendert, fallen einem natürlich zuerst alle möglichen Buchcover ins Auge. Zwar darf man ja - wir wissen es alle - ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen, doch trifft diesen - neben zahlreichen weiteren Faktoren - ein nicht unbedeutener Anteil daran, dass einem ein Buch überhaupt erst ins Auge fällt und dass man sich für seinen Inhalt zu interessieren beginnt. So geschehen auch im Dezember vergangenen Jahres, als ich seit längerer Zeit wieder einmal durch die Etagen des Berliner KulturKaufhauses Dussmanns streifte....

Zu allererst fiel mir dieses wirklich wunderbar von David Roberts gestaltete Cover ins Auge. Als ich das kleine Taschenbuch dann in der Hand hatte und den faszinierend vielversprechenden Titel 'Uncle Montague's Tales of Terror' las, fing ich an zu blättern und war um so freudiger überrascht, als ich feststellen musste, dass Chris Priestleys Buch noch zahlreiche weitere Tusche-Illustrationen des Zeichners enthielt. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Edgar besucht gerne seinen Onkel Montague, der zusammen mit dem Diener Franz ein altes Haus hinter dem Wald bewohnt. Wir wissen nicht, ob es aus übertriebener Sparsamkeit geschieht, aber das Haus ist meist nicht sonderlich gut beleuchtet. Im Kamin brennt ein flackerndes Feuer und die spärlich zum Einsatz kommenden Kerzen sorgen gemeinsam mit den vielen Schatten und seltsamen Geräuschen des alten Hauses von Anfang an für eine ziemlich schaurige Atmosphäre.

Edgar und sein Onkel Montague sitzen dann am Feuer, trinken Tee und Onkel Montague beginnt damit, kuriose Geschichten zu erzählen, in denen Kinder meist aufgrund mysteriöser und zwielichtiger Umstände in eine für sie meist schlimme Lage geraten, an der sie selbst aber auch nicht ganz unschuldig sind. Im Zuge des Nachmittages senken sich immer weiter die Schatten, das Haus und seine vermeintlichen Bewohner entwickeln im trüben Dämmerlicht ein zusehends beängstigendes Eigenleben, und bevor es gänzlich dunkel wird, rät Onkel Montague Edgar dringend zum Aufbruch. Als Edgar dann im Dunkeln auf seinem Weg durch den Wald verfolgt wird rettet Onkel Montague die Situation und erzählt Edgar die letzte und vermutlich schaurigste all seiner Geschichten, nämlich seine eigene....

Im englischen Original liest sich das Buch flüssig und stellt sprachlich keine allzu großen Herausforderungen an den Nichtmuttersprachler, da es vermutlich auf junge Erwachsene als Leserkreis zugeschnitten ist. Die kleinen Geschichten sind einfach ideal, um vor dem Einschlafen einen schaurig-schönen Happen der Erzählkunst Onkel Montagues (Chris Priestleys) zu genießen. David Roberts genial getroffenen Tusche-Illustrationen unterstreichen den Charakter dieser einzigartigen kleinen erzählerischen Perle. Ich hoffe, es gelingt auch der deutschen Übersetzung diese schaurig-schönen Stimmungen so stilsicher und punktgenau herüberzubringen. Ein wenig habe ich mich beim Lesen an die kuriosen Schauergeschichten des englischen Großmeisters der Erzählkunst Roald Dahl erinnert gefühlt, die Chris Priestley gekonnt fortspinnt. Sehr schön auch der Warnhinweis auf der Rückseite des Buches:
"This is a seriously scary book - younger readers be warned!"
Fazit: Schaurig schöne Kurzgeschichten im Stil von Roald Dahl, kongenial illustriert und in einem maßgeschneiderten erzählerischen Rahmen zusammengefasst. Dieses Buch muss man im Original gelesen haben!

Links:




Freitag, 4. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (1) Drucktechnik vor Gutenberg

Gestern, am 3. Februar vor genau 543 Jahren starb Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der uns allen dem Namen nach bekannte Erfinder des Buchdrucks. Nicht von ungefähr wurde er aufgrund seiner epochalen und die Neuzeit einläutenden Erfindung 1999 zum "Mann des Jahrtausends" gekürt. Doch lag sein geniales Unternehmen vor allem in der Kombination bereits bekannter Techniken mit neuen Verfahrensweisen. Vor allem aber war es seine unternehmerische Großtat, die in der für die damalige Zeit wahnwitzigen Idee bestand, mehr als 100 Prachtbibeln zu produzieren, die es in ihrer Ausstattung mit den prächtigsten Handschriften aufnehmen konnten, die seinen Ruhm noch heute unter Beweis stellen.

Die Geschichte der Druckkunst lässt sich bis in das 9. Jahrhundert in China zurückverfolgen. Der älteste erhaltene Buchdruck stammt aus den buddhistischen Mönchshöhlen Dun-Huang im westchinesischen Turkestan. Es handelt sich um ein buddistisches Sutra mit Illustrationen, das im Jahre 868 hergestellt wurde, gut 100 Jahre nachdem man schon in Japan (heute allerdings verschollene) Bücher gedruckt hatte.Zudem sind bereits hölzerne Druckstöcke aus China bekannt, die bereits aus dem 6. Jahrhundert stammen. Sie wurden von buddistischen Priestern hergestellt, die religiöse Darstellungen in Holz schnitten, einfärbten und auf Seide oder Hadernpapier druckten. Als Stempel dienten dabei hölzerne Würfel und Täfelchen. Es ist überliefert, dass die Druckstöcke jeweils direkt und ohne Vorlage geschnitten wurden, so dass der Drucker erst am fertigen Ergebnis die Qualität seiner Arbeit begutachten konnte. Eine nachträgliche Korrektur des Druckstocks war nicht mehr möglich. Diese Technik des Holzschnitts gilt als das älteste grafische Druckverfahren.

In der chinesischen T'ang-Zeit (615--906 n. Chr.) kam man im 9. Jahrhundert erstmals die Idee auf, ganze Bücher zu drucken. Da man an der Authentizität alter überlieferten Texte zu zweifeln begann, beschloss man, die als zweifelsfrei echt anerkannten Fassungen dauerhaft in Stein zu gravieren. Dem bereits bekannten Holzdruck folgend wurden anschließend auch Druckplatten in Spiegelschrift gefertigt, um die kulturell bedeutsamen Schriften entsprechend vervielfältigen zu können. Zu einer ersten regelrechten Blüte des Buchdrucks kam es in China dann ab dem 10. Jahrhundert.

Der Druck mit beweglichen, aus Ton geformten Lettern geht auf den chinesischen Alchimisten und Drucker Pi Sheng zurück, der in den Jahren 1041--1049 seine Kunst ausübte. Die fehlerlose Übertragung der Texte auf den Druckstock war dabei von erheblicher Bedeutung. Ein einzelner Schnitzfehler machte einen der traditionellen aus einem Holz- oder Steinblock gefertigten Druckstock unbrauchbar. Pi Sheng kam daher auf die Idee, einen Schriftsatz aus Standardtypen zu entwickeln, die in Serienfertigung herstellen ließen. Dabei wurden jeweils einzelne Ideogramme der chinesischen Schrift aus Lehm in negative Formen gepresst und anschließend gebrannt. Die fertigen Typen wurden in einem Eisenrahmen zu ganzen Sätzen zusammengefasst, die mit einer klebrigen Masse zu einer vollständigen Seite fixiert wurden.

Beim bereits zu dieser Zeit auch in Europa bekannten Holzschnitt handelt es sich dagegen um eine sogenannte Hochdrucktechnik, d.h. die erhabenen Teile des Druckstocks werden eingefärbt und auf den zu bedruckenden Stoff abgerieben. Zur Herstllung des dazu benötigten Druckstocks wurde ein Holzblock in eine 2--4 Zentimeter starke Platte geschnitten, deren Faser in Richtung der Bildfläche verlaufen musste (Langschnitt), die anschließend sorgfältig gehobelt, geschliffen und geglättet wurde. Nachdem zuerst seitenverkehrt eine Vorzeichnung auf den hölzernen Druckstock aufgebracht wurde, erfolgte die Eintiefung der nichtdruckenden Teile des Bildes. Dabei wurden die vorgezeichneten Linien mit verschiedenen Messern möglichst exakt umschnitten. Die übrig gebliebenen Holzstege des Bildes wurden mit Hilfe eines mit Farbe getränkten Ballens oder durch Überrollen mit einer Walze eingefärbt und auf einen ungeleimten, leicht befeuchteten Papierbogen gedruckt, der über den Druckstock gelegt und mit einem Stoffballen abgerieben wurde.

Meist wurden die Holzschnitte nur einseitig bedruckt, da die Farbe durch das zum Drucken befeuchtete Papier durchschlug. Ein einmal geschnittener Holzstock konnte so bis zu mehrere hundert Male zum Drucken verwendet werden. Wurden mehrere Einzelblattdrucke zu einem kleinen Buch zusammengefügt, so entstand ein so genanntes Blockbuch.

Als im 14. Jahrhundert in Europa das Papier als kostengünstiger und massenhaft produzierbarer Beschreibstoff aufkam (siehe Biblionomicon 'Eine kurze Geschichte des Papiers') wurde mit diesem auch die Technik des Holzschnitts importiert. Dargestellt wurden darin häufig biblische oder theologische Themen, allerdings meist in bildhafter Form, da der Großteil der damaligen Bevölkerung des Lesens und Schreibens nicht mächtig war (siehe Biblionomicon 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens'). So wurden in Zeiten der Pest sogenannte "Pestblätter"gedruckt, auf denen die als Pesthelfer verehrten Heiligen zusammen mit Gebetstexten und medizinischen Ratschlägen abgebildet waren. Daneben spielten als Holzdruck produzierte Flugblätter in der Zeit vor Gutenbergs Erfindung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten. Aber auch nach der durch Gutenberg ausgelösten Druckrevolution verlor der Holzschnitt zunächst nichts von seiner Bedeutung, da er immer häufiger zur Buchillustration eingesetzt wurde. So beinhaltet die 1493 erschienene "Schedelsche Weltchronik" des Nürnberger Druckers Anton Koberger knapp 2.000 Holzschnittillustrationen.

Seinen ersten künstlerischen Höhepunkt in Europa erreichte der Holzschnitt mit den Werken Albrecht Dürers (1471--1528), der den Holzschnitt von der reinen Buchillustration befreite und mit bis dato nicht gekannter technischer Reife als eigenständiges Kunstmedium etablierte.
Die im 15. Jahrhundert aufkommende Tiefdrucktechnik des Kupferstichs erlaubte dann auch eine stärkere Differenzierung der Tonwertstufen des dargestellten Bildes und damit eine nuanciertere künstlerische Darstellung.

[Weiter geht es hier mit Teil 2: Die Gutenberg'sche Druckrevolution]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links:

Montag, 31. Januar 2011

Ist Bibliophilie eine Krankheit? Umberto Eco 'Die Kunst des Bücherliebens'


Ist Bibliophilie eine Krankheit? Nein, wenn wir bei der üblichen Terminologie bleiben, sicherlich nicht. Erst, wenn sie zur Bibliomanie gerät, kann man von einer gar krankhaft übersteigerten Sucht reden. Aber auch Bibliophilie bedeutet Leidenschaft, zumindest wächst sie sich oft zur Sammelleidenschaft aus, der sich kein Buchliebhaber dauerhaft zur Wehr setzen kann. Interessant also, was uns der Bestseller-Autor Umberto Eco, der selbst eine Bibliothek mit über 50.000 Büchern sein Eigen nennt, dazu zu sagen hat...


Der Hanser Verlag hat unter dem Titel 'Die Kunst des Bücherliebens' einige Aufsätze, Artikel und vormals als Vorwort oder Einleitung erschienene Versatzstücke des großen Umberto Eco in einem eigenen kleinen Bändchen zusammengefasst und diesen als Sammelband zum Thema 'Bibliophilie' etikettiert herausgegeben. Natürlich nimmt man es Umberto Eco ab, dass er Bücher liebt.

"Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat" (Seite 17)
Ohne diese Liebe zum Buch hätte er wohl kaum so erfolgreich seinen mittlerweile als Klassiker gehandelten Buchthriller 'Der Name der Rose' schreiben können, in dem ebenfalls das Verhältnis des Menschen zum geschriebenen Wort im Mittelpunkt der Handlung steht. Generell ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Verlag einzelne, thematisch zueinander passende Arbeiten eines Autors in einem Buch zusammenstellt. Allerdings wirken hier einige Artikel - insbesondere die 'Einführungen', die Eco als Vorwort zu bibliophilen Sonderdrucken historischer Druckwerke beigesteuert hatte - etwas deplatziert, da ihnen oftmals das zur Erklärung notwendige, erleuchtende Bildwerk fehlt.

So ist der Auswahlband auch dreigeteilt: Der Anfang besteht aus drei Artikeln 'Über Bibliophilie', die gleichzeitig auch bereits den Höhepunkt des ganzen Buches ausmachen. Reflektiert 'das pflanzliche Gedächtnis' noch über das geschriebene Wort als Kulturtechnik, gewähren die 'Reflexionen über Bibliophilie' kurzweilige und humorvolle Einblicke in die Welt der Bibliophilen und Bibliomanen. Abgeschlossen wird der erste Teil mit den 'Sichtungen eines Sammlers', der uns sofort klarmacht, dass ein Büchersammler schon einer sehr speziellen Gattung Mensch angehören muss...

"Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns entschwindet." (Seite 48)


Es ist der zweite, als 'Historica' übertitelte Teil, der mir etwas Magengrimmen bereitet hat. Hier wurden Einführungen und Vorworte Ecos zu Faksimile-Ausgaben und Reprints berühmter Druckwerke der Geschichte aufgenommen, die ohne die Darstellung der Objekte, auf die sich der Autor in seiner Darstellung bezieht, etwas verloren und deplatziert dastehen. Hier würden Abbildungen der betreffenden Werke helfen, wie z.B. das 'Book of Lindisfarne', die 'Très Riches Heures' des Duc de Berry oder besser noch die (zumindest mir) weniger bekannten 'Insularien' des Benedetto Bordone. Unverständlich, dass dies nur im letzten Artikel 'Der seltsame Fall der Hanau 1609' unternommen wurde. Scheiterte es an den Bildrechten (an Werken die 400 Jahre und älter sind)?


Im kletzten Teil werden uns noch 'Literarische Narren' vor Augen geführt. So kann man allerhand interessantes erleben, wenn man sich die 'Varia und Curiosa' der Buchkataloge zu Gemüte führt. Besonders gefallen hat mir dabei der Exkurs zur 'Hohlwelttheorie'. Auch der mittlerweile schon alten Frage 'War Shakespeare zufällig Shakespeare' versucht Eco hier auf den Grund zu gehen und endet mit dem 'Inneren Monolog eines E-Books', das sich wünscht, es wäre ein Papierbuch.... und zwar Dantes 'Göttliche Kommödie'.
"Ich wäre so gern das Papierbuch, das die Geschichte jenes Herrn enthält, der die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies besucht hat. Ich würde in einem ruhigem Universum leben, wo die Unterscheidung zwischen Gut und Böse klar ist, wo ich wüsste, wie man es anstellt, von der Qual zur Glückseligkeit zu gelangen, und wo die Parallelen sich nie überschneiden..."(Seite 192)
Wer jetzt aber Wirklich etwas über die Kunst des Bücherliebens, und vorallem über die Freude, die einem diese Leidenschaft bereiten kann, erfahren möchte, dem sei vor allen Dingen Alberto Manguel, der 'König der Leser' ans Herz gelegt (siehe Biblionomicon, 28.8.2009: 'Der König der Leser schreibt eine Geschichte des Lesens'). Keiner sonst vermag es mit seinen Geschichten zum Lesen und zur Literatur soviel Begeisterung zu wecken.

Fazit: In einigen wenigen der dargebotenen Artikel läuft Eco zu vollem Glanz auf, allerdings hätte der Verlag gut daran getan, entweder die Artikelauswahl (weiter) zu beschränken oder mehr erläuterndes (Bild)material hinzuzufügen.

Sonntag, 23. Januar 2011

Indiana Jones und die deutsche Romantik - Robert Löhr 'Das Hamlet-Komplott'

Die Überschrift nimmt es ja schon vorweg: da kommt einiges zusammen. Ein Dichter-Denker-Mantel-Degen Roman, wie es der Verlag auf dem Klappentext recht treffend betitelt hat. Und damit hat er nicht zuviel versprochen....

Über Robert Löhrs Vorliebe, das Personal seiner Romane aus Deutschlands Dichter- und Denkerzirkeln zu rekrutieren und diese in phantastische Räuberpistolen und Abenteuergeschichten hineinzuversetzen, hatte ich ja bereits schon mit dem 'Erlkönigmaneuver' hier im Biblionomicon besprochen. Dennoch hat mich meine damalige Kritik nicht daran hindern können, auch Robert Löhrs neusten Band 'Das Hamlet-Komplott' zu lesen, der das abenteuerliche Szenario fortzusetzen verspricht.

Der kurzweilige Roman startet mit einem aus meinem Blickwinkel sehr gelungenen Kapitel über den Einfall napoleonischer Truppen nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt in Weimar.
"Den Morgen des 14. Oktobers 1806 verbrachte Goethe im Garten über seiner Farbenlehre, derweil Napoleon vier Wegstunden ostwärts die preußische Armee zermalmte..."(Seite 7)
Obwohl sich nicht gerade übermäßige Panik im Hause Goethes breitmacht, bereitet man sich auf die zu erwartenden Plünderungen und die Besetzung des Hauses am Weimarer Frauenplan vor. Als in der Nacht einer der einquartierten französischen Soldaten Goethes Münzkabinett plündert, wird er vom Geheimrat auf frischer Tat ertappt. Kurzentschlossen und kaltblütig rettet Christiane, die langjährige Lebensgefährtin Goethes und Mutter seiner Kinder, das Leben des Geheimrats, indem sie den Soldaten mit einem Stein aus Goethes Mineraliensammlung erschlägt. Glückliche Konsequenz dieser Bluttat: fünf Tage später heiraten Goethe und die Vulpius im kleinsten Kreise in der Weimarer Jakobskirche...

Aber diese kleine Episode bildet nur den Auftakt für eine verwegene Abenteuergeschichte, bei der Johann Wolfgang von Goethe zusammen mit Heinrich Kleist, Madame de Staël, Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches vor dem Zugriff französischer Agenten bewahren und diese als fahrende Schauspieler verkleidet quer durch das napoleonische Süddeutschland nach Preußen schaffen wollen. Und dabei kommt es der illustren Reisegruppe zu Gute, dass ausgerechnet August Wilhelm Schlegel mit von der Partie ist. Der berühmte Übersetzer der Dramen Shakespeares in die deutsche Sprache verdingte sich damals als Hauslehrer (Hausfreund?) bei Madame de Stael, Tochter des Finanzministers Necker und erklärte Feindin Napoleons. Eigentlich sollte der Wagen der fahrenden Schaubühne ja nur als Verkleidung dienen. Als sich die Truppe aber gezwungen sieht, ihre Deckidentität unter Beweis zustellen, greifen sie auf Schlegels profunde Kenntnisse zurück, um Shakespeares berühmtestes Stück 'Hamlet' mit großer Improvisationskunst auf die Bühne zu bringen.
"Helfen Sie mir auf die Sprünge: Wo genau in Hamlet donnert es?"
"Meteorologisch nirgendwo", antwortete Kleist und kurbelte an der Windmaschine. "Aber metaphorisch."
Ist das nun künstlerische Freiheit oder eher blasphemischer Unfug? Berechtigte Frage. War ich beim vorangegangenen Roman noch von der Umsetzung der an sich interessanten Idee weniger begeistert, gefällt mir der vorliegende Band um so mehr. Löhr nimmt sich mehr Zeit dafür, die Tiefen seiner allgemein bekannten Figuren auszuloten. Auch, wenn er es dabei nicht immer allzu genau mit den historischen Tatsachen nimmt. Goethes Verhältnis zu Madame de Stael war doch eher von unterkühlter Natur, wie man seinen Briefen an Schiller entnehmen kann, als diese sich zu Besuch in Weimar befand.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft', Seite 287)
Allerdings macht es natürlich Spaß mit dem historischen 'Was wäre wenn' zu spielen und so den bekannten Figuren neue Seiten abzugewinnen. Sollte darüber hinaus noch der ein oder andere Leser gewonnen werden, die von den Protagonisten selbst geschriebene 'große' Literatur im Original zu lesen, dann erfüllt die Löhrsche Räuberpistole sogar noch einen Bildungsauftrag. Auf alle Fälle sollte man den Roman mit einem kleinen Augenzwinkern lesen und nicht immer alles auf die Goldwaage legen. Um dies dem Leser zu erleichtern, stellt Löhr dem Roman ein Schillerzitat voran, in dessen Licht besehen jetzt auch der stereotype und meist humorresistente 'Bildungsbürger' die von ihm ersponnene Geschichte in vollem Maße genießen kann:
"Überhaupt glaube ich, dass man wohl tun würde, immer nur die allgemeine Situation, die Zeit und die Personen aus der Geschichte zu nehmen und alles übrige poetisch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen entstünde, welche die Vorteile des historischen Dramas mit dem erdichteten vereinigte." (Friedrich Schiller, Briefe an Goethe, 20.8.1799)
Fazit: Kurzweilig und spannend zu lesender Roman, der mit seiner gewagten Mischung aus deutscher Kulturhistorie und 'Jäger des verlorenen Schatzes' eine abwechselnd frische Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik bietet, indem er dem Leser deren Hauptakteure auf unprätentiöse Weise nahebringt. Lesen!

Links:



Sonntag, 16. Januar 2011

Eine Leonardo Dekonstruktion - Monaldi & Sorti 'Die Zweifel des Salai'

Mit wechselnder Begeisterung hatte ich ja bereits die ersten drei Bücher des italienischen Autorenehepaars Rita Monaldi und Francesco Sorti um die Abenteuer des historischen Detektivs Atto Melani und seinem kleinwüchsigen 'Dr. Watson' zur Zeit des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts gelesen. Um so mehr war ich auf den neuen Roman gespannt, der diesmal ein ganzes Stück früher zur Zeit der Renaissance in Italien spielen sollte und unter anderem mit der historischen Figur Leonardo da Vincis.

Gegenstand des Romans 'Die Zweifel des Salai' von Monaldi & Sorti sind (fiktive) Briefe, geschrieben von Salai, dem Adoptivsohn und Schüler Leonardo da Vincis, an einen geheimnisvollen, mächtigen Auftraggeber in Florenz. Die Identität des Mannes im Hintergrund wird im Buch bis fast zum Schluss verheimlicht und ein guter Teil der Spannung geht mit dem Rätselraten einher, um welche historische Persönlichkeit es sich dabei wohl handelt. Der junge Salai beschreibt sich selbst als außerordentlich wohlgestaltet -- tatsächlich soll er dem Vorbild der antiken Statue des Antinoos, einem Günstling des römischen Kaisers Hadrian ähneln. Die antike Statue wurde übrigens kurz vor Beginn der Handlung des Romans wiederentdeckt und ihrer Popularität verdankte Salai aufgrund seiner frappanten Ähnlichkeit auch seinen unglaublichen Erfolg bei den römischen Frauen. Tatsächlich ist auch keine vor ihm sicher und ein Großteil des Romans besteht aus seinen erotischen Eskapaden, die er im Stil der Zeit in seinen Briefen schildert.

Damit gerät der Roman zu einer Mischung aus der Lebensbeschreibung Casanovas (was die erotischen Abenteuer angeht) und der Narrengeschichte des Simplizissimus (was die Naivität Salais betrifft). Die Rahmenhandlung dreht sich um das Gespann Leonardo und Salai, wie sie aus Salais Perspektive betrachtet nach Rom kommen. Leonardo, vorgeblich um antike Bauwerke und Kunst zu studieren, und Salai, um seinem Auftraggeber über Leonardos Aktivitäten zu berichten. So treibt sich Salai auf den Straßen und Gassen Roms herum und stößt dabei auf eine scheinbare Verschwörung undurchsichtiger Deutscher gegen den Papst Alexander VI., dem berühmt-berüchtigten Rodrigo Borgia, über den die damalige Gerüchteküche allerlei Abartigkeiten zu berichten hat. Diese sind auch der Grund, aus dem der mächtige und skrupellose Neffe des Papstes, Cesare Borgia, Leonardo über einen Mittelsmann beauftragt, herauszufinden, wer hinter diesen perversen Gerüchten steckt. So geraten Leonardo und Salai in allerlei interessante Abenteuer, auch wenn am Ende nicht unbedingt alles zur Zufriedenheit des Lesers aufgeklärt werden kann.

Leonardo wird dabei nicht, wie heute üblich, als das Universalgenie der Renaissance geschildert, sondern vielmehr als glückloser Künstler, Konstrukteur und Architekt, der es nicht schafft, einen lohnenden Auftrag an Land zu ziehen und dessen abstruse Konstruktionsideen zum Einen meist geklaut sind und zum Anderen dann auch nicht funktionieren. Salai schildert seinen Adoptivvater eher als gutmütigen Trottel denn als intellektuelles Schwergewicht, das seiner Zeit voraus war. Das Buch besteht aus den vielen Briefen Salais an seinen Auftraggeber in der ihm eigenen, einfach derben Sprache. Diese ist nach den vorangegangenen, sprachlich etwas anspruchsvolleren Büchern des Autorengespanns, eher ein Schlag ins Gesicht und man muss schon die Zähne zusammenbeißen, um sich an den Stil zu gewöhnen. Wie immer werden dem Leser allerlei historische Fakten und Geschichten der damaligen Zeit in appetitlicher Form serviert, die durch ein umfangreiches Nachwort ergänzt werden. Allerdings bleibt diesmal der 'Aha-Effekt' am Ende der Erzählung irgendwie aus.

Ich befürchte, den Fans der letzten drei Bände der Autoren (die ebenfalls hier im Biblionomicon rezensiert wurden) wird dieser neue Aufguss, versetzt in eine ältere Epoche und garniert mit dumpf-naiver Ausdrucksweise nicht sonderlich munden. Ansonsten halten sie sich aber an ihr bewährtes Erfolgsrezept, gegen das eigentlich nichts zu sagen wäre, solange es eben gut unterhält. Mittlerweile liegt auch bereits ein zweiter Band über den Adoptivsohn Leonardos vor, den ich mir aber aller Voraussicht nach nicht antun werde.

Fazit: Ein an sich abenteuerliches Sittengemälde aus dem Rom der Renaissance, erzählt von einem erotomanen tumben Toren, das zwar allerlei interessante Fakten bereit hält, aber irgendwie nicht den gewünschten Spannungsbogen erzielt.

Links:






Freitag, 7. Januar 2011

Eine kurze Geschichte des Papiers

Vor 682 Jahren, um ganz genau zu sein, am 6. Januar 1329 wurde Ulman Strohmer geboren, der Mann, der die Papierherstellung nach Deutschland brachte. Um 1390 baute er die bei Nürnberg gelegene Gleißmühle an der Pegnitz zur Papiermühle aus und brachte damit den begehrten und billig herzustellenden Beschreibstoff auch nach Deutschland.

Aber das Papier ist natürlich noch viel, viel älter. Früheste Berichte verweisen zurück auf das 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als in China mit der Herstellung von Papier aus Hanffasern experimentiert wurde, um den bis dahin verwendeten, teuren Seidenstoff als Beschreibmaterial abzulösen. Zur Zeit der östlichen Han-Dynastie vor um das Jahr 105 vom kaiserlichen Hofbeamten T'sai Lun berichtet. Angetrieben durch das hohe Schreibaufkommen in der kaiserlichen Kanzlei gelang ihm die Herstellung eines billigen und in großen Mengen produzierbaren Beschreibstoffes (Filzpapier) aus zerstoßener Baumrinde, Hanf, Lumpen (Hadern), die in Wasser aufgeweicht und mit Hilfe eines Schwemmsiebes herausgeschöpft wurden.

Von China ausgehend erreichte die Technik der Papierherstellung um das Jahr 600 Korea, um 610 Japan. 794 nahm in Bagdad die erste Papiermühle der Araber ihren Betrieb auf, die das Papier im 8. Jahrhundert in Ägypten einführten, wo es das seit Jahrtausenden verwendete Papyrus rasch verdrängen konnte. Die Araber hüteten das Geheimnis der Papierherstellung für fast fünf Jahrhunderte. Sie betrieben einen regen Papierhandel, so dass auch die abendländischen Europäer diesen Beschreibstoff über das von den Arabern besetzte Spanien schnell kennenlernten.

Diese Schlüsselrolle der islamischen Kultur in der Herstellung und Verbreitung des Papiers kann heute immer noch an dem Wort ”Ries“ ablesen werden, das heute Einheiten von 500 Blatt Papier bezeichnet. Dieses Wort drang über das altfranzösische ”rayme“ ins Englische vor, über das spanische ”resma“, das selbst wieder auf das ”rizmah“ im Arabischen zurückgeht, wo es einen Packen oder ein Bündel bezeichnet. Im 11. Jahrhundert berichtete der arabische Historiker Abd al-Malik al Tha’alibi in seinem Buch der ”kuriosen und unterhaltsamen Kenntnisse über die Eigenheiten der verschiedenen Länder“, dass die islamische Papierherstellung im Jahre 751 in Samarkand begann und dort von chinesischen Kriegsgefangenen eingeführt wurde. Zwar waren viele der in China zur Papierherstellung üblichen Rohstoffe nicht verfügbar, doch die Araber behalfen sich mit Flachs, Hanf und textilen Abfallmaterialien (Lumpen, Hadern), so dass mit dem eroberten Wissen in Samarkand schnell eine aufblühende Papierindustrie entstand. Mit der Errichtung von Stampfwerken anstelle der in China verwendeten Mörser zur Zerfaserung der Grundstoffe konnte eine Produktion in größerem Ausmaß ermöglicht werden. Weiter verbesserten die Araber die Technik der Papierherstellung, indem sie, um eine bessere Beschreibbarkeit zu gewährleisten, die Papierbögen beidseitig mit Stärke versahen.

Nach Europa gelangte das Papier zunächst über die arabischen Brückenköpfe in Spanien, Konstantinopel und Sizilien. In Italien entwickelte sich im 13. Jahrhundert eine erste Papierindustrie (1268 erste Papiermühle in Fabriano), die bereits wasserradgetriebene Stampfmühlen einsetzte, und um 1390 wurde schließlich auch in Deutschland die erste Papiermühle eröffnet. In den Papiermühlen werden meist durch Wasserkraft mechanische Stampfer angetrieben, die einen Papierbrei aus zerrissenen Fasern und Wasser herstellten. Diese sehr feuchte Masse wird anschließend auf ein in Holzrahmen gespanntes Sieb aus pflanzlichen oder tierischen Fasern aufgegossen. Nachdem das Wasser abgetropft ist, bleibt ein Blatt zurück, das nur noch wenig Feuchtigkeit besitzt. Zusammen mit saugfähigen Zwischenlagen werden die Blätter abschließend in Pressen vollständig entwässert und geglättet.

Quellen:

Sonntag, 2. Januar 2011

2010 - Ein Rückblick

Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann sind es diese 'Statistik-Beiträge' in sogenannten 'literarischen Blogs', in denen die selbsternannten Kritiküsse ihre Lese- und Rezensionsleistungen gleich der Übererfüllung eines vorgegebenen Jahresplans als Leistungsschau zum Besten geben. Was interessiert es mich, wieviele Bücher sich auf dem 'Stapel ungelesener aber nun doch gekaufter oder eingetauschter Bücher' befinden, wieviele Bände, Seiten, Sätze oder gar Wörter gelesen wurden. Als wäre es eine sportliche Leistung, möglichst viel zu konsumieren. Von Lesevergnügen oder Erkenntnisgewinn keine Spur.

Blicke ich zurück und blättere in meinen Blogbeiträgen, dann fällt mir auf, dass ich wieder einmal viel zu wenig Zeit zum Lesen und Genießen guter Literatur erübrigen konnte. Um so wichtiger ist es für mich, meine Zeit nicht mit 'schlechter Literatur' zu verschwenden. Aber was heist schon 'schlechte Literatur', nennen wir es lieber Literatur, die nicht nach meinem Geschmack ausfällt. Denn Geschmack, das wissen wir nur allzu gut, liegt ebenso wie die Schönheit im Auge des Betrachters und jeder hat so seine eigenen Vorlieben. Darum gilt mein Dank auch all den Blogrezensenten (und natürlich auch ihren professionellen Kollegen), die mich auf neue und interessante Literatur hingewiesen haben bzw. mich davor bewahrt haben, meine Zeit mit Unnützem zu verschwenden.

Dennoch möchte ich ein kurzes Resumé über mein Lesejahr 2010 ziehen und auf die bleibenden Lesehighlights, die ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann, an dieser Stelle in kondensierter Form hinweisen. Hier also meine ultimativ subjektive Literaturbestenliste 2010:


Platz 1: Samuel Pepys Tagebuch. Mit Abstand das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Hier gelingt es einem Zeitgenossen, ein lebendiges Bild aus einer weit entfernten und geschichtsträchtigen Zeit zu entwerfen, als wäre man selbst dabei gewesen. Ein üppig barockes Tagebuch eines minutiösen Chronisten seiner Zeit, der nichts hat anbrennen lassen, kein Blatt vor den Mund nimmt und uns öfters einmal einen Spiegel vors Gesicht hält. Großartig! Prächtig! Unbedingt lesen!


Platz 2: Stendhal, Die Kartause von Parma. Wirklich großes Kino! Für diesen Roman muss man etwas Zeit und Muse mitbringen, aber die ist auf alle Fälle gut investiert. Großartiger Roman in historischem Ambiente mit komplexer, aber nicht komplizierter Handlung und facettenreichen Charakteren. Lesen!





Platz 3: Alan Bradley: Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet. Und wenn man schon dachte, man könnte dem Kriminalroman keinen neuen und interessanten Seiten mehr abgewinnen, hier wird man nicht enttäuscht. Eine absolute Überaschung für mich, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ein äußerst kurzweiliger und liebevoll nostalgischer Kriminalroman voller Leichtigkeit aus einer ungewohnten, aber nicht minder interessanten Perspektive, der selbst mir als Kriminalroman-Banausen viel Freude bereitet hat. Lesen!


Natürlich gab es auch 2010 einige große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden. Diesen möchte ich an dieser Stelle aber nicht von Neuem unnötig Raum bieten und verweise auf die Blogeinträge des letzten Jahres. Hoffen wir, dass auch 2011 wieder einige Lesehighlights bieten wird. Ich bin schon einmal gespannt :)

Samstag, 1. Januar 2011

Eine Pilgerreise als Ausgangspunkt der englischsprachigen Literaturgeschichte - Geoffrey Chaucer 'Canterbury-Erzählungen'

Es wird höchste Zeit. Leider wird dieselbige immer knapper, wenn einem ein Verlagstermin im Rücken sitzt. Schreibt man ein eigenes Buch, fehlt einem dann gerade auch die Zeit, Rezensionen zu fremden Büchern zu schreiben. Um aber nicht allzu sehr gegenüber meinem Stapel bereits gelesener Bücher in Rückstand zu kommen, muss ich mir heute etwas Zeit nehmen, um über Geoffrey Chaucers 'Canterbury-Erzählungen' zu schreiben, die ich gegen Ende November mit großer Ausdauer gelesen habe. Entstanden ist dieser Band mit Erzählungen aus dem alten England vor über 600 Jahren und es stellt sich die Frage, warum sollte das heute noch jemand lesen wollen....?

Gute Frage. Insbesondere, da ich die Geschichten gegen Ende hin wirklich nicht mehr als besonders amüsant, geistreich oder interessant empfand. Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf. Im 14. Jahrhundert verfasste Geoffrey Chaucer, der Sohn einer reichen Londoner Weinhändlerfamilie, eine Sammlung von Geschichten und Erzählungen, zusammengefasst durch die Rahmenhandlung einer Pilgerreise nach Canterbury zu den Reliquien des heilig gesprochenen Thomas Becket. Jeder der Teilnehmer aus der 30-köpfigen Pilgergruppe, die sich bunt aus allen Ständen des damaligen Engands zusammensetzt, soll je vier Geschichten (zwei auf der Hin- und zwei auf der Rückreise) erzählen, um sich die Zeit während der Reise zu vertreiben und um einen Wettbewerb um die beste Erzählung auszufechten. Dazu zählen sowohl humorvolle als auch erbauliche und belehrende Erzählungen, bei denen es um (höfische) Liebe, Freundschaft, Verrat, Heiligenerzählungen oder Habsucht geht. Allerdings liegen uns nur 24 der ursprünglich geplanten 120 Erzählungen vor.

Insgesamt erinnert mich das Ganze sehr an Giovanni Boccaccios 'Decamerone', an dessen Vorbild sich Chaucer auch orientiert haben soll. Auch Boccaccios Rahmenhandlung seiner berühmten Sammlung von Erzählungen dreht sich um eine Gruppe Reisender, die sich allerdings im Gegensatz zu Chaucers Erzählenden auf der Flucht vor der Pest befinden und nicht auf einer frommen Pilgerreise. Neben den eigentlichen Geschichten, die Chaucer meist nicht selbst erfunden, sondern älteren Quellen entnommen und bearbeitet hat, sind vor allem die Charakterbilder der Mitreisenden und ihre Dialoge sehr interessant, da sie uns vom Verhältnis und dem Miteinander der einzelnen Stände, von Adeligen, Rittern, Klerikern und Bauern des spätmittelalterlichen Englands erzählen, die für uns heute oft seltsam und fremdartig erscheint. Fragt man nach dem bleibenden Einfluss Chaucers auf die Literaturgeschichte, so liegt dieser weniger in den von ihm erzählten Inhalten als in der Tatsache, dass er sein Werk damals untypischerweise in der englischen Volkssprache (Mittelenglisch) und nicht in Französisch oder auf Latein verfasst hat, und damit dazu beigetragen hat, das Englische zur Literatursprache herauszubilden.

Meine Ausgabe aus dem Manesse Verlag, ins Deutsche übersetzt von Detlef Droese und mit Illustrationen nach alten Holzschnitten, besticht durch vor allem durch ihre Ausstattung. Das handliche Manesse-Format und das verwendete Dünndruckpapier lassen die mehr als 500 Seiten bequem als Reiselektüre durchgehen. Dazu wurde in der vorliegenden Übersetzung zu Gunsten der Lesbarkeit auf die Versform verzichtet. Wer aber einen Eindruck von der ursprünglichen Fassung gewinnen möchte, dem seien für einen ersten Blick die unten als Links genannten online-Texte anempfohlen.

Fazit: Literaturgeschichtlich bedeutsam, aber in der Gesamtheit nur für die wirklich Interessierten ein Vergnügen. Also wieder einmal etwas nicht für jedermanns Geschmack und auch für mich eine mitunter anstrengende, aber ab und an sehr unterhaltsame Lektüre.


Links: