Sonntag, 2. Oktober 2011

Morbide und Düster - Pedro A. De Alarcón 'Der Freund des Todes'

Ich hatte diese Bücher bereits vor über 20 Jahren für mich entdeckt, als ich in den Buchhandlungen meiner Heimatstadt auf der Suche nach phantastischer Literatur herumstöberte. Dabei fielen mir diese schmalen, aber überaus kunstreich gestalteten Taschenbücher der Edition Weitbrecht auf, die unter dem Titel 'Die Bibliothek von Babel' vom großen Jorge Luis Borges herausgegeben wurden, und die phantastische Erzählungen von mehr als 40 Autoren aus drei Jahrhunderten und allen Kontinenten vereinten. Jeder einzelne Band der 30-bändigen Reihe wurde von Borges persönlich eingeleitet, indem er die Autoren und deren Werk kurz vorstellt. Die Edition Büchergilde legte diese Serie vor wenigen Jahren erneut in einer ansprechenden Aufmachung als bibliophile Künstleredition mit Umschlagillustrationen von Bernhard Jäger auf, deren ersten Band ich mich heute widme.

Der erste Band der 'Bibliothek von Babel' ist dem Spanier Pedro Antonio de Alarcón gewidmet, einem Autor des 19. Jahrhunderts, der den meisten von uns heute sicherlich völlig unbekannt sein dürfte. Er enthält die beiden Erzählungen 'Der Freund des Todes' (El amigo de la muerte) und 'Die große Frau' (La mujer alta), die seinem Buch 'Unwahrscheinliche Geschichten' (Narraciones inverosimiles) entnommen sind, und die der in Guadix in der Provinz Granada geborene Autor als Überlieferung aus dem Munde der ortsansässigen Ziegenhirten aufgeschnappt haben soll.

'Der Freund des Todes' erzählt vom Schneidersohn Gil Gil, dem das Leben übel mitspielt. Die Schönheit seiner Mutter blieb dem Grafen von Riónuevo nicht verborgen, der Gil als Pagen mit an seinen Hof nimmt, wo er sich in die schöne Elena, die Tochter des Herzogs von Monteclaro verliebt. Doch als der Graf stirbt, wird Gil von dessen Frau, die ihn nie ausstehen konnte, aus dem Haus geworfen. So verliert er binnen kurzem nicht nur seine Anstellung, sein Ansehen, sondern auch seine große Liebe. Als er vor lauter Verzweiflung schließlich beschließt, sich umzubringen, tritt im der leibhaftige Tod gegenüber und trägt ihm, dem Bedauernswerten seine Freundschaft an. Er bietet ihm ein glückliches Leben an, versehen mit der Gabe, als Wunderarzt stets erkennen zu können, ob ein Patient genesen oder sterben wird, wobei ihm der Tod höchstpersönlich jeweils die entscheidenden Hinweise geben würde. So beginnt ein erneuter Aufstieg Gils, der ihm seiner geliebten Elena schließlich wieder nahe bringen soll. Doch dieses Glück währt nur für allzu kurze Dauer....
"Du wirst nicht sterben, weil Du schon tot bist; aber Du wirst bis drei Uhr heute nachmittag schlafen und dann..." (Seite 120)
Während die erste Geschichte des Bandes in der Mitte des 18. Jahrhunderts, also in ferner Vergangenheit spielt, ist die zweite Erzählung 'Die große Frau' zu Lebzeiten des Autors um 1860 angesiedelt. Darin erscheint der Tod in Gestalt einer großen, unheimlichen Frau, die dem Ingenieur Telesforo zunächst zufällig in den nächtlichen Straßen der Stadt begegnet und ihn buchstäblich fast 'zu Tode' erschreckt. Aber jede der darauf folgenden Begegnungen mit ihr kündigt das Ableben eines ihm nahestehenden und geliebten Menschen an.  Am Ende wird die große Frau auch am Grab Telesforos stehen...
"Die große Frau begann zu lachen und zeigte mit ihrem Fächer auf mich, um mich zu demütigen, als ob sie meine Gedanken erraten hätte und den Leuten meine Feigheit preisgeben wollte..." (Seite 152)
Die beiden phantastischen Geschichten personifizieren den Tod, verleihen ihm ein eigenes Gesicht und stellen ihn mitten unter uns ins Leben. Bei aller Kürze trifft Alarcón doch einen Nerv, der uns die geradelinig gezeichneten Gestalten plastisch vor Augen treten lässt und uns mit hinein reißt in den Strudel der schaurigen Geschehnisse.

Fazit: Zwei magische Geschichten eines hierzulande nahezu unbekannten Autors, die ich allen Freunden der phantastischen Literatur ans Herz kann.


Pedro de Alarcón:
Der Freund des Todes,
Die Bibliothek von Babel, Band 1,
übersetzt von Astrid Schmidt,
edition Büchergilde (2007)
152 Seiten
17,90 Euro

Samstag, 24. September 2011

Tiefgründig, anrührend und nostalgisch - Harper Lee "Wer die Nachtigall stört"

Natürlich hatte ich den allseits wohlbekannten Film mit Gregory Peck schon gesehen, als ich noch ein Kind war. Eine dieser typischen alten Südstaatengeschichten, von Apartheit und Rassismus, von 'anständigen Leuten', altehrwürdigen Familien und den Verlierern der damaligen Wirtschaftskrise. Alles schon tausendmal gesehen und gehört. Was diesen Roman aber so anders macht und ihm einen überaus bemerkenswerten Charme verleiht, ist die Perspektive, aus der er erzählt wird. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das in einer Kleinstadt im Alabama der 1930er Jahre aufwächst und die ihre Lebenswelt mit den interessierten Augen des neugierigen und unvoreingenommenen Kindes wahrnimmt.

Die neunjährige Scout -- eigentlich Jean Louise Fink ('Finch' im englischen Original) -- und ihr vier Jahre älterer Bruder Jem wachsen in der Obhut ihres Vaters, des Anwalts Atticus Fink und der schwarzen Haushälterin Calpurnia, in der heilen Kleinstadtwelt Alabamas auf. Der Mikrokosmos dieser kleinen Stadt ist für Scout noch ein magischer, oftmals rätselhafter Ort, insbesondere, da sie die Erwachsenen noch nicht verstehen kann. So sind sie und ihr Bruder Jem fasziniert und verängstigt zugleich, wenn es um den mysteriösen Nachbarn Boo Radley geht, der niemals das Haus verlässt, oder wenn sie von den 'fußwaschenden Baptisten' hören, denen alles, was Freude macht, als verdammenswert gilt.
"Dill?""Hm?""Warum ist wohl Boo Radley nie weggelaufen?"Dill stieß einen tiefen Seufzer aus und drehte sich auf die andere Seite."Vielleicht hat er nichts, wo er hinlaufen kann..." (Seite 193)
Erst recht kann Scout nicht verstehen, dass ihr Vater plötzlich zum Schandfleck der Familie wird, als er zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson berufen wird, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. Da Atticus auf dem Standpunkt steht, dass ein Schwarzer vor dem Gesetz gleichberechtigt zu behandeln ist, wird er von einem Großteil der Lokalbevölkerung angefeindet -- und das bekommen auch die Kinder deutlich zu spüren. So dringt mehr und mehr eine ahnungsvolle Furcht in die Welt der beiden Geschwister ein und Atticus hat seine liebe Not, Scout und Jem durch die Spannungen und Widersprüche der sie umgebenden purtanisch und rassistisch gefärbten Welt zu führen.
"Dein Vater hat recht...Nachtigallen erfreuen uns Menschen mit ihrem Gesang. Sie tun nichts Böses, sie picken weder Saat aus dem Boden noch nisten sie in Maisschuppen, sie singen sich nur für uns das Herz aus der Brust. Darum ist es Sünde, eine Nachtigall zu stören." (Seite 124)
Als es dann endlich zum Prozess kommt, gelingt es Atticus, die gegen Tom Robinson vorgebrachten Anschuldigungen zu entkräften, doch hat er gegen die konservative Jury keine Chance, die dem ungeschriebenen und althergebrachten Gesetz folgt, dass die Aussage eines Weißen gegenüber der eines Schwarzen nie angezweifelt werden darf. Atticus ist verzweifelt, da er den darauf folgenden Justizmord nicht verhindern konnte. Durch sein Engagement in Prozess zieht sich Atticus allerdings auch den Hass des Vaters des vorgeblichen Vergewaltigungsopfers zu, der fortan ihm und seinen Kindern nachstellt. Dabei kommt es beinahe zum Äußersten.

Der wunderschön geschriebene (und ins deutsche übersetzte) Roman hat mich tief bewegt und ist für mich in eine Reihe zwischen Mark Twains 'Tom Sawyer und Huckleberry Finn' und J.D. Salingers 'Der Fänger im Roggen' einzuordnen. Die Rassenthematik wurde aus ähnlicher Perspektive von Mark Twain aufgegriffen, während das Thema Kindheit vs. Erwachsenenwelt bei Salinger zu Tage tritt. Die Romanheldin Scout bieten uns einen unvoreingenommenen Blick auf eine Zeit und eine Gesellschaftsordnung, deren Nachwirkungen auch heute noch nicht vollständig überwunden sind und die immer wieder von Neuem zu Tage treten. Vor über 50 Jahren erschien Harper Lees einziger Roman, der noch im gleichen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde (ich freue mich übrigens sehr darüber, dass ich ein Exemplar der deutschen Erstausgabe von 1962 ergattern konnte). Eine der Romanfiguren, der Nachbarjunge Dill, sei Truman Capote nachempfunden. Dieser soll Gerüchten zur Folge sogar für einen Teil des Romans verantwortlich sein und seiner Freundin Harper Lee beim Schreiben unter die Arme gegriffen haben. Vielleicht ist ja auch etwas dran, wenn man bedenkt, dass Harper Lee nach ihrem Anfangserfolg nie wieder einen großen Roman veröffentlicht hat.

Fazit: Ein bemerkenswerter Roman, einfühlsam und unterhaltsam zugleich, Weltliteratur, die man gelesen haben muss!


Harper Lee:
Wer die Nachtigall stört
ins Deutsche übersetzt von Claire Malignon,
rororo, 3. Aufl. 2010
528 Seiten
10,- Euro







Dienstag, 13. September 2011

Kurze Geschichte des Buchdrucks (5): Von der Inkunabel zum Bestseller

Augustinus: De Civitate Dei (1470)
gedruckt von Johann v. Speyer 
Bereits einige Jahre vor Gutenbergs Tod 1468 führten seine Schüler Konrad Sweynheim und Arnold Pannartz den Buchdruck in Italien ein und innerhalb von 30 Jahren verbreitete sich die Drucktechnik rasch in ganz Europa. Druckereien, sogenannte "Offizine", entstanden in den wichtigsten europäischen Großstädten, in Rom, Venedig, London, Utrecht und Paris. So fügte der deutsche Drucker Johann von Speyer (†1470), der sich in Venedig als Drucker niedergelassen hatte, seiner Cicero-Ausgabe ”Epistolae ad Familiares“ von 1469 folgendes Kolophon an:
"Jeder Deutsche brachte einst aus Italien ein Buch nach Haus. Was sie mitnahmen zahlt heut ein Deutscher reichlich wieder aus. Nämlich Hans von Speyer, den an Künsten keiner übertrifft. Er bewies, wie man Bücher besser schreibt: mit eherner Schrift." 
Im 15. Jahrhundert gedruckte Bücher, also aus der Zeit, als sich der Buchdruck noch in den Kinderschuhen befand, werden als Inkunabeln (Wiegendrucke) bezeichnet. Dabei wurde das Jahr 1500 als Ende der Inkunabelzeit rein aus bibliografischen Gründen festgelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass in dieser Zeit etwa zwischen 24.000 und 40.000 verschiedene Titel [1] mit Auflagen zwischen 100 und bis zu über 2.000 Exemplaren gedruckt wurden [2]. Von diesen sind heute weltweit noch annähernd 550.000 Bücher erhalten [3]. Durch den vorwiegenden Druck in lateinischer Sprache erschloss sich diesen Druckerzeugnissen ein europaweiter Markt, der nicht durch regionale Sprachgrenzen eingeschränkt wurde. Neben Flugblättern, Moritaten, kirchlichen und weltlichen Kalendern zählen politisch, aufrührerische Reden oder Theologica zum Inhalt der ersten Druckwerke.

Aelius Donatus: Ars minor (1497)
Aber welche Bücher wurden als erstes mit Hilfe der neuen Drucktechnik produziert?
Natürlich steht an erster Stelle die Bibel als das wichtigste Buch der damaligen Zeit sowie Grammatiken und Lehrbücher der lateinischen Sprache. Besonders die lateinische Grammatik ”Ars Minor“ des römischen Philologen Aelius Donatus (ca. 310–380 n. Chr.), das populärste Grammatiklehrwerk des Mittelalters, erlebte auch als Druckwerk enorme Verbreitung. Alleine zu Gutenbergs Lebzeiten sollen davon in Mainz 24 Auflagen gedruckt worden sein. Aufgrund des geringen Umfangs von nur 28 Seiten konnte die Lehrgrammatik sehr schnell gesetzt, gedruckt und zudem preiswert verkauft werden. Im 16. Jahrhundert schwand die Bedeutung der Donate. Die mit dem Buchdruck auflebende philologische Wissenschaft sowie die Rückbesinnung der Humanisten auf das klassische Latein Ciceros weckten den Bedarf an differenzierteren und umfangreicheren Grammatiken.

Aber auch die von den Humanisten der Renaissance wiederentdeckten lateinischen Klassiker, wie z.B. die ”Historia Naturalis“ von Plinius dem Älteren (ca. 23-79 n. Chr.) oder auch die Werke von Horaz oder Vergil. Neben Werken in lateinischer Sprache erscheinen auch erste Druckwerke in den jeweiligen ”Volkssprachen“. Weite Verbreitung fand z.B. der ”Ackermann aus Böhmen“ von Johannes von Tepl, geschrieben um 1400 und 1470 erstmals in Bamberg von Albrecht Pfister gedruckt und mit großformatigen Holzschnitten verziert. Dieses Streitgespräch zwischen einem sterbenden Bauern und dem unsterblichen Tod wurde zu einem der ersten Bestseller der Geschichte.
"Erlischt uns Menschen das Lebenslicht, Und scheidet dahin alles irdische Leben, Wie soll´s dann Tod noch und Sterben geben? Wohin, Herr Tod, sollt Ihr dann kommen?" (Johannes v. Tepl: Ackermann aus Böhmen)
Die mit dem Buchdruck einhergehende Verbreitung der Lesefertigkeit förderte das Entstehen neuer literarischer Gattungen, insbesondere der neuen literarischen Gattung des Prosaromans. So entstanden Reiseberichte, satirische Exempelerzählungen wie der ”Eulenspiegel“, Übersetzungen von Volkssagen und neue, unterhaltende oder auch belehrende Romane und Ratgeber.

Conrad Celtis’ Epitaph
Hans Burgkmair d. Ä. (1507)
Insbesondere die Geistesströmung des Renaissance-Humanismus verdankte dem Buchdruck weite Verbreitung und enormen Einfluss. So rühmte der deutsche Humanist Conrad Celtis (1459–1508) die Buchdruckerkunst, erst diese "habe einen Anschluss an die geistige Größe der Antike möglich werden lassen". Startete die Renaissance, die Rückbesinnung auf die Werte und Ideale der Antike im Italien des 14. Jahrhunderts und brachte zahlreiche Dichter, Wissenschaftler und Philosophen hervor, sah der aus Mainz stammende Celtis sich und seine Landsleute diesseits der Alpen als hoffnungslos rückständig und unfähig, diesen geistigen und kulturellen Vorsprung jemals aufzuholen. Die große Chance eines Anschlusses an die Führungsrolle der Kulturvölker bot die neue Erfindung des Buchdrucks, mit dem philologisch korrekte Editionen und Antologien der antiken Werke in großer Auflage und zu einem erschwinglichen Preis produziert werden konnten. So verbreiteten sich bereits während der Inkunabelzeit die Werke zahlreicher antiker Autoren. Cicero, Ovid, Terenz, Horaz und Vergil wurden in großer Stückzahl gedruckt. Aber auch Werke der Rechtssprechung, wie die ”Institutiones Iustiniani“, wissenschaftliche Werke und die medizinischen Werke des griechischen Arztes Galen (129-199) erlangen grosse Popularität und wurden zum Ausgangspunkt kultureller und wissenschaftlicher Entwicklung.

 [Weiter geht es hier demnächst mit Teil 6: Gutenbergs Erben und der Siegeszug des Buchdrucks]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur:
  • [1] Brandis, Thilo: Handschriften- und Buchproduktion im 15. und frühen 16. Jh. In: Ludger Grenzmann; Karl Stackmann (Hg.): Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der frühen Reformationszeit. Stuttgart, pp.176-193 (1984)
  • [2] Wehmer, Carl: Zur Beurteilung des Methodenstreits in der Inkunabelkunde. In: Gutenberg Jahrbuch 1933, pp. 250-324 (1933)
  • [3] Badische Landesbibliothek: Nachweis von Inkunabeln der Badischen Landesbibliothek
  • [4] Meinel, Ch., Sack, H.: Digitale Kommunikation  Vernetzen, Multimedia, Sicherheit, Springer Verlag, Heidelberg (2009).

Montag, 29. August 2011

Zwischen Pornografie und antiker Tragödie - Jonathan Littell 'Die Wohlgesinnten'


Zwischen Pornografie und antiker Tragödie scheint nur ein schmaler Grat zu liegen. Dies zumindest legt meine zugegebenermaßen ungewöhnliche Urlaubslektüre von Jonathan Littells umstrittenen Erfolgsroman 'Die Wohlgesinnten' nahe. Erzählt wird dabei die fiktive autobiografische Geschichte von SS-Obersturmbannführer Dr. Maximilian Aue, promovierter Jurist, polyglott, humanistisch gebildet, und unmittelbar an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt, die er uns Lesern aus erster Hand - und dazu aus Sicht des Täters - schildert. Das fast 1400 Seiten starke Werk dominierte aus literarischer Sicht meine letzte Urlaubswoche und hat mich ungleich stärker als manch' anderes Buch der letzten Zeit beschäftigt und zum Nachdenken gebracht...
"Ihr Menschenbrüder, lasst euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wollen es auch gar nicht wissen." (Seite 9)
Aber wie stellt man es an, ein derartiges Werk unvoreingenommen zu beurteilen? Der Holocaust aus Tätersicht beschrieben ist zwar nicht ganz neu (vgl. Robert Merle: Der Tod ist mein Beruf), aber dieser Täter tritt hier ungleich zivilisierter, kultivierter und gebildeter auf, als man ihn aus den einschlägigen Medien kennt. So beherrscht er Latein und Altgriechisch, spricht fließend Französisch, liebt Couperin und Bach, diskutiert über mittelalterliche Philosophie und liest Klassiker der französischen Romantik im Original. Dadurch bietet er auch für den heutigen 'Kulturbürger' genügend Raum zur Identifikation, dem Jonathan Littell aber gezielt immer wieder den Boden unter den Füßen entreißt, sobald er die mit Krieg und Holocaust verbundenen Grausamkeiten bzw. die perversen sexuellen Phantasien des Protagonisten minutiös schildert.
"Ich lebe, ich tue, was mir möglich ist, so geht es jedem, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!" (Seite 39)
Doch erst einmal zur Handlung: Dr. Maximilian Aue, Jahrgang 1913, mittlerweile Direktor einer französischen Textilfabrik zur Spitzenherstellung schreibt die Geschichte seines Lebens, deren Schwerpunkt seine Zeit als SS-Offizier im 2. Weltkrieg bildet. Die Erinnerungen an seinen Vater, der als Freikorps-Mitglied in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg verschwand, erscheinen nur noch als blasse Kindheitserinnerungen. Seine Mutter Heloise, eine Französin, lässt den Vater für Tod erklären, um den reichen Franzosen Aristide Moreau zu heiraten und zieht mit Max und seiner Zwillingsschwester nach Antibes an die französische Mittelmeerküste. Diesen 'Verrat' an seinem Vater wird Max seiner Mutter niemals verzeihen.
"Ein Mann mit Überzeugungen? Das war ich früher sicherlich, doch wo war sie heute, die Klarheit meiner Überzeugungen? Zwar konnte ich meine Überzeugungen noch wahrnehmen, sie flatterten leise um mich herum, aber wenn ich versuche, eine von ihnen zu greifen, entglitt sie meinen Fingern wie ein nervöser, glittschiger Aal." (Seite 665)
Mit seiner Zwillingsschwester Una (lateinisch: Die 'Eine') entwickelt sich während des Heranwachsens ein inzestiöses Verhältnis, das von den Eltern entdeckt wird. Max kommt auf ein Internat und ist dort sexuellen Übergriffen der älteren Mitschüler ausgeliefert. Aus Trotz und aus Hass gegenüber seiner Mutter tritt er später in die SS ein. Während seine Schwester in der Schweiz Psychologie bei C.G. Jung, dem Begründer der analytischen Psychologie, studiert, promoviert Max in Berlin als Jurist. In der SS ist Max gezwungen, seine homosexuellen Neigungen zu verbergen. Sein ständiges Junggesellendasein wird ihm noch manche Rüge, selbst vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler eintragen.

Den Krieg erlebt Max an zahlreichen Schauplätzen in nahezu ganz Osteuropa. Wir finden ihn im Kaukasus, auf der Krim, in der Ukraine. Er ist mit dabei in Babyn Jar, in Stalingrad, in Auschwitz und im Untergang Berlins. Hier ist er aktiv als SS-Offizier an der Vernichtung der Juden beteiligt und erledigt dienstbeflissen seine Aufgaben, ohne dabei allzu offensichtliche Brutalität an den Tag zu legen -- und das ist eigentlich auch das Erschreckende daran. Littell verflicht hier genaue historische Recherche mit einer fiktiven Lebensgeschichte und führt dem Leser Organisationsstrukturen und -abläufe des Grauens unmittelbar und im Detail vor Augen.
"Die Notwendigkeit ist, wie bereits die Griechen wussten, nicht nur eine blinde, sondern auch eine grausame Göttin." (Seite 824)
In Stalingrad verwundet besucht Aue seine Eltern auf Genesungsurlaub in Frankreich. Der Hass auf seine Mutter, in den er sich während des Krieges hineingesteigert hatte, entlädt sich im Mord, an den er selbst aber keine Erinnerung mehr hat. Er erwacht am Morgen nackt in seinem Bett und entdeckt den Stiefvater mit der Axt in der Brust und seine Mutter erwürgt. Überstürzt flüchtet er zurück nach Berlin. Aber die Tat lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Kriminalpolizei nimmt Ermittlungen auf und schnell verheddert sich Aue trotz der Protektion seiner Vorgesetzten immer tiefer. Die beiden Kriminalbeamten Clemens und Weser verfolgen den Obersturmbannführer fortan wie die griechischen Rachegöttinnen selbst in den unglaubwürdigsten Situationen, wie z.B. bei der Auflösung des Konzentrationslagers Ausschwitz beim Anrücken der Roten Armee oder im Endkampf um Berlin. Auch wenn Max Aue am Ende den Krieg überleben wird, wird ihn die Tat des Muttermordes wie auch seine ungesühnte Beteiligung am Holocaust Zeit seines Lebens nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
"Die Katastrophe war bereits eingetreten, und sie bemerkten es nicht, denn die Katastrophe ist der Gedanke an die bevorstehende Katastrophe, der alles Gute noch vor Eintritt des Unheils verdirbt."(Seite 620)
Ich hatte mich erst relativ spät nach Beginn der Lektüre gefragt, warum der Roman diesen seltsam anmutenden Titel 'Die Wohlgesinnten' trägt. Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie des Aischylos, der Jonathan Littells Roman nachempfunden ist. Der griechische Held Agamemnon wird von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Liebhaber bei seiner Rückkehr aus dem trojanischen Krieg ermordet. In gleicher Weise wähnt Aue seine Mutter und ihren neuen Mann am Tod seines Vaters verantwortlich. Orest, Agamemnons Sohn, tötet seine Mutter und deren Liebhaber und wird fortan von den Rachegöttinnen, den Erinyen, verfolgt. Diese Rolle der Erinyen übernehmen die beiden Kriminalbeamten Clemens (lateinisch: Der 'Sanfte') und Weser, die Aue fortan auf der Spur sind und diesen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Während Orest von der Göttin Athene beschützt wird, in deren Tempel er sich flüchtet und der es letztendlich gelingt, die Erinyen zu besänftigen, wird Aue von den SS-Oberen protegiert.

Um die historischen Tatsachen weiter zu verfremden, treten zwei fiktive Industrielle -- Dr. Mandelbrot und Herr Leland -- als Aues Gönner auf, wobei Dr. Mandelbrot auch durchaus als genialer Schurke eines James Bond Films durchgehen könnte, in Anbetracht seiner seltsamen Vorliebe für Katzen und seinen blonden, sich einander zu stark ähnelnden, walkürehaften Assistentinnen in SS-Uniform, die sich Max Aue -- wenn auch vergeblich -- in Liebesdingen andienen. Mandelbrot wird geschildert als nahezu bewegungsunfähiger Mann von immenser Leibesfülle, der mit Hilfe eines Elektrorollstuhls bewegt wird, und der unter zunehmender Flatulenz leidet. Sein Einfluss auf die NS-Politik scheint enorm und nach Kriegsende wird er sein dunkles Spiel nahtlos in Moskau auf der Gegenseite fortsetzen.

Doch neben der fiktiven Romanhandlung steckt hinter allem die historische Realität, die minutiös, wenn auch oft nur im Vorbeigehen geschildert wird. Natürlich macht sich ein gebildeter Mensch wie Dr. Aue auch seine Gedanken zur Rechtfertigung der Aufgaben der SS und zur Judenfrage. Die kühle Distanziertheit und die sich scheinbar schlüssig ergebende Notwendigkeit in den Augen Aues verstört den Leser, der sich immer wieder fragt, wie er in der gleichen Situation denn gehandelt hätte.
"Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein[...]allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen." (Seite 1359)
Es ist zu einfach, die Täter immer nur in die Ecke der pathologischen Gewaltmenschen rücken zu wollen. Schuld trägt jeder, der zur Tat beigetragen hat. Wo aber beginnt diese Schuld und wo hört sie auf? Inwiefern trägt der Befehlsempfänger die Schuld, der den Hebel zum Gashahn bedient hat, der wohl noch am direktesten an den Morden beteiligt war, im Gegensatz zum Weichensteller, der die Weiche des Zuges bedient hat, die diesen aus Deutschland nach Auschwitz gelenkt hat? Sind nur die Entscheidungsträger an der Spitze verantwortlich, die von den Befehlsempfängern ein 'Mitdenken im Sinne des Befehlsgebers' verlangt hatten? Die hier thematisierte Schuldfrage war für mich einer der nachdenklichsten Aspekte des Romans. Allerdings haben mich die vielfach wiederkehrenden, pornografisch anmutenden sexuellen Fantasien des Protagonisten bei der Lektüre mehr und mehr angewidert. Wahrscheinlich sind sie aber auch genau in diesem Sinne gedacht.

So gibt diese kurze Rezension eigentlich nur die 'Spitze des Eisbergs' zu einem umfangreichen und vielschichtigen Roman wider, in dem griechische Tragödie inklusive eines ansehnlichen Restes bürgerlichen Bildungskanons vermengt mit historischer Realität und pornografischen Gewaltfantasien zu einem gigantischen Mashup geraten.

Fazit: Ein gigantisches Werk, angesiedelt zwischen Bildungsroman und Pornografie. Nichts für jedermann, aber man sollte es gelesen haben!


Jonathan Littel:
Berlin Verlag (2008)
1392 Seiten
36,00 Euro






Links:





Donnerstag, 18. August 2011

Alles wegen Ada - Friedrich C. Delius 'Die Frau, für die ich den Computer erfand'

Konrad Zuse, das lange verkannte Genie, hatte hier in Deutschland schon immer einen schweren Stand. Wer weiß schon, dass im vergangenen Jahr, anlässlich Zuses 100-ten Geburtstag, tatsächlich auch das "Zuse-Jahr" gefeiert wurde, mit dem der Erfinder des Computers gebührend gewürdigt werden sollte. Und überhaupt war es ein langer Kampf, bis Zuse tatsächlich die Anerkennung bekam, die ihm zustand. Für mich als Informatiker ist Friedrich C. Delius' Roman 'Die Frau, für den ich den Computer erfand' auch ein ganz besonderes Stück, das ich aus meinem persönlichen Blickwinkel heraus betrachte und bewerte.

Überhaupt hörte ich erst etwas von Konrad Zuses Existenz und Bedeutung, als ich damals in München mein Informatikstudium begann. Zu dieser Zeit war der geniale, aber wenig vom Glück begünstigte Tüftler und Erfinder einer deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl er tatsächlich verantwortlich ist für die heute wohl wichtigste und bahnbrechendste technische Erfindung der letzten 50 Jahre. Naja, natürlich ist er das, aber die Geschichte geht eben ihren eigenen Lauf bzw. wird die Geschichte - wie es ja immer heißt - von den Siegern geschrieben. Und das waren nach Ende des 2. Weltkrieges natürlich Amerikaner und Briten, die mit ihren eigenen Entwicklungen auf dem Gebiet der Informatik zwar ein gutes Stück hinter Konrad Zuse zurück lagen, doch wusste leider auch niemand davon.

Aber erst einmal alles der Reihe nach. Delius schrieb dieses Buch als gut 150-seitigen Monolog Konrad Zuses, ein Gespräch mit einem Journalisten Mitte der 1980er Jahre, das an einem einzigen Abend stattfand und bis in die Morgenstunden andauerte. Schauplatz des Geschehens war der hessische Stoppelsberg, ein erloschener Vulkan in der Rhön, nahe Zuses früherer Wirkungsstätte. Für einen Informatiker kommt Zuse zunächst allzu klassisch gebildet daher, zumindest was das allgemeine Klischee meiner Zunft betrifft, das uns ja Scheuklappen und Berufsblindheit attestiert. Er betrachtet sich und seine Arbeit unter dem Aspekt der Faust-Geschichte, in der Mephisto den genialen Wissenschaftler Faust um den Preis seiner Seele verführt.

Allerdings gibt es kein Gretchen, für die Zuse den Computer erfand -- die war ja auch nur ein 14-jähriges, unschuldiges Mädchen in der Faust-Geschichte. Vielmehr müssen wir an dieser Stelle schon Teil 2 der Tragödie bemühen, und unserem Zuse eine Helena zu suchen. Wer kann dabei anderes in Frage kommen, als die "Mutter" aller Programmierer, nämlich Ada Augusta Byron Countess of Lovelace, Tochter des berühmten Lord Byron und Assistentin des genialen Charles Babbage, der bereits im 19. Jahrhundert die Idee der universalen Rechenmaschine mit seiner mechanisch betriebenen Analytical Engine vorwegnahm, die zwar nur eine Idee auf dem Papier blieb, aber für die Ada doch die allerersten Computerprogramme entwickelt und geschrieben haben soll. Zuse liest in einer Bibliothek über Ada in einer kleinen Randnotiz eines Mathematikbuches und verliebt sich in die Idee, dass es da eine Frau, zumal eine Mathematikerin gegeben hat, die zwar über 100 Jahre vor ihm gelebt hat, die ihm aber seelenverwandt erscheint. Sie ist es, die zur Triebfeder seiner Ingenieurskunst wird, und die ihn über die Jahre hinweg stets -- wenn auch nur in Gedanken -- begleitet.

Wir erfahren eine Menge über Zuse und die Geschichte des Computers. Angefangen mit dem bereits legendären leergeräumten Wohnzimmer von Zuses Eltern, in der er zusammen mit Freunden und unterstützt von seiner Familie die allererste, zunächst noch mechanische Rechenmaschine baut, dann die erste elektromechanische Rechenmaschine bis hin zu den Ideen des allerersten vollelektronischen Universalrechners. Wir hören von all den Problemen, die die Kriegszeit mit sich brachte, und Zuses abenteuerlichen Flucht aus Berlin am Ende des Krieges. Als er dann nach dem Krieg versucht, seine Firma aufzubauen, scheiterte er nur allzu oft am technischen Unverständnis der deutschen Nachkriegswirtschaft, die die Bedeutung und Tragweite der neuen Computer noch nicht einschätzen kann. Dies geht sogar soweit, dass sich das Patentamt nahezu 20 Jahre Zeit lässt, um über Zuses Patent für den Computer zu entscheiden, um es anschließend wegen "mangelnder Erfindungshöhe" abzuweisen.

Delius wählt die ungewöhnliche Erzählform des Monologs, um die Geschichte mit Zuses eigenen Worten zu erzählen. Dies verleiht ihr Authentizität und hält den Leser auch dann bei der Stange, wenn er kein Informatiker sein sollte. Natürlich handelt es sich um einen Roman, also um eine fiktive Geschichte. Allerdings hat Delius dennoch eine Menge Fakten und historische Tatsachen um den seltsamen deutschen Erfinder gesammelt, die dem Leser auf kurzweilige und unterhaltsame Weise präsentiert werden.

Fazit: Die ungewöhnliche Geschichte eines ungewöhnlichen "deutschen" Erfinders, der seiner Zeit um Jahre voraus war ... das war allerdings auch sein Pech! Unbedingt lesen, auch für Nichtinformatiker!
Friedrich Christian Delius:
Rowohlt, Berlin (2009)
288 Seiten
19,90 Euro










Freitag, 12. August 2011

Vom Mythos zur Propaganda - Jean-Pierre Luminet 'Alexandria 642'

Natürlich ist da an aller erster Stelle der Mythos vom Hort und Schmelzpunkt des antiken Weltwissens, die Bibliothek von Alexandria, angegliedert an das alexandrinische Museion, Forschungsinstitut und 'Think Tank' der griechisch-hellenistisch geprägten Antike. Und im gleichen Atemzug hebt der moderne Bildungsbürger an zu einem Seufzer, um all dem verlorenen Wissen nachzutrauern, das mit dem Niedergang dieser antiken Bildungsstätte zugleich verschwand. Und genau hier setzt auch die Propaganda an, gleich aus welcher kulturell-ideologischen Ecke sie stammte, wenn es darum ging, wem denn nun die Verantwortung an diesem unwiederbringlichen Verlust zugeschanzt werden soll....

Wir schreiben das Jahr des Herren 642, oder sollten wir besser sagen, wir befinden uns im 20. Jahr, nachdem der Prophet die Stadt Mekka verlassen hatte und die islamische Zeitrechnung begann. Der islamische Feldherr Amr Ibn Al-As steht vor den Toren der Stadt Alexandria, die über kurz oder lang zum Ruhme des Allmächtigen eingenommen werden wird. Die allgemeine Panik erfasst auch Johannes Philoponos, den letzten 'Bibliothekar', der um den Fortbestand seiner Bibliothek bangt. Zusammen mit seiner Großnichte Hypathia und dem Arzt Rhazes versuchen die drei den Feldherren von seinem ursprünglichen Plan abzubringen, die Bibliothek und all' ihre in den 1000 Jahren ihres Bestehens gesammelten Schriften den Flammen zu überantworten.

Dabei holen sie weit aus und zeichnen das Bild der antiken Gelehrsamkeit beginnend mit der Gründung Alexandrias im 4. vorchristlichen Jahrhundert durch Alexander den Großen, über die Gründung des Museions und der Bibliothek durch Ptolemaios I. Soter und die großen Gelehrten der Antike, die alle zumindest die Bibliothek einmal besuchten, bis hin zu ihrem fortdauernden Verfall, angefangen beim Brand der Hafenanlagen während des römischen Bürgerkrieges zwischen Cäsar und Pompeius, bis hin zu den frühchristlichen Eiferern und ihrer Wut gegen die heidnischen Schriften. So hören wir von Aristoteles, dem Lehrer Alexanders und von Euklid, dem Vater der Mathematik und der Geometrie. Aristarch von Samos berechnet die Entfernung von der Erde zur Sonne und schlägt als erster ein heliozentrisches Weltbild vor, das die Erde nicht mehr als Zentrum des Universums sieht, sondern diese auf eine Kreisbahn um die Sonne schickt. Archimedes und seine zahlreichen Erfindungen, nicht zuletzt seine gefürchteten innovativen Kriegsgeräte, und Eratosthenes, dem es mit erstaunlicher Genauigkeit gelang, den Erdumfang mit Hilfe einfacher Dreiecksberechnungen zu bestimmen. Zahlreiche weitere Wissenschaftler kommen zu Wort, so z.B. der Astronom Hipparch, der Geograph Strabon, der Philosoph Philon von Alexandria, der versuchte biblisches Gedankengut und hellenistisch-philosophische Ideen miteinander zu verbinden, und der großen Einfluss auf die Kirchenväter ausübte. Seneca, Epiktet, Klaudios Ptolemaios, der Arzt Galenos, der Mathematiker Diophantos, oder auch die Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypathia von Alexandria als erste Märtyrerin der Wissenschaft gegenüber religiöser Intoleranz.

Luminet schwelgt in diesem Kanon des antiken Wissens und spinnt darum eine einfache Geschichte, der es genauso ergeht, wie einem Film über die Titanic: Man weiß, die Bibliothek wird am Ende untergehen. Trotzdem werden die ungeheuer vielen Fakten auf unterhaltsame Weise zusammen mit Anekdoten und Geschichten dargestellt, so dass sie niemals langweilig wirken. Ein ausführliches Personenverzeichnis mit Zeittafeln und wissenschaftlichen Fußnoten runden das Buch ab und geben vertiefende Auskunft über die zahlreichen dargestellten Fakten.

Und der Leser wird gefesselt durch die vergebliche Aussicht, dass es den Protagonisten doch gelingen könnte Amr vom Auftrag seines Kalifen Omars abzubringen. Doch leider steht am Ende das Urteils Omars über die heidnische Wissenschaft schon lange fest. Denn steht in den heidnischen Schriften nichts, was dem Koran widerspricht, so sind sie überflüssig und können verbrannt werden. Anderenfalls widersprechen sie dem Wort Gottes und müssen aus eben diesem Grund verbrannt werden. Aber auch diese Geschichte wurde wie so viele andere auch wahrscheinlich nur erfunden zum Zweck politischer und religiöser Propaganda gegenüber einem Gegner, den man ob der stattgefundenen Barbarei mit einem Brandmal versehen wollte.

Fazit: Mehr Sachbuch als Roman, aber für alle, die an der Welt der Antike interessiert sind, ein absolutes MUST READ!

Jean-Pierre Luminet:
Deutscher Taschenbuchverlag (2005)
287 Seiten
8,90 Euro

Mittwoch, 10. August 2011

Wo steckt eigentlich Dr. Evil? - Frank Schätzing 'Limit'

Ja, das fragt man sich tatsächlich, wenn man sich erst einmal in Frank Schätzings schwergewichtige Weltraum-Oper 'Limit' vertieft und hoffentlich nicht den Faden verloren hat, angesichts der eng bedruckten 1328 Seiten...Wo steckt eigentlich Dr. Evil? Denn auf diese tragikomische Gestalt wartet man eigentlich die ganze Zeit über, in der diese Mega-Story (was den Umfang betrifft) abrollt, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würde. Schön, dass der Erfolgsautor Schätzing nach seinem Ozean-Erfolg 'Der Schwarm' in den Weltraum und damit in die nahe Zukunft wechselte, aber musste die Geschichte unbedingt so lang geraten....?

Wir schreiben das Jahr 2025. Julien Orley, Selfmade-Milliardär -- irgendwie erinnert er mich an eine Mischung aus Richard Branson (Virgin Galactic) und Tim O'Reilly (Web 2.0) -- , hat der Menschheit mit der Kernfusion eine neue und annähernd grenzenlose Energiequelle geschenkt. Was man dazu braucht, ist das Isotop Helium-3, das in ausreichenden Mengen auf unserem Erdtrabanten, dem Mond, vorkommt. Aber um da heran zu kommen, muss auch die Weltraumfahrt revolutioniert werden. Und zu diesem Zweck hat Orley einen Weltraumfahrstuhls konstruiert, wie ihn der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke bereits 1978 in einer Geschichte aufgegriffen und öffentlich bekannt gemacht hatte (übrigens hatte Clarke auch 1945 die Idee der geostationären Satelliten vorweggenommen). Der Weltraumlift bietet eine preiswerte und rentable Möglichkeit, Personen und Fracht ins All bzw. von dort zur Erde zu transportieren.
"Wie eigenartig. Selbst so etwas Exotisches wie Raumfahrt schien nur in der Kultivierung irdischer Mythen zu funktionieren, einfach, indem man Kletterhaken des Gewohnten in das Fremdartige trieb." (Seite 1136)
Um sein Unternehmen im großen Stil weiter auszuweiten und zu expandieren lädt Orley eine illustre Gruppe von einflussreichen Größen aus Wirtschaft und Unterhaltung ein, sein neues Hotel auf dem Mond zu eröffnen. Das Unternehmen soll den Investoren durch ein Erlebnis der besonderen Art schmackhaft gemacht werden und so erleben wir die Fahrt im Weltraumlift und den anschließenden Transport zum Mond hautnah und aus verschiedenen Perspektiven mit.
Zur gleichen Zeit wird der private Cyber-Ermittler Owen Jericho von seinem chinesischen Freund Tu Tian um einen Gefallen gebeten. Er soll die verschwundene Dissidentin Yoyo aufspüren. Dabei geraten alle drei in den Dunstkreis einer weltweiten Verschwörung, deren Angriffsziel die Unternehmungen Orleys darstellen, da sie die bestehende Welt- und Energiewirtschaft auf den Kopf stellen und so die gewohnte Weltordnung in Frage stellen.

Interessanter Fakt, die 1328 Seiten lassen sich tatsächlich inhaltlich recht knapp zusammenfassen. Eigentlich ist die Story ja auch ziemlich spannend, sie hätte sich aber auch mit gut 500 Seiten weniger erzählen lassen, ohne dass man dann den Eindruck gewinnen würde, dass etwas fehlt. Schätzing gestaltet die nicht allzu ferne Zukunft überaus interessant mit kleinen aber gewichtigen Innovationen, wie z.B. (halb-)autonome Fahrzeuge, 3D-Displays ohne Brillen (gibt es übrigens schon), aber auch den großen Themen Kernfusion, Mondprogramm und Weltallfahrstuhl. Besonders interessant auch zu lesen die wachsende Dominanz Chinas und dessen kultureller Einfluss selbst auf Alltägliches im ganzen Rest der Welt. Allerdings gerät dabei die ein oder andere gesamtwirtschaftliche oder politische Darstellung viel zu ausführlich. Schätzing verfolgt ganz ähnlich wie im "Schwarm" die Strategie, den Lesern quasi in Dialogform komplexe Entwicklungsprozesse vor Augen zu führen, die dann doch aber oft etwas aufgepfropft wirken und über weite Strecken den ein oder anderen Leser nur langweilen. Hier wäre eine etwas knappere, kondensierte Form dem Lesegenuss wohl eher entgegengekommen. Insbesondere, wenn man danach dann immer wieder auf Groschenroman-Metaphern stößt wie diese:
"Die Partei war von Geheimdiensten durchzogen wie der Gorgonzola von Schimmel" (Seite 445)
Überhaupt, wie ja schon anfänglich behauptet, entwickelt sich die ganze Geschichte tatsächlich wie einer dieser James-Bond-Filme: da haben wir die Jet-Set Superreichen, den coolen Cyber-Cop als einsamen Wolf, die vom Vater unverstandene Hacker-Dissidentin und einen ultrabrutalen Erz(!)schurken, auf dessen verdeckt operierende Hintermänner der Leser gespannt lauert. Dazu kommt dann noch das ganze Arsenal technologischer Gadgets, die allesamt in den Bereich der nahen Zukunft gehören. Eigentlich wartet man die ganze Zeit förmlich darauf, einen gesetzteren Mann mit Glatze, Mao-Anzug und Katze auf dem Schoß vorzufinden, der heimtückisch grinsend den kleinen Finger zum Mund bewegt....

Fazit: Etwas für hartgesottene Fans, die nicht davor zurückschrecken, auch einmal ein paar uninteressante Seiten zu überblättern. Ansonsten zwischendurch ganz interessant und ab und an auch spannend...


Frank Schätzing:
Kiepenheuer & Witsch (2009)
1328 Seiten
26,00 Euro (Hardcover)

Dienstag, 9. August 2011

Kurzer Nachtrag in Sachen Humboldt...

Ein überaus bemerkenswertes und großartiges Geburtstagsgeschenk führte mich gestern in die Handschriftensammlung der Berliner Staatsbibliothek. Neben kostbaren tausendjährigen Manuskripten und mit höchster Kunstfertigkeit verzierten Prachtbände (dazu später mehr...) bekamen wir auch einen winzigen Teil eines bedeutenden Nachlasses zu Gesicht. Die Handschriftensammlung umfasst neben den illuminierten Prachtbänden auch die Nachlässe von Literaten, Politikern und Wissenschaftlern.

Darunter auch der komplette Nachlass Alexander von Humboldts, der, wie mir immer mehr scheint, von Daniel Kehlmann in seiner 'Vermessung der Welt' (hier im Biblionomicon 'Ein Roadtrip der besonderen Art...') treffend charakterisiert wurde.

Prof. Overgaauw als Leiter der Handschriftenabteilung erläuterte uns voller Enthusiasmus den "Vermessungswahn" Humboldts an Hand der unglaublichen Fülle an zahllosen hinterlassenen Tabellen, Zählungen und Vermessungen, alles ganz akribisch festgehalten auf tausenden von losen Blättern, eng beschrieben mit kleiner und allerkleinster schwarzer Schrift. So habe es nichts gegeben, dass Herr von Humboldt nicht auch genau gezählt und festgehalten hätte auf seinen Reisen, und sei es nur die genaue Anzahl der Schafe, die ihm am Wegesrand entgegenkamen...

Sonntag, 7. August 2011

Präzision und Vorurteile - Dava Sobel 'Längengrad'

Eigentlich hatte ich hinter dem Titel einen historischen Roman um das geschichtlich verbürgte Problem der Längengradbestimmung erwartet, aber Dava Sobels Essay fasst die historischen Details dieser spannenden Geschichte sachlich präzise und dennoch überaus unterhaltsam in chronologischer Weise zusammen. Dabei ist es den heutigen Zeitgenossen gar nicht bewusst, dass die Bestimmung der genauen Position auf See ein immens wichtiges Problem war, dessen Lösung lange Zeit nahezu unmöglich schien.

Worum geht es überhaupt? Versetzen wir uns einfach einmal zurück in das Zeitalter der Entdeckungen. Wir alle kennen die Geschichte(n) um Christoph Kolumbus und wie er seine Geldgeber versuchte zu überzeugen, dass er eine westliche Route nach Indien finden könnte und dass die Entfernung dorthin quer über den Atlantik doch gar nicht so weit wäre. Das Problem dabei ist klar. Die Erde hat die Gestalt einer Kugel. Um die Entfernung zweier beliebiger Punkte voneinander zu bestimmen, muss ich wissen, (a) wie groß die Kugel insgesamt ist und (b) welche Koordinaten beide Punkte auf der Kugel besitzen.

Kann die exakte Position nicht bestimmt werden, gerät jede Seefahrt zum Vabanque Spiel. So schrieb Samuel Pepys 1683 während einer Reist nach Tanger in sein berühmtes Tagebuch:
"Angesichts der ungewissen Positionsbestimmungen und der absurden Theorien, die in diesem Zusammenhang aufgestellt werden, und des Durcheinanders, das unter den Leuten herrscht, ist völlig klar, dass sich nur durch göttliche Vorsehung, durch Zufall und aufgrund der Weite des Meeres nicht noch mehr Katastrophen in der Seefahrt ereignen als ohnehin schon."(Seite 27)
Jeder Punkt auf der Kugel wird durch den jeweiligen Breitengrad (in Nord-Süd-Richtung) und Längengrad (in Ost-West-Richtung) exakt in seiner Position bestimmt. Wie können wir nun diesen Punkt feststellen? Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in ca. 365 Tagen einmal um die Sonne. Damit bewegt sich der Sternenhimmel scheinbar um uns herum. Die Erdachse ist dabei gegenüber der Sonne geneigt, so dass die Sonne im Laufe des Jahres am Himmel wandert, d.h. wenn ich stets zur Mittagszeit den Sonnenstand betrachte, schwankt dieser in fest vorgegebenen Grenzen bzgl. meiner aktuellen nördlichen bzw. südlichen Breite. Auf diese Weise bestimmen Seefahrer schon seit langer Zeit, auf welchem Breitenkreis sie sich befinden. Ein Sextant hilft dabei, die Höhe der Sonne zur Mittagszeit zu bestimmen.

Anders steht es mit der geografischen Länge. Hier gibt es eigentlich keinen festen Bezugspunkt am Himmel, nach dem wir uns zu seiner Bestimmung richten könnten. Eine einfache Methode bestünde aber darin, zu wissen, wie groß die Zeitdifferenz zwischen zwei geografischen Punkten ist, d.h. wie spät ist es gerade in meinem Heimathafen, während ich unter fernen Gestaden exakt zur Mittagszeit den Stand der Sonne bestimme? Wäre diese zeitliche Differenz bekannt, könnte man auch den jeweiligen Längengrad einfach berechnen, indem man für das komplette Erdenrund die 24 Stunden herannimmt, die die Erde für eine Drehung um sich selbst benötigt. Beträgt die zeitliche Entfernung eine Stunde, dann beträgt die geografische Distanz genau 1/24 des 360° Vollkreises, d.h. 360°/24=15°.

Jetzt sind diese Angaben noch relativ zur Erdgröße zu betrachten, d.h. zur Bestimmung der exakten Entfernung müssen wir wissen, wie groß die Erde ist. Dieses Problem konnte bereits in der griechischen Antike gelöst werden. Eratosthenes von Kyrene löste das Problem des Erdumfangs im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, indem er die Schattenlängen zur Mittagszeit an einem bestimmten Tag des Jahres sowohl in Alexandria am Mittelmeer als auch im entfernten Syene (dem heutigen Assuan) maß, das annähernd auf dem selben Meridian (Längengrad) lag. Mit Hilfe einer einfachen Dreiecksberechnung gelang es Eratosthenes, den Erdumfang erstaunlich exakt zu berechnen.
"Unter Zuhilfenahme der Himmelskörper konnten nun die Dimensionen der Erde korrekt wiedergegeben werden. Als Ludwig XIV. eine revidierte Landkarte von Frankreich vorgelegt wurde, die auf korrekten Längengradmessungen beruhte, soll er sich beklagt haben, dass er mehr Land an seine Astronomen verloren habe, als an seine Feinde."(Seite 40)
Aber das sind ja nur die Geschichten hinter der eigentlichen Geschichte in Dava Sobels faszinierendem Buch. Beim Streit um die Lösung des Längengradproblems, für das das englische Parlament im Jahre 1714 eine Prämie von damals sagenhaften 20.000 Pfund ausgesetzt hatte, gab es zwei grundsätzlich verschiedene Lösungsansätze, deren Vertreter sich bis aufs Messer bekämpften. Da gab es die alteingesessenen Astronomen und Physiker, die eine mathematisch anspruchsvolle und praktisch sehr aufwändige Bestimmung des Längengrades mit Hilfe astronomischer Phänomene vorschlugen, und auf der anderen Seite die Präzisionsgerätehersteller, die eine Uhr erfinden wollten, die zum Einen über lange Zeit ganggenau sein musste und andererseits auch unter den unwirtlichen Bedingungen auf einem schwankenden und immer nassen Schiff präzise funktionieren musste.
"In der Folge wurde der Ausdruck 'den Längengrad finden' zum Synonym für ein aussichtsloses Unterfangen"(Seite 70)
'Längengrad' ist die Geschichte des Uhrmachers John Harrison, dessen Entwicklungsarbeit eines ganggenauen und robusten Chronometers zu einer wahren Gralssuche gerät. Immer wieder hat er gegen die Widerstände und Schikanen seiner Widersacher zu kämpfen, die ihm stets seine fehlende akademische Ausbildung zum Vorwurf machen. Auf unterhaltsam eloquente Weise gelingt es Dava Sobel, dem Leser diese spannende Geschichte um John Harrisons Jagd nach der genauen Zeit und den lebenslangen Kampf um seine Anerkennung in ihrem Essay nahezubringen.

Fazit: Es muss nicht immer ein Roman sein. Die Geschichte alleine ist oft schon spannend genug, selbst wenn es sich um 'trockene' Wissenschaft handelt. Lesen!


Dava Sobel
Berlin Verlag (2005)
240 Seiten
8,95 Euro




Samstag, 6. August 2011

Jane Austen und die Dinosaurier - Tracy Chevalier 'Zwei bemerkenswerte Frauen'

Was passiert, wenn eine Easy-Listening Erfolgsautorin einer der großen britischen Autorinnen des 19. Jahrhunderts nacheifern möchte und dazu noch das Modethema 'Dinosaurier' aufgreift. Nein, es geht nicht um ein Sequel zu 'Stolz und Vorurteil und Zombies', sondern um eine weitere Geschichte der Autorin des 'Mädchens mit dem Perlohrring', die zur Zeit des angehenden 19. Jahrhunderts spielt und deren Protagonistinnen ganz im Stile der Heldinnen Jane Austens daherkommen.

Elizabeth Philpot, eine junge Frau aus besseren Londoner Kreisen, hat keine Aussicht mehr auf eine gute Partie, da sie ihren 25. Geburtstag bereits hinter sich gelassen hat, nicht übermäßig von der Natur mit Schönheit bedacht wurde und auch nicht die Erbin eines großen Vermögens ist -- befinden wir uns doch in England und zwar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So schlägt der Bruder den drei Philpot-Schwestern nach dem Tod ihrer Eltern vor, das kostspielige elterliche Domizil in London aufzugeben und in den kleinen Küstenort Lyme Regis in Englands Südwesten zu ziehen.

Schon dieser Anfang lässt uns unweigerlich auch an den Umzug der Familie Dashwood aus Jane Austens 'Verstand und Gefühl' denken, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters vom Bruder an die Luft gesetzt werden und sich in bescheideneren Verhältnissen auf dem Lande zurecht finden müssen. Doch Lyme Regis ist ein ganz besonderer Küstenort, da man hier am Strand zahlreiche und gut erhaltene Fossilien finden kann, ein Hobby, dass wie geschaffen scheint für die kluge und umtriebige Miss Elizabeth Philpot.
"Schon bald nach unserer Ankunft in Morley Cottage erkor ich Fossilien zu meiner neuen Leidenschaft. Irgendeinen Zeitvertreib brauchte ich schließlich: Ich war fünfundzwanzig, würde wahrscheinlich niemals heiraten und suchte nach einer Liebhaberei, die meine Tage ausfüllen konnte. Das Leben einer Dame kann unendlich öde und langweilig sein."(Seite 24)
Dabei lernt sie auch die kleine Mary Anning kennen, das Mädchen, das als Kleinkind vom Blitz getroffen wurde, die sich als wahre Meisterin im Fossiliensammeln erweist und so das kleine Zimmermansgeschäft ihres Vaters mit dem Verkauf der Fossilienfunde an die Touristen unterstützt. Die beiden so unterschiedlichen Frauen -- die unverheiratete Dame der besseren Gesellschaft und die aus einfachen Verhältnissen stammende Schreinerstochter -- kommen sich über ihre Passion näher und widmen ihr ganzes Leben den rätselhaften, zu Stein gewordenen Lebewesen, über deren Natur und Ursprung die damalige Fachwelt lange stritt, da dieser doch das vorherrschend christlich-abendländische Weltbild in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte. So werden den beiden 'Forscherinnen' so mancher Stein in den Weg gelegt und sie müssen sich ihren Platz in der wissenschaftlichen Männerdomäne unter großen Verlusten erkämpfen.
"Mary Anning und ich sind am Strand und suchen Fossilien, sie ihre Riesenbestien, ich meine Fische. Unsere Augen wandern über den Sand und die Klippen, während wir in unterschiedlichem Tempo die Küste entlang gehen. Mal läuft die eine vorne, mal die andere....Wir reden wenig miteinander, denn das haben wir nicht nötig, wir können zusammen schweigen. Jede ist in ihrer eigenen Welt und weiß doch, dass sie sich nur umdrehen muss, um die andere zu sehen."(Seite 361)
Der Verlag selbst bewirbt das Buch mit dem Bezug zu Jane Austen, doch außer den geschilderten Umständen und der Epoche kann es der unterhaltsame Roman nicht wirklich mit seinen großen Vorbildern aufnehmen. Zu dünn ist die charakterliche Zeichnung geraten, zu schnell und oberflächlich wird zu Gunsten einer rasch voranschreitenden Handlung auf die inneren Konflikte der beiden bemerkenswerten Frauen verzichtet. Dabei, und das ist das Außergewöhnliche, handelt es sich quasi um eine wahre Geschichte. Mary Anning und Elizabeth Philpot haben wirklich gelebt und Tracy Chevalier erzählt ihre Geschichte. Dabei legt sie eine große Leichtigkeit an den Tag, mit der sie auch in ihrem Vorgängerroman 'Das Mädchen mit dem Perlohrring' über die Dienstmagd Griet und den Maler Vermeer so großen Erfolg gehabt hatet. Ich vergleiche diese Schreibweise gerne mit 'Easy Listening'-Musik. Alles plätschert so dahin und macht beim Lesen keine große Mühe...und für einige Zeit ist es tatsächlich auch ganz unterhaltsam.

Fazit: Die Lektüre ist wie ein erholsamer, kurzweiliger und sehr relaxter Tag am Meer. Dort sollte man das Buch wohl auch am besten lesen!

Tracy Chevalier:
Zwei bemerkenswerte Frauen
Knaus (2009)
368 Seiten









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