Donnerstag, 7. Januar 2010

Über nie geschriebene oder verlorengegangene literarische Ergüsse - Alexander Pechmann "Die Bibliothek der verlorenen Bücher"

All die verschwundenen, zerstörten oder niemals geschriebenen Werke der Weltliteratur, Alexander Pechmann verfrachtet sie unversehens in die einzigartige 'Bibliothek der verlorenen Bücher' und stellt uns diese auszugsweise und pointiert in der Rolle des Unter-Unter-Bibliothekars vor. Dabei muss man sich einmal vor Augen führen, auf wie vielen unterschiedlichen Wegen ein Buch in diese Bibliothek gelangen könnte...
"Bibliotheken sind keine Ansammlungen toter Materie - sie leben, atmen und bewegen sich durch die Zeit. Wir Bibliothekare haben die Aufgabe, unsere Sammlung zu pflegen und zu bändigen wie ein wildes Tier, das immer größer und hungriger wird. Wenn es in seiner Gier zu viel frisst, geht es ebenso zugrunde, wie wenn es gar nicht gefüttert wird." (Seite 196)
Da ist sie also, Alexander Pechmanns 'Bibliothek der verlorenen Bücher'. Eigentlich war ich ja schon sehr gespannt darauf, was mich wohl erwarten würde. Natürlich hatte ich sofort an die Literatur der Antike gedacht, die in unsere heutige Zeit nur in Bruchstücken überliefert, also in weiten Teilen 'verloren gegangen' ist. Aber neben dieser offensichtlichen Tatsache, von der uns auch Alexander Pechmann teils faktisch fundiert, teils anekdotisch überspitzt und teils mythisch verzerrt berichtet, hätte ich nicht gedacht, wie viele Autoren von Rang und Namen aus der bekannten Weltliteratur zum Teil aus reiner Schusseligkeit, aus Verzweiflung, aus Rache, aus Dummheit, beabsichtigt oder auch unbeabsichtigt, bereits geschriebene Teile ihres Werkes im Zuge sich zuspitzender Ereignisse in ihrem Leben tatsächlich verloren haben.

Malcolm Lowrys Manuskripte wurden geklaut und sind verbrannt, Hemingway verlor eine Reisetasche mit begonnenen Frühwerken und überspielt den Verlust mit einigen Bonmots über die 'Kunst des Weglassens', für die er ja berühmt geworden ist.
"Er hatte begriffen, dass das Ungesagte oft eine größere Wirkung erzielt als weitschweifige Erklärungen." (Seite 27)
Prosper Merimée verbrennt eigenhändig ein Frühwerk über Cromwell, Lord Byrons Erben beschließen aus Furcht um einen Skandal seine (ungelesenen aber höchstwahrscheinlich absolut indiskreten) Memoiren den Flammen zu überantworten.
"...denn Leidenschaft ist ein Malstrom, den man vom Strudel aus nicht betrachten kann, ohne seine Anziehungskraft zu spüren."(Seite 38)
Mary Shelley, die Autorin des Frankenstein, hat sich einen schludrigen Verleger ausgesucht, der Teile ihrer Manuskripte 'verlegt'. Thomas Mann verbrennt seine (vermutlich) komprommittierenden Tagebücher - und so bleiben nur die 'langweiligen' von ihm erhalten. Franz Kafka soll gar zu einem Verleger bemerkt haben:
"Ich werde Ihnen immer viel dankbarer sein für die Rücksendung meiner Manuskripte als für deren Veröffentlichung."
Naja...seine Meisterwerke wurden dann ja doch erst posthum von Kafkas Freund Max Brod veröffentlicht. So geht es humorvoll weiter durch die Literaturgeschichte. Natürlich verschwinden nicht nur Einzelwerke, auch ganze Bibliotheken verschwinden vom Erdboden, wie z.B. natürlich die berühmte Bibliothek von Alexandria (dazu diverse Untergangsmythen). Aber wir erfahren auch von Büchern, die nie geschrieben wurden. Bücher, deren Existenz bzw. auch die ihrer Autoren auf reiner Fiktion berüht. Eines der berühmtesten Beispiele hierzu ist das von H.P. Lovecraft erfundene 'Necronomicon' (hat's schon jemand gemerkt...klingelt es in den Ohren...?), angeblich geschrieben von dem verrückten Araber Abdul Alhazred und im 13. Jahrhundert von Olaus Wormius (unvollständig) ins Lateinische übersetzt, das "die letzten Geheimnisse aller üblen und verbotenen Wissenschaften" enthält. Gebunden sei es in schwarzen Ebenholzdeckeln, die mit granatdurchsetzten Arabesken aus Silberdraht verziert sind, und seine seit langer Zeit schon vergilbten Seiten verströmen einen ekelerregenden Friedhofsgeruch... Interessant nur, dass zahlreiche weitere Autoren den Mythos des Necronomicons aufgegriffen und diesen oft auch sehr erfolgreich bedient haben.

Abgerundet wird das Buch mit einer bibliografischen Sammlung aufgelesener und zitierter Literatur (die man auch tatsächlich in Bibliotheken oder im Buchhandel findet), sowie einem umfassenden Register der erwähnten existierenden oder erfundenen Autoren samt ihrer 'verlorenen' Werke. Insgesamt ein sehr kurzweiliges und informatives kleines Büchlein des Aufbau-Verlages in ansprechender Aufmachung - nur noch wenige Bücher werden heute mit Leinen gebunden (wenn auch hier nur Halbleinen) und mit einem Lesebändchen ausgestattet. Lernt man doch so manchen bekannten oder auch (noch) nicht bekannten Autor oder Autorin von sehr privater Seite her kennen, insbesondere wenn es um Schusseligkeit, Dummheit, Wahnsinn, Boshaftigkeit, Schrulligkeit oder andere Eigenheiten geht. Pechmann reicht nicht ganz an den 'König der Leser' Alberto Manguel heran, dessen "Geschichte des Lesens" ich bereits im biblionomicon (sic!) besprochen hatte. Als Systematiker hätte ich mir natürlich auch gerne eine entsprechend aufgegliederte Darstellung all der vielfältigen Beweggründe, warum ein Buch Aufnahme in die 'Bibliothek der verlorenen Bücher' gefunden hat, in der Übersicht gewünscht. Aber vielleicht liefere ich das ja auch noch selbst hier nach...

Fazit: Kurzweilig Wissenswertes und Anekdotisches über bekannte und unbekannte Autoren der Weltliteratur, das vor allem Eines, nämlich Lust auf mehr macht. LESEN!

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Sonntag, 3. Januar 2010

Lieben heißt Loslassen können - Andrew Davidson 'Gargoyle'

Lieben heißt Loslassen können. Aber darauf kommt man erst einmal nicht, wenn man den Klappentext dieses Debutromans von Andrew Davidson gelesen hat und bestenfalls einen historischen Roman erwartet. Doch erst einmal entwickelt sich alles anders als erwartet, so dass dieses Werk aus dem traditionellen Rahmen historischer Romane fällt und sich beim Weiterlesen als eine Art Hommage an Dantes berühmtes Inferno entpuppt...

Ein Mann - seinen Namen werden wir nie erfahren - erleidet in einem durch Trunkenheit ausgelösten Autounfall schwerste Verbrennungen und kann dem Tod dabei nur knapp entrinnen. Mit zahlreichen unappetitlichen Details und erzählerischer Wucht werden die Wochen und Monate der ersten Rekonvaleszenz und das damit verbundene unsagbare Leid des Mannes geschildert, so dass ihm als einziger Ausweg aus seiner Lage der bei seiner Entlassung geplante Selbstmord erscheint.
"Ab und an ereilt das Unheil den Arglosen gewaltsam, wie die Liebe." (Seite 7)
Aber unser Protagonist war in seinem Leben vor dem Unfall alles andere als arglos. Die Mutter starb bei seiner Geburt, seine Großmutter, bei der er aufwächst, stirbt als er 6 Jahre alt ist unter einer Schaukel, und seine Zieheltern Debbie und Dwayne setzen seine knappe Waisenrente direkt in Drogen um. Nach dem (Drogen)tod seiner Zieheltern folgt ein Aufenthalt in einem Erziehungsheim, gefolgt von einer Karriere als kiffender Pornodarsteller und -produzent. Doch mit diesem Leben ist es erst einmal vorbei.
"Ich war ein ungeliebtes Monster. Niemand würde meinen Verlust betrauern; im Grunde war ich ja schon tot. Wer würde mich schon vermissen?" (Seite 64)
Eines Tages taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf, die behauptet ihn seit 700 Jahren zu kennen, dass sie einst ein Liebespaar gewesen wären, und so beginnt sie, ihm ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Marianne Engel - so ihr Name - wurde im frühen 14. Jahrhundert in einem Korb vor den Toren des Nonnenklosters Engelthal gefunden.
"Ein ausersehenes Kind, das Zehntgeborene einer guten Familie, unserem Heiland Jesus Christus und das Kloster Engelthal dargeboten. Man verfahre mit ihm, wie es Gott gefällt." (Seite 100)
Marianne wächst im Kloster auf und lässt schnell eine außergewöhnliche Sprachbegabung erkennen. Die Priorin verfügt sie in das Skriptorium des Klosters, das unter der Herrschaft von Schwester Gertrude steht, deren großes Lebensziel in einer eigenen deutschen Bibelübersetzung besteht, und die das Findelkind am liebsten direkt wieder hinauswerfen würde. Unterstützt von Schwester Agletrude, die im sprachbegabten Kind sofort den zukünftigen Konkurrenten um den begehrten Bibliothekarinnenposten sieht, machen sie Marianne das Leben schwer. Jahre später wird ein schwerverletzter Söldner (unser Protagonist) ins Hospital des Klosters gebracht. Ein Brandpfeil hat seine Kleidung entzündet. Nur einem kleinen Büchlein in seiner Brusttasche (just Dantes "Inferno") hat er es zu verdanken, dass der Pfeil nicht bis in sein Herz vorgedrungen ist und ihn getötet hat. Marianne pflegt den totgeweihten aufopferungsvoll und es gelingt ihr durch ihre Liebe zu ihm die schier unmöglich geglaubte Heilung. Gemeinsam fliehen sie aus dem Kloster und vor seiner lebenslangen Verpflichtung als Söldner.

Marianne (in der Jetztzeit) ist Bildhauerin und war ebenfalls Patientin des Krankenhauses und gilt als schizophren und manisch depressiv. Ihr favorisiertes Kunstobjekt sind Gargoyles und Grotesken, also Fabelwesen, wie sie auf Kirchen und alten Gebäuden als Wasserspeier verwendet werden. Ihr Körper ist von eigenartigen Tätowierungen bedeckt, aber sie ist der einzige Mensch, der den Verbrannten immer und immer wieder besucht und ihm schließlich eine Perspektive jenseits der Krankenhauswände bietet.
"Die Tätowierungen und ihr ekstatisches Gebaren machten sie zu einer Kombination aus Hildegard von Bingen und Yakuza." (Seite 288)
Neben ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt Marianne weitere Geschichten von unglücklichen Liebespaaren (Der gute Eisenwerker, Die Frau auf dem Kliff, die junge Glasbläserin und Sigurdrs Geschenk) und letztendlich verliebt sich der unglückliche Verbrannte in die seltsame verrückte Frau, die sich um ihn kümmert.
"Welch unerwartete Verkehrung des Schicksals: erst nachdem meine Haut weggebrannt war, vermochte ich endlich zu fühlen...ich nahm dieses grauenhafte Gesicht, diesen abscheulichen Körper an, weil sie mich zwangen, die Begrenzungen dessen, was ich bin, zu überwinden, während mein früherer Körper mir gestattete, mich darin zu verstecken."
Aber Marianne hat eine ihr gegebene Aufgabe zu erfüllen, die jenseits ihrer Liebe steht und die von ihrem Geliebten das höchste Opfer fordern wird. Auch steht dem Verbrannten während seines Morphiumentzugs eine Höllenfahrt frei nach Dante bevor. Doch entgegen dem Motto über Dantes Eingang zur Hölle ("Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!", Dante Inferno, 3. Gesang) siegt am Ende doch die Hoffnung.


Ich war ja anfänglich sehr skeptisch und war auf dem Weg, das Buch nach knapp 100 gelesenen Seiten wieder zurück ins Regal zu stellen, da mir die Schilderung der Rekonvaleszenz und dieses geradezu 'ekligen' Charakters nicht besonders gefallen haben. Aber nachdem die 'Verrückte' aufgetaucht war und ihre seltsamen Geschichten erzählte (das Buch ist jeweils aus der Ich-Erzählperspektive geschrieben), wurde das Ganze zusehends spannender und ich wollte wissen, wie es weiter geht. Und tatsächlich, ich wurde nicht enttäuscht. Gerade weil der Charakter des Helden so zwiespältig angelegt ist und weil man natürlich nicht sein Schicksal teilen möchte, kann man sich auch nicht mit ihm identifizieren. Das fällt weiblichen Lesern sicherlich einfacher, da Marianne zwar verrückt, aber eindeutig stets 'die Gute' ist. Dazu wird die Geschichte stetig mysteriöser. Dantes Inferno, das nur knapp vor dem Beginn des Erzählstranges aus dem 14. Jahrhundert entstanden ist, diente in vieler Hinsicht als Vorlage bzw. wird unvermutet oft zitiert. So fand der Unfall des Brandopfers an einem Karfreitag statt....just wie Dante am Karfreitag im Jahre 1300 geleitet von seinem Führer Vergil das Tor der Hölle durchschreitet. Dantes Hölle wird in allen Schattierungen geschildert und nacherzählt. Dazu lernt der Leser noch einiges über den deutschen Mystizismus des 13. und 14. Jahrhunderts (Kloster Engelthal, Meister Eckhart, Heinrich Seuse...), doch ist die geschilderte Handlung natürlich reine Fiktion.
"Rinne tensho. (japanisch: alles kommt wieder/das Leben wiederholt sich)" (Seite 554)
Kurze Bemerkung am Rande: Aufgefallen war mir das Buch im vergangenen Jahr in der englischsprachigen Originalausgabe und zwar durch seine ungewöhnliche Gestaltung. Es besitzt einen komplett schwarzen Beschnitt, d.h. die Buchseiten sind an allen drei von außen sichtbaren Kanten schwarz eingefärbt, gerade so, als wäre das Buch etwas angekokelt...
Dantes Inferno wird ja gerne zitiert bzw. als Romanthema aufbereitet, so z.B. auch in Matthew Pearls 'Dante Club', der hier im biblionomicon bereits besprochen wurde. Dort finden sich auch weitere, zum Teil lesenswerte Dante-Epigonen.

Fazit: Ein ungewohnt heftiges Buch, das gewissermaßen einen neuen Wind in die Tradition historischer (fantastischer) Romane bläst. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber mir hat es sehr gut gefallen. LESEN!

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Donnerstag, 31. Dezember 2009

Literarisches Jahresend-Stöckchen

Das Jahresende ist eben doch immer wieder eine gute Gelegenheit ein Resumé zu ziehen, so auch über mein Lesejahr 2009. Und wie zu jeder Gelegenheit gibt es auf für diese das passende Stöckchen von BuchSaiten, das ich hier dazu aufgreifen möchte:

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? (und Begründung)


Ich wusste nicht genau, worauf ich mich bei diesem Buch einließ. Zwar prophezeite mir meine Liebste bereits, dass mir das Buch bestimmt gefallen würde, aber ich hatte so meine Zweifel. Aber Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels" hat wirklich einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und es war eines der besten Bücher, die ich in diesem jahr gelesen (und rezensiert) habe.

Muriel Barbery gelingt mit der detailverliebten Darstellung ihrer Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten sowie den zahlreichen Ausflügen in das Reich der Hochkultur und Philosophie ein wahres Meisterwerk!

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat? (und Begründung)


Da hatte ich mir bei Michael Schneiders "Das Geheimnis des Cagliostro" einen spannenden historischen Roman mit zahlreichen dokumentarischen, historischen und bibliografischen Querverweisen erwartet und wurde dann doch aber nur mit mit einer durchschnittlich (platten) Geschichte abgespeist (siehe Rezension), deren historische Querverweise sich nur mit der Lupe suchen lassen und deren Charaktere aus einem Groschenroman stammen könnten. Es erscheinen aktuell eben viel zu viele dieser Pseudo-historischen Romane, die allesamt nicht an die großen Vorbilder ala Feuchtwanger, Umberto Eco oder Ranke-Graves heranreichen...


Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Ganz eindeutig Alberto Manguel. Auch wenn es sich dabei NUR um ein Sachbuch handelte, war ich doch während der kompletten Lektüre der "Geschichte des Lesens" von vorne bis hinten fasziniert von der unterhaltsamen aber doch exakten und liebevoll gestalteten sprachlichen Ausdrucksweise dieses "Königs der Leser", so dass ich es kaum erwarten kann, in Zukunft noch mehr von ihm zu lesen (siehe Rezension).

Natürlich muss ich hier auch noch einmal Muriel Barbery (siehe oben) erwähnen, deren Sprachgewalt (und das liegt mit Sicherheit auch vorallem an ihrem Übersetzer) mich sehr beeindruckt hat.


Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?


Katharina Hagena "Der Geschmack von Apfelkernen"...weil es einfach schön ist :)

Montag, 28. Dezember 2009

Kartenwahrheiten und wahre Wahrheiten - Reif Larsen: Die Karte meiner Träume


Natürlich waren es die Illustrationen, Karten und Zeichnungen, die dieses Buch auf den ersten Blick so ungewöhnlich wie auch interessant erscheinen ließen, auch wenn man erst ein wenig Zeit braucht, um sich an den holprigen Stil zu gewöhnen, da man immer wieder durch bildunterstützte Einschübe im Lesefluss unterbrochen wird, erweist sich Reif Larsons Roman am Ende doch als echter "Pageturner".

Obwohl ein Romandebut, brachte es Reif Larsens "The Selected Works of T.S. Spivet", wie "Die Karte meiner Träume" mit Originaltitel heißt, schon bereits vor seinem Erscheinen im Frühjahr 2009 in die Schlagzeilen, da Penguin Press Reif Larsen einen Vorschuss von fasst einer Million US-Dollar gezahlt haben soll, bevor zehn weitere Verlagshäuser in die entstandene Bieterschlacht um die künftigen Publikationsrechte eingestiegen sind...

Tecumseh "Sparrow" Spivet (kurz T.S.) ist 12 Jahre alt und ein begnadeter Kartograph. Er lebt zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Girlie-Pop und Pink-umrandetes iBook), seinem wortkargen Rancher-Vater (Western-Videos und Billy-the-Kid Schrein im Wohnzimmer) und seiner akademischen Mutter Dr. Clair (verhinderte Käfer-Wissenschaftlerin, seit 20 Jahren auf der Suche nach einem "Phantom"-Käfer) auf einer kleinen Farm in Montana, also weitab der pulsierenden modernen Metropolen dieser Welt. Alles, was T.S. umgibt, angefangen von Alltagskleinigkeiten bis hin zu zu kartografisch-statistischen Großprojekten, alles verwandelt er dank seiner grafisch-wissenschaftlichen Begabung in Landkarten, die er in Bergen von Notizbüchern festhält und in diversen Bücherregalen geordnet archiviert. Dr. Yorn, ein Freund und Bekannter seiner Mutter unterstützt ihn bei seinen Projekten, die ihm - ohne das Wissen seiner Familie - bereits Veröffentlichungen in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften eingebracht haben. Zudem reicht er die Zeichnungen ohne T.S. Wissen bei einem Wettbewerb des berühmten Smithsonian Instituts ein, den er prompt gewinnt. Bei einem Anruf des Smithsonian gibt sich T.S. als Erwachsener aus und wird zur Gala-Veranstaltung nach Washington und als Gastwissenschaftler für ein Jahr an das Smithsonian Institut eingeladen.
"Wenn du nicht tust, was du tun kannst, dann tötest du einen Teil deiner selbst, und dieser Teil wird nicht wieder nachwachsen." (Seite 273)
Aber T.S. ist eben nur ein 12-jähriger kleiner Junge, zudem mit einem traumatischen Erlebnis belastet, das die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen hat. Sein jüngerer Bruder Layton ist in Folge eines gemeinsamen Experiments beim Überprüfen eines Gewehrs mit Ladehemmung ums Leben gekommen und T.S. fühlt sich dafür verantwortlich. Insbesondere scheint niemand in der ganzen Familie dem anderen tatsächlich zuzuhören oder mit dem anderen zu reden. So packt T.S. seinen Koffer mit den wichtigsten Kartographen-Utensilien und verlässt die elterliche Farm im Morgengrauen, um mit einem nahe an der Farm vorüberfahrenden Güterzug gleich einem Hobo die verwegene und abenteuerliche Reise quer durch die USA nach Washington anzutreten.
"Ich gehörte hier nicht hin. Ich wusste das schon lange...Ich passte nicht in dieses Land der Berge. Ich würde nach Washington gehen. Ich war Wissenschaftler, Kartograph, ich wurde dort gebraucht." (Seite 74)

In einem Notizbuch, das er seiner Mutter beim Abschied entwendet hat, findet er anstelle taxonomischer Untersuchungen über Käfer die Geschichte seiner Ur-Urgroßmutter Emma Englethorpe Spivet, promovierte Kartografin und eine der ersten Professorinnen der USA, die auf einer kartografischen Expedition in den Westen des Landes seinen Ur-Urgroßvater Tearho Spivet, einen finnischen Einwanderer kennen und lieben gelernt hatte. Auf seiner Reise lernt T.S. viel über sich und seine Familie, er passiert unbeschadet ein Wurmloch (vielleicht hat er das aber auch nur geträumt), erreicht trotz aller Hindernisse, Gefahren und Abenteuer Washington und wird tatsächlich Mitglied des sagenumwobenen Megatherium-Clubs des Smithsonian. Auch wenn ich das Ende der Geschichte hier noch nicht verraten möchte, sollte ich erwähnen, dass einige der oft überschwenglich positiven Kritiken auf dieses Erstlingswerk vor allen Dingen das Ende und die Auflösung des Romans kritisieren. Ein abschließendes Urteil darüber sollte man sich aber am besten doch selbst bilden.
"Eine Karte ist mehr als das (Punkte und Striche), sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen, die wir nie zuvor im Zusammenhang gesehen haben." (Seite 163)
Dieses Buch kommt daher wie ein sorgsam illustriertes Roadmovie, das uns das Innenleben eines Wunderkinds vor Augen führt, dessen Familienleben etwas aus den Fugen geraten zu sein scheint. T.S. analytisch nüchterne Weltsicht erinnert mich stark an den autistischen Titelhelden Christopher Boone, der in Mark Haddons Roman "The Curious Incident of the Dog in the Night-time" die Aufklärung des Mords am Nachbarshund in Sherlock-Holmes-Manier aufnimmt und sich dabei ebenfalls auf eine für seine Verhältnisse mehr als große Reise begibt (die Rezension der Geschichte findet sich auch hier im Biblionomicon). Aber im Gegensatz zu Christopher Boone ist T.S. natürlich kein Autist. Seine wenigen, aber doch vorhandenen sozialen Kontakte beschränken sich aufgrund seiner beeindruckenden Fähigkeiten auf seinen wissenschaftlichen Ziehvater Dr. Yorn und in der Hauptsache auf seine Familienmitglieder. Selbst in Washington angekommen, wird er als 12-jähriges Wunderkind in den Medien herumgereicht und jeder möchte seine Popularität für eigene Zwecke nutzen. Einen wahren Freund zu finden ist schwerer als man denkt.


Was mich selbst etwas verwirrt hat, ist der seltsam anmutende und kaum vorhandene Umgang mit den neuen Medien, die zumindest im (natur- und ingenieurs-)wissenschaftlichen Leben seit Jahren schon präsent sind. Der Roman spielt in der Jetztzeit - auch wenn einigen kritischen Anmerkungen zum US-amerikanischen Staatsoberhaupt ("Der Präsident ist ein Scheißer", Seite 397) anzumerken ist, dass wir uns im Roman wohl eher unter der Bush-Administration befinden. Aber der Repräsentant des angesehenen Smithsonian Instituts hat anscheinend keinerlei Versuche gemacht, den Preisträger, den er für einen Lehrstuhlinhaber hält, im Internet zu recherchieren. Colleges und Universitäten besitzen Homepages, auf denen Informationen zum Lehr- und Forschungspersonal zu finden sind - und das schon seit Jahren. Auch scheint T.S. selbst keinerlei Neigung bzw. Zugang zum Internet zu besitzen, da es doch auch speziell für ihn eine ungeheuere Bereicherung seines wissenschaftlichen Horizonts mit einer Unmenge von Daten- und Kartenmaterial darstellen würde, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, seine eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass eine Farmerfamilie im mittleren Westen ohne Kabelfernsehanschluss auch nicht über einen Breitbandinternetanschluss zu Hause verfügt (so spielen T.S. und sein Bruder noch auf einem alten Apple IIGS Computerspiele...). Aber zumindest die wissenschaftlich arbeitende Mutter, die Schule oder aber Dr. Yorn als T.S. wissenschaftlicher Ziehvater sollten das Internet nutzen. Wahrscheinlicher ist es aber eher, dass der Autor selbst keine große Internet-Affinität besitzt. T.S. selbst mag das Arbeiten mit dem Computer nicht und zieht das Schöpferische und Gestaltende seiner zeichnerischen Begabung dem Programmieren vor, "...am Computer fühlte ich mich nur wie ein Handlanger", Seite 164. Aber abgesehen von dieser - in meinen Augen - kleinen Ungereimtheit, habe ich die Lektüre dieses ungewöhnlichen und abenteuerlich spannenden Romans sehr genossen!
"Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes...(Dr. Clair)" (Seite 354)
Fazit: Ein ungewöhnlich ausgestatteter Roman, der uns mitnimmt auf eine wunderbare Reise und uns unsere Welt aus einer altklug kindlichen Perspektive zeigt, in der eine nie versiegende Neugier steckt, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber trotzdem LESEN!

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ende gut, alles gut - Jane Austen "Emma"

Nein, um Jane Austens Romane zu lesen und zu lieben muss man nicht weiblichen Geschlechts oder gar schwul sein. Im Gegenteil eröffnen sie doch auch dem geneigten männlichen Leser ungeahnte Einblicke in die Lebenswelt des frühen 19. Jahrhunderts und lassen uns Teil haben an Lebens-, Liebes- und Beziehungsmüh einer lange untergegangenen Epoche, deren Nachwirkungen aber auch noch in unserer heutigen Zeit ihre Gültigkeit besitzen und vor allen Dingen eines tun: auf humorvoll ironische Weise zu unterhalten.

Als aller erstes war ich bereits vor Jahren begeistert, als ich Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in die Hände bekam. Obwohl ich zuerst eine dröge Erzählung um 'verzweifelte Liebesmüh' erwartete, war ich schnell eines Besseren belehrt und Jane Austen errang in meinem Bücherregal einen bevorzugten Platz, den sie auch mit dem erst später gelesenen "Kloster Northanger" behaupten konnte (zugegebenermaßen hat das Frühwerk des "Klosters Northanger" - ebenfalls hier im biblionomicon besprochen - noch lange nicht das Format von "Stolz und Vorurteil", trägt aber bereits die typischen augenzwinkernden Züge Jane Austens). Aber kommen wir zu "Emma".
"Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast 21 Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben."
So startet der Roman mit der Vorstellung seiner Protagonistin, einer energischen jungen Frau, um die sich herum ein selbstverschuldetes Labyrinth aus Irrungen und Wirrungen um Liebe und Ehe entfaltet. Emma ist reichlich verwöhnt und überschätzt vor allem Ihre Menschenkenntnis verbunden mit der (Un-)Fähigkeit, Freunde und Bekannte mit dem ihrer Meinung nach passenden Gegenstück verkuppeln zu wollen. So mischt sie sich wiederholt in das Leben anderer ein, um prompt auch immer wieder Schiffbruch zu erleiden. Fehlinterpretationen und Missverständnisse sorgen immer wieder für vermeidbare Komplikationen sowohl in ihrem Leben als auch dem ihrer Freunde und Bekannten.

Emma lebt zusammen mit ihrem hypochondrischen Vater, der stets um jedes bisschen Zugluft besorgt ist und damit sich und anderen das Leben schwer macht. George Knightley ("Mr. Knightley"), der Freund und Nachbar ihres Vaters, ist der einzige, dessen Kritik sie akzeptiert und dessen väterliche Freundschaft sie ohne Vorbehalte genießt. Sein Bruder John Knightley ist mit Emmas älterer Schwester Isabella verheiratet und lebt mit seiner Familie in London, das mehr als eine Tagesreise entfernt liegt. Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Miss Taylor, Emmas Freundin und früherer Gouvernante, von nun an Mrs. Weston. War es doch Emma, die ihrer Freundin den zukünftigen Gatten vorgestellt hatte, so lässt sie diese glückliche Vermittlung an ihre Fähigkeiten als "Ehestifterin" und Kupplerin glauben, die allerdings in Zukunft so ganz und gar nicht von Erfolg gekrönt sein werden.

Zahlreiche weitere Figuren werden von Jane Austen in liebevoller und detailverliebter Weise eingeführt, in deren Leben sich Emma früher oder später einmischen wird. Darunter auch ihre Freundin Harriet Smith, illegitimer Sproß eines reichen Kaufmanns, der sie fälschlicherweise einredet, dass der in sie verliebte Gentleman-Farmer Mr. Martin unter ihrer Würde und vor allen Dingen unter ihrem Stand wäre. Dann lernen wir noch Jane Fairfax kennen, die bei ihrer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Tante Miss Bates lebt, und die noch zu Emmas vermeintlicher Rivalin werden soll, als es gilt die Gunst von Frank Churchill zu erwerben, dem Stiefsohn ihrer Freundin Mrs. Weston.

So entspinnt sich zwischen den liebevoll charakterisierten Figuren ein von Irrungen und Wirrungen getragener Reigen um Liebe und Ehe, bei dem sich aber dann doch wie bei Jane Austen üblich am Ende alles "zum Guten" wenden soll. Was das aber konkret heißt, das muss der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin am besten selbst herausfinden. Ich kann versprechen, dass dieser über 500 engbedruckte Seiten lange Roman stets unterhält, zum Schmunzeln anregt und stellenweise auch fesseln kann. Überwiegend bedient sich Jane Austen des Dialogs als treffendes Stilmittel ihrer Darstellung - auch wenn sich beim männlichen Leser dadurch vielleicht so manches Vorurteil über typisch "weibliche Geschwätzigkeit" bestätigt finden mag. Aber es ist ja auch gerade diese präzise funkelnde und geschliffene Sprache, die in den Dialogen zum Vorschein kommt, und die von der Übersetzerin Charlotte Gräfin von Klinkowstroem so wundervoll getroffen wurde. Sie verschaffen den Figuren auf subtile Weise feingliedrige und wohlüberlegte Ecken und Kanten und heben so den Roman auf das Niveau eines zeitlosen Klassikers und Meisterwerks. Auch die zeitgenössischen Illustrationen von Hugh Thompson, die einer Ausgabe von 1896 entnommen sind, unterstützen das Gefühl beim Leser, direkt in eine Epoche entführt zu werden, die ihm in ungewohnt plastischer und lebendiger Weise vor Augen geführt wird - auch wenn es sich "nur" um die (heile) Welt des damaligen englischen (Groß-)bürgertums handelt.

Interessant ist in diesem Roman Jane Austens auch, dass Emma im Gegensatz zu den Hauptfiguren von "Stolz und Vorurteil" oder "Verstand und Gefühl" von Anfang an keinerlei Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft haben muss. Dies ist auch der Grund dafür, warum sie eigentlich niemals heiraten möchte. Jane Fairfax als Nebenfigur dagegen folgt der für Austen üblichen Konstellation, da sie keinerlei Mittel besitzt und ihre Zukunft für sie entweder eine Anstellung als Gouvernante und Lehrerin bzw. eine finanziell aussichtsreiche Heirat vorsehen muss. Ebenfalls ungewöhnlich für Jane Austens Figuren ist es, dass sich bei Emma kaum romantische Gefühle breit machen - zumindest nicht bis Seite 484. Natürlich erkennt Emma, wenn auch spät, dass man sich nicht immer in das Liebesleben von Freunden und Bekannten einmischen sollte, insbesondere, wenn es einem an eigener Erfahrung darin mangelt.
"Sie hatte in ihrer unerträglichen Eitelkeit geglaubt, jedermanns geheimste Gefühle zu kennen, mit unverzeihlichem Hochmut versucht, die Geschicke anderer zu lenken. Es war klar geworden, daß sie sich rundum getäuscht, und nicht etwa nichts getan, sondern auch noch Schaden angerichtet hatte..."
Fazit: Die passende Lektüre für die Feiertage. Einfach abtauchen in Jane Austens Fabelwelt des frühen 19. Jahrhunderts und den Reigen der Gefühle miterleben, die stets auf ein wohliges und angenehmes Ende hoffen lassen. Eine sprachliche Pretiose, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber auf alle Fälle etwas ganz besonderes.

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Sonntag, 6. Dezember 2009

Spätmittelalterliche Fortsetzungs-Soap - Ken Follet "Die Tore der Welt"

Eigentlich war ich mir gar nicht so sicher, ob ich das Buch überhaupt lesen sollte, aber nachdem es schon einmal im Bücherschrank meiner Mutter stand, beschloss ich doch nicht erst auf meinen Buchwunschzettel zu warten und habe mir kurzerhand den 1300 Seiten starken "Schmöker" ausgeliehen…

Zuerst einmal ist Ken Follets "Die Tore der Welt" ein ziemlich dickes Buch. Dies sollte aber niemanden abschrecken, denn trotzdem ich kaum Zeit zum Lesen hatte (wenn überhaupt, dann aktuell nur abends im Bett) kam ich in gut 3 Wochen locker durch. Aber lassen wir die technischen Details erst einmal bei Seite und konzentrieren wir uns auf den Inhalt...

Den Rahmen der Geschichte bildet wie im ersten Band "Die Säulen der Erde" die kleine Stadt Kingsbridge mit ihrem Kloster und der von Jack Builder, dem Protagonisten des ersten Bandes, erbauten Kathedrale. Seither sind fast 200 Jahre vergangen. Wieder treffen wir in den 'Toren der Welt' auf eine zumindest als sehr ähnliche zu bezeichnende Personenkonstellation: da haben wir die verarmte adelige Familie, deren Familienbande zurück bis zu Jack Builder reichen. Die Familie verliert aufgrund der Schuldenlast ihren Grundbesitz und wird zu "Mundlingen" der Priorei zu Kingsbridge. Während der jüngere Bruder Ralph, der im Folgenden die Rolle des arttypischen "Bad Guy" übernehmen wird, als Knappe zum Grafen von Shiring geschickt wird, um das Kriegshandwerk zu erlernen und zum Ritter ausgebildet zu werden, kommt der ältere Bruder Merthin (a.k.a. "Mr. Right") zu einem Zimmermann in die Lehre, um das Bauhandwerk zu erlernen.
Dann haben wir noch Caris, die Tochter eines reichen Wollhändlers und Ratsvorsitzenden aus Kingsbridge, die bereits als Kind mit Merthin Freundschaft schließt, sowie ihre Freundin Gwenda, Tochter eines armen Tunichtguts, der es sogar fertigbringt, seine Tochter aus reiner Profitgier an den Nächstbesten zu verkaufen.
Alle 4 werden als Kinder Zeuge eines Zwischenfalls im Wald nahe der Stadt, in der Thomas Langley, ein Ritter der Königin Isabella von zwei Bewaffneten gestellt wird und diese erschlägt. Während die anderen das Weite suchen können, bleibt Merthin zurück, hilft Langley gezwungenermaßen die Spuren zu verwischen und wird Zeuge, wie dieser einen Brief, der augenscheinlich die Ursache für seine Verfolgung war, im Wald vergräbt. Niemals darf Merthin dieses Geheimnis verraten, wenn ihm sein Leben lieb ist.

Die Zeit vergeht, Thomas Langley wird Mönch im Kloster von Kingsbridge und Merthin übereifriger Lehrling des stümperhaften Baumeisters Elfric, einem Günstling des erzkonservativen Priors Anthony. Wir lernen Caris' Cousin Godwyn kennen, der nach seinem Noviziat im Kloster zum Medizinstudium nach Oxford geschickt wird und nach seiner Rückkehr große Ambitionen auf den Posten des Priors hat, und der in dieser Position noch konservativer und verbissener als sein Vorgänger Anthony werden soll.

Werfen wir noch einen kurzen Blick die Frauen der Geschichte. Caris entwickelt Interesse an der Heilkunst. Natürlich sind ihr als Frau die Tore der Universität und eine Laufbahn als Arzt verwehrt, und was heilkundigen Frauen im Mittelalter oft blühte, wissen wir nur allzu genau. Gwenda liebt Wulfric, der aber in die attraktive Annette verschossen ist. Wulfric schlägt Ralph (dem Bad Guy) die Nase ein, weil dieser Annette auf dem Markt in Kingsbridge ein wenig zu tief in die Augen gesehen hat - und eine lebenslange Feindschaft nimmt ihren Lauf…

Den ganzen Rest dieser schier endlosen Geschichte erzählen zu wollen würde natürlich nicht nur den Rahmen des Blogeintrags sprengen, sondern auch einen Großteil des Lesevergnügens vorwegnehmen. Alles in allem zählt das Buch eher zur "leichtverdaulichen Kost". Die Charaktere haben kaum Spielraum zur Entwicklung von Ecken und Kanten. So kann man sich stets darauf verlassen, dass der Gute immer gut, der Böse aber auch immer böse ist. Persönlich ist mir das etwas zu einfach gestrickt, aber es geht bei diesem historischen Roman auch nicht um charakterliche Tiefgründe, sondern eher um eine actionreiche Handlung. Wieder stoßen wir auf dieselben Konflikte, die wir schon im Vorgängerband kennengelernt hatten. Der Graf von Shiring (böse…genauso wie sein Nachfolger), der Prior des Klosters (böse…genau wie sein Nachfolger und ebenfalls wieder dessen Nachfolger), während Merthin, Caris, Glenda und Wulfric stets das "gute" Personal darstellen. Es wird gegeneinander intrigiert und gestritten. Tumbe, mittelalterliche Klostermediziner streiten gegen durch Erfahrung kluge, heilkundige Nonnen, und am Ende hat die Kathedrale einen neuen Turm und die Stadt neben einer neuen Brücke auch noch diverse Hospitäler. Die sind auch bitter notwendig, denn die Pest kommt nach Kingsbridge und hält das ganze Land über weite Strecken des Romans in ihren tödlichen Klauen. Übrigens stets eine gute Gelegenheit, Personal auszutauschen, um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, einige Knoten der Handlung auf weniger drastische, aber sicherlich anstrengendere Weise aufzulösen.

Der historische Kolorit ist ebenfalls leichtverdaulich, geschichtliche Hintergründe werden auf ein notwendiges, aber für meinen Geschmack nicht wirklich hinreichendes Minimum reduziert. Ein Follet ist eben kein Eco (wobei letzterer, wie mir ein Historikerkollege einmal erzählte, zu jeder Gelegenheit gerne auch als Primadonna behandelt werden möchte). Aber diesen Anspruch hat Herr Follet bestimmt auch nicht, verkauft sich das Buch doch trotzdem bzw. wahrscheinlich genau deswegen großartig. Alles in allem war es für mich eine willkommene, leicht und unbeschwert zu lesende Abwechslung, der ich dank zahlreicher Cliffhanger viele spannende Abende verdanke. Doch über eine Sache habe ich mich doch öfters ärgern müssen. Den Figuren werden manchmal Gedankengänge in den Kopf gelegt, die wirklich nicht ins 14. Jahrhundert passen, sondern deutlich von Aufklärung, Feminismus und Emanzipation geprägt sind. Zwar ist es nicht gänzlich unmöglich, dass ein Mensch des Mittelalters in dieser Weise gedacht haben soll, aber eben doch sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich...

Fazit: kurzweilige Unterhaltung mit einem Minimum an zeithistorischen Kolorit, dafür ganz viel Liebe, Tragik und Intrigen. Für den Urlaub, den Strand oder einfach zum Entspannen gut geeignet hält es einer kritischen Betrachtung jedoch kaum stand.

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Sonntag, 29. November 2009

Die einzige Beständigkeit liegt im Wandel - wie schaffe ich mehr Platz in meinem Bücherregal

Das hier ist also das gute Stück, um das es im heutigen Beitrag geht. Natürlich geht es nicht um das Regal, sondern vielmehr um dessen Inhalt: mehr als 450 antiquarische und z.T. neuwertige (gelesene und auch ungelesene) Bücher, startend mit den ältesten erschienen um 1880 bis hin zu aktuellen Ausgaben. Da der Platz für andere, sich immer noch stapelnde Bücher dringend benötigt wird und da die betreffenden Bücher auch einen gewissen Wert repräsentieren, habe ich mich entschlossen, sie alle (einzeln) bei booklooker.de zum Verkauf anzubieten. Bei den Preisen habe ich mich in der Regel an den günstigsten Angeboten bei ZVAB orientiert und bin meist noch ein Stückchen darunter gegangen.

Und da ich die Bücher auch zügig verkaufen möchte, mache ich hier im biblionomicon ein wenig Werbung dafür, d.h. jeder, der eines der Bücher, die ich bei booklooker eingestellt habe, kaufen möchte, erhält per se schon einmal generelle 10% Rabatt auf den bei booklooker ausgewiesenen Preis (Hinweis bzw. Anfrage via E-Mail reicht aus).

Da man trotz der Größe des Fotos natürlich nicht allzuviel erkennen kann, hier einige thematisch zusammengestellte Angebotslisten aus booklooker:

Samstag, 21. November 2009

Der weite Weg zur Bibliothek 2.0... - Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte'

Bibliotheken haben mich schon immer fasziniert. Angefangen von unserer kleinen Kirchengemeindenbücherei, in der ich bereits als ABC-Schütze zum Stammkunden wurde über diverse Universitätsbibliotheken während des Studiums bis hin zu den klassischen Kathedralen des Wissens. Im Zuge der Recherchen für mein Buch 'Digitale Kommunikation', das sich zum Thema Mediengeschichte auch einen kleinen Abstecher in die Bibliotheksgeschichte leistet, bin ich auch auf Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte' gestoßen.

Bereits 1993 erschien Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte', die heute in der 3. verbesserten und erweiterten Auflage vorliegt. In unterhaltsamer Weise führt uns Jochum entlang einer Reise durch mehr als 30.000 Jahre Geschichte. Beginnend mit den ersten Felszeichnungen und den Ursprüngen der Zivilisation, über die Reiche des Altertums hinein ins christliche Mittelalter, weiter zu Renaissance, Barock, Klassik und Moderne. Wir hören von der ersten nachgewiesenen Bibliothek des assyrischen Herrschers Assurbanipal in Ninive aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert mit ihren 5.000 - 10.000 in Keilschrift verfassten Tontafeln. Weiter führt uns Jochum die herausragende Stellung der altägyptischen Schreiber vor Augen und erzählt von der noch viel älteren Bibliothek des Ramesseums, des Grabmals des ägyptischen Pharaos Ramses des Großen, von der wir nur durch den Bericht des römischen Geschichtsschreibers Diodor Siculus wissen, die aber bis heute noch nicht eindeutig lokalisiert werden konnte.

Natürlich wird auch die Geschichte der bedeutendsten Bibliothek des gesamten Altertums erzählt, der großen Bibliothek von Alexandria, über deren Bestände und vor allem über ihren Niedergang sich zahlreiche Legenden ranken. Fakt ist, die alexandrinische Bibliothek hat das Altertum nicht überlebt. Ihre Bestände sind wahrscheinlich durch Brände und Kriege verloren gegangen und nur ein geringer Bestand der Literatur des Altertums konnte durch das beflissentliche Kopieren und Bewahren durch die christlichen Mönchsorden bis in unsere Zeit gerettet werden.

Humanismus und Renaissance bringen die antiken Autoren wieder ans Licht, die barocke "Sammelleidenschaft" lässt zahlreiche großartige Privatbibliotheken entstehen. Insbesondere die Erfindung des Buchdrucks sorgt für eine vormals kaum möglich gehaltene Menge an Büchern und führt geradezu zu einer Explosion der Vielfalt. Wir erleben die ersten Schritte zum Aufbau von Nationalbibliotheken, den Abschied von der Universalbibliothek und den Weg zur öffentlichen Bibliothek. Über das 19. Jahrhundert hinweg führt uns Jochum in das Zeitalter der modernen Informationsverarbeitung hin zu hybriden Bibliotheken und dem World Wide Web.

Wunderbar ist vor allem die knapp 30-Seitige Bibliografie am Ende des Buches und die vielen, im Text vorhandenen bibliografischen Referenzen, die dieses kleine Buch so nützlich machen. Eine nützliche Ergänzung wären noch Fotografien und Illustrationen gewesen, aber diese findet man in Jochums neuer "Geschichte der abendländischen Bibliotheken", die als gebundene Ausgabe gegenüber dem kleinen Reclam-Bändchen natürlich auch entsprechend teurer geraten ist.

Leider sind die aktuellen Themen Web 2.0 in Bibliotheken, Blogs, Wikis, Twitter & Co. noch nicht Bestandteil der 'Bibliotheksgeschichte', so auch nicht in diesem Buch. Dennoch sollte man die Bedeutung dieser neuen informations- und kommunikationstechnischen Möglichkeiten vor allem für die Bibliotheken nicht unterschätzen, sei es zur Informationsweitergabe und Selbstdarstellung, zur Erschließung und Kategorisierung der Bestände, zum Aufbau von und Interaktion in sozialen Netzwerken und darauf basierender, intelligenter Such- und Empfehlungsmechanismen. Es ist eben noch ein weiter Weg, bis dieser Bereich sich etabliert und damit Aufnahme in eine Bibliotheksgeschichte findet. Aber es bleibt ja stets Raum für eine weitere, erweiterte Neuauflage...

Fazit: Auch ohne mein vorhandenes berufliches Interesse kann ich diese kleine Bibliotheksgeschichte reinen Gewissens allen empfehlen, die eine Liebe zu Büchern entwickelt haben und sich über die Ursprünge und Geschichte unserer Lesekultur fundiert, aber doch unterhaltsam informieren wollen.

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Sonntag, 15. November 2009

Und nun einmal etwas ganz anderes... Katharina Hagena 'Der Geschmack von Apfelkernen'

Gab es hier im Blog zuletzt noch Science Fiction Klassiker, Literaturnobelpreisträger und ähnliches, kommt heute einmal etwas ganz anders daher, das sich in meine Leseliste geschlichen hat. Eine Familiengeheimnis-, Lebenskrisen- und Vergangenheitsbewältigungskiste, die aber überrascht und die es verstand, selbst einen Lesesnob wie mich in ihren Bann zu schlagen...und das nicht nur wegen des wunderschönen Einbands.

Die Geschichte an sich ist auf den ersten Blick sogar etwas dünn. Bertha stirbt, und ihre Enkelin Iris erbt das Haus der einst großen Familie irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt, in dem Iris und ihre Cousine Rosemarie ihre Kindertage verbrachten. Das Haus steht inzwischen leer, der Garten ist verwildert, und Iris entschließt sich, für einige Zeit nach der Beerdigung ihrer Großmutter in dem Haus zu bleiben, um zu entscheiden, was sie mit ihrem Erbe anfangen soll. So startet ein Trip in die Vergangenheit der Familie und der Leser wird Zeuge, wie sich Iris' Erinnerungen Bruchstück für Bruchstück mit der noch im dunklen liegenden Geschichte ihrer Großmutter Bertha, ihres Großvaters, ihrer drei Tanten und ihrer Cousine zu einem allmählich sich herausbildenden Ganzen zusammensetzen.

Dabei herrscht eine Art magischer Aura über dem Haus, so dass einschneidende Ereignisse und Gefühlsausbrüche stets mit "kleinen Wundern" einhergehen, bei dem die Apfelblüte zweimal im Jahr kommt, Äpfel über Nacht reif werden oder aus roten Johannisbeeren mit einem Mal Weiße werden, aus denen eine Marmelade mit dem wunderbaren Namen "konservierte Tränen" eingekocht wird. Mehr und mehr Unerwartetes kommt im Laufe der Zeit ans Licht, die Iris in dem alten Haus am Ort ihrer Kindheit verbringt. Genau wie die Großmutter Bertha nach einem Sturz mehr und mehr ihr Gedächtnis verloren hat, kommen Iris die Erinnerungen an ihre Kindheit und an den Unfall ihrer Cousine Rosemarie zurück, hinter dem ein trauriges Geheimnis steckt.
"Schon immer begannen die Bewegungen des Schicksals - auch in unserer Familie - mit einem Sturz. Und mit einem Apfel..."
Bittersüß ist diese nur knapp 250 Seiten kurze Geschichte und Katharina Hagena bietet in ihrem Roman "Der Geschmack von Apfelkernen" ein wahres Feuerwerk an Geruchs-, Geschmacks und anderen Sinneseindrücken, die der geneigte Leser nachempfinden darf. Erinnern und Vergessen sind ein weiteres wichtiges Thema, das sich durch die Geschichte dreier Generationen von Frauen hindurchzieht. Erinnerungen sind immer auch an Sinneseindrücke gebunden. Wir fühlen, hören, sehen, schmecken und riechen die Welt unserer Wahrnehmung und können diese Sinneseindrücke in unserer Erinnerung abrufen. So sind wir in der Lage, uns wieder und wieder in eine längst vergangene Situation hineinzuversetzen. So ist auch dieses Erstlingswerk der Autorin nichts anderes als eine große "Nostalgie", eine manchmal "wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals idealisiert und verklärt" werden kann.

Fazit: Eine generationenübergreifende, abwechslungsreiche Familiengeschichte, spannend, eindrücklich und bittersüß erzählt. LESEN!

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Freitag, 6. November 2009

Der Name der Rose trifft Mad Max - Walter M. Miller Jr. "Lobgesang auf Leibowitz"

Heiliger Leibowitz, hilf! Sankt Leibowitz könnte -- so er denn existieren würde -- auch recht gut als Apostel für uns Informations- und Wissensarbeiter herhalten. So bildet er den Dreh- und Angelpunkt des stilbildenden, post-apokalyptischen Science Fiction-Klassikers, den ich heute vorstellen möchte. Manch ein Kritiker meint, es würde sich dabei um einen der besten des gesamten Genres handeln...

Die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, endete im 20. Jahrhundert mit einem verheerenden nuklearen Krieg. Die "Flammenflut" wütete über die Erde und die Überlebenden der Katastrophe wandten sich in ihrem Hass und ihrer Verzweiflung gegen alle Technologie und diejenigen, in denen sie die Helfer und Verantwortlichen dieser Technologie sahen -- und dazu zählten sogar alle diejenigen, die des Lesens und Schreibens mächtig waren. Ein Bilder- und Büchersturm -- die große "Vereinfachung" oder "Simplifikation" -- vernichtete auch noch die letzten Reste der Zivilisation und des technologischen Wissens der Menschheit. Übrig blieben nur noch die "Simpel" ... und ein kleiner albertinischer Mönchsorden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Reste des menschlichen Wissens, Bücher und technische Papiere zu retten und für zukünftige Generationen zu bewahren.

Isaac Edward Leibowitz, ursprünglich ein jüdischer Ingenieur, konvertierte nach der "Flammenflut" zum Katholizismus und gründete den später nach ihm benannten "Orden des Leibowitz", dessen Aufgabe darin bestand, die noch übrig gebliebenen Bücher aufzuspüren, an einen sicheren Ort zu schmuggeln, sie auswendig zu lernen und durch Abschreiben vor dem Verfall und dem Vergessen zu bewahren. Auf dieser Grundlage erzählt Walter M. Millers Roman "Lobgesang auf Leibowitz" (Original: A Canticle for Leibowitz) in drei sich über mehr als 1000 Jahre erstreckenden Episoden die Geschichte des Ordens und der neu entstehenden Zivilisation.

Fiat Homo
Die erste Episode spielt etwa 600 Jahre nach der großen Vereinfachung. Bruder Gerard Francis, ein Novize des Ordens des (noch nicht) heiligen Leibowitz, fastet in der Wüste und trifft auf einen seltsamen alten Pilger, mit dessen Hilfe er einen verschütteten Bunker aus der Zeit der Katastrophe entdeckt. Darin finden sich originale Schriftstücke des Ordensgründers, dessen Kanonisierung bereits im Gange ist und die wir mit Bruder Francis miterleben dürfen.

Fiat Lux
Gut 1100 Jahre nach der Katastrophe treffen wir wieder auf den Orden des heiligen Leibowitz. Wie schon seit Jahrhunderten bewahren die Mönche immer noch Fragmente des von ihnen nicht oder nur halbverstandenen technologischen Wissens. Das dunkle Zeitalter geht zu Ende und eine neue Renaissance bricht an. Die Mönche machen erste zaghafte Versuche mit der Entdeckung der Elektrizität und die Stämme und Völkerschaften rund um das Kloster kämpfen um die Hegemonie auf dem amerikanischen Kontinent. Ein (weltlicher) Gelehrter kommt in das Kloster, um die "Memorabilien" des verschollenen Zeitalters zu sichten und ist sichtlich frustriert von der Aussicht eines bloßen "Wiederentdeckens". Wieder tritt ein (jüdischer) Eremit -- ein Freund des Abtes -- auf, wie der Pilger aus dem ersten Teil eine Anspielung auf die Figur des "ewigen Juden" Ahasverus, die auch im dritten Teil auftaucht.
"Die Mönche warteten. Es war für sie ohne jede Bedeutung, dass das Wissen, welches sie bewahrten, nutzlos war, dass jetzt das meiste davon nicht eigentlich Wissen genannt werden konnte und in gewissen Fällen den Mönchen genauso rätselhaft war, wie es einem unwissenden jungen Wilden hinter den Bergen sein musste. Dieses Wissen hatte seinen Inhalt verloren, weil sein materieller Gegenstand längst nicht mehr existierte..."
Fiat Voluntas tua
1700 Jahre nach der großen Vereinfachung hat die Welt wieder denselben (oder gar noch fortgeschritteneren) Zustand erreicht, den sie zuvor hatte. Der Orden des heiligen Leibowitz existiert noch immer. Seit über 50 Jahren herrscht schon ein kalter Krieg zwischen den Großmächten, der droht "heiß" zu werden. In der Dämmerung eines erneuten Atomkrieges schicken sich die Ordensbrüder an, das einst verlorene Wissen der Menschheit für die große Reise zu den Sternen zu sichern, wo sie ihre heilige Mission des Bewahrens geflissentlich fortsetzen werden...

Alleine schon die Idee, die mittelalterliche Klostertradition der Bewahrung des antiken Wissensschatzes, der Klosterbibliotheken und Skriptorien, in einer post-apokalyptischen Zeit fortzusetzen, hatte mich schon lange auf dieses 1960 erschienene Buch neugierig gemacht. Schade nur, dass auch die Neuauflage schon wieder seit einigen Jahren vergriffen ist, so dass man auf das Antiquariat oder die englische Originalausgabe angewiesen ist. Aber das Warten hat sich gelohnt. Walter N. Miller hat ein solides Stück Literatur geschaffen, das in der kurzlebigen Welt der Science Fiction noch lange seinen Platz behaupten wird. Seine Figuren sind von feiner Hand herausgearbeitet und haben ihre Ecken und Kanten, so dass sie nicht so leicht in eines der vielen Genre-eigenen Schemata hineinpassen. Die episodische Sicht auf diese Zivilisationsgeschichte verdankt ihren Ursprung der Tatsache, dass die einzelnen Episoden zunächst als Kurzgeschichten veröffentlicht worden waren und von Miller anschließend überarbeitet und in einem gemeinsamen Rahmen zusammengefasst wurden. Auch nach gut 50 Jahren hat das Buch nichts von seiner ständig spürbaren Beklommenheit verloren und beeindruckt nachhaltig, insbesondere die letzte Episode, in der sich eine geradezu körperlich spürbare Beklemmung breitmacht, wenn die ersten Opfer der radioaktiven Katastrophe und die Arbeit des regierungseigenen Euthanasiedienstes geschildert werden.
"Das Angesicht Luzifers erhob sich in pilzförmiger Hässlichkeit über der Wolkenbank, wuchs langsam in die Höhe wie ein Titan, der nach Jahren der Einkerkerung in den Tiefen der Erde nun auf die Füße klettert..."
Fazit: Ein Stück große Literatur, auch wenn das Genre nicht allen gefallen wird. Aber die Idee ist originell, die Thematik regt zum Nachdenken an und letztendlich blickt Miller auch ab und an mit einem lächelnden Auge auf seine Ordensbrüder. LESEN!

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