Sonntag, 13. Mai 2012

Der letzte Romantiker - Leo Perutz 'Nachts unter der steinernen Brücke'

Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich auf Leo Perutz gestoßen bin. Ich glaube, es war im Zusammenhang mit einer Rezension, die ich gelesen hatte, in der Antal Szerb (Die Pendragon Legende, Das Halsband der Königin) mit Leo Perutz verglichen wurde, weshalb ich neugierig geworden bin und nun 'Nachts unter der steinernen Brücke', das als sein wichtigstes Werk gilt, endlich gelesen habe.

Eigentlich wird es ja als historischer Roman gehandelt, aber Leo Perutz liefert uns eine Sammlung von 15 novellengleichen und in sich abgeschlossenen Geschichten, die alle im Prag des 16./17. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Judenstadt und Hradschin spielen. Der Leser bemerkt erst recht spät, dass sich durch alle Geschichten hindurch ein dünner roter Faden entspinnt, der am Ende alles zusammenführen wird. Doch folgen die Geschichten keiner streng chronologischen Reihenfolge und der bereits zitierte rote Faden bleibt dem Leser vorerst noch lange verborgen, was leicht zu Frustration führen kann. Nichtsdestotrotz zieht einen gleich die erste Geschichte 'Die Pest in der Judenstadt' in ihren unheimlichen Bann. Zwei arme Musiker und Spaßmacher, der Koppel-Bär und der Jäckele Narr, treffen nachts auf einem Prager Friedhof auf die Geister der kürzlich an der Pest verstorbenen Kinder. In ihrer Not fliehen sie zum gelehrten Rabbi Löw, der die Zeichen zu deuten weiß und einem Frevel um einen Ehebruch in seiner Gemeinde auf die Spur kommt. Doch ist es am Ende er selbst, der sich des Frevels schuldig gemacht hat und der die Schuld am Kindersterben in Prag trägen soll. In den folgenden Geschichten erfahren wir auch vom Kaiser Rudolph und seiner unerfüllten, da unmöglichen Liebe zur schönen Jüdin Esther, in die auch der Rabbi Löw verwickelt wird. Wir treffen auf historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Wallenstein und erleben die Anfangszeit des Dreissigjährigen Krieges, doch gleichzeitig meinen wir inmitten eines fantastischen Traumes zu stehen.

Erzählt werden die kurzen, aber sprachlich auf hohem Niveau sehr schön ausgeschmückten Novellen, in einem über und über melancholischen Ton. Daher sollte sich der geneigte Leser nicht unbedingt einen grauen Novemberabend für seine Lektüre aussuchen...
"Ihr Menschenkinder", sprach der Engel weiter, "gar arm und voll von Kümmernissen ist Euer Leben. Warum beschwert Ihr es mit der Liebe, die Euch den Sinn verstört und Eure Herzen elend macht?" ... "Sind nicht", sprach [Rabbi Löw] zu ihm, "die Kinder Gottes [gemeint sind die Engel], als die Zeiten begannen, mit den Töchtern der Menschen in Liebe gewesen? Haben sie sie nicht an den Brunnen und Quellen erwartet und sie im Schatten der Ölbäume und Eichen mit dem Kuß ihres Mundes geküsst?" ...Und wie er [der Engel Asrael] der Geliebten seiner fernen Jugend gedachte, fielen zwei Tränen aus den Augen des Engels, die waren den Menschentränen gleich".
Während die erste der Erzählungen bereits in den 1920er Jahren in einer Literaturzeitschrift erschien, arbeitete Perutz über 20 Jahre lang an den folgenden Geschichten, die erst 1953 vereint in Romanform veröffentlicht werden sollten. Perutz, dessen Schriften unter den Nazis verboten wurden und der nach Palestina emigriert war, versuchte in der Nachkriegszeit wieder im deutschsprachigen literarischen Leben Fuß zu fassen. Leider wurde der kunstvoll gestaltete Roman mit seiner Hommage an Perutz` Heimatstadt Prag nur sehr verhalten vom deutschen Publikum aufgenommen, das kurz nach dem Krieg nur sehr wenig mit Literatur über jüdisches Leben anzufangen wusste.

Fazit: Die traumgleichen und durchgehend melancholisch fesselnden Geschichten ziehen den Leser nach und nach in ihren Bann. Kunstvoll konstruierter und fantastisch romantisch-historischer Roman. LESEN!

Leo Perutz
Nachts unter der steinernen Brücke

Deutscher Taschenbuch Verlag (2002)
272 Seiten
9,90 Euro


Sonntag, 22. April 2012

Es ist alles eitel - Hans Pleschinski "Das Geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ"

"Es ist alles eitel", so lautet der Titel eines berühmten Gedichts von Andreas Gryphius, der damit die Weltfluchtstimmung des Barocks verbunden mit der Sinnlosigkeit allen irdischen Strebens auf heute immer noch beeindruckende Weise zu beschreiben verstand. Eitel, so mutet einem auch das beständige Hinterherhecheln des Herzogs von Croÿ nach Titeln und Ehren an, das er über weite Strecken seines "geheimen" Tagebuchs hinweg immer wieder und wieder beschreibt. Doch befinden wir uns bereits im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, und Emanuel Herzog von Croÿs Streben beschränkt sich zum großen Glück des Lesers nicht nur auf das Dasein eines Hofschranzens, sondern er ist interessiert und fasziniert zugleich von allen intellektuellen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen, die seine Zeit hervorgebracht hat.
"Ich kam am 23. Juni 1718 um zehn vor eins in der Früh im Schloß von Condé in der sogenannten Königskammer zur Welt" (Seite 11)
Mit diesen Worten startet das von Hans Pleschinski neu übersetzte und herausgegebene Tagebuch Anne Emmanuels Ferdinand François Herzog von Croÿ, das den Leser mit nimmt auf eine Reise ins 18. Jahrhundert und erst mit dessen Tod kurz vor der französischen Revolution endet. Auf den ersten Blick erscheinen die Aufzeichnungen de Croÿs mehr oder minder langweilig, wenn man zunächst den Stationen seines Lebens am Hofe Ludwig des XV. folgt. Zwar sind die Schilderungen des französischen Hofzeremoniells inklusive des An- und Ausziehens des Königs mit den damit verbundenen Rollen der einzelnen Würdenträger durchaus interessant, doch auf die Dauer nervt der Autor und Protagonist durch sein beständig strebendes Hecheln, sich vor den anderen Höflingen wieder um einen weiteren Zentimeter in der Gunst des Königs nach vorne bewegen zu wollen.  So entwirft er eine nicht enden wollende Flut von Denkschriften, die seine jeweiligen Ansprüche legitimieren und dem König in Erinnerung rufen sollen. Und wenn wir schon davon genervt sind, wie musste es dann erst dem König als Adressat all dieser mühseligen Aufzählungen gehen.
"Kurz vor Mittsommer genoß ich die schöne Dämmerung, den prächtigen Sonnenaufgang und wunderbaren Ausblick aus meiner Kammer. Ich sah die ersten Strahlen Paris vergolden, hörte Vogelgesang, spürte die Morgenfrische, roch den Duft von Geißblatt [hat irgendwer eine Ahnung wie Geißblatt riecht?], alles bezauberte mich, und nie war es herrlicher zu leben. Entzückt stieg ich in den Garten hinunter. Ich fühlte neue Kräfte und war heiter…" (Seite 176)
Anne Emmanuel, duc de Croÿ
(1718-1784)
Doch soll der anfänglich nötige Durchhaltewille des Lesers im weiteren Verlauf durchaus belohnt werden. Interessant werden die Aufzeichnungen de Croÿs vor allen Dingen immer genau dann, wenn von geschichtlich relevanten Ereignissen oder Persönlichkeiten die Rede ist. Denn hier werden wir Nachgeborenen durch den Blick de Croÿs zum Augenzeugen großer Ereignisse, wie der eindrucksvollen Wahl des deutschen Kaisers durch die Kurfürsten in Frankfurt, das Hofleben im Zeitalter der großen Mätressen Madame de Pompadour und Madame Du Barry, um deren Gunst und Einfluss der komplette Hofstaat buhlt und sich im Schaulaufen und Antichambrieren ergibt. Miterleben müssen wir auch die erschütternden Momente, in denen Ludwig XV., der König allen Schönens, in seinen letzten Tagen gezeichnet von den Blattern am lebendigen Leib verfault.
"Um viertel nach 10 begann das Feuerwerk … Es funkelte, blitzte und krachte wundervoll. Schrecklich war allein - als ich mich zum Schloß umwandte -, dass die Fenster des Spiegelsaals [in Versailles] geschlossen blieben. Weder der König noch seine Familie würdigten das Schauspiel eines Blickes … Falls dies Größe bedeuten soll, so ist sie wohl gründlich missverstanden ... Unselig die Menschen, die schon durch Geburt und Rang der schönen Dinge müde sind. Solches Schauspiel war nie zuvor bewundert gewesen." (Seite 240)
Obwohl die französische Revolution noch Jahrzenhnte auf sich warten lässt, scheint man bei diesen Worten des Tagebuchschreibers schon zu ahnen, was dem Land in naher Zukunft bevorstehen sollte. Beeindruckend sind auch die Schilderungen großer Zeitgenossen, wie z.B. Jean Jacques Rousseau, Benjamin Franklin oder Voltaire, die de Croÿ nicht nur äußerlich schildert, sondern die er auch selbst zu Wort kommen lässt und sie uns so aus erster Hand gegenübertreten lässt. Fasziniert und beeindruckt schreibt er am 27. August 1783 nach einer ersten erfolgreichen öffentlichen Demonstration eines Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier
"Zu meinen Lebzeiten hatte sich die Physik Newtons durchgesetzt, hatte Franklin den Blitz bezwungen, waren die Längengrade entdeckt, die Gesetze von Ebbe und Flut erkannt worden, hatte Mr. Cook die bisher kaum bekannte andere Hälfte der Welt erkundet, waren künstliche Gase entdeckt und die Luft analysiert worden. Die Chemie und andere Wissenschaften hatten sich entwickelt und Beweise geliefert etc. Und nun erhoben sich die Menschen in die Lüfte. Vor Jahresfrist unvorstellbar. Und es bedeutetest den Anfang!" (Seite 399)
Anders als Samuel Pepys, der bedeutendste englische Tagebuchschreiber des 17. Jahrhunderts, von dem im Biblionomicon bereits mehrfach die Rede war, ist jedoch die Perspektive und der Adressat, den de Croÿ im Auge hat. Schnell wird deutlich, dass es sich bei de Croÿ durchaus nicht um "geheime" Aufzeichnungen handelt, wie der Titel mutmaßen lässt. Nein, der Herzog ließ seine Aufzeichnungen von einem Angestellten ins Reine schreiben und feinsäuberlich binden, um auch der Nachwelt als Beispiel zu dienen.
"In einem Vierteljahr wird M. Dupin meine Eintragungen ins reine geschrieben haben, von denen ich bereits 22 gebundene Quartbände habe. So können sie gelesen werden, während ich selbst bisher keine Zeit dafür fand, obwohl ich es irgendwann gerne einmal täte, um mich wieder ihres eigentlichen Sinns zu vergewissern, nämlich meinen Nachfahren Wissenswertes zu überliefern, mich selbst daran zu erfreuen und im Alter an die Ereignisse meines Lebens zurückzudenken." (Seite 221)
Heißluftballon der Gebrüder Montgolfier
am 19. Oktober 1783
Ganz anders dagegen wird man bei Samuel Pepys zum geheimen Verbündeten, eingeweiht in die für uns oft skurril wirkende Gedanken- und Gefühlswelt eines überaus fehlbaren Menschen. Rechnet man mit ein, dass Pepys seine Aufzeichnungen verschlüsselt abgefasst hat, waren diese tatsächlich nicht für die Augen der Nachwelt bestimmt, da sie ihren Autor oft sogar in einem recht zweifelhaften Licht erscheinen lassen. Aber genau dies macht sie für uns heute umso interessanter, da sie uns einen ungefilterten Blick in eine Welt auftun, die uns heute so fremd erscheint, als hätte Mr. Pepys auf einem anderen Planeten gelebt, obwohl uns so manche seiner Schwächen deutlich an unsere eigenen erinnern. Daneben wecken die Tagebuchaufzeichnungen de Croÿs auch Erinnerungen an Cholderlos de Laclos berühmte "Gefährliche Liebschaften", die uns menschenverachtende Kabale und Intrigen der gelangweilten adeligen Hofgesellschaft eindrücklich vor Augen führen so z.B. wenn er uns das überaus komplexe Verhandeln und Taktieren vor Augen führt, das mit der Verheiratung seines ältesten Sohnes und der Auswahl einer geeigneten guten Partie verbunden ist, und das zwischen offiziellem diplomatischen Verkehr und dem Schachern auf einem türkischen Bazar hin- und herzuschwingen scheint.

Fazit: Auszüge aus einem für die Nachwelt bestimmten Tagebuch des 18. Jahrhunderts aus privilegierter Perspektive, das einem nach einigen Anfangsschwierigkeiten durchaus fesselnd in seinen Bann ziehen kann. Lesen!


Links:

C.H.Beck (2011)
428 Seiten
24,95 Euro

Donnerstag, 12. April 2012

"Herr Merse bricht auf" - Aber wohin?

Und wieder eine Rezension aus der Feder meiner Lieblingsgastautorin Claudia zu einem Buch, das ich mit Sicherheit auch nicht selbst gelesen hätte. Aber Rezensionen bestehen ja auch nicht immer nur aus Lobhudeleien und nicht alles, das gelesen wird, gefällt. Sonst würden wir ja auch nur immer wieder die Bestenlisten hier wiederkäuen...

Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.

Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
„Am Abend hätte er nach seinem Plan ein letztes Mal eine und zwei Drittel Tabletten einnehmen können, aber er verringerte die Dosis auf eineinhalb.“ (S. 63) Mutiger Herr Merse!
Alles was er tut, sieht oder denkt wird von fremdgesteuerten Gedankengängen überfrachtet. Was hätte in dieser Situation seine Frau oder seine Schwester gesagt oder getan? Der Leser erfährt es durch immer wiederkehrende (dumme) Bemerkungen der beiden Damen, die allmählich nerven. Dennoch hat Herr Merse noch immer meinen Mitleidsbonus. Doch nun entwickelt sich eine zarte Beziehung zu einer natürlich wunderschönen Frau mit zwei Kindern bei der er sich ziemlich ungeschickt anstellt – beinahe pubertär möchte ich meinen. Er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit allem, was dazu gehört und malt sich alle möglichen Dinge aus. Platonisch bleibt es auch, wenn er sich z.B. fragt, was seine am Strand momentan abwesende Angebetete treibt:
„Sich mit ihrem Mann treffen wahrscheinlich. Wo war der überhaupt? Der vergessene Mann. Vielleicht kam der später, eben heute, erst an. Ja, und sie holt ihn aus Westerland ab. (...). Sie wurde bestimmt von allen Seiten angebaggert. So eine wir sie: ja. Gerade weil sie es nicht herausforderte. Weil sie einfach mit ihrem Liebreiz frei in der Welt stand.“ (S. 89) 
Im Prinzip ist diese Schüchternheit und Träumerei natürlich kein Problem, aber man hat die ganze Zeit das starke Bedürfnis Herrn Merse in sein Glück zu schupsen. Hilfe sucht er in Gesprächen mit seinem Freund Johannes...der sich im Laufe der Zeit als Johannes Brahms entpuppt, was immer mehr an der geistigen Gesundheit unseres Herrn Merse zweifeln lässt. Er steht sich selbst im Weg, ist schusselig, schüchtern, bemitleidenswert – aber will man das als Leser ganze 287 lang miterleben? Mir wurde der Sermon vom verlassen werden und unglücklich sein irgendwann zu bunt und ich dachte nur noch „Du Blödmann, dann tu‘ doch endlich etwas! Komm aus den Puschen!“ Denn einmal abgesehen von der nicht verkrafteten Trennung von einer Frau, die ihn genauso dominierte und drangsalierte, wie seine Schwester es in Kindertagen praktizierte (er war es somit gewöhnt), hat Herr Merse keine ernstzunehmenden Sorgen. Er hat ein Dach über dem Kopf, einen Job, ist gesund – was also ist sein Problem? Es hat sich mir nicht erschlossen. Psychologisch betrachtet...nein, soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Karin Nohr ist Fachfrau (sie hat Psychologie und Literaturwissenschaft studiert) und kann die Probleme, die derartige Minderwertigkeitskomplexe und Depressionen, die unseren Herr Merse plagen, hervorrufen sicher viel besser verstehen und nachempfinden als ich. Und ich möchte mich auch keinesfalls über Probleme lustig machen oder sie kleinreden – aber...mich hat es nicht gefesselt. Ich fand Herrn Merse irgendwann nur noch bemitleidenswert, langweilig und enervierend. Er ist ein (sorry) blasser Waschlappen ohne Rückgrat.

Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €

Montag, 2. April 2012

Wer hätte das gedacht... - Bill Bryson 'Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge'

Ja, wer hätte das gedacht... Dieser Gedanke wird wohl früher oder später jedem durch den Kopf gehen, der einen Blick in diese prallgefüllte Wunderkammer werfen durfte, die Bill Brysons 'kurze Geschichte der alltäglichen Dinge' in sich birgt. Nostalgie wird ja gemeinhin als die süße Verklärung einer vergangenen Zeit angesehen und als eifriger Leser dieses Blogs mag man dessen Autor aufgrund der hier zusammengestellten Bücher gerne schon einmal als Nostalgiker ansehen. Aber 'mal ehrlich, würde ich wirklich leben wollen, in einer Zeit ohne die Segnungen der modernen Medizin, ohne der heute allgegenwärtigen Haus- und Sanitärtechnik inklusive selbstverständlicher Hygienestandards, ohne moderne Kommunikationsmittel, in einer Zeit der engen Moralvorstellungen und einem rigiden Verhaltenskodex? Und dann vielleicht noch in einer verdreckten, stinkenden Großstadt, in der der nicht so wohlhabende Teil der Bevölkerung unter unsäglichen Lebensbedingungen sein Dasein fristen musste? Wohl kaum.

Und dennoch bietet einem ausgerechnet die Beschäftigung des Lesens diese ungeahnte Möglichkeit auch in ferne Zeiten abzutauchen, allerdings ohne die vorab genannten Missstände dabei in Kauf nehmen zu müssen - auch wenn uns die Romane des 18. und 19. Jahrhunderts meist nur die Sonnenseiten des damaligen Lebens darzustellen pflegen (Ausnahmen gab es natürlich schon immer). Um so interessanter ist es aber, sich einmal die allgemeinen Lebensumstände an sich und deren Entwicklung vor Augen zu führen, eben weil der historische Alltag nicht zu unserer allgemeinen Schulbildung zählt und die meisten Geschichtsbücher nur von den "wichtigen" Dingen und Ereignissen zu berichten haben.

Bill Bryson nimmt uns in seiner "Kurzen Geschichte der alltäglichen Dinge" mit auf eine Reise in die Vergangenheit und bedient sich dabei eines genialen, bei Rednern altbekannten Kunstgriffs. Er führt uns durch diese Geschichte anhand seines Hauses, das wir Zimmer für Zimmer entsprechend dessen jeweiliger Aufgabe vom Keller bis zum Dachboden durchwandern. Und dabei ist dieses Buch wirklich eine gigantische Wunderkammer, die mit unzähligen Anekdoten und Geschichten aufwarten kann - auch wenn der Autor dabei hauptsächlich sein anglophiles Publikum im Auge hat und wir daher eine Menge über die Geschichte des Alltags in England und den USA lernen. Es ist mühselig bis schlicht unmöglich die gesamte Stofffülle zusammenfassen zu wollen, die Bill Bryson in diesem Band auffährt. So lernen wir einfach alles kennen, angefangen von Tischsitten, Nahrungs- und Genussmittel samt zugehöriger Küchengerätschaften über Gartenbau, Landschaftsarchitektur, Beleuchtung und Tapeten bis hin zu Mode, Kosmetik, Medizin oder Kindererziehung. Dabei sind das nur einzelne, stichprobenartig herausgezogene Themen und es steckt noch viel, viel mehr in diesem ausführlichen, aber immer noch nicht allumfassenden Bändchen.

Am besten, ich picke einfach eine der unzähligen, kurzen Geschichten heraus. Im Kapitel zum Thema 'Esszimmer' kommt Bryson auf den Tee als das Lieblingsgetränk der Briten zu sprechen. Dessen allererste literarische Erwähnung findet sich in den berühmten Tagebüchern von Samuel Pepys ('So nah und doch so fern...' rezensiert im Biblionomicon) und ist datiert auf den 25. September 1660:
"And afterwards I did send for a cup of tee (a China drink) of which I had never drunk before." (Samuel Pepys Tagebücher)
George Morland - A Tea Garden (1790)
Noch interessanter wird es aber, wenn man sich fragt, wie die Entdeckung dieser literarischen Referenz überhaupt zustande kam und was sie bewirkte. Der schottische Historiker David Macpherson referenziert diese Zeilen 1812 in seinem Werk "History of the European Commerce with India" zu einer Zeit, da noch niemand Samuel Pepys Tagebücher überhaupt kannte. Zufällig las ein Wissenschaftler in Cambridge Macphersons Arbeit und wurde auf die Tagebuchreferenz aufmerksam, da diese aus einer für England sehr bewegten Zeit stammten (Restauration, die Pest und der große Brand von London) und interessant zu sein versprachen. Da aber Pepys seine Tagebuchaufzeichnungen verschlüsselt hatte, wurde ein Student mit der Klarschrift beauftragt, deren Vollendung ganze drei Jahre in Anspruch nehmen sollte. Das Ergebnis waren die heute bekannten und wohl berühmtesten Tagebuchaufzeichnungen des englischen Barocks.

Auch vieles aus unserer heutigen Zeit Kurioses weiß Bryson zu berichten, z.B. zählen die hygienischen Angewohnheiten unserer Vorfahren nach heutigen Maßstäben bemessen wohl nicht zu den besten. So erzählt er von St. Goderik, der zum Kreuzzug aufbrach und sich solange nicht gewaschen haben soll, bis er wieder aus dem heiligen Land zurückgekehrt war. Der strengen Einhaltung dieses Gelübdes soll er letztendlich sogar seine Heiligsprechung verdanken. Doch auch Ludwig XIII. soll das erste Bad seines Lebens zu seinem 17. Geburtstag im Jahr 1608 angetreten haben. Und 1653 vermerkte der eifrige Tagebuchschreiber John Evelyn, dass er sich jetzt aus hygienischen Gründen den festen Vorsatz gefasst hätte, sein Haar einmal pro Jahr zu waschen.

Ich habe das unterhaltsam geschriebene Werk im englischen Original gelesen und kann es auch ohne weitere Vorbehalte als solches empfehlen. Die Idee, diese Geschichte(n) an die einzelnen Zimmer im Haus zu koppeln, sorgt dafür, dass der Leser auch bei der schier unüberschaubaren Fülle an Fakten den Überblick nicht verliert. Diesen Trick hat sich Bill Bryson bei den antiken Rednern abgeschaut, die ihre oft stundenlangen Reden mit Hilfe des Bildes eines Hauses memorierten, in dem man von Zimmer zu Zimmer ging und deren Inventar man mit den Argumenten seiner Rede verknüpfte.
"Wer diese Fähigkeit [des Gedächtnisses] trainieren will, muss deshalb bestimmte Orte auswählen und von den Dingen, die er im Gedächtnis behalten will, geistige Bilder herstellen und sie an die bewussten Orte heften. So wird die Reihenfolge dieser Orte die Anordnung des Stoffs bewahren, das Bild der Dinge aber die Dinge selbst bezeichnen, und wir können die Orte anstelle der Wachstafel, die Bilder statt der Buchstaben benützen." (Cicero, Von der Redekunst, II, lxxxvi, 354) 
Fazit: Eine Wunderkammer vollgestopft mit Wissen, das sich in kaum einem anderen Geschichtsbuch in dieser Zusammenstellung findet, präsentiert in wunderbar unterhaltsamer Form, die an keiner Stelle langweilig wurde. LESEN!!!


Bill Bryson
Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge
Goldmann Verlag
640 Seiten
24,99 Euro
(Die englische Ausgabe gibt es schon für 7,99 Euro)








Auch im Biblionomicon besprochen:

Samstag, 24. März 2012

Ein Plädoyer für die Exzentrik - Fredrik Sjöberg 'Der Rosinenkönig'

...oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen. So ist der Roman übertitelt, um den es heute gehen soll, und er erzählt von einem - nein eigentlich sogar von zwei Sonderlingen und vom Glück, sich ganz und gar in einer Sache verlieren zu können. Es kann -- und sollte -- ja nicht jeder nur im Durchschnitt bzw. (neudeutsch) "Mainstream" verweilen und so profanen Dingen nachgehen wie Fußball spielen, Briefmarken sammeln oder Kriminalromane lesen. Mainstream kann jeder. Die Nische oder vielmehr der "Longtail" wie es der Web2.0-affine heute bezeichnet, birgt ungeahnte Möglichkeiten. Also nur Mut...
"Kein Normalsterblicher erinnert sich heute noch an Gustaf Eisen."(Seite 154)
Fredrik Sjöberg erzählt in seinem Roman "Der Rosinenkönig" eigentlich erst einmal von sich selbst, obwohl er eigentlich die Biografie des heute bei uns absolut unbekannten schwedischen Naturforschers Gustaf Eisen schreiben will und dabei ständig abschweift. Das verbindende Element zwischen den beiden ist denn auch ihre Vorliebe für das Besondere. Schwebfliegen...(hier lasse ich erst einmal eine bedeutungsschwangere Atempause)... Schwebfliegen sind es, die es dem insektensammelnden Autor angetan haben und wie besessen ist er ständig bestrebt, seine umfangreiche Sammlung durch die seltensten Exemplare zu ergänzen. Und auch Gustaf Eisen (1847-1940) war neben vielen anderen Dingen auch ein bedeutender Schwebfliegensammler. Und als Schwebfliegenafficionado gleichwie als Insektensammler ist man vor allen Dingen eines, nämlich akribisch und genau.
"Genauigkeit", kommentierte meine Handarbeitslehrerin freundlich, "ist löblich, kann aber sehr leicht übertrieben werden" (Seite 10)
Mit dieser Eingangsfeststellung schließt uns Fredrik Sjöberg die Türe auf zu einer faszinierenden Gestalt mit noch faszinierenderen Interessen und Neigungen. Gustaf Eisens wissenschaftliche Karriere begann schon in sehr jungen Jahren. Kaum hatte er die Schule beendet, veröffentlichte er zusammen mit seinem besten Freund Anton Stuxberg, mit dem er zusammen die Fauna (natürlich auch die Insekten) der Ostseeinsel Gotska Sandön erkundet hatte, zwei Bücher in der königlichen Akademie der Wissenschaften. Im anschließenden Studium der Biologie erwachte sein besonderes Interesse für ...(Trommelwirbel)... Regenwürmer, deren Erforschung er sich forthin verschrieb.
"Die Würmer haben kein Gehör. Sie nahmen keinerlei Notiz vom durchdringenden Laut einer Trillerpfeife, die mehrmals neben ihnen ertönte, ebensowenig von den tiefsten und lautesten Tönen eines Fagotts. Sie reagierten nicht auf Schreie, wenn man darauf achtete, dass der Luftstrom sie nicht traf. Wenn man sie auf einen Tisch neben der Klaviatur eines Pianos legte, auf dem man möglichst laut spielte, blieben sie vollkommen ruhig."(Seite 99)
Eisens bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Regenwürmer sollte sogar noch vom großen Charles Darwin zitiert werden, was einem Ritterschlag gleichkam. Seine weitere Forschungsarbeit verschlug ihn nach Kalifornien, auf die andere Seite der Welt. Er erforschte die damals noch unbewohnte Insel Santa Catalina Island und ging auf Entdeckungsreise in die Sierra Nevada. Als er nach einer Fehlinvestition nahezu mittellos dasteht, begann er zunächst 1880 mit dem Weinbau in Kalifornien, machte einen erfolglosen Abstecher als Tabakpflanzer und landete schließlich den großen Wurf in der Kultivierung und Produktion von Rosinen, worüber er 1890 ein weltweit gültiges Standardwerk verfasste.

Doch damit nicht genug. Eisen rettete die kalifornischen Mammutbäume im Sequoia Nationalpark durch persönliche Intervention beim amerikanischen Präsidenten vor der drohenden Abholzung, er stieg auf zum Abteilungsleiter der Californian Academy of Sciences, gab den Posten um die Jahrhundertwende dann wieder auf und eröffnete ein Fotoatelier in San Francisco. Beim schweren Erdbeben von 1906 verlor er erneut alles, seine Bibliothek, seine Sammlung und seine umfangreiche Korrespondenz. Aber ein Gustaf Eisen gibt nicht auf und sucht sich etwas Neues. So reiste er für die Milliardärsgattin, Sammlerin und Mäzenatin Phoebe Hearst durch die ganze Welt, um Antiquitäten für sie zu erwerben. Dabei entdeckte er auch 1915 in einem New Yorker Antiquitätengeschäft einen antiken Kelch aus Antiochia, den er -- es musste ja so kommen -- nach ausgiebigem Studium als den heiligen Gral identifizierte. Eisen publizierte noch bis ins hohe Alter und galt nebendem noch als Experte für antike Glaskunst und die Porträts George Washingtons.

Auch wenn ich schwedischen Autoren generell etwas reservierter gegenüberstehe, hat mich die Lektüre dieses kleinen Büchleins doch auch in ganz besonderer Weise berührt. Nein, ich zähle nicht zum exklusiven Club der Insektensammler -- ist es mir doch zuwider, nur zum Zwecke der Erweiterung meiner persönlichen Sammlung, kleine Tierchen auf Nadeln aufzuspießen und deren Leichen abzuheften. Aber wer von uns fühlt sich nicht manchmal auch als Sonderling zwischen all den Angepassten und Normalen dieser Welt. Ganz egal, wofür unser Herz schlägt, wenn schon, dann sollten wir uns mit Haut und Haaren darauf einlassen. Denn das hat mir das Beispiel des schwedischen Sonderlings gelehrt, auch wenn Fredrik Sjöberg am Ende resumiert
"Irgendetwas an der Kombination von Insekten und Sammeln wirkt auf Frauen extrem abschreckend. Die Insekten selbst trifft meines Erachtens keine Schuld und das Sammeln an sich, die wahre Knopfologie, im Grunde auch nicht, sondern diese spezielle Kombination. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Frauen gute Instinkte haben..."(Seite 167)
Fazit: In liebenswerter Detailfülle erzähltes kleines Büchlein über einen heute vergessenen bemerkenswerten Sonderling, der uns mit seiner Liebe zum Detail und seinen "Stehaufmännchenqualitäten" auch heute noch durchaus zum Vorbild gereicht. Lesen!


Fredrik Sjöberg
Der Rosinenkönig - oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen
Verlag Galiani Berlin (2011)
236 Seiten
18,99 Euro





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Samstag, 17. März 2012

Kraut und Rüben - Pierre David und Martine Willemin 'Der Küchengarten des Königs'

Heute wieder ein Gastbeitrag aus Claudias Feder zu einem außergewöhnlichen Gartenbuch. Ich freue mich wirklich sehr darüber, das Biblionomicon auch einmal nicht nur mit der üblichen literarischen Kost zu bestücken und hoffe es ergeht den Lesern ebenso, denen ich das heute beschriebene Buch nur wärmstens ans Herz legen kann...


Versailles 1678 Jean-Baptiste de La Quintine spaziert durch das mehr als 100 Hektar große Areal, das ungefähr 20 Kilometer westlich von Paris liegt und lässt seinen Blick über den neu gestalteten Park schweifen. Das von Ludwig XIII. als Jagdschloss erbaute Gebäude hat sich längst zur repräsentativen Residenz seines Sohnes gemausert. Der Park entspricht den Vorstellungen des Barock, ist opulent, verspielt, überschwänglich. Alle Elemente, die wir noch heute mit barocker Gartenarchitektur verbinden, scheinen genau an diesem Punkt ihren Ursprung zu nehmen. Die besten Ingenieure und Künstler wurden bei diesem großen Projekt mit dem Ziel vereint, dass ganz Frankreich die Strahlkraft dieses Ortes wahrnehmen sollte. Terrassen für höfische Gelegenheiten, ein Wasserkanal auf dem eine Miniaturflotte Seeschlachten austragen konnte, eine Orangerie in der exotische Früchte wuchsen, ein Labyrinth in dem man sich gern verlief, kunstvoll und symmetrisch angelegte Parterren, Bosketten für diverse Vergnügungen, zahlreiche Brunnen und vielfältige Skulpturen.

Der Garten diente nicht ausschließlich der Zerstreuung und Lustbarkeit, vielmehr stellte er eine Spiegelung des geltenden Ordnungsprinzips dar. Ludwig der XIV., seines Zeichens „Sonnenkönig“, setzte sich mit dem griechischen Gott Apollon gleich und das nicht nur aus mythologischen Gründen, sondern aus politischem Kalkül. Apollon, als Führer der neun Musen und Stifter einer universellen Harmonie, repräsentierte zugleich die politischen Ziele des Königs: Ludwig als Haupt einer christlichen Welt, die er befriedete und beherrschte. Der Garten spiegelte dieses Ordnungsprinzip wieder und war somit weit mehr als die Summe seiner – in diesem Fall botanischen – Teile.

Die Ikonographie barocker Gartenarchitektur, insbesondere die der Versailler Ausführungen, ist ein umfangreiches Thema, über das seitenweise referiert wurde. Aber ich schweife ab - dabei sind wir doch aus einem anderen Grund hier. Zurück also zu La Quintine. Mit all dem Prunk und Gloria des Parks, den Lustbarkeiten der Labyrinthe und Bosketten, hatte er wenig zu tun. Er kümmerte sich seit 1670 eher um das leibliche Wohl seines Königs, denn er war der „Direktor der Obst- und Gemüsegärten der königlichen Schlösser“.

Alte Obstspalierformen (wikipedia)
Wer jetzt darüber verwundert ist, dass es im barocken Park von Versailles auch Gemüse gibt, dem geht es wie mir. Und wer sich nun Streuobstwiesen und Beerensträucher vorstellt, hat weit gefehlt. Der Küchengarten des Königs ist ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht. Auf neun Hektar erstreckt sich der Obst- und Gemüsegarten, dessen Grundriss auch heute noch kaum von den Plänen La Quintines abweicht. Um ein rundes Becken in der Mitte, formieren sich 16 Beete, in denen Gemüse und alte Gewürze neben modernen Erdbeerpflanzen gedeihen. Eingefasst sind die Beete von Birnbäumen – an dieser Stelle muss der Begriff „Birnbaum“ neu definiert werden. Die Birnbäume des Königs sind als Spaliere aufgebunden, wobei der Obstbaumschnitt auf eine neue Stufe gestellt wurde. La Quintine war ein großer Verfechter des Obstbaumschnittes und Meister dieses Fachs. Er begründet das Formen von Spalieren folgendermaßen:
„Der erste ist sicher, eine größere Fülle an schönen Früchten und diese sogar früher ernten zu wollen. Der zweite Grund ist, dass bei jedem Wetter der Baum viel angenehmer anzusehen sei, als wen er überhaupt nicht beschnitten wäre.“ (S. 36) 
(Foto: Carsten Balke)
In der Tat habe ich so etwas zuvor nicht in dieser Vielfalt und Pracht gesehen. Der beschriebene innere Teil des Küchengartens, der hortus conclusus, ist umgeben von einer hohlen Mauer, wo z.B. kriechende Früchte wie Melonen und Kürbisse wachsen und in Kübeln Feigen gepflanzt sind. Das Prädikat „Gesamtkunstwerk“ hat auch der Bildband verdient, der den königlichen Küchengarten so wunderschön in Szene setzt. Allein das Format (beinahe A3) ist imposant. Pierre David und Martine Willemin verfassten die Texte über die Entstehung und die Geschichte des Gartens und erklären, wie die Gärtner es bewerkstelligt haben – und es bis heute tun - derart kunstvolle Gewächse zu züchten, wie z.B. die beschrieben Birnbäume. Dabei greifen sie auf zahlreiche historische Abbildungen und Zitate zurück. Darüber hinaus liefern sie uns über jedes einzelne Kraut und jede Beerensorte spannende, überaus wissenswerten Details:
„Die Erdbeere ist eine Scheinfrucht aus der Familie der Rosaceae (Rosengewächse). Aus botanischer Sicht gehört sie nicht zu den Beeren, sondern zu den Nüsschen (...). Lange Zeit im wilden Zustand verblieben, war die Erdbeere noch im Mittelalter wenig geschätzt, wie jede Frucht, die sehr nah am Boden wächst. Karl V. führte jedoch den Anbau von Erdbeeren im Garten des Louvre zu Dekorationszwecken ein. In der Renaissance beginnen die Menschen sie in der Kombination mit Wein zu schätzen. In dieser Zubereitungsweise hat der Sonnenkönig eine große Menge gegessen (...). La Quintine musste ganzjährig Erdbeeren für die Tafel des Königs liefern.“ (S. 57) 
(Foto: Carsten Balke)
Die liebevoll erzählten Anekdoten und das botanische Wissen vermitteln die beiden Autoren auf eine Art und Weise, die mich immer wieder in diesem großformatigen Band versinken lässt. Aber - ohne diesen Teil des Buches in irgendeiner Form schmälern zu wollen - wäre es ohne die fabelhaften Bilder von Gilles Mermet nur halb so beeindruckend. Beim ersten Blick auf den Einband – er zeigt einen Birnbaum in der Form „Verrier-Palmette mit sechs Ästen“ als Contrespalier, also freistehend – habe ich gedacht, ich sähe eine Zeichnung. Anfangs erinnert diese unglaublich umfangreiche Sammlung an die Darstellung idealisierter Wunschvorstellungen gärtnerischer Perfektion. Es dauert einen Moment, bis der Betrachter die Abbildungen als Fotografien erkennt und erstaunt feststellt, dass er es mit realen Obstbäumen in mannigfaltigen Wuchsformen zu tun hat, die sich vorzustellen er nie gewagt hätte. Mermet setzt Obst, Gemüse und Kräuter ins rechte Licht und macht Äpfel und Erbsenschoten zu Hauptakteuren. Kraut und Rüben, wie man sie noch nie gesehen hat. Er vergisst aber auch diejenigen nicht, die dieses Wuchswunder erst möglich machen und die uralten Bäume und Sträucher mit Hingabe hegen und pflegen. Nach dem Lesen oder auch nur dem Ansehen des Bandes werden Sie die nächste Kartoffel nicht mehr achtlos in die heiße Pfanne werfen, sondern sie mit anderen Augen sehen – zumindest für einen kurzen Moment.

Fazit: Der „Küchengarten des Königs“ ist ein wunderbarer Fundus an Informationen, die nicht nur das Gärtnerherz erfreuen, sondern jedem Leser tiefe Einblicke in die Geschichte dieses großen Gartens ermöglichen. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen muss, um Ausflüge in die Botanik zu unternehmen.



Pierre David, Martine Willen
Der Küchengarten des Königs
Dumont Buchverlag (2011)
208 Seiten
49,95 Euro

Sonntag, 11. März 2012

Den Rückwärtsgang verklemmt - Egon Friedell 'Die Reise mit der Zeitmaschine'

Egon Friedell: Die Rückkehr der
Zeitmaschine, Piper, München (1946)
Zeitreisen haben schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt, auch schon als Kind. Immerhin haben meine Eltern noch lange bis in mein Erwachsenenalter hinein wiederholt die peinliche Geschichte erzählen müssen, wie ich mich aus Angst vor den grausigen Morlocks am Sonntag Nachmittag, während H.G. Wells 'Zeitmaschine' im Fernsehen lief, hinter der Wohnzimmercouch versteckt hielt. Auch damals hatte ich mich schon gefragt, warum der Zeitreisende eigentlich nicht auch einmal in die Vergangenheit gefahren ist. Aber wahrscheinlich wollte H.G.Wells einfach das Problem der Vertauschung von Ursache und Wirkung umgehen, die dabei leicht entstehen könnte (oder aber auch nicht...).

Das Reisen in die Zeit hat nach H.G.Wells 'Die Zeitmaschine' immer wieder von Neuem Autoren, Philosophen und Wissenschaftler in seinen Bann gezogen. So auch der hier im Biblionomicon im vergangenen Jahr besprochene Roman 'Die Landkarte der Zeit' von Felix J. Palma (hier die zugehörige Rezension), der die ganze Geschichte samt ihren Autor Herbert George Wells aufgriff und in kongenialer Weise fortgesetzt hat. Aber heute soll es hier um die relativ kurze Geschichte 'Die Reise mit der Zeitmaschine' des von mir hochverehrten österreichischen Schriftsteller, Kulturphilosophen, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Schauspieler, Journalist, Kabarettist und Conférencier Egon Friedell gehen, von dessen Leben und Wirken später noch die Rede sein soll. Um gleich ein eventuelles Missverständnis auszuräumen, der Roman erscheint heute unter einem anderen Titel, nämlich 'Die Rückkehr der Zeitmaschine' (der den Inhalt der Geschichte auch nicht viel besser trifft).

Das kleine Büchlein beginnt mit dem einleitenden Briefverkehr zwischen Egon Friedell, der mit der Bitte um Aufklärung an H.G.Wells schreibt, was mit dem Zeitreisenden nun am Ende des Romans bzw. vielmehr am Ende des anscheinend den Tatsachen entsprechenden Berichts geschehen sei. Die Antwort von H.G. Wells Sekretärin dagegen fällt recht unfreundlich aus, da sie die Mutmaßung, es könnte sich um eine rein fiktive Geschichte handeln, schroff von der Hand weist. Aber immerhin gibt sie Herrn Friedell den Namen eines Bekannten des Zeitreisenden an, der als Zeuge in der ganzen Geschichte herhalten kann. Von diesem nun erhält Egon Friedell den gewünschten Bericht und der Leser erfährt von den Bemühungen des Zeitreisenden, zurück in die Vergangenheit zu fahren.

Denn genau zu diesem Thema bleibt H.G.Wells dem Leser seiner 'Zeitmaschine' ja noch einiges schuldig. Was wird aus dem Zeitreisenden, dessen Namen uns Wells noch nicht einmal verrät und welche Abenteuer hat er bei seinen weiteren Reisen zu bestehen? Ebenso lässt sich Wells auch nicht wirklich über die Theorie des Zeitreisens an sich und den dadurch verursachten potenziellen Paradoxa aus. Wir sehen also, genau hier vermag Friedell den Faden aufzunehmen und in eleganter Weise wie geschildert an die Originalgeschichte anzuschließen. Denn bei seinem Versuch, in die Vergangenheit zu reisen, stößt der Zeitreisende überraschend auf (technische) Probleme und er ist gezwungen, zuerst noch einmal in die Zukunft zu reisen (quasi um "Anlauf zu nehmen"). So erhält er im Jahr 2123 das nötige intellektuelle Rüstzeug, um seine Reise in die Vergangenheit (zumindest theoretisch) antreten zu können, doch will sich der Erfolg auch dann nicht wirklich einstellen....

Also, wer eine spannende und aktionsreiche Romanhandlung wie in H.G.Wells Original erwartet, der könnte von Egon Friedells kleinem Büchlein leicht enttäuscht werden. Friedell ist ein Meister der ironisch und zumal sarkastischen Zwischentöne und das mitunter auf hohem intellektuellen Niveau. Das Buch erschien zuerst posthum 1946, nachdem die Nationalsozialisten Friedells Schriften bereits in den 1930er Jahren auf den Index gesetzt und verbrannt hatten. Dennoch hinterließ uns dieser großartige Erzähler eine überaus lesenswerte, dreibändige Kulturgeschichte der Neuzeit, sowie eine ebenfalls auf drei Bände ausgelegte Kulturgeschichte des Altertums, die er nicht mehr beenden konnte. Übrigens hat auch sein literarisches Vorbild für den vorliegenden Roman, H.G. Wells, eine vielbeachtete Weltgeschichte geschrieben. Egon Friedells tragisches Ende scheint selbst wie aus einem Roman entsprungen.
"Am 16. März 1938 erschienen gegen 22 Uhr zwei Männer der SA vor dem Haus von Egon Friedell, Wien 18, Gentzgasse 7, um, wie jedenfalls er meinte, den „Jud Friedell“ abzuholen. Während sie mit seiner Haushälterin diskutierten, nahm sich Friedell das Leben, indem er aus einem Fenster der im 3. Stock gelegenen Wohnung sprang. Verbrieft ist, dass er dabei nicht verabsäumte, die Passanten umsichtig mit dem Ausruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen." (Quelle: wikipedia)
Fazit: Als Einstiegsdroge in die Lese- und Gedankenwelt eines geistreichen Erzählers bestens geeignet! Sonst wohl eher nur für hartgesottene Fans der 'Zeitmaschine'. Trotzdem: LESEN!

Samstag, 3. März 2012

Sprachkünstlerisch wertvolle Vergangenheitsbewältigung - Günther Grass 'Die Blechtrommel'

"Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann."(Seite 7)

Das, Herrschaften, ist ein fulminant wuchtiger erster Satz in einem nicht minder gewichtigen Roman von Format, der Appetit auf mehr macht. Es dämmert einem recht schnell, warum "Die Blechtrommel" zur Zeit ihres Erscheinens so viel Wirbel machte und warum ihr Autor Günter Grass schlussendlich auch in den Nobelpreishimmel erhoben werden musste. Ihr Protagonist, Oskar Matzerath der Zwerg, ist heute genauso eine Literaturikone wie Gregor Samsa als gewaltiger Käfer, Hans Castorp als lungenkranker Sanatoriumsgast, Quasimodo als glockenschwingender Buckliger oder Humbert Humbert auf der Suche nach kleinen Mädchen.
"Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext: "Es werde Licht und es ward Licht" - wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor." (Seite 47)
Oskar Matzerath gehört, wie er uns selbst erzählt, zu den "hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist". So beäugt er von Anfang an kritisch kommentierend die Welt der Erwachsenen und lässt sich auf das Abenteuer "Leben" erst ein, als seine Mutter Agnes verspricht "Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen." Erzählt wird hier also die Lebensgeschichte des Gnoms Oskar Matzerath, geboren in Danzig, der beschließt, an seinem dritten Geburtstag das Wachstum einzustellen und fortan in trommelnder Manier den Gang der Geschichte kommentierend zu begleiten, d.h. in unserem Falle das Aufkeimen des Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg bis hin zur Einnahme Danzigs durch die Rote Armee und die frühe Nachkriegszeit mit ihrem Wirtschaftswunder im westdeutschen Rheinland.

Wie so viele andere auch, kannte ich bis vor kurzem lediglich den großartigen Film Volker Schlöndorffs, der mich schon als Kind beeindruckt hat - und das nicht nur wegen der darin dargestellten freizügigen Szenen. Bildgewaltig kommt der Film daher und ebenso einprägsame, lebendige Bilder, die vermag Grass nur zu gut in seinem Roman zu zeichnen. Man denke nur an die Szene vom Sonntagspaziergang der Familie Matzerath zusammen mit Oskars Onkel Jan Bronski, der ein Verhältnis mit dessen Mutter hatte und eigentlich auch als Oskars wahrer Vater gilt. Ein Fischer am Strand zieht einen Pferdekopf an einem Seil aus den Fluten der Ostsee, den er als Köder für Aale genutzt hatte - und das Bild mit dem halbverwesten Pferdekopf aus dessen Nüstern sich die Aale schlängeln ist mir ebenso wie die daraufhin sich übergebende Agnes Matzerath im Gedächtnis geblieben. Übrigens erholt sich Agnes, deren Mann Alfred  - ein begnadeter Hobbykoch - dem Fischer die Aale abkauft und diese zum Mittagessen serviert,   daraufhin nicht mehr wirklich und frisst sich an Fisch zu Tode bzw. stirbt an einer Fischvergiftung.

Auf gut 700 Seiten durchlebt der Leser alle Stationen in Oskars Leben bis hin zu seiner Einlieferung in die anfangs erwähnte Heil- und Pflegeanstalt. Dieses hier detailliert nachzuerzählen überlasse ich gerne berufeneren Geistern, da ohnehin schon genügend Zusammenfassungen dieses Romans kursieren. Aber die knappste und prägnanteste aller Kurzfassungen liefert uns Oskar selbst in Form eines Glaubensbekenntnisses am Ende des Romans:
"Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreisigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen." (Seite 709)
Ganz großes Kino, aber durchaus keine leichte Kost und vor allen Dingen doch auch Geschmacksache. Nicht jeder vermag der Grass'schen Schilderung der piefigen NS-Zeit im heute polnischen Danzig mit seinen bis zur Karikatur verzerrten Romanhelden etwas abzugewinnen. Doch sprachlich und erzählerisch setzt Grass in meinen Augen Maßstäbe - auch wenn dies bestimmt nicht für alle der mehr als 700 Seiten des Romans gelten mag. Mit dem Katholizismus muss Grass wohl auf Kriegsfuß stehen, lässt er doch kaum ein gutes Haar daran. Oskar selbst bleibt eine Zerrfigur, der alles verneinende Gnom, in dessen Welt sich eine kindliche Sicht der Dinge mit Altklugheit und Boshaftigkeit abwechselt, und der an seiner Welt letztendlich scheitert.

Fazit: Große Literatur, große Sprachgewalt. Ein Meilenstein in der deutschen Literaturgeschichte. Alleine schon aus diesem Grunde: LESEN!

Günter Grass
Die Blechtrommel
dtv (1993)
784 Seiten
12,90 Euro







Sonntag, 26. Februar 2012

Die Lust an der Grenzüberschreitung - Jorge Luis Borges '25. August 1983'

"Bist Du, Leser, denn sicher, dass Du meine Sprache verstehst?"
Mit diesen Worten schickt Borges den an dieser Stelle ratlosen Leser seiner wohl bekanntesten 1941 erschienenen Erzählung "Die Bibliothek von Babel" wieder zurück in dessen banale Realität. Doch wer offenen Auges und Geistes durch die Welt geht, der wird immer wieder auf sie treffen, auf die Spiegelungen und Widerspiegelungen der unendlichen Anspielungen, die uns Borges in seinen phantastischen Geschichten hinterlassen hat. Jorge Luis Borges, geboren im Jahre 1899 in Buenos Aires, gilt nicht nur für mich als der unbestrittene Meister der phantastischen Literatur, der als Autor, Herausgeber, Philosoph und nicht weniger als herausragender und schließlich "blinder" Bibliothekar in die (Literatur)Geschichte eingegangen ist, der neben vielem anderen auch Oscar Wilde, Virginia Woolf oder Franz Kafka ins Spanische übersetzte. 
"Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" (J.L.Borges)
Vom Herausgeber der 30-bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, die gleich seiner eingangs erwähnten Geschichte den Titel "Die Bibliothek von Babel" trägt, war hier im Biblionomicon schon des öfteren von ihm die Rede (siehe unten).  Natürlich dürfen seine eigenen Erzählungen in dieser umfangreichen Sammlung nicht fehlen und so finden sich im vorliegenden Band Nr. 5 der Reihe auch fünf Geschichten des Meisters, eingeleitet mit einem Vorwort von Martin Gregor-Dellin und gefolgt von einem ausführlichen Interview, das den Leser mit Borges' Geisteswelt vertraut macht.
"Für mich ist die Welt eine unaufhörliche Quelle von Überraschungen, Ratlosigkeiten, von Unglück auch, und manchmal, warum soll ich lügen, von Glück. Aber ich habe keine Theorie über die Welt." (Jorge Luis Borges im Interview)
Gleich zu Beginn des dünnen Bandes führt uns Borges in die Welt der 'Bibliothek von Babel', einem Bücheruniversum, das gleich einem Bienenstock aus einer Unzahl sechseckiger, wabenförmiger Räume  besteht, deren Wände als Bücherregale bzw. als Durchgänge zu weiteren gleichartigen Räumen dienen. Das Besondere an dieser Welt sind natürlich die Bücher, die in den tausenden Regalen stehen. Deren Inhalt besteht aus allen möglichen nur denkbaren Kombinationen der Buchstaben des Alphabets, so dass sich nur in wenigen Fällen tatsächlich sinnvolle Buchstabenkombinationen, Wörter oder gar ganze Sätze darin finden lassen -- und das in den unterschiedlichsten Sprachen. So sind die Bewohner dieser Bücherwelt auch beständig auf der Suche nach "sinnvollen" Inhalten, denn die Bücherwelt ist schließlich universal, d.h. alle nur denkbaren Bücher sind in ihr enthalten. So auch das Eine, das Buch der Bücher, das Inbegriff und Auszug aller ist, das den Sinn dieser Welt erklärt. Ich liebe diese kleine Geschichte, die ich bereits vor vielen Jahren kennengelernt hatte. Später dann, während meines Informatikstudiums oder noch später, als ich begann, meine eigenen Vorlesungen vorzubereiten, diente sie mir immer wieder als Beispiel und Motivation für meine Studenten, um ihnen den Informationsbegriff und die Grundlagen der Berechenbarkeit vor Augen zu führen. Wie bereits in einem älteren Blogbeitrag erwähnt, diente die Geschichte auch Umberto Eco als Vorbild für den Aufbau der Klosterbibliothek in seinem Roman 'Der Name der Rose'.

Der '25. August 1983', so ist die zweite Geschichte der Sammlung betitelt, in der sich der jüngere Borges selbst beschreibt, wie er seinem älteren Ich (oder umgekehrt) an eben diesem Datum in einem Hotel begegnet. Ein Traum in einem Traum, Spiegelung und Widerspiegelung bilden auch hier das immer wiederkehrende Leitmotiv. Der Leser fühlt sich stets von neuem in eine phantastisch fesselnde Traumwelt hineinversetzt, so auch in der 'Rose des Paracelsus', in der die 'Leichtgläubigkeit' gegenüber dem 'wahren Glauben' bestehen muss, gegen den sie nicht gewinnen kann, dem 'Blauen Tiger', in der ein Mann ein Tabu bricht und darüber beinahe seinen Verstand zu verlieren droht,  oder der 'Utopie des müden Mannes', in der der Erzähler in eine seltsame Welt verschlagen wird, deren Bewohner die Zeit und so manches andere nicht mehr wichtig nehmen. Es gibt nichts, das nicht in Borges' literarischen Träumen stets einer erneuten Reflexion, einer erneuten Anspielung unterzogen wird. Oft reicht es nicht aus, diese Geschichten nur ein einziges Mal zu lesen. Immer wieder kann man Neues in ihnen entdecken und in sie hinein interpretieren.
"Der Buchdruck, der heute abgeschafft ist, war eines der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief ja darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Utopie des müden Mannes)
Ein fast 50-seitiges Interview, gefolgt von einer ausführlichen Zeittafel beschließt das Buch und lässt Borges dabei persönlich zu Wort kommen, wie er dem Leser seine Welt, sein Werk und sein wissenschaftliches Arbeiten nahebringt.
"...es gibt keinen einzigen Grund, warum das Universum von einem gebildeten Menschen des 20. Jahrhunderts oder irgendeines Jahrhunderts begriffen werden sollte. Das ist alles." (Ende des Interviews mit Jorge Luis Borges)
Fazit: Die faszinierende Geisteswelt eines der wohl berühmtesten südamerikanischen Autoren, nicht nur für Liebhaber der phantastischen Literatur, sondern für alle Leser, die die Literatur gelegentlich als Anstoß nehmen, um über ihre eigene Welt nachzudenken. LESEN!


Jorge Luis Borges:
aus Jorge Luis Borges (Hrsg.) 'Die Bibliothek von Babel',
Band Nr. 5,
Edition Büchergilde (2007)
156 Seiten
17,90 Euro



In der Fischer Taschenbibliothek ist jetzt auch eine schöne Sammlung von Jorge Luis Borges bekanntesten Erzählungen als kleines Hardcover-Bändchen erschienen:

Jorge Luis Borges:
Fischer Tb. (2010)
528 Seiten
10,- Euro


Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel' und zu Jorge Luis Borges:
       

Donnerstag, 16. Februar 2012

Kurze Geschichte des Buchdrucks (6): Gutenbergs Erben

Mainzer Psalterium (1457)
Nach der Übernahme von Gutenbergs Mainzer Druckereiwerkstatt durch seinen Geschäftspartner Johannes Fust und dessen Gehilfen Peter Schöffer entwickelte sich auch die Druck- und Verfahrenstechnik weiter. Insbesondere Peter Schöffer, der nach der Heirat mit Fusts Tochter Christine zu dessen Schwiegersohn und Partner wurde und die Mainzer Druckwerkstatt nach Fusts Tod 1466 übernahm, zeichnete sich durch die Verfeinerung der typografischen Zierelemente, die Kunstfertigkeit des Metallschnitts und einen verbesserten Rotdruck aus, mit der sich Schöffer von den Arbeiten der Rubrikatoren und Illuminatoren völlig lösen konnte. Man geht davon aus, dass zu diesem Zweck zunächst die vollständige Druckseite einschließlich aller Verzierungen gesetzt wurde. Dann wurden die farbig zu druckenden Teile herausgenommen, getrennt von dem schwarz zu druckenden Anteil eingefärbt und wieder in die Druckseite eingesetzt, bevor diese in den Druck ging. Damit konnte das Buch direkt aus der Druckerpresse in die Buchbinderwerkstatt gehen. Allerdings konnte sich diese aufwändige und dadurch sehr teure Technik nicht durchsetzen. Das Ausmalen und Kolorieren von Hand sollte noch bis ins 18. Jahrhundert in Gebrauch bleiben. Allerdings änderte sich mit der Zeit auch der allgemeine Geschmack und es entwickelte sich eine neue, schlichtere Buchästhetik, die auf die Farbe als Teil des Erbes einer mittelalterlicher Manuskriptkultur ganz verzichteten konnte.

Druckermarke des Peter Schöffer am
Ende von 
Valerius Maximus, 1471
Schöffer nahm Holzschnitte als Abbildungen in den Druck mit auf und produzierte 1484/1485 zwei reich illustrierte Pflanzenbücher (Herbarius Latinus und Hortus Sanitatis [1]) und Gesundheitsratgeber. Neben den technischen Neuerungen geht die Verwendung von sogenannten Druckermarken ebenfalls auf Peter Schöffel zurück. Die frühen Druckwerke der Inkunabelzeit erschienen noch ohne ein Titelblatt, sondern legten Informationen über die Urheberschaft und die Entstehung des Druckwerks in einem abschließenden, zusätzlichen Text, den sogenannten "Kolophon" (auch "Explicit") ab, die den Namen des Druckers, der Geldgeber und des Verlegers, den Druckort und ein genaues Datum enthielten. Ergänzend wurden oft bildliche Darstellungen und Symbole hinzugefügt, die den Druck als Produkt einer ganz bestimmten Werkstatt (Offizin) auswiesen und so als Urhebernachweis dienten und das Druckwerk so gegen den damals sehr verbreiteten unrechtmäßigen Nachdruck schützen sollten bzw. für die Qualität des Druckes (inhaltlich wie handwerklich) bürgten.

Zu einem europaweiten Umschlagplatz für die neuen Druckerzeugnisse aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden entwickelte sich die Frankfurter Messe. Verkauft wurden dabei vorwiegend Rohdrucke, d.h. ungebundene bedruckte Papierbögen, die von den Druckwerkstätten in Fässern lagernd transportiert und ausgeliefert wurden. Das Buchbinden sowie die künstlerische Ausgestaltung des Druckes mit Rubrizierungen und Illuminationen oblag anschließend dem Käufer. Zunächst wurden fast ausschließlich großformatige Folianten gedruckt, die für den Gebrauch in der kirchlichen Liturgie oder für Universitäten bestimmt waren. Erst ab 1480 setzte eine deutliche Verkleinerung der Druckformate ein. War es bislang üblich, Handschriften wie Druckwerken am Ende ein Kolophon mit den Angaben zu Schreiber bzw. Drucker und Druckort hinzuzufügen, wurden diese Angaben aus praktischen Gründen zusammen mit dem Titel des Buches nach vorne auf ein separates Titelblatt gezogen und das Buch nahm erstmals die uns heute gebräuchliche Form an. Auch die Verwendung von Seitenzahlen (Pagnierung) kam in dieser Zeit erstmals auf, ebenso wie erste gedruckte Werbeplakate für den Verkauf von Büchern. 

Seite aus Albrecht Pfisters Druck
"Der Edelstein" (1461)
Zu den frühen Zentren des Buchdrucks zählten unter anderem die Städte Bamberg und Straßburg. So druckte Albrecht Pfister in Bamberg erste Werke in deutscher Volkssprache - 1461 die Sammlung äsopischer Fabeln ”Der Edelstein“, die als das erste in deutscher Sprache gedruckte Buch überhaupt gilt, und um etwa 1470 Johannes v. TeplsAckermann aus Böhmen“, beide durchgängig mit großformatigen Holzschnitten illustriert. In Straßburg druckte Johannes Mentelin bereits um 1460 eine erste Bibelausgabe mit von ihm neu entwickelten Schrift-Typen. Außerdem druckte er Ausgaben der Schriften der Kirchenväter, zahlreiche lateinische Klassiker und auch Wolfram von Eschenbachs mittelalterliches Epos ”Parzifal. In den folgenden Jahren entstanden Druckwerkstätten in allen wichtigen deutschen Handelszentren, wie Köln, Augsburg, Nürnberg oder Lübeck. Insbesondere aber sollte sich der Export der neuen Technik über die Alpen nach Italien als Motor erweisen, der für eine Weiterverbreitung und die Hochkultur des Druckgewerbes wegweisend sein sollte. In Rom alleine entstanden bis zum Jahre 1500 vierzig Druckbetriebe, von denen 25 nachweislich mit deutschen Druckern arbeiteten. In Venedig betrieben die Brüder Johann und Wendelin von Speyer seit 1469 eine erste Druckwerkstatt, für die sie bei der Stadt ein Monopol erwirkten. Neben lateinischen Klassikern und juristischen Schriften stammte aus ihrer Werkstatt auch eine erste Ausgabe von Petrarcas Werken in der italienischen Volkssprache.

Buchseite von Francesco Colonnas
Hypnerotomachia Poliphili,
gedruckt von Aldus Manutius
Der bedeutendste Drucker Venedigs jener Epoche aber war Aldus Manutius (1449–1515). Er entwickelte die aus Deutschlad stammende Druckkunst zu hoher Kunstfertigkeit weiter. Seine "Aldinen", also die von ihm erstellten und publizierten Drucke, gelten als die schönsten bibliophilen Druckwerke der gesamten Renaissance. In Frankreich dagegen zählten vor allen Dingen die Universitäten zu den Förderern des neuen Druckgewerbes. Der Bedarf an hohen Auflagen der an den Universitäten gelehrten klassischen und humanistischen Texten ließen zahlreiche Druckereibetriebe entstehen. Bereits 1470 wurde die erste Druckerei Frankreichs an der Pariser Sorbonne gegründet und rasch folgten weitere Universitätsstädte. Vom Kontinent nach England wurde die neue Drucktechnik durch den Tuchhändler William Caxton (1422-1491), der sich in Köln zum Buchdrucker ausbilden ließ. Mit seinen ersten, noch aus Köln stammenden Typen druckte er 1475 in Brügge das erste Werk in englischer Sprache ”Recuyell of the Historyes of Troy“. In Westminster eröffnete er 1476 die erste Druckerei auf englischen Boden und begann mit dem Druck von Ablassbriefen, gefolgt von Geoffrey Chaucers berühmten ”Canterbury Tales“ (hier rezensiert im Biblionomicon [2]).

Von Mitteleuropa aus erreichte die Druckkunst 1483 Stockholm, 1503 Istambul, 1515 Saloniki, 1553 Moskau, 1556 Goa (Indien) und 1590 schließlich auch Kazuna in Japan.


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur: